socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Claudia Krell, Kerstin Oldemeier: Coming-out – und dann…?!

Cover Claudia Krell, Kerstin Oldemeier: Coming-out – und dann…?! Coming-out-Verläufe und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 180 Seiten. ISBN 978-3-8474-0572-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 31,60 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In dem vorliegenden Band werden die Ergebnisse einer bundesweiten Studie zum Thema Coming-Out von lsbt*q-Jugendlichen [1] und jungen Erwachsenen und den mit dieser Positionierung verbundenen positiven und negativen Erfahrungen vorgestellt.

Entstehungshintergrund

Die Studie wurde als Onlinebefragung von den Autorinnen beim Deutschen Jugendinstitut (DJI) durchgeführt und verbindet quantitative und qualitative Zugänge. Eine Kurzversion der Ergebnisse ist seit 2015 auf der Homepage des DJI als Download und als Broschüre verfügbar.

Autorinnen

Dr. Claudia Krell (Dipl.-Psychologin) und Kerstin Oldenmeier (Dipl.-Soziologin) sind wissenschaftliche Referentinnen beim Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München.

Aufbau

Der Aufbau der Publikation orientiert sich an der Struktur des Forschungsprozesses.

Die einleitenden Kapitel eins bis vier informieren über die gesellschaftspolitische und systematische Motivation für das Forschungsprojekt, den Forschungsstand und das methodische Vorgehen. Ausgehend von der Feststellung, dass „lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder queer zu sein (…) in unserer Gesellschaft noch immer nicht selbstverständlich“ (S. 9) ist, wird das Coming-Out als zentrales theoretisches Element in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung gestellt. Dabei wird das innere, also die individuelle Gewahrwerdung, vom äußeren Coming-out, also dem Prozess des darüber Sprechens mit anderen Menschen, unterschieden.

Die darauffolgenden Kapitel fünf und sechs stellen die Studienergebnisse en detail vor. Dabei wird eine Differenzierung vorgenommen: Das fünfte Kapitel ist der Gruppe der lesbischen, schwulen, bisexuellen und orientierungs*diversen Jugendlichen und jungen Erwachsenen gewidmet, das sechste stellt die Gruppe der trans* und gender*diversen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in seinen Mittelpunkt.

Die abschließenden Kapitel sieben bis zehn fassen zentrale Ergebnisse der Studie zusammen und leiten daraus Handlungsbedarfe ab. Ein Kapitel mit Auszügen aus den Interviews und ein methodischer Anhang schließen die Publikation.

Inhalt

Inhaltliches Kernstück der Publikation sind die Kapitel fünf und sechs, in denen die Ergebnisse der qualitativen und der quantitativen Erhebungen vorgestellt werden. Dabei konnten für den quantitativen Bereich Daten der durchgeführten Onlinebefragung von 5037 Teilnehmer*innen ausgewertet werden; aus diesen wurden 40 Befragte für weitergehende qualitative Interviews ausgewählt, die in der Form des problemzentrierten Interviews nach Witzel geführt wurden. Der Fokus des Zugangs lag dabei auf der subjektiven Sicht der Teilnehmer*innen. Es wurde z.B. danach gefragt, wie sie ihre Lebenssituation und insbesondere ihr Coming-Out erlebt haben und immer wieder erleben.

Im Ergebnis zeigt die Studie, dass sowohl in Bezug auf sexuelle Orientierung als auch in Bezug auf geschlechtliche Identität der Prozess des eigenen Gewahrwerdens eines „anders-seins“ als auch dessen kommunikative Vermittlung in die soziale Umwelt – also das innere und das äußere Coming-out – in hohem Ausmaß von Ängsten und Sorgen begleitet werden. Ein wichtiger Befund ist hier, dass die Ängste zumeist sehr bedrohliche Szenarien der Reaktion der Umwelt zeichnen, sich später aber nur teilweise als begründet erweisen. Entsprechende Strategien, mit denen Jugendliche und junge Erwachsene diesen Ängsten und Sorgen begegnen, aber auch manifest gewordenen Diskriminierungen, von denen zwischen 65% (bisexuelle Jungen und Männer) und 88% (orientierungs*diverse Jugendliche und junge Erwachsene) berichten, stellt die Studie ebenfalls vor.

Begleitet wird die systematische Darstellung der quantitativen Erhebung mit Auszügen aus den qualitativen Interviews, die zum Teil sehr plastisch illustrieren, wie die lebensweltlichen Erfahrungen der Teilnehmer*innen aussehen. Damit wird die quantitative Analyse um die wichtige Dimension des Biographischen erweitert.

Im Ergebnis kann festgehalten werden, dass sich lsbt*q-Jugendliche und junge Erwachsene durch die strukturell heteronormative Verfasstheit des Sozialen gerade zur Zeit der Pubertät in einer stärkeren psychischen Belastungssituation befinden als ihre heterosexuellen/cis*-geschlechtlichen Peers. Dies zeigt sich in der Erforderlichkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Orientierung/geschlechtlichen Identität, der Notwendigkeit eines Coming-out, den Ängsten vor sozialer Deprivation und den erlebten Diskriminierungen, die beide für die Bereiche Elternhaus, Freundeskreis sowie Bildungs- und Arbeitsorte ausführlich diskutiert werden. Weiterhin erlauben die Daten auch die Auseinandersetzung mit begünstigenden und problematisierenden Bedingungsfaktoren für ein Coming-out, aus denen im letzten Teil der Publikation einige Handlungsperspektiven entwickelt werden. Es kann gezeigt werden, dass ein Coming-out beispielsweise auf dem Land immer noch mit mehr Hürden verbunden ist als in der Stadt (strukturelle Ebene), dass spezifische Freizeitangebote für lsbt*q-Jugendliche und junge Erwachsene als unterstützend wahrgenommen werden (soziale Ebene) oder dass eine während der Zeit des Coming-out bestehende Liebesbeziehung positive Effekte zeitigt (individuelle Ebene).

Notwendige Weiterentwicklungen werden sowohl für den Bereich der Freizeit – insbesondere die erheblich geringere Nutzung von Sportvereinen wird angesprochen –, aber auch in Bezug auf potentielle Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen, der Ausbildung von Fachkräften (Lehrer*innen, Pädagog*innen aber auch andere Berufe, in denen mit Menschen gearbeitet wird – Medizin, Pflege usf.) und der wissenschaftlichen Beschäftigung im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Jugendforschung thematisiert.

Diskussion

„Coming-out und dann…?!“ leistet einen wichtigen Beitrag zur Bearbeitung einer schon lange bestehenden Forschungslücke für den Bereich der Jugendforschung als auch für den der heteronormativitätskritischen Bildung. Es ist die erste bundesdeutsche Erhebung, die durch Art und Umfang dazu in der Lage ist, ein umfassendes und differenziertes Bild des Aufwachsens im Widerspruch zu den heteronormativen Strukturen abzubilden. Besonders die Analyse von individuellen Umgangsweisen mit strukturell verursachter sozialer Ungleichheit ermöglicht weitergehende Fragestellungen in Bezug auf die Bedeutung der Thematisierung sexueller Vielfalt beispielsweise in der Lehrer*innenbildung. Gerade durch die unterschiedlichen Handlungsstrategien, die als Reaktion auf eine soziale Umwelt, zu der man zunächst nicht zu passen scheint, entstehen, wird auch deutlich, dass sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität nicht primär „Privatsache“ sind, sondern eine erhebliche politische Dimension aufweisen. Damit bietet die Studie eine abgesicherte Argumentationsbasis für gesellschaftspolitische und pädagogische Handlungsarenen. Die Darstellung der Ergebnisse verweist dabei nicht nur auf Handlungsoptionen, sondern macht vor allem Handlungserfordernisse sehr deutlich.

Fazit

Die vorliegende Publikation ermöglicht einen tiefen Einblick in die Bedingungen des Aufwachsens von lgbt*q-Jugendlichen und jungen Erwachsenen und stellt deren Umgangsweisen, vor allem mit der komplexen Phase des Coming-out, vor. Durch die große Stichprobe und die methodisch durchdachte Arbeit ist es den Autorinnen gelungen, eine wichtige Forschungslücke in der deutschsprachigen Jugendforschung zu bearbeiten. Die Ergebnisse laden, neben den im Buch vorgestellten, auch zur Entwicklung eigener, weitergehender Handlungsoptionen ein.


[1] lsbt*q Jugendliche = lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und queere Jugendliche. Dieses oder ähnliche Akronyme sind in der Fachliteratur inzwischen gängig. Der Asterisk (*) hinter trans* symbolisiert die Offenheit dieser Beschreibung, die von trans*Personen eingefordert wird und soll pathologisierende Zuschreibungen vermeiden.


Rezensent
Dr. Klemens Ketelhut
Akademischer Mitarbeiter Inklusion, Universität Heidelberg/Verbundprojekt Heidelberg School of Education
Homepage hse-heidelberg.de/heidelberg-school-of-education/ue ...
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Klemens Ketelhut anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klemens Ketelhut. Rezension vom 09.10.2017 zu: Claudia Krell, Kerstin Oldemeier: Coming-out – und dann…?! Coming-out-Verläufe und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-0572-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23364.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!