socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Markus Neuenschwander, Christof Nägele (Hrsg.): Bildungsverläufe von der Einschulung bis in den ersten Arbeitsmarkt

Cover Markus Neuenschwander, Christof Nägele (Hrsg.): Bildungsverläufe von der Einschulung bis in den ersten Arbeitsmarkt. Theoretische Ansätze, empirische Befunde und Beispiele. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 210 Seiten. ISBN 978-3-658-16980-0. D: 53,49 EUR, A: 54,99 EUR, CH: 66,55 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Sammelband „Bildungsverläufe von der Einschulung bis in den ersten Arbeitsmarkt. Theoretische Ansätze, empirische Befunde und Beispiele“ beschäftigt sich mit einem bereits seit mehreren Jahren in der empirischen Bildungs- und Schulforschung sowie der soziologischen Forschung stark untersuchten Thema, nämlich Bildungsübergangsschwellen, speziell dem Übertritt in die Sekundarstufe I aber auch dem Übergang in die Berufsbildung. Beide Schwellen gelten als wegweisend, gerade in selektiven Bildungssystemen wie denen der Schweiz, Deutschlands und – mit Einschränkungen – auch Österreichs. Speziell im deutschsprachigen Raum sind in den letzten Jahren einige Großprojekte durchgeführt worden, die sich mit Aspekten des Übertritts beschäftigen. „Kompetenzaufbau und Laufbahnen im Schulsystem“ (KOALA-S; http://koala-s.de/), „Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung“ (LAU http://bildungsserver.hamburg.de/lau/) oder „Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vor- und Grundschulalter“ (BiKS-Studie https://www.uni-bamberg.de/biks/), für Österreich die Studie „Niederösterreichische Schule in der Schulentwicklung“ (NOESIS, www.noesis-projekt.at) oder für die Schweiz „Wirkungen der Selektion“ (WiSel, www.fhnw.ch/ppt/content/prj/T999-0191) sind nur einige wenige Beispiele, die verdeutlichen, dass Übertrittsprozessen eine besondere Beachtung in der Scientific Community zukommt. Der vorliegende Sammelband vereint Ergebnisse zu Längsschnittstudien, die in der Schweiz durchgeführt wurden, und legt somit einen regionalen Fokus auf dieses System, beansprucht aber auch gleichzeitig Allgemeingültigkeit.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband basiert auf Beiträgen der internationalen Fachtagung „Erfolgsfaktoren und Risikofaktoren in Bildungsverläufen“, die 2016 in Solothurn, Schweiz, stattgefunden hat. Die Herausgeber streben aber mehr als einen reinen Tagungsband an und wollen eine „eigenständige Darstellung der Thematik“ (V) gewährleisten. Sie zielen darauf ab, ein Werk vorzulegen, das „theoretische und empirische Originalbeiträge aus längsschnittlich angelegten Forschungsprojekten in der Schweiz, die für die Bildungsöffentlichkeit relevant und neuartig sind“ (VI), vereint. Sie möchten einen Bogen zwischen Übertritten in die Schule und innerhalb der Schullaufbahn sowie Übertritten in die Berufsausbildung schaffen und neue Themen in die Diskussion um Bildungsübergänge einführen. Als Zielgruppe gelten nicht nur Vertreter/innen der Bildungs- und Berufsforschung, sondern auch der Bildungsadministration, der Berufsberatung und der Praktiker/innen in Schule und Berufsbildung. Diesen Ansprüchen wird das Werk in seiner Bandbreite durchaus gerecht.

Aufbau und Inhalt

Bei Durchsicht und Lektüre des Bandes gewinnt man den Eindruck, dass sich tatsächlich neue Themenbereiche eröffnen, die abseits der „klassischen“ Bildungsübergangsforschung liegen. Das Buch ist in mehrere Abschnitte unterteilt.

Im ersten Abschnitt (A Theoretische Einbettung) werden in zwei Beiträgen Arbeitsmodelle präsentiert, wobei sich das erste auf die systematische Erfassung von Einflussfaktoren auf das Gelingen von Übergängen bezieht und das zweite konkret auf den Übergang in den Arbeitsmarkt fokussiert. Beide Modelle sind dazu geeignet, sowohl Forschungsfragen als auch Interventionen abzuleiten und bauen in der Zeitabfolge (Modell 1: Übergänge innerhalb des Bildungssystems, Modell 2: Übergang in den Arbeitsmarkt) aufeinander auf.

Der zweite Abschnitt (B Diachrone Verläufe in der Schule) wird durch zwei Beiträge gestaltet, die sich mit Ungleichheiten an Bildungsübergängen und irregulären Schullaufbahnen auseinandersetzen.

Im dritten Abschnitt (C Übergänge in der Schule) wird ein Ansatz präsentiert, um die Einschulung von hyperaktiven und unaufmerksamen Kindern zu förden und andererseits werden die Themen der Akzeptanz und Ablehnung sowie von Anpassungsprozessen, Schulniveau und Leistungserwartungen von Lehrpersonen beim Übertritt in die Sekundarstufe I aufgegriffen.

Den vierten Abschnitt (D Übergänge in der Berufsbildung) bilden schließlich Beiträge mit Fokus auf den verzögerten oder direkten Übergang in die Berufsbildung sowie die Frage der Passung zum Beruf.

Abgerundet wird der Sammelband durch den abschließenden Abschnitt (D Ausblick) einer Zusammenschau und einer Schlussdiskussion der Ergebnisse des Buchs, die nochmals die Kernaussagen des Werks kompakt zusammenfasst und sie in einen breiteren Kontext einordnet, ohne jedoch wiederholend oder lediglich paraphrasierend zu sein.

Die Struktur des Sammelbands selbst folgt einem klaren Aufbau. So bilden die präsentierten theoretischen Modelle eine gute Grundlage für die folgenden Beiträge, die sich inhaltlich mit Themen der Akzeptanz und Ablehnung, sozialen Ungleichheiten, Schulniveau- und Leistungserwartungen von Lehrenden in Bezug auf ihre Schüler/innen, Anpassungsprozessen und auch diachronen Übergängen beschäftigen.

Diskussion

Die Beiträge selbst sind in ihrer Auswahl gut getroffen und die Bandbreite der Bildungsübergangsforschung wird abgebildet, indem nicht nur vertikale Übergänge in den Blick genommen, sondern auch horizontale Übergänge angesprochen werden, etwa mit dem Beitrag über den FOKUS-Ansatz, einem Trainingsprogramm zum Umgang von Lehrenden mit Schüler/innen mit ADHS (Benini/Fräulin/Neuenschwander). Zudem lassen sich mehrere Grundmotive erkennen.

Einen inhaltlichen roten Faden bildet der Begriff der „Passung“, der sich sowohl in den theoretischen Arbeitsmodellen zu Beginn wie auch in mehreren Beiträgen wiederfindet. Auch das Thema der Chancen(un)gleichheit, das nicht nur aus klassischer Perspektive (Zugang zu einem bestimmten Ausbildungsgang) betrachtet wird, sondern auch etwa aus Perspektive von irregulären Schullaufbahnen und verzögerten Berufseinstiegen, bildet inhaltliche Kohärenz. Insgesamt finden sich viele Themen, die noch nicht allzu breit erforscht sind, wie etwa jenes der Akzeptanz und Ablehnung in Zusammenhang mit dem (akademischen) Selbstkonzept und Schulleistungen und deren Veränderungen an Bildungsübertrittsschwellen, weshalb der Sammelband seinem Anspruch, relevante und neuartige Forschungsergebnisse zu präsentieren, gerecht wird.

Die einzelnen Beiträge selbst sind nicht zu lang, und haben viele Zwischenüberschriften, die dazu angetan sind, Leser/innen die notwendige Struktur zu liefern. Hilfreich sind auch Querverweise innerhalb des Buchs, die einerseits zeigen, dass die Beiträge aufeinander Bezug nehmen und nicht voneinander entkoppelt sind, andererseits auch den Leser/innen unmittelbar Verknüpfungen zwischen den Themen ermöglichen. Grafiken und Tabellen sind vorhanden, wenn sie gebraucht werden, werden aber nicht übermäßig häufig eingesetzt, sodass der Lesefluss erhalten beibt, aber dennoch auch eine Vorstellung von Ergebnissen oder Modellen präsent ist.

Das Buch bezieht sich insbesondere auf den Schweizer Kontext und beschäftigt sich dadurch auch mit einigen Eigenheiten des Schweizer Bildungssystems, die eine Umlegung auf andere Kontexte nicht unmittelbar evident machen. Dennoch gelingt es den Autor/innen, Generalisierungen aufzuzeigen und allgemeingültige Aussagen zu treffen und somit ihre Kernaussagen auch einem Transfer in andere Bildungssysteme zugänglich zu machen.

Neben einigen innovativen Studien finden sich auch „klassische“ Bildungsübertrittsstudien, die Ergebnisse replizieren, die bereits bekannt sind und den Einfluss der sozialen Herkunft auf die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, feststellen. Dennoch sind auch diese Beiträge innerhalb des Buchs gut eingebettet und tragen zum Gesamtbild bei.

Fazit

Der Sammelband „Bildungsverläufe von der Einschulung bis in den ersten Arbeitsmarkt. Theoretische Ansätze, empirische Befunde und Beispiele“ vereint Forschung zu neuralgischen Punkten in der Bildungslaufbahn von Heranwachsenden, nämlich dem Übertritt in die Sekundarstufe I und dem (möglichen) Übertritt in die Berufsbildung. Methodisch sind Längsschnittstudien die Basis aller Beiträge, was eine deutliche Stärke des Sammelband ist. Wenngleich die Bandbreite durch die Fokussierung auf den Schweizer Kontext eingeschränkt ist, so treten innerhalb des Buchs doch viele Themen zum Vorschein, die einerseits Anlass geben, über die Region Schweiz hinaus diese Themen zu diskutieren und die Forschungen zu erweitern, andererseits Ergebnisse auch auf andere Systeme umzulegen. Dem Anspruch, einen Bogen zwischen Übertritten in die Schule und innerhalb der Schullaufbahn sowie Übertritten in die Berufsausbildung zu schaffen und neue Themen in die Diskussion um Bildungsübergänge einzuführen, wird das Werk gerecht und eignet sich sicherlich – wie intendiert – nicht nur als Lektüre für Vertreter/innern der Bildungs- und Berufsforschung, sondern auch für jene der Praxis und Bildungsadministration.

Summary

The anthology „Bildungsverläufe von der Einschulung bis in den ersten Arbeitsmarkt. Theoretische Ansätze, empirische Befunde und Beispiele“ („Educational Trajectories from initial school enrolment to the first labour market. Theoretical approaches, empirical findings and examples“) deals with research on neuralgic points in the educational pathway of students, namely the transition from primary schools to secondary schools and the (possible) transition to vocational training. The book is based on contributions from the international conference „Erfolgsfaktoren und Risikofaktoren in Bildungsverläufen“ („Success Factors and Risk Factors in Educational Trajectories“), which took place in Solothurn, Switzerland, in 2016. However, the editors are aiming at more than a summary of the contents of the conference, but want to ensure an „independent presentation of the subject“ (V).

The aim of the book is to build a bridge between (1) transitions to secondary schools, (2) transitions within a school level and (3) transitions to vocational training/education by introducing innovative topics into the discussion on education transitions. Methodically, longitudinal studies are the basis for all contributions, which is a significant strength of the anthology. Presented theoretical models form a good basis for the following contributions, which deal with topics of acceptance and rejection, social inequalities, school level and performance expectations of teachers with regard to their students, adaptation processes and also diachronic transitions.

Although the range of research is limited by the focus on the Swiss context, there are many topics within the book which, provide an opportunity to discuss these topics and expand the research beyond the region of Switzerland. It will serve as a good reading for representatives of the Education and professional research, but also for those of practice and education administration.


Rezensentin
Dr. Corinna Geppert
MMag.
Projektmitarbeiterin an der School of Education der University of Nottingham, Großbritannien
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Corinna Geppert anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Corinna Geppert. Rezension vom 09.10.2017 zu: Markus Neuenschwander, Christof Nägele (Hrsg.): Bildungsverläufe von der Einschulung bis in den ersten Arbeitsmarkt. Theoretische Ansätze, empirische Befunde und Beispiele. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-16980-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23371.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!