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Josef Freise: Kulturelle und religiöse Vielfalt nach Zuwanderung

Cover Josef Freise: Kulturelle und religiöse Vielfalt nach Zuwanderung. Theoretische Grundlagen – Handlungsansätze – Übungen zur Kultur- und Religionssensibilität. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2017. 240 Seiten. ISBN 978-3-7344-0102-2. 29,80 EUR.
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Thema

„Eine inklusive nationale und europäische Identität, die keine Bevölkerungsgruppe ausschließt, ist eine Zielorientierung dieses Buches. Das Buch will theoretisches Wissen und praktische Orientierungen in den Handlungsfeldern von Bildung, Seelsorge, Sozialer Arbeit und weiteren Bereichen geben, in denen Professionelle und Ehrenamtliche sich vor Herausforderungen gestellt sehen, die aus Migration und Flucht heraus entstanden sind.“ (10) „Die Postkoloniale Theorie verweist darauf, dass das westlich europäische Überheblichkeitsdenken weiterwirkt und dass die Verdrängung des europäischen Kolonialismus gerade dies befördert. Deshalb stellt die Postkoloniale Theorie einen roten Faden des Buches dar.“ (216) „In diesem Buch wird erläutert, dass es fundamentalistische Tendenzen in allen Religionen gibt und dass jede Religion gleichzeitig auch Potenziale für Humanismus, Menschlichkeit und gewaltfreien Umgang miteinander in sich birgt.“ (216) „Soziale Arbeit, Bildung und Seelsorge brauchen die Begegnung im respektvollen Miteinander. (…) Neben der Arbeit mit Menschen muss dann politisch die strukturelle Veränderung in den Blick kommen – kommunal, regional, national und international.“ (217)

Autor

Josef Freise (www.Josef-Freise.de) „studierte Erziehungswissenschaften und Katholische Theologie in Münster, Leuwen (Belgien) und Tübingen und promovierte 1983 zum Dr. paed. über ein Thema Interkultureller Bildung“. (238) Nach Tätigkeiten als Pastoralassistent und Jugendbildungsreferent war er elf Jahre Referent und Geschäftsführer beim Internationalen Christlichen Friedensdienst EIRENE. Von 1997 bis zu seiner Pensionierung 2017 hatte er die Professur für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW in Köln inne. „Er lehrt und forscht weiterhin zur Friedenspädagogik sowie zur Sozialen Arbeit und Seelsorge im Kontext kultureller und religiöser Vielfalt.“ (238)

Entstehungshintergrund

„Dieses Buch löst mein Buch zur Interkulturellen Sozialen Arbeit ab, das 2005 in erster und 2007 in zweiter Auflage erschien (…) Die wissenschaftliche Debatte der vergangenen Jahre hat deutlich gemacht, dass Integration nicht vorrangig ein Problem der Zugewanderten darstellt. Die Fokussierung auf Migrant*innen, die noch das Vorgängerbuch zur Interkulturellen Sozialen Arbeit prägte, ist in diesem Buch abgelöst worden durch die Thematisierung der Herausforderungen, die die gesamte Gesellschaft betreffen.“ (7)

Aufbau

Nach einem Vorwort und einer orientierenden Einleitung, die das methodische Vorgehen und die Inhalte des Buches skizziert, behandelt der Verfasser seine Thematik in sieben Kapiteln, die jeweils hilfreich differenziert und untergliedert sind. Jedes Kapitel endet mit einem bündelnden Fazit.

Inhalt

Im 1. Kapitel unternimmt der Autor die „wissenschaftliche Verortung von Kultur, Weltanschauung und Religion im Migrationskontext“ (15 ff.) und er zeigt zwei theoretische Linien auf, die das Buch als zwei rote Fäden durchziehen, „die theoretische Grundlegung von Wahrnehmung und Begegnung“ mit Martin Buber und Emmanuel Lévinas und „die postkoloniale Theorie und der Ansatz der Kritik bei Michel Foucault“ (12).

Das 2. Kapitel bündelt „Kennzeichen einer Gesellschaft nach Migration“ (39 ff.). Er schließt sich Naika Fouroutans Begriff der postmigrantischen Gesellschaft an und postuliert mit den „Leitideen Integration, Inklusion, Anerkennung und Partizipation“ das Ziel „einer inklusiven postmigrantischen deutschen und europäischen Identität“ (13).

Kultur als kollektives Bewusstsein im Kontext von Migration“ wird im 3. Kapitel beleuchtet (65 ff.). Verknüpft werden hier Aspekte der „Cultural Studies“, rassismuskritische Analysen, Diversity-Zugänge und die Intersektionaltät. „Das Kapitel schießt mit Vorschlägen für ein inklusives Europa, das keine Bevölkerungsgruppe ausschließt.“ (13)

Im 4. Kapitel geht der Autor auf die „religiöse Vielfalt in der postsäkularen und multireligiösen Gesellschaft“ (86 ff.) ein, skizziert die „Dekonstruktion des Religiösen in der Moderne“ (84 ff.) mit Ludwig Feuerbach, Karl Marx und Sigmund Freud, „das Bedürfnis nach religiöser Rekonstruktion in der postsäkularen Gesellschaft“ (86 ff.) und „das exklusive, inklusive, plurale und perspektivische Religionsmodell“ (88 ff.). Als „dunkle Seite von Religion“ wird der „Fundamentalismus“ (93) in seiner Ausprägung in den unterschiedlichen Religionen beschrieben, als „die helle Seite von Religion“ werden „Vertreter*innen einer Religion der Gewaltfreiheit und des Dialogs“ (100 ff.) aus dem Judentum (David Bollag, Janusz Korczak, Ruth Weiss), dem Christentum (Sebastian Painadath, Hildegard Goss-Mayr, Ruth Pfau), dem Islam (Katajun Amirpur, Mouhanad Khochide, Abdul Ghaffar Khan), dem Hinduismus (Mahatma Gandhi) und dem Buddhismus (Thich Nhat Hanh) vorgestellt.

Das 5. Kapitel fokussiert „Vorurteile und Feindbilder als Herausforderung für die postmigrantische Gesellschaft“ (125 ff.). Hier werden psychologische Aspekte, psychoanalytische und sozialpsychologische Verstehensweisen vorgestellt, sowie „Perspektive zur Überwindung von Vorurteilen und Feinbildern“ (13) erörtert.

Handlungsansätze für Bildung, Soziale Arbeit und Seelsorge in der postmigrantischen Gesellschaft“ (148 ff.) werden im 6. Kapitel zu den Themenfeldern „Elementarerziehung im Kontext kultureller und religiös-weltanschaulicher Vielfalt“ (148 ff.), „Extremismusprävention bei Jugendlichen“ (151ff), „Rassismuskritische Bildungsarbeit“ (160 ff.), „Community Education“ (164ff), „Globales Lernen“ (171 ff.), „Gewaltfreie Aktion“ (177 ff.), „interreligiöser und weltanschaulicher Dialog“ (179 ff.), „Einübung von Achtsamtkeit“ (182 ff.) sowie „interkulturelle und interreligiöse Öffnung“ (186 ff.) vorgestellt.

Ein Zwischenfazit bündelt die ersten fünf Kapitel als Vermittlung von Wissenskompetenzen, „die für den Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt in humanwissenschaftlichen Berufsfeldern von Bedeutung sind.“ (190) „Das sechste Kapitel ging über die Vermittlung von Wissenzusammenhängen hinaus und stellte exemplarisch praktische Handlungsmodelle im Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt vor.“ (190)

Im 7. Kapitel erfolgt der dritte Schwerpunkt zum Erwerb von Handlungskompetenzen durch „Übungen für ein interaktives Kompetenztraining zur Kultur- und Religionssensibilität“ (191ff). „Es sind Übungen zur weltanschaulichen, religiösen und politischen Identität, Übungen gegen Diskriminierung und Rassismus, Übungen zur Konfliktbearbeitung sowie abschließend eine Feedback-Übung. Die Übungen sollen dazu beitragen, dass theoretisches Wissen internalisiert wird und vom Kopf ins Herz dringen kann.“ (14)

Diskussion

Das vorliegende Buch liefert einen sehr fundierten, theorie- und erfahrungsgesättigten Überblick über die komplexen Theoriestränge und Handlungsmöglichkeiten, die für die Thematik der Kultur- und Religionssensibilität in einer postmigrantischen Gesellschaft zusammengedacht werden müssen. Josef Freise wendet sich gegen „eine Kulturalisierung und Religionisierung sozialer und politischer Konflikte“ und plädiert gleichzeitig für „die Notwendigkeit kulturell, weltanschaulich und religiös sensibler Herangehensweisen in sozialen Berufen“ (77). Begriffsklärungen, elementare Beschreibungen grundlegender und aktueller Theorie- und Handlungsansätze, fokussierte Zusammenfassungen und ein wohltuend sachlicher, erkenntnisorientierte und gleichzeitig in der Sache engagierter Stil machen die detaillierte Lektüre dieses Buches zu einem großen Gewinn.

Fazit

Im vorliegenden Buch „Kulturelle und religiöse Vielfalt nach Zuwanderung. Theoretische Grundlagen – Handlungsansätze – Übungen zur Kultur- und Religionssensibilität“ vermittelt Josef Freise entscheidende Wissens-, Handlungs- und Haltungskompetenzen im Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt. Er bietet wichtiges Orientierungs- und Handlungswissen für Bildung, Seelsorge und Soziale Arbeit zum Thema Kultur, Weltanschauung und Religion im Hinblick auf einen anerkennenden und partizipativen Konvivialismus (60) (Kunst des Zusammenlebens) in Diversität, in dem die postmigrantische Gesellschaft, „zum einen die Gleichberechtigung aller in ihr lebender Mitglieder verwirklicht und zum anderen differenzsensibel die Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen wahrnimmt und anerkennt“ (58).


Rezensentin
Prof. Dr. Renate Zitt
Professorin für Religions- und Gemeindepädagogik an der Evangelischen Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Renate Zitt. Rezension vom 01.12.2017 zu: Josef Freise: Kulturelle und religiöse Vielfalt nach Zuwanderung. Theoretische Grundlagen – Handlungsansätze – Übungen zur Kultur- und Religionssensibilität. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2017. ISBN 978-3-7344-0102-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23374.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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