socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch: Warum wir vergessen

Cover Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch: Warum wir vergessen. Psychologische, natur- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse. Springer (Berlin) 2017. 281 Seiten. ISBN 978-3-662-54136-4. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 36,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In Zeiten zunehmender degenerativer Erkrankungen des ZNS bei immer älter werdenden Menschen wird „Vergessen“ überwiegend negativ konnotiert. Im vorliegenden Buch wird auf breiter wissenschaftlicher Basis Vergessen als natürlicher- und was die Funktionsfähigkeit unseres Gehirns betrifft- auch notwendiger Prozess thematisiert.

Autorin und Autor

Monika Pritzel ist emeritierte Psychologieprofessorin und Historikerin mit Arbeitsschwerpunkt Geschichte der Psychologie und Physiologische Psychologie.

Hans J. Markowitsch ist emeritierter Professor für Physiologische Psychologie der Universität Bielefeld – er hatte verschiedene internationale Professuren inne und ist Autor einer großen Zahl von Publikationen insbesondere im Bereich der Gedächtnisforschung.

Entstehungshintergrund

Die Hauptautorin berichtet über das Zustandekommen des vorliegenden Buches von jahrelangen Diskussionen mit anderen ForscherInnen – auf dieser Basis sei die Gliederung und die Berücksichtigung insbesondere unterschiedlicher Wissenschaften und deren Zugängen zur Thematik entstanden. Nicht berichtet wird das Zustandekommen und die Form der Zusammenarbeit mit Hans. J. Markowitsch.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier Hauptteile und umfasst dabei chronologisch durchnummeriert elf Kapitel mit einem anschließenden Serviceteil- und einem Stichwortverzeichnis (vgl. das Inhaltsverzeichnis). Alle Kapitel enden mit einem Literaturverzeichnis, Kap. 11 umfasst auf 45 Seiten Erläuterungen zu einschlägigen Fachtermini. Nicht genannt ist die Autorenschaft der einzelnen Kapitel.

Teil I stellt in zwei Kapiteln quasi eine Propädeutik zum Thema Vergessen zur Verfügung. Hier wird erläutert, wie das Thema Gegenstand der Gedächtnis-Forschung wurde und zu welchen Ergebnissen es dabei kam. Es kommt den Autoren darauf an, nicht ausschließlich eine naturwissenschaftliche Perspektive einzunehmen, sondern auch deutlich eine geisteswissenschaftliche. Gerade das Spannungsverhältnis von Erinnern und Vergessen, welches schließlich für die stabile Einheit eines Ichs notwendig ist, ist bis heute zumindest abschließend nicht erklärt. Die hierbei wirkenden komplexen Bindungsfragen von psychischen Funktionen wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Emotion u.a. mehr beim ständigen Wandel des Gesamten des Erinnerten, bleibt letztlich offen. In der Konsequenz ergibt sich aus der Vielfalt der berichteten und eingenommenen Perspektiven ein (verwirrend) buntes Bild über die Prozesse des Erinnern und Vergessens und deren Verschränktheit im Individuum und mit der Kultur.

Teil II berichtet zum Vergessen die Befunde und Ergebnisse der Neurowissenschaften – es wird geklärt, welche Formen von Amnesie es gibt und welche Ursachen für die Störungen gegeben sind- ergänzend hierzu wird anhand von Fallschilderung die abstrakte Darstellung konkretisiert.

Teil III setzt sich mit kulturellen, sozialen und geschichtlichen Perspektiven des Vergessens auseinander. In der Hinführung zu dieser Thematik stellen die Autoren klar, dass gesellschaftliche Bedingungen das Phänomen des Vergessens mitbedingen. So spielen die Medien der Erinnerung- von den Merkzeichen der Aborigines bis hin zu den vergessenen Büchern und dem Datenzerfall digitaler Medien- neben den neuropsychologischen Bedingungen für das Individuum kollektiv eine Rolle. Dass diese Vergessen begünstigenden, fördernden Bedingungen auch politisch genutzt werden, zeigen nicht nur Beispiele aus diktatorischen Regimen, die das kollektive Vergessen begünstigen.

Teil IV beschäftigt sich mit Vergessen und Körperbezug. Den Autoren ist es dabei wichtig klarzustellen, dass allein eine physiologische Perspektive HiHProzesse des Vergessens in ihrer Vielfältigkeit nicht erfassen können. Wie gespeichert Information überschrieben, neuen Bedingungen angepasst wird, ob und wann ein Speicher „voll“ ist mit Information und ggf. durch Vergessen „entlastet“ werden muss (?), kann nur unter Berücksichtigung emotionaler Codierung und der Bedeutung von Gedächtnis im Kontext der Identitätsbildung verstanden (?) werden. Im 7. Kapitel fragen die Autoren, welche Ergebnisse es das Vergessen betreffend gibt, die körperliche Prozesse jenseits einer Steuerung durch das Gehirn berücksichtigen, bzw. was wir über solche aussagen können. Festgestellt wird: „Durch konkurrierende mentale und motorische raumzeitliche Repräsentationen von Bewegungsabläufen könnte z.B. durchaus ein ‚mentales‘, nicht aber notwendigerweise auch ein ‚körperliches‘ Vergessen bedingt sein, bzw. etwas auf körperlicher Ebene ‚vergessen‘ werde, was geistig noch präsent ist. Körperliche Kennwerte des Vergessens sind so gesehen vermutlich nicht nur auf der Basis mentaler Vorstellungen des Auslöschens, Versiegens oder Überschreibens einer dahinfließenden Zeit zu verstehen.“ (S. 179). Körpererfahrungen, Krankheiten und Verletzungen sind hier genauso angesprochen wir Erfahrungen im Bereich des Immunsystems (s. auch Kap. 9), Biomarkern, u.a. – ein weitgehend unerschlossenes Gebiet, welches nur unzureichend mit dem Terminus „Körpergedächtnis“ umschreiben ist.

Im 8. Kapitel wird dieser Zusammenhang konkretisiert in der Frage, in wie fern genetische Bedingungen etwa der genetischen Plastizität und Genexpression durch in weitesten Sinne exogene Faktoren beeinflusst sind und auch auf dieser Betrachtungsebene Vergessen beeinflussen können. Gerade die nur bedingte Vorhersagbarkeit einer adäquaten Verhaltensanpassung macht es notwendig, von einer zweiteiligen Erbanlage auszugehen- einer genetischen und einer epigenetischen. Genetische Informationen können so bedarfsgerecht an- und abgeschaltet werden, in gewisser Weise also auch „vergessen“ werden. Dies wird überzeugend detailliert dargestellt, was den Bericht in der Rezension überfordern würde.

Wie schon angedeutet wird der Fokus des Vergessens im Kontext körperlicher Prozesse nochmals verengt auf Prozesse der Anpassung/ Veränderung im Immunsystem (Kap. 9). Das Immunsystem baue darauf auf, „…dass auch beliebig langfristig abrufbare Gedächtnisleistungen latent immer wieder durch die den ursprünglichen Antigenen ähnlichen Fremdmolekülen angeregt werden.“ (S. 208) Solche Zellen sind sozusagen „vergessensresistent“, indem sie durch exogene Bedingungen systemrelevant aktiviert werden können, während sie ohne jene „still“ sind.

Kap. 10 unternimmt den Versuch einer Gesamtschau auf bisher Berichtetem – verbunden mit einem Plädoyer für ein neues Verständnis des Vergessens. Vergessen gehöre zum Leben in dieser Welt, gleichgültig in welcher Perspektive man die dabei relevanten Prozesse betrachtet: der des Kollektivs, des Individuum und seinen somatisch-physiologischen Gegebenheiten- bis hin zu der virtuellen Systemen. Vergessen muss umfassend eben nicht ausschließlich als Defizit gesehen werden, sondern in einer (evolutionär) umfassenden Betrachtungsweise als Adaptationsphänomen eingeordnet werden. Nur in gegenseitiger Wertschätzung werden unterschiedliche Wissenschaften zu einem gemeinsamen Verständnis kommen- wozu das Buch reichliche Anregungen gibt.

Kap 11 bietet eine Glossar wesentlicher Termini im Kontext des Vergessens, wie in breiter Betrachtung im Buch verwendet- durchaus hilfreich.

Diskussion und Fazit

Fraglos stellt das Buch gerade auch wegen der multiwissenschaftlichen Ansätze einen umfassenden Überblick über Stand der Gedächtnis- und Vergessensforschung dar. Dass neben zellulären, genetischen und epigenetischen Einflussfaktoren auch geisteswissenschaftliche, soziologische-kollektive erwähnt und dargelegt werden, zählt zu den Stärken des Werkes- die Autoren haben hier keinen Aspekt des Phänomens vergessen!

Man mag darüber streiten, ob die Cover-Bemerkung „das Buch zu lesen erfordert über weite Teile keine speziellen Vorkenntnisse…“ zutreffend ist- wegen des unbestimmten Gehaltes der Aussage ist sie sicher nicht widerlegbar. Bemerkt werden muss allerdings, dass die sprachliche Gestaltung das Lesen (und Verstehen) nicht erleichtert; Sätze sind oft zu lang, geschachtelt, durch Nebensätze unterbrochen, was in einer Neuauflage redaktionell verändert werden sollte. Die Autoren bemühen sich, den Leser in die Kapitel einzuführen und durch eine Kapitelzusammenfassung Erkenntnisse abschließend zu bestätigen und zu vertiefen- auch hier wäre m.E. mehr sprachliche Präzision wünschenswert. Und noch eine Anregung: Die Autorenschaft der einzelnen Kapitel (beziehungsweise die Hauptverantwortlichkeit) sollte genannt sein, die kapitelweise angegebene Literatur dort auf wesentliche reduziert und allgemein-summarisch am Buchende platziert werden- dies könnte Doppelnennungen reduzieren.

Fazit. Dennoch: ein wichtiges Buch, welches jedem am Thema „Gedächtnis-Vergessen“ Interessierten gerade wegen seine wissenschaftlich breiten Perspektive anempfohlen sei- bei gründlichem Vorwissen biologisch- psychologischer Ergebnisse zu diesem Forschungsthema.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
E-Mail Mailformular


Alle 80 Rezensionen von Christian Schulte-Cloos anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 15.02.2018 zu: Monika Pritzel, Hans J. Markowitsch: Warum wir vergessen. Psychologische, natur- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-54136-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23366.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung