socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Bero Rigauer: Das Spiel des Sports

Cover Bero Rigauer: Das Spiel des Sports. Ein soziologischer Entwurf. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2017. 357 Seiten. ISBN 978-3-95832-134-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autor

Bero Rigauer, Jahrgang 1935, war deutscher Basketballnationalspieler und von 1975 bis 2000 Professor für Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft der Universität Oldenburg, wo er weiterhin als Lehrbeauftragter aktiv ist. Rigauer gehört zu den Pionieren der Sportsoziologie in Deutschland.

Klappentext

„Das Sportspiel wird als ein sich selbst erzeugendes, organisierendes und überindividuell prozessierendes Spiel entschlüsselt. So lässt sich das soziologische Konzept einer selbstreferenziell und autonom im Systemrahmen von Sport evolvierenden Spielform begründen, vergleichbar einer sportiven Form autopoietischer Sozialität. Es ist ein Versuch, durch das Spiel des Sports hindurch das Sportspiel aufzuklären und zu verstehen.“ (letzte Umschlagseite)

Inhalte

Sportspiel. Das Hauptwort des Buches ist „Sportspiel“; allein im Inhaltsverzeichnis kommt der Begriff über zwanzigmal vor.

  • Das Sportspiel ist Sport, insofern es ein zielorientierter, im Wettkampfmodus geführter körperlicher Leistungsvergleich ist.
  • Das Sportspiel ist Spiel, insofern es ernstfallenthoben, freiwillig und mit der Freude an der Meisterung künstlicher Schwierigkeiten betrieben wird.
  • Das Wort Sportspiel bezieht sich nicht auf Individualsportarten, sondern nur auf Mannschaftssportarten. Pointiert: Fußballspiele stehen im Mittelpunkt der Betrachtung, nicht Hundertmeterläufe.
  • Das Sportspiel wird feld-, figurations- und systemtheoretisch untersucht.

Sportspiele beruhen auf dem dynamischen Zusammenwirken von „Feldfaktoren“. Der feldtheoretische Gedankenpate ist Kurt Lewin und seine Formel V = F (P; U). Verhalten ist eine Funktion von Persönlichkeits- und Umweltfaktoren. Hier nun treten Umwelt-, alias Raum- und Feldfaktoren ins Zentrum der Beobachtung. Das Verhalten der Akteure eines Sportspiels wird von den U-Faktoren geprägt. Innerhalb des geschlossenen Spielfeldes eines Fußballspiels zum Beispiel entwickelt das Spiel auf dem Weg zum zentralen Ziel des Sieges bzw. der Niederlagenvermeidung eine eigene Dynamik, indem es über wechselnde Angriffs- und Verteidigungswege permanent neue Räume öffnet und schließt – ein prozessierendes Wechselspiel anschlussfähiger und nicht anschlussfähiger Gravitationsfelder. Durch die feldtheoretische Brille betrachtet, wird man eine Fußballelf, die den Kick-and-Rush-Stil pflegt, so beschreiben müssen: Man präferiert eine topologische Zentrierung auf die Längsachse zwischen zwei immobilen Spielzielen unter regionaler und positionaler Verwaisung der Rand- und Eckflächen.

Sportspiele sind sozial figurierte Interdependenzspiele. Der figurationstheoretische Gedankenpate ist Norbert Elias. Menschen in Sozialbeziehungen sind aneinander gebunden und bilden miteinander Interdependenzgeflechte, die Elias „Figurationen“ nennt; man könnte auch „Muster“ sagen. „Wenn vier Menschen um den Tisch herumsitzen und miteinander Karten spielen, bilden sie eine Figuration. Ihre Handlungen sind interdependent.“ (S. 68) Wie das Spiel läuft, schnell oder langsam, abrupt oder fließend, ist Produkt der Figuration. Das Verhalten des einzelnen Mitspielers hat Einfluss auf das Muster, aber erst die Interaktion prägt das Spiel, bringt überindividuelle „Spielzüge“ oder „Spielverlaufsfigurationen“ (S. 71) hervor, die entstehen und vergehen und niemals hundertprozentig reproduzierbar sind: das Panta rhei des Spiels.

Sportspiele sind sich selbst reproduzierende Sozialsysteme. Der sozialsystemtheoretische Gedankenpate ist Niklas Luhmann. Die sozialsystemtheoretische Beobachtung des Sportspiels rückt dieses als soziales Funktionssystem in den Mittelpunkt und fragt, wie es durch das operative und reproduktive Letztelement aller Sozialsysteme, nämlich „Kommunikation“, funktionsfähig gehalten wird. Die Eigenmacht von Interaktionen, die aus der vorgenannten „Interdependenz“ erwächst, lässt den Systemtheoretiker zu dem Schluss kommen: „Es sind nicht die Spieler, die spielen, sondern das Spiel spielt.“ (S. 106)

Theoriespiel. Der Verfasser wiederholt mehrmals, das Sportspiel als „Theoriespiel“ (S. 193) zu betreiben, bei dem feld-, figurations- und systemtheoretische Elemente verkoppelt werden und zu einem neuen Entwurf der Sportspielsoziologie führen. Die Vorteile des Entwurfs werden aufgezählt; an erster Stelle verdient genannt zu werden: Dieser Theorieentwurf „bietet eine soziologische Kritik an der Reduktion von Sportspielverläufen auf einzelne Spielakteure und deren Handlungen als primär spielgenerierende Größen…“ (S. 199)

Relationen. Das Sportspiel steht in vielerlei Relationen zu der Gesellschaft, in der es stattfindet. Das Buch untersucht fünf Relationen:

  1. die Publikum-Sportspiel-Relation – u.a. mit dem Trend, dass Sportspiele nicht nur vor Publikum stattfinden, sondern auf Publikumsbedarfe hin „getrimmt“ werden. Merkwürdigerweise findet die besondere Publikumsrolle des „Fans“ kaum Beachtung;
  2. die Massenmedien-Sportspiel-Relation – u.a. mit dem Trend zur Monokultur des „Mediensports“ (S. 247);
  3. die Wirtschaft-Sportspiel-Relation – u.a. mit dem Trend zur „Ökonomisierung des Sportspiels“ (S. 263);
  4. die Politik-Sportspiel-Relation – u.a. mit dem Trend, Sport zu instrumentalisieren und mit ihm ein „Machtspiel“ zu betreiben;
  5. die Wissenschaft-Sportspiel-Relation – u.a. mit dem Trend zur Verwissenschaftlichung des Sports. – Hier ist es bemerkenswert, dass der Autor dem eigenen, systemtheoretischen Ansatz, Sportspiele zu untersuchen, „kaum einen spielrelevanten Stellen- und Funktionswert“ beimisst. (S. 284)

Spielerische Gesellschaft. Anregend die Idee, Gesellschaft als operierendes „Vielpersonenspiel“ zu beschreiben, in dem die vier kategorial zu unterscheidenden Spielformen sich leicht widerfinden lassen: Das agonale Wettkampfspiel, das zufallsoffene Glücksspiel, das theatralische Verkleidungsspiel und die Spiele des Rausches, bei denen der Reiz darin besteht »dem klaren Bewusstsein eine Art wollüstiger Panik einzuflößen« (R. Caillois). Allerdings sollte, wer in diese Richtung weiterdenken will, nicht bei Bero Rigauer nachsuchen, sondern bei Norbert Elias.

Erlösung durch Einfachheit. Was reizt die spielerische Gesellschaft insbesondere am agonalen Spiel, also am Sportspiel? An einer Stelle des Buches finden wir einen interessanten Hinweis auf die spezifische „Versorgungsleistung“ des Sports für Gesellschaften unseres Zivilisationsgrades: Sport versorgt und versöhnt uns zugleich mit einer Form von Unbestimmtheit, die weder kalkulierbar ist noch inszeniert werden kann. So fällt zum Beispiel in einem Fußballspiel in allerletzter Sekunde das Siegtor. Es geschieht etwas, womit nicht mehr zu rechnen war. Das macht die Attraktion des Spiels aus. „Er (der Sport, KH) versöhnt die Gesellschaft mit Momenten der Unkalkulierbarkeit“ (S. 290) und stellt sie vor Tatsachen, hinter denen nichts Weiteres steht. Der Sport ist der „Einbruch realer Einfachheit in eine Welt, die sich daran gewöhnt hat, dass alles stets auch etwas Anderes bedeutet als das, was wir gerade sehen.“ (S. 291) – Ein Simplificateur mit Entlastungs- und darum Erholungswert, das ist Sport heute!

Sprachspiel. Die „Spielidee“, also der Sinn eines Sportspiels, beispielsweise des Fußballspiels, wird im Sprachspiel des soziosystemischen Konstruktivismus folgendermaßen beschrieben: sie, die Spielidee, „liegt in einer von mindestens zwei Gruppen gemeinsam körperlich durchgespielten, jedoch gegeneinander gerichteten spielerischen Auseinandersetzung um ein Spielobjekt in Verbindung mit der Erreichung eines Spielzieles im sozialen Kontext des Spielgewinnens, was ein mögliches Verlieren einschließt.“ (S. 169) Wenig weiter heißt es, auf S. 176 f: „Das Sportspiel spielt sich selbst. Es erzeugt zugleich Sieg und Niederlage. … Es gibt keinen personalisierten Matchwinner oder Matchloser, weil die in einem Spiel prozessierten Angriffs-Verteidigungs- bzw. Verteidigungs-Angriffs-Interaktionen … das jeweilige Spielergebnis erzeugen und nicht etwa einzelne Spielpersonen. Sie bleiben bio-physische Umwelt des Spiels…“ Das erinnert den Fußball-Fan im Rezensenten doch sehr an die Marotten brasilianischer Torjäger in der Fußballbundesliga, die nach einem Torerfolg behaupten, nicht sie, sondern Jesus habe den Treffer erzielt, weshalb sie sich dreimal bekreuzigen und eine betende Hand gen Himmel schicken. Konsequent, dass die Gottesanbeter sich nicht feiern lassen wollen. – Hätte Niklas Luhmann das gefallen? Nein. Spiele, die sich selbst spielen, brauchen nicht den Beistand aus dem Off!

Fazit

Ein Buch für bereits Bekehrte, also vom soziosystemtheoretischen Konstruktivismus Überzeugte. Kein Buch, das zu bekehren vermag. Dafür ist der pragmatische Ertrag des immensen Aufwands zu gering. Ein Theorie-Buch durch und durch. Und als solches ein Beitrag zum sozialsystemischen Verständnis von Sportspielen auf einem hohem Abstraktionsniveau, das selbst trivialen Erkenntnissen eine sokratische Würde zu verleihen vermag: „Alles was wir über Spiele wissen ist, dass wir nicht wissen, wie sie ausgehen…“


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
E-Mail Mailformular


Alle 80 Rezensionen von Klaus Hansen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 30.11.2017 zu: Bero Rigauer: Das Spiel des Sports. Ein soziologischer Entwurf. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2017. ISBN 978-3-95832-134-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23358.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!