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Bernd Birgmeier, Eric Mührel: Wissenschaftliche Grundlagen der sozialen Arbeit

Cover Bernd Birgmeier, Eric Mührel: Wissenschaftliche Grundlagen der sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2017. 142 Seiten. ISBN 978-3-7344-0262-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Herausgeber

Prof. Dr. phil. habil. Bernd Birgmeier ist Akademischer Rat am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der kath. Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Prof. Dr. phil. habil. Eric Mührel ist Professor für Sozialpädagogik und Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule Emden/Leer.

Beide Autoren sind Herausgeber der Reihe Soziale Arbeit in Theorie und Wissenschaft, die beim VS-Verlag in Wiesbaden publiziert wird. Eric Mührel ist auch und Mitherausgeber der Zeitschrift für Sozialpädagogik (ZfSp).

Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch „Wissenschaftliche Grundlagen der Sozialen Arbeit“ ist in der Reihe „Grundlagen Sozialer Arbeit“ im Wochenschau Verlag erschienen. Hier werden Einführungen in unterschiedliche Themenbereiche der Sozialen Arbeit für Bachelor- und Masterstudiengänge veröffentlicht.

Nach dem Erscheinen der Erstauflage vor sieben Jahren haben die Autoren eine überarbeitete und ergänzte Auflage vorgelegt. Viel sei seither passiert. Allerdings fehle nach wie vor eine Systematik der Sozialen Arbeit als wissenschaftliche Disziplin – und auch als Profession (vgl. S. 6). Deshalb sprechen die Autoren weiterhin von Wissenschaften der Sozialen Arbeit (Sozialarbeitswissenschaft und Sozialpädagogik) und wollen mit ihren Ausführungen im Buch einen Überblick ermöglichen. Darüber hinaus geht es den Autoren weiterhin darum, „die Sehnsucht und Leidenschaft wissenschaftlichen Handelns zu vermitteln und zu wecken“ (vgl. S. 7).

In der Einleitung weisen sie daraufhin, dass es mit dem Thema um das Besteigen eines Berges gehe. Wie wahr.

Aufbau

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert.

  1. Nach dem Vorwort und der Einleitung beschäftigt sich der kürzere Teil mit dem grundlegenden Verständnis von Wissenschaft.
  2. Der zweite längere Teil des Buches stellt die konzeptionellen Grundlagen der Wissenschaften der Sozialen Arbeit vor. Die historische Rekonstruktion fasst Diskurse um die Sozialpädagogik und Sozialarbeitswissenschaft zusammen und die Frage nach der Einordnung Sozialer Arbeit als Grundlagen-, Anwendungs- oder Handlungswissenschaft bietet gleichzeitig einen Überblick über Theorien.

Das Anliegen der Autoren ist es, Soziale Arbeit metatheoretisch, objekt- und handlungstheoretisch einzuordnen. Darüber hinaus stellen sie ihren eigenen Entwurf vor, Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft zu konzeptualisieren. Damit erreicht das Buch eine Komplexität, die eine Einführung übersteigt. Weil sich die Ebenen der Darstellung vermischen und das Thema der wissenschaftlichen Einordnung auch aktuell unklar ist, bietet das Buch selbst für Insider die Gelegenheit, die heterogenen Diskurse und wissenschaftlichen Bemühungen revue passieren zu lassen.

Zu Teil I

(„Grundlegender Zugang zum Verständnis von Wissenschaft“)

Auf zwanzig Buchseiten fassen die Autoren allgemeingültige wissenschaftliche Basisinformationen zusammen. Weil Menschen Orientierungen suchen und Wissenschaft die Neugier nach Erkenntnis und Wissen aufgreift und befriedigt, ist die Wissenschaft als Erkenntnisweg anerkannt. Merkmale von Wissenschaftlichkeit seien, so die Autoren eine methodisch-systematische Forschung und Erkenntnisarbeit (Theoriebildung), die in der Regel an Universitäten und Hochschulen stattfindet. Durch die Lehre und Publikationen wird Wissen vermittelt und öffentlich zugängig gemacht. Die verschiedenen Wissenschaften, die immer wieder als Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften gegliedert werden können auch als Grundlagen- und angewandte Wissenschaften typisiert werden (vgl. S. 13). Gegenstand der Wissenschaftstheorie seien Fragen nach der Wirklichkeit und Realität und Reflexionen auf mögliche Erkenntniswege, nach der Qualität des Wissens und der angemessenen Methoden, das wissenschaftliche Wissen zu generieren (vgl. S. 15).

Wissenschaftliche Erkenntnis

Unter „Wissen“ verstehen die Autoren einerseits den Prozess der systematisch organisierten Erkenntnisbildung, und andererseits das Wissen, das die subjektive Gewissheit übersteigt und allgemeingültige Erklärungen für bestimmte Phänomene der Wirklichkeit bietet. Wissenschaftlich erarbeitetes Wissen ermöglicht den Zugang zum Verstehen der Welt (Bildung) und die Verständigung über die beobachteten Gegenstände (vgl. S. 16 f).

Des Weiteren wird auch die Erkenntnis erklärt. Erkenntnistheorien haben das Ziel, Grundannahmen über den Prozess der Erkenntnisbildung zu beschreiben. So gehe der Empirismus davon aus, dass sich die Welt aus der Erfahrung des Wahrgenommen heraus erschließe. Demgegenüber gehe der Rationalismus als Erkenntnistheorie davon aus, dass die empirisch beobachtbare Wirklichkeit eine sei, die durch vernünftige Ordnungen (Denken) hergestellt werde (vgl. S. 18). Auch die Phänomenologie, so die Autoren, begreife das Erkennen als einen Prozess der Wahrnehmung. Der Erkenntnisgegenstand könne nur deshalb wahrgenommen werden, weil ein erkennendes Subjekt dazu in der Lage sei (vgl. S. 18).

Der „Kritische Rationalismus“, die „Phänomenologie“ und der „Konstruktivismus“ seien, so die Autoren, als zentrale erkenntnistheoretische Orientierungen innerhalb der Wissenschaften der Sozialen Arbeit wirksam (vgl. S. 19). An einem Beispiel verdeutlichen sie die Konsequenzen unterschiedlicher erkenntnistheoretischer Perspektiven. Angenommen, so die Autoren, Soziale Arbeit findet im Gesundheitsbereich statt, dann müssen Professionelle mit Krankheiten umgehen. Einerseits haben Ärzte Krankheiten durch ihre Erfahrung kennengelernt. Andererseits sind Krankheiten begriffliche Typisierungen, die darauf hinweisen, dass eine Abweichung von einer Normalität vorliegt. Im ersten Fall der erfahrungsabhängigen Deklaration ist die Krankheit eine Erkenntnis, die zur Diagnose genutzt wird. Im zweiten Fall ist sie eine Erkenntnis im Sinne einer Zuschreibung. Daraus folgen sehr unterschiedliche Möglichkeiten, mit den Erkenntnissen praktisch umzugehen.

Wissenschaftliche Methoden

Innerhalb des Wissenschaftssystems wird Wissen durch Forschung hervorgebracht. Wissenschaftliche Forschung muss allerdings bestimmte Kriterien erfüllen. Sie soll nachvollziehbar, nachprüfbar und auch kritisierbar sein. Im Kontext der Wissenschaften Sozialer Arbeit werden quantitative und qualitative Methoden der Sozialforschung angewandt. Auch die Hermeneutik, die als Methode der Auslegung und des Interpretierens gilt, und die Dialektik, die als reflexive kritische Beschreibung Erkenntnis generiert finden in manchen Konzeptionen Anwendung (vgl. S. 22).

Systematik der Wissenschaften und Wissenstheorie

Viele Einzelwissenschaften, die nach ihrer Funktion als Grundlagen-, Handlungs- und Anwendungswissenschaften gegliedert werden, sind nicht mit einem Beruf verbunden. Die Wissenschaften der Sozialen Arbeit, Sozialpädagogik und Sozialarbeitswissenschaft, greifen auf das Wissen anderer Wissenschaften zurück und könnten zu allen Wissenschaftstypen passen (vgl. S. 23).

Soziale Arbeit zieht allerdings nur ein Teil des Wissens aus den Wissenschaften. Die Profession ist ein ebenso wichtiges Reservoir für berufliche Erkenntnisse, wie das das über Theorienbildung vermittelte Wissen. Deshalb seien, so die Autoren, die Lehrveranstaltungen als einführende Vorlesungen oder Seminare organisiert. Hier werden unterschiedliche wissenschaftliche Themen aufgegriffen. Es gibt auch auf das Berufsfeld bezogene Lehrveranstaltungen, die als Übungen, Exkursionen oder Einführungen in Tätigkeitsfelder, Praktikavorbereitungen und -nachbereitungen organisiert sind (vgl. S. 24). Weil Soziale Arbeit Theorie und Praxis sei, sei das Studium keineswegs einfach, häufig ambivalent und widersprüchlich, weil die Perspektiven von wissenschaftlichem und berufspraktischem Handeln unterschiedlich sind (vgl. S. 25). Zum Schluss erwähnen die Autoren vier ethische Prinzipien, denen sich Wissenschaften allgemein verpflichtet fühlen. So sollen wissenschaftliche Texte plagiat-frei und stets mit Quellenangaben versehen sein. Auch mit der Möglichkeit des Scheiterns muss gerechnet werden, denn nicht alles kann wissenschaftlich bewiesen werden. Die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung sei aus Sicht der Autoren bedroht, wenn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Aufträge von menschenverachtenden Institutionen übernehmen (vgl. S. 27).

Zu Teil II

(„Konzeptionelle Grundlagen der Wissenschaften der Sozialen Arbeit“)

In neun Kapiteln wird die Soziale Arbeit als Wissenschaft und Profession in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt.

In Kapitel 1 „Entwicklungslinien der Sozialen Arbeit als Wissenschaft“ fassen die Autoren die Suche nach der Definition und Wissenschaftlichkeit Sozialer Arbeit zusammen, die die letzten dreißig Jahre des 20. Jahrhunderts prägten. Mit der Wiedervereinigung 1989 und der als notwendig erachteten Reform der Hochschullandschaft 1999 blieb das Thema der Wissenschaftlichkeit lebendig. Um den Überblick zu geben, extrapolierten die Autoren mithilfe einer qualitativen Literaturauswertung relevanter Publikationen zur Theorieentwicklung der 1990er Jahre vier Begriffe, die mit dem Oberbegriff Soziale Arbeit verbunden werden. Soziale Arbeit meint demnach einerseits die Bezeichnung eines Handlungs- und Arbeitsfeldes der Sozialpädagogik und Sozialarbeit. Andererseits ist mit dem Container-Wort die Bezeichnung für Sozialpädagogik als Wissenschaft und auch die Sozialarbeitswissenschaft gemeint oder die Wissenschaft der Sozialen Arbeit bzw. Soziale Arbeit als Wissenschaft (vgl. S. 31). Die Autoren erinnern an die universitären Bemühungen durch Klassiker den Gegenstand Sozialer Arbeit besser zu fokussieren. Sie erwähnen die Debatte um die Sozialarbeitswissenschaft, die sich an den Fachhochschulen entfaltete und als Leitbegriff Hilfe und Fürsorge hervorbrachte. Ein anderer Klärungsversuch richtete sich auf den Beitrag der Bezugswissenschaften zur Professions- und Disziplinentwicklung und die Klärung der Begriffe Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Soziale Arbeit waren ebenfalls hilfreich (vgl. S. 34). Werner Thole schlug 2010 vor, Soziale Arbeit weiterhin als Oberbegriff zu nutzen, um darunter die wissenschaftlichen Fächer, die Praxisfelder, die Berufsgruppen und die Ausbildungswege zu subsummieren. Das Lebensbewältigungs- (Thiersch) und Lebensführungsparadigma (Böhnisch) findet Erwähnung (vgl. S. 35). Neben der Suche nach dem Gegenstand der Wissenschaft stellte sich die Herausforderung ihrer Konstruktion. Im Kern ging es darum, ob Soziale Arbeit als integrative Wissenschaft gedacht oder wie Mühlum 1995 vorschlug, als eine vollständig emanzipierte und von anderen Bezugswissenschaften autonome Sozialarbeitswissenschaft konzipiert werden sollte (vgl. S. 36).

Wenn Wissenschaften entstehen, sind immer hochschul-, disziplin- und professionspolitische Interessen berührt. Die Autoren beschäftigen sich im Rahmen dieser Einführung aber nur mit Fragen, die die Wissenschaftlichkeit Sozialer Arbeit klären helfen. Sie fokussieren ihren Blick auf die Begriffe Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Soziale Arbeit und die gesellschaftliche Funktion Sozialer Arbeit. Sie trennen zwischen Disziplin- von Profession und erläutern die damit zusammenhängenden Themen in den folgenden Kapiteln (vgl. S. 40).

In Kapitel 2 „Sozialarbeitswissenschaft oder Sozialpädagogik“ führen die Autoren vor Augen, dass weder der pädagogische Leitbegriff Erziehung, noch die wohlfahrtsstaatliche Fürsorge als Leitidee der Sozialarbeitswissenschaft angemessen seien, die Verhältnisbestimmung von Sozialpädagogik als Wissenschaft und Sozialarbeitswissenschaft angemessen zu klären. Zunächst referieren sie sechs Theoreme, die bis heute die unterschiedlichen Sichtweisen verdeutlichen.

  • Das Divergenztheorem besagt, dass Sozialpädagogik und Sozialarbeit eigene Handlungsbereiche seien und nicht vereinbar sind.
  • Das Subordinationstheorem gibt dem Begriff Sozialpädagogik Vorrang, weil er die längere Tradition habe.
  • Das Substitutions- bzw. Identitätstheorem gehe von der Austauschbarkeit der Begriffe Sozialpädagogik und Sozialarbeit aus und das Alternativtheorem sei dem Bemühen geschuldet, das Verhältnis durch den Ersatzbegriff Soziale Arbeit zu klären.
  • Beim Konvergenztheorem werde die Annäherung von Sozialpädagogik/Sozialarbeit ermöglicht, und
  • das Subsumtionstheorem mache Übereinstimmungen sichtbar (vgl. 42-44).

Dann beziehen die Autoren Position: „Wir favorisieren ein Modell, das die Frage nach den wissenschaftlichen Grundlagen der Sozialen Arbeit zunächst einmal differenziert in zwei Teilfragen: einmal in die Frage nach dem, was ‚Soziale Arbeit‘ bedeutet, und zum zweiten in die Frage, wie ein wissenschaftlicher Zugang zur Sozialen Arbeit überhaupt gedacht werden kann“ (S. 46). Bei der Konstruktion der Wissenschaft könnten, so die Autoren, die historischen Zuströme berücksichtigt werden. Sozialpädagogik sei in Deutschland vor dem Hintergrund von sozialen Erziehungsproblemen und Jugendnöten aufgekommen. Die Protagonisten waren Pestalozzi, Mager, Diesterweg, Natorp, Nohl, Mollenhauer. Sozialarbeit stehe in der Tradition der caritativen bzw. diakonischen Armenhilfe sowie der US-amerikanischen socialwork und der Settlementbewegung (vgl. S. 46).

Sozialarbeitswissenschaft oder Sozialpädagogik? Vielleicht, so die Argumentation, liege ein Ausweg aus dem Streit um die Vormachtstellung darin, anzuerkennen, dass beide Wissenschaften bedeutsames Wissen generieren. Dieses Wissen könnte die Basis für eine Wissenschaft der Sozialen Arbeit werden und in der gemeinsamen Bestimmung der Genese sozialer Probleme und ihrer Bearbeitung könnte die Funktion der Wissenschaft der Sozialen Arbeit ausgewiesen werden (vgl. S. 51)

In Kapitel 3 „Disziplin und Profession – Grundlagenwissen und Anwendungswissen“ greifen die Autoren ein weiteres wissenschaftstheoretisches Problem auf. Disziplinen seien Instanzen, die aufgrund ihrer Funktion zu forschen und Theorien zu bilden und zu prüfen für die wissenschaftliche Grundlegung eines Faches zuständig seien (vgl. S. 53). Demgegenüber umfasst der Begriff Profession die berufliche Wirklichkeit und Praxis des Faches (vgl. S. 55). Selbst aus der Perspektive der Professionsforschung stelle sich die Frage, wie die Disziplin in der Lage ist, die Probleme der Praxis zu erkennen und zu handhaben. Mit dem Begriff Praxis wird einerseits das Tätigsein des Menschen bezeichnet und andererseits das gesamte Handlungsfeld Sozialer Arbeit in den Blick genommen (vgl. S. 56). Eine Disziplin bietet Methoden, Techniken und Verfahren an, damit Professionelle Problemlagen besser verstehen oder auch beseitigen können (vgl. S. 58). Die Disziplin produziere zwar theoretisches Wissen im Sinne der Grundlagenwissenschaften, habe aber, so die Autoren die Absicht, die Praxis zu bereichern. Deshalb, so die Autoren, sei die Gegenüberstellung von Grundlagen- und Anwendungswissen im Sinne eines entweder – oder falsch. Beide Wissenstypen haben das gleiche Ziel, sie gehen nur einen anderen Weg. Während Grundlagenwissenschaften von Theorien und Hypothesen geleitet Wissen nach Nützlichkeitskriterien in Bezug auf den Gehalt der Forschung strukturieren und ggf. neu formulieren, greifen Angewandte Wissenschaften die Problemstellungen aus der Beobachtung der Praxis auf und generieren neue Hypothesen (vgl. S. 64).

In Kapitel 4 „Wissenschafts- und Erkenntnistheorie – vertiefende Zugänge“ entfalten die Autoren das zentrale Problem der Konstruktion einer Wissenschaft. Eine Disziplin muss allerdings die allgemeinen Regeln und Vorgaben für Wissenschaften beachten (vgl. S. 65). Wissenschaft und Praxis, Alltagswissen und wissenschaftliches Wissen unterscheiden sich sowohl inhaltlich als auch logisch (vgl. S. 65). Gerade darin liegt nach Auffassung der Autoren der Gewinn. Wissenschaft will neue Erkenntnisse generieren und Probleme nicht nur beschreiben, sondern auch analytisch verstehend durchdringen. Die Autoren erwähnen die zentralen erkenntnistheoretischen Positionen der Wissenschaften und ihre Objektivationen innerhalb der Wissenschaften Sozialer Arbeit. Hermeneutik und Phänomenologie fanden über die geisteswissenschaftliche Pädagogik Einzug in die Sozialpädagogik. Der kritische Rationalismus, der Konstruktivismus, der Systemismus und die kritische Theorie hielten Einzug durch die sozialwissenschaftlichen Impulse auf die Theorieentwicklung Sozialer Arbeit (vgl. S. 68 ff).

Kapitel 5 ist mit „Die Wissenschaften der Sozialen Arbeit im System der Wissenschaften“ betitelt. Bei der Suche danach, wie die Wissenschaft Soziale Arbeit konstruiert, konzeptualisiert und im Wissenschaftssystem zugeordnet werden kann, sei es hilfreich, die unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Positionen vor Augen zu haben. Im Fortgang dieses Kapitels machen die Autoren darauf aufmerksam, dass Wissenschaften aufgrund erkenntnistheoretischer Vorentscheidungen unterschiedliche Methoden präferieren. Sie weisen der Philosophie den Status der Grundlagenwissenschaft zu (vgl. S. 86).

Es folgt das Kapitel 6 „Theorien der Sozialen Arbeit im Überblick“. Da es mehrere Wege der Wirklichkeitskonstruktion gibt, Methoden in Abhängigkeit zum Forschungsgegenstand stehen und der Gegenstand der Wissenschaften der Sozialen Arbeit auch von der Funktion und Aufgabe Sozialer Arbeit abhängt, gibt es viele Theorien (vgl. S. 89). Die erkenntnistheoretischen Grundentscheidungen, der Verwendungszweck und die Referenzen tragen zu dieser Komplexität bei. 2009 stellten Ernst Engelke, Stefan Borrmann, Christian Spatscheck Theorieansätze vor, die die Autoren in diesem Buch auflisten (vgl. S. 94). Dazu zählen sie die Alltagstheorie und das Paradigma der Lebensweltorientierung und das der Bewältigung (Thiersch, Böhnisch, Schröer, Reutlinger), hermeneutisch-verstehende Ansätze (Mollenhauer, Winkler, Mührel, B. Müller), systemisch-konstruktivistische Zugänge (Kleve, Baecker, Bommes und Scherr), handlungstheoretische Ansätze (Staub-Bernasconi, Obrecht, Collo, Göppner, Röh), reflexive Sozialpädagogik (Otto, Dewe, Thole, Dollinger, Galuske) kritische Ansätze (Kunstreich, Kessl, Sünker, Keppeler, Sorg, Liebel). Vergleichende Darstellungen wurden von Hering, Lambers, C.W. Müller, Erath und May vorgelegt. Werner Thole sortierte die Theorien 2010 als sozialpädagogische, fürsorgerische und neuere Theorietraditionen und kommt zu anderen Ergebnissen (vgl. S. 95). Cornelia Füssenhäuser hatte 2001 den Versuch unternommen, Theorien nach ihrer Entstehungszeit und Funktion zu systematisieren (vgl. S. 96). Was als Theorie bezeichnet wird, ist also keineswegs eindeutig. „Jede Theorie kann als Vorschlag aufgefasst werden, bestimmte Probleme zu lösen; Probleme, welche die Theorie isoliert hat“ (S. 98). Jede Theorie, so die Autoren, will zur Lösung beitragen und deshalb ist natürlich jede Theorie auch praktisch (vgl. S. 98).

In Kapitel 7 „Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft“ stellen die Autoren ihre Konzeption einer Wissenschaft Sozialer Arbeit als Handlungswissenschaft vor. Zunächst problematisieren sie den Begriff Handlungswissenschaft und verweisen darauf, dass sie ihn nicht angloamerikanisch-pragmatisch begreifen, sondern im Sinne der Grundlagenwissenschaften klären wollen, wie die Disziplin Soziale Arbeit die Handlung von Menschen definiert. In den Wissenschaften der Sozialen Arbeit müsste zunächst eine Verständigung darüber erzielt werden, „dass es einer Handlungstheorie bedarf, die einen spezifischen Begriff der Handlung expliziert“ (S. 109). Die Fokussierung auf „soziale Probleme“ reiche nicht, um die Lebenslagen und -umstände, -verläufe, -führungen und -bewältigungen zu erforschen, die für den Menschen von heute zu einem Risiko führen. Wann und wo greifen routinierte Handlungsrepertoires nicht mehr? (vgl. S. 111). Die Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft könnte, interdisziplinär vernetzt, die Aspekte von Handlung herausfiltern, mit denen eine Erklärung und Beschreibung ihres Forschungsgegenstandes (Handlungskrisen, -störungen und -probleme) ermöglicht werde (vgl. S. 117). „Denn die Aufgabe und Funktion der Handlungswissenschaften besteht darin, durch interdisziplinäre Forschung zum Thema Handlung zu Erkenntnissen zu gelangen, deren Resultate dann in der allgemeinen Handlungstheorie gebündelt werden“ (S. 114). Dieses Vorgehen muss wiederum methoden- oder theoriegegründet sein, denn die Forschung richtet sich entweder direkt auf Praxis- oder auf Theorieprobleme. In ähnlicher Weise gilt für die Professionellen, dass ihr Handeln erst dann als professionell bezeichnet werden kann, wenn es als fachlich begründet, bewusst und zielorientiert ausgewiesen werden kann, d.h. mit der Funktion der Profession im Einklang steht (vgl. S. 119).

In Kapitel 8 „Beispielhafte Fragestellungen der Handlungswissenschaft Soziale Arbeit“ gehen die Autoren der Frage nach, welches Wissen relevant sei. Dazu stellen sie beispielhaft den Ansatz von Silvia Staub-Bernasconi vor. Bei ihr ist die Ressourcenerschließung der Schlüsselbegriff, weshalb Professionelle wissen sollten, welche individuellen Bedürfnisse bedeutsam sind, welche Folgen versagte Bedürfnisse haben und wie strukturelle Exklusionsprozesse Lebensbedingungen beeinflussen (vgl. S. 123). Aus der Perspektive einer grundlagenwissenschaftlichen Reflexion konstruieren die Autoren beispielhaft, dass Professionelle ein Verständnis für die Bedeutung und Bedeutsamkeit von Handlungen brauchen. Handlungen funktionieren wie eine Sprache. Sie verweisen auf Krisen, auf Widerfahrnisse, auf prekäre Verhältnisse und mögliche Hilfen. Deshalb brauchen Professionelle psychologisches, soziologisches, juristisches und pädagogisches Wissen.

In Kapitel 9 „Wissenschaft und Philosophie“ setzen sich die Autoren mit der Bedeutung dieser Disziplin auseinander. Lange Zeit galt die Philosophie als Metadisziplin. Obwohl sie diesen Stellenwert verloren hat, ist sie eine wichtige Bezugsdisziplin für Soziale Arbeit.

Diskussion

Das Buch greift nicht nur ein wichtiges Thema Sozialer Arbeit auf, sondern stellt die wissenschaftlichen Bemühungen vor, die geleistet werden müssen, geleistet wurden und notwendig sind. Auch wenn der Befund der Konfusion in Bezug auf die Wissenschaft Soziale Arbeit und deren Theorien betrüblich erscheinen mag, ist die Darstellung des Prozesses der Theoriebildung sicher wahr. Die Disziplin in Form einer Sozialpädagogik, die an Universitäten beheimatet ist und die, die in Form der Sozialarbeitswissenschaft in Deutschland an Fachhochschulen vertreten wird (also die Wissenschaften der Sozialen Arbeit) zeigt sich noch nicht in einem Zustand konstruktiver Zusammenarbeit. Zwar haben Abgrenzungen nachgelassen, doch die unterschiedlichen Denktraditionen erschweren eine Anschlussfähigkeit der eigenen theoretischen Orientierung an andere.

Für Außenstehende mag das Fachgebiet wie ein Dschungel wirken und für die, die daran mitarbeiten ist es auch schwer, die Differenzen so einzuordnen, dass das Fach angemessen weiterentwickelt wird. Erst während des Lesens bemerkte ich, wie viele Aspekte gar nicht thematisiert werden. So fehlten mir geschichtliche Hinweise, Aussagen über Inhalte von Praxis, auf die sich Wissenschaften beziehen und Analysen zu den Entwicklungen in Bezug auf die Wissenschaften der Sozialen Arbeit. Weil ich mir vorstellte, dass dieses Buch die Funktion einer Einführung für Bachelorstudiengänge hat, wurde ich unruhig. Ich dachte, selbst im Masterstudium setzen sich Studierende nicht mit Problemen der Theoriekonstruktion auseinander. Meine Kritik richtet sich deshalb einerseits an die Didaktik des Buches und andererseits darauf, dass die Orientierungen, die das Buch natürlich bietet, selten explizit benannt werden. Das wäre jedoch sehr hilfreich. Ich befürchte, dass diese Lektüre, weil sie zu dicht die Probleme der Theoriebildung beschreibt, kaum Lust auf das Erkennen und Erklimmen des steilen Berges der Wissenschaft macht.

Studierende werden vermutlich ratlos fragen, was denn nun die Grundlagen der Sozialen Arbeit sind und sie können in der kurzen Zeit des Studiums kaum lernen, was andere sich in Jahrzehnten Diskurserfahrung erarbeiteten. So wichtig wissenschaftstheoretische Erkenntnisse tatsächlich sind, so schwierig und langwierig ist doch der Weg, sich dieses Wissen anzueignen.

Hinzu kommt, dass das Studium nach der Bolognareform dafür immer weniger Raum bietet. Ich vermisse im Buch z.B. kritische Hinweise auf fehlenden Rahmenbedingungen, die dieses Wissen erfordert, und wie zukünftige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die Soziale Arbeit studierten, generiert werden sollen. Hier wird von einem Bild von Wissenschaft ausgegangen, dass sich doch wohl eher, so mein Eindruck, gerade auflöst. Obwohl die Autoren sicher zu Recht auf eine systematische Disziplin hinarbeiten und auch, wenn sie Wissenschaftskritik üben, finde ich, dass das Buch eine Einführung für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein könnte. In Bezug auf Studierende müssten metatheoretische Einordnungen und sprachliche Hilfen gegeben sein, um nachzuvollziehen, warum das Wissen für das Bachelorstudium nötig ist. Vermutlich vermischen sich die Ebenen der Darstellung eines Überblicks und die Aufgabe, einen eigenen Theorieentwurf zu skizzieren.

Fazit

Das Buch ist lesenswert. Es fordert heraus und es setzt sich mit einem zentralen Teil des wissenschaftlichen Handelns auseinander, nämlich mit Forschung und Theoriebildung in der Sozialen Arbeit.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 08.11.2017 zu: Bernd Birgmeier, Eric Mührel: Wissenschaftliche Grundlagen der sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2017. ISBN 978-3-7344-0262-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23370.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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