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Lina Franken: Unterrichten als Beruf

Cover Lina Franken: Unterrichten als Beruf. Akteure, Praxen und Ordnungen in der Schulbildung. Campus Verlag (Frankfurt) 2017. 250 Seiten. ISBN 978-3-593-50813-9. D: 42,00 EUR, A: 43,20 EUR, CH: 51,20 sFr.
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Thema

Für die Gestaltung des Schulunterrichts und das gelernte Wissen spielen Lehrerinnen und Lehrer die zentrale Rolle. Bei ihrer Arbeit ist Kultur doppelt bedeutsam: als vermittelter Inhalt und als kulturelle Prägung. Lina Franken untersucht die Arbeitswelt von Lehrenden und deren subjektive Perspektiven auf den Unterricht. Welche Praktiken entwickeln sie? Wie verändern sich ihre Vorgehensweisen mit zunehmender Erfahrung? Welche Methoden und Materialien verwenden sie? Welche Rolle spielen die eigene Biografie und Identität? (Klappentext)

Autorin

Dr. phil. Lina Franken ist wissenschaftliche Referentin für das Portal „Alltagskulturen im Rheinland“ beim Landschaftsverband Rheinland und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Kultur in der Lehrerbildung“ an der Universität Bamberg.

Entstehungshintergrund

Der Schulunterricht ist als soziales Totalphänomen in der Kulturwissenschaft überraschenderweise erstaunlich wenig beackert. Lina Franken hat sich nun im Rahmen einer Mikrostudie diesem Forschungsdesiderat gewidmet. Das vorliegende Buch ist Frankens Dissertation, in der die Ergebnisse ihrer Forschung dem interessierten Publikum vorgestellt werden.

Aufbau

Lina Franken hat ihre kulturanthropologische Studie klar strukturiert. In einer umfangreichen Einleitung widmet sie sich den Leitfragen und der Relevanz, dem Forschungsstand und dem Forschungsdesign sowie der Strukturierung ihrer Analyse.

Im 1. Teil analysiert die Autorin die Ordnungen des Lehrens, d.h. das Schulsystem als externe Ordnung, die untersuchten Schulen als räumliche Ordnung (also z.B. Lehrerzimmer, Flure etc.) und die ordnenden Akteure, also die Lehrenden und auch sich selbst als Forscherin, die ja auch einmal die Schule durchlaufen hat.

Der 2. Teil greift Akteure und Praxen des Lehrens auf. Es geht zunächst um die „Unterrichtsthemen zwischen Wissen und Erfahrung“ (181), anschließend um die Schulbücher und Materialien, um Unterrichtsmethoden und zuletzt um die „Didaktik als Arbeit in der Kulturvermittlung“ (373).

In einem Fazit kommt Franken schließlich zu einer Erkenntnislese und reflektiert die Methoden noch einmal. Die Annäherung an kulturwissenschaftliche Forschungsdesiderate und die „gesellschaftliche Relevanz der Erkenntnislese“ (457) runden die Studie ab.
Ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis bilden den Schluss.

Inhalt

Schule betrifft als soziales Totalphänomen jeden. In Deutschland besteht Schulpflicht und wir haben alle die Schule durchlaufen. Es gibt weit über 900.000 Lehrer in Deutschland – und trotzdem hat die Kulturwissenschaft dieses Forschungsfeld sträflich vernachlässigt. Während Schule allenfalls im Zusammenhang mit Jugendkulturen eine Rolle spielt, wird die Rolle des Lehrers nur selten thematisiert. Das mag unter anderem daran liegen, dass der Zugang zum Feld nicht einfach ist.

Lina Franken beschreibt die Probleme, mit denen sie sich anfangs konfrontiert sah: Ihre Versuche, Lehrer über die Institution Schule als Gesprächspartner zu gewinnen, scheiterten zunächst. Erst über persönliche Kontakte gelang ihr der Einstieg. Sie führte zuerst Probeinterviews an einer Gesamtschule durch und sprach schließlich mit 16 Lehrerinnen und Lehrern von sechs verschiedenen Schulen (Gesamtschulen, Gymnasien und einer Mädchenrealschule – im städtischen und ländlichen Rheinland). Die acht Lehrer und sieben Lehrerinnen unterrichten überwiegend Geschichte, aber auch Erdkunde, Politik und Gesellschaftslehre, sodass das Thema „Kultur“ auch im Unterricht von entscheidender Bedeutung ist.

Welche Rolle spielt der Lehrer als Person im Unterricht? Und inwiefern ist der Beruf Teil der Identität des Unterrichtenden? Wie reagiert die Schule auf Digitalisierungs- und Globalisierungsprozesse? Und was bedeutet der Paradigmenwechsel hin zur Kompetenzorientierung? Gibt es Codes, also „ungeschriebene Regeln“, die im Schulalltag existieren? Und welche sind das? Welche Praxen werden entwickelt und welche Ordnungen werden wirksam? Gibt es Unterschiede im Umgang mit den Schülern – abhängig davon, ob es sich um eine heterogene oder homogene Schülerschaft handelt? Welche Rolle spielt Bildung und inwiefern sind Machtverhältnisse relevant? Mit all diesen Fragen beschäftigt sich die Autorin ausführlich. Bei der Erkenntnislese wird klar, wie zentral die Persönlichkeit der Lehrenden ist, welche Aspekte aber auch von Bedeutung sind, Dinge, von denen man es vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte (etwa die Räume).

Diskussion

Das Thema Bildung, insbesondere Schulbildung, wird gegenwärtig besonders intensiv diskutiert und dabei sind vor allem gesellschaftspolitische Bildungslücken immer wieder Thema. Umso wichtiger ist es, einen Blick auf die zentrale Rolle der Lehrerinnen und Lehrer zu werfen. Lina Franken gelingt eine sehr tiefgehende Analyse verschiedenster Aspekte und ihre Studie steht dabei auf einem stabilen theoretischen Fundament. Sie vermittelt tiefe Einblicke in die Arbeit und das Selbstverständnis von Unterrichtenden verschiedener Altersstufen. Auch Themen, die offensichtlich neuralgische Punkte sind, etwa die Lehrplangestaltung und die Umsetzung der Vorgaben, werden nicht ausgespart.

Als Leserin musste ich feststellen, dass ich das Buch förmlich „verschlungen“ habe, was sicherlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass ich selbst einmal Schülerin gewesen bin und ausgesprochen neugierig auf einen Blick ins Innere der Institution war. Sehr positiv kann ich auch Lina Frankens Stil bewerten, der einerseits wissenschaftlich exakt und trotzdem lebendig ist. Und es kommt sogar Funny van Dannen zu Wort. Es fällt nicht schwer, „dranzubleiben“, wenngleich die Theorieabschnitte dem Leser schon einiges an Konzentration abfordern.

Freilich kann eine Mikrostudie keine Verallgemeinerungen zulassen, doch gibt diese Arbeit wichtige Denkanstöße und Impulse für weitere Forschung in diesem Bereich.

Fazit

Lina Franken verdeutlicht in ihrer Mikrostudie die zentrale Rolle der Lehrkräfte für den Schulunterricht. Gründlich analysiert sie dabei das Zusammenspiel von Akteuren, Praxen und Ordnungen in der Schulbildung. Das Buch ist insbesondere für Unterrichtende von Interesse, die sich auf wissenschaftliche Weise mit der eigenen Rolle und dem Selbstverständnis als Lehrer auseinandersetzen möchten.


Rezensentin
F. Sigrid Grün
M.A. in Germanistik, Philosophie und Vergleichender Kulturwissenschaft, ist ausgebildete Schauspielerin und arbeitet als Kultur- und Theaterpädagogin, Schauspielerin und Rezitatorin. Sie ist u.a. Referentin der Caritas Regensburg und Beraterin bei einer staatlich geförderten Opferhilfe. Derzeit promoviert sie in Vergleichender Kulturwissenschaft.
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Zitiervorschlag
F. Sigrid Grün. Rezension vom 16.11.2017 zu: Lina Franken: Unterrichten als Beruf. Akteure, Praxen und Ordnungen in der Schulbildung. Campus Verlag (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-593-50813-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23365.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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