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Erich Schützendorf: Meine Lebensverfügung für ein gepflegtes Alter

Cover Erich Schützendorf: Meine Lebensverfügung für ein gepflegtes Alter. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. 118 Seiten. ISBN 978-3-497-02711-8. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das gesamte Vorsorgepaket mit Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung wird als Thema gerne in Richtung „Alter“ geschoben. Von den Beratungsstellen, Fachämtern, Betreuungsvereinen, Seniorenorganisationen und anderen Multiplikatoren wird es zwar stetig adressiert, um den Akteuren des Gesundheits-, Pflege- und Rechtssystems das Handeln zu erleichtern. Eine „Lebensverfügung“ umfasst dieses Paket jedoch nicht. Was damit gemeint ist, erfährt die Leserin oder der Leser im vorliegenden Buch.

Verfasser

Erich Schützendorf ist Diplom-Pädagoge und war bis 2015 zunächst Fachbereichsleiter für Fragen des Älterwerdens, später Direktor der Kreis-Volkshochschule Viersen. Er hat sich als Autor von Büchern und Vortragender rund um das Thema „selbstbestimmtes Älterwerden“ einen Namen gemacht. Der Verfasser hatte Lehraufträge am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein und an Fachschulen für Altenpflege. Die Frage, welche Pflege für den einzelnen – auch in Abhängigkeit von Unterstützung – die richtige sein kann, treibt ihn schon lange um.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in folgende Themenkomplexe:

  • Meine Pflege will ich nicht nur anderen überlassen (S. 6-9)
  • Meine persönliche Lebensverfügung (S. 10-15)
  • Wünsche aufspüren – Anregungen für Ihre Lebensverfügung (S. 16-78)
  • Was ist, wenn sich meine Wünsche ändern (S. 79-84)
  • Wird man mir meine Wünsche erfüllen? (S. 85-88)
  • Eine Lebensverfügung unterstützt engagierte Pflegerinnen und Pfleger (S. 89-94)
  • Die beste Pflege ist die, die ich mir wünsche (S. 95-99)
  • Abbau bedeutet nicht nur Verlust (S. 100-110)
  • Musterformular für Ihre Lebensverfügung (S. 111-117)
  • Das Ende nicht vergessen (S. 118)

Inhalt

Erich Schützendorf konfrontiert mit der Feststellung, dass viele Menschen Eckdaten ihrer medizinischen Versorgung in einer Patientenverfügung festlegen, im Falle einer Betreuung Vollmachten erteilen, dass sie aber wenig darüber aussagen, wie sie behandelt, gepflegt und versorgt werden möchten.

Diese Lücke will der Verfasser mit einer Lebensverfügung schließen, weil er sich dessen bewusst ist, dass Pflegekräfte selbst bei bestem Willen, aufgrund der Unkenntnis unseres Lebenslaufs und noch mehr unserer Lebensgewohnheiten nicht wissen können, was zu uns passt. Wir selbst sind die Expertinnen und Experten, die sagen müssten, was unser Wohlbefinden und unsere Lebensqualität ausmacht.

Anhand vieler Fragen zu eigenen Prioritäten, die einem erst bewusst werden, wenn sie gestellt sind, leitet der Verfasser den Leser und die Leserin an, mögliche Formulierungen für das Gemeinte zu finden. Ausgehend von der „persönlichen Lebensverfügung“ (S. 10-14) des Verfassers, die – wie er selbst schreibt – „mit ein paar Formalien“ ergänzt werden müssten, „damit sie vor den Augen der Betreuenden und Pflegenden Bestand haben“ (S. 15), durchforstet er die verschiedenen Lebensbereiche (Zimmerausgestaltung, Essen, Bezug zur Natur, beliebte Aufenthaltsorte, Verbringen von Mußestunden, Musik- und Lektürevorlieben, Körperpflege und -kontakt, Kleidung u.a.m.) auf der Suche nach Vorlieben, die es wert sind, festgehalten zu werden und gießt sie in viele sehr treffende, häufig auch verwunderliche, aber dennoch insbesondere auch auf dementielle Erkrankungen passende Formulierungsvorschläge.

Fangen Personen rechtzeitig damit an, eine Lebensverfügung zu verfassen, so haben sie die Option, diese auf ihre Passgenauigkeit zu überprüfen. Für den Fall, dass sich Wünsche ändern, kann einem Sachwalter oder einer bzw. mehreren bevollmächtigten Person(en) das Recht übertragen werden, die Wünsche im Sinne des Betroffenen durchzusetzen oder anzupassen. Da eine präzise Vorhersage der eigenen Entwicklung nicht möglich ist, plädiert der Verfasser dafür, sich der für die fixierten Wünsche zugrunde liegenden Beweggründe genauer anzunehmen und eine Richtung vorzugeben, wie z.B. zu erwähnen, ob ein Musikgeschmack festgelegt ist oder Abwechslung zugelassen werden kann.

In der Lebensverfügung sieht Schützendorf eine Chance, die engagierten Pflegekräfte, die stark von formalen Anweisungen und Standardisierungen gesteuert werden, zu entlasten, ihnen zu ermöglichen, Menschen nicht beschäftigen zu müssen, wenn sie lieber ihren Träumen nachhängen – und mit dieser Unterstützung trotzdem den Anforderungen der Dokumentation gerecht werden zu können.

Der Verfasser weiß sehr genau, wie viel Widerstand Gedanken an Pflegebedürftigkeit oder Demenz hervorrufen und zur Prokrastination verführen. Deshalb formuliert er am Ende seines Buches „mentale Lockerungsübungen“, die eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen möglich machen sollten: Dies sind

  1. „Entdecken Sie die Qualitäten des Alters“ (S. 101),
  2. „Betrachten Sie das Alter als Nachspeise“ (S. 103),
  3. „Verstehen Sie Demenz als eine Reise, die vom Verstande wegführt“ (S. 105) und
  4. „Üben Sie sich in Rücksichtnahme auf Ihre Helfer, Betreuer und Pflegende“ (S. (109).

Mit jeder Übung sind Anregungen verbunden, die tatsächlich ein Verweilen erfordern, die innere Schwingungen in Gang bringen und als solche sowohl befreiend wie beklemmend sein können.

Diskussion und Fazit

Erich Schützendorf verzichtet darauf, Fachliteratur oder Studien als Belege oder Verweise heranzuziehen. Das verfehlt seine Absicht. Er intendiert, die Leserinnen und Leser nicht rational zu überzeugen oder kognitiv anzusprechen, sondern er hat es darauf abgesehen, sie anhand der vielen Beispiele zu involvieren als menschliche Wesen mit ihren Bedürfnissen, Wünschen, Emotionen, Befindlichkeiten, Eigenheiten, unser aller ganz individuelles Profil festzuklopfen, das wir im Laufe der Lebensjahre entwickelt haben, das uns ausmacht und auch ausmachen wird, wenn körperliche und geistige Einschränkungen vorhanden sind.

Dieses Büchlein rüttelt die Leserin und den Leser auf positive Art und Weise wach, animiert nicht nur zum Nachdenken, sondern auch dazu, mit der Umsetzung anzufangen, sich also Notizen zu machen, was „verfügt“ werden sollte und was weniger wichtig ist. Eine solche Niederschrift braucht Zeit, entsteht nicht von jetzt auf gleich, sie ist ein Prozess, dessen Beginn jederzeit sein kann. Der Verfasser klammert sehr persönliche, intime Fragen nicht aus, sondern zwingt dazu, auch ins Detail zu gehen, sich auf eine Reise zu begeben und Verantwortung zu übernehmen für das, was nicht zu delegieren ist, nämlich zu äußern, was Lebensqualität auch in Situationen für uns bedeutet, wenn der Radius an Selbstbestimmung klein geworden ist. Zugleich verdeutlicht Schützendorf mit der Niederschrift seiner Gedanken, woran eine an Medizin und missverstandenem Qualitätsmanagement ausgerichtete Altenpflege krankt. Sie verfehlt viele Teilbereiche des Menschen und lässt nicht mehr zu, was wir uns alle so sehr wünschen, nämlich „Ich“ sein und „ja und nein“ sagen zu dürfen.

Diese Anleitung ist Fachkräften in der Alten- und Krankenpflege und im Sozialdienst zu empfehlen, dass auch sie mutiger werden, dem Willen der Menschen zu „gehorchen“, die sie betreuen und sich weniger einem Katalog an Verpflichtungen unterwerfen – was nicht heißt, ihre Fachlichkeit aufzugeben! Ebenso sehr enthält das Buch Anregungen für diejenigen Fachkräfte, die die Sozialgesetze und deren Ausführung bestimmen. Das Buch an sich ist ein Appell, dass Formalien Menschen dienen und nicht umgekehrt. Schließlich ist jede und jeder für sich selbst verantwortlich und entscheidet, ob er diesem Auftrag nachkommt. Wenn ja, so kann dieses Buch ihr und ihm viele gute Anregungen liefern.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Irmgard Schroll-Decker. Rezension vom 16.11.2017 zu: Erich Schützendorf: Meine Lebensverfügung für ein gepflegtes Alter. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-497-02711-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23361.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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