socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Theresa Hilse-Carstensen: Freiwilligen­engagement in der häuslichen Begleitung von Menschen mit Demenz

Cover Theresa Hilse-Carstensen: Freiwilligenengagement in der häuslichen Begleitung von Menschen mit Demenz. Eine qualitative Interviewstudie. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2017. 383 Seiten. ISBN 978-3-7344-0481-8. D: 42,90 EUR, A: 44,20 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Wie Freiwillige ihre Tätigkeit in der Versorgung demenzkranker Menschen im häuslichen Umfeld aus ihrer Sicht deuten, wurde bisher nicht untersucht, obwohl diese als wichtige gesellschaftliche Ressource gelten angesichts des demographischen Wandels, steigender Lebenserwartung und Zunahme von Demenzerkrankungen. Dabei können aus den Erkenntnissen neue Möglichkeiten abgeleitet werden, um das Hilfesystem bei Demenz weiter zu stärken.

Autorin

Dr. phil. Theresa Hilse-Carstensen ist Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH) und promovierte 2016 am Institut für Soziologie an der Universität Jena. Sie arbeitete u.a. im Forschungs- und Entwicklungsprojekt „KoAlFa – Koproduktion im Welfare Mix der Altenarbeit und Familienhilfe“ unter Leitung von Prof. Dr. M. Opielka (EAH Jena) als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit. Seit 2017 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für kommunale Planung und Entwicklung in Erfurt tätig.

Aufbau

Das Fachbuch beinhaltet folgende Kapitel:

  1. Theoretischer Rahmen
  2. Forschungsstand
  3. Gesellschaftliche Deutungskonzepte von Demenz und von Freiwilligenengagement bei Demenz
  4. Forschungsdesign
  5. Freiwilligenengagement in einer Beziehungstriade – empirische Ergebnisse
  6. Ausblick

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Hilse-Carstensen geht in ihrer Studie der Frage nach, wie freiwillig Engagierte ihre Tätigkeit im häuslichen Handlungsfeld Demenz deuten.

In Kapitel 1 stellt die Autorin den theoretischen Rahmen ihrer Arbeit vor. Dabei geht sie auf das ihrer Arbeit zugrundeliegende Konzept der Deutung ein. Sie rekonstruiert u.a. aktuelle politische, ökonomische und gesellschaftliche Ansätze zur Wohlfahrtsproduktion, sowie das Verhältnis zum Freiwilligenmanagement und Spannungen zwischen den Sektoren Staat, Markt und Gemeinschaft. Hilse-Carstensen behandelt weiterhin, wie Freiwillige mit Familie und Fachkräften zentrale Versorgungsakteure von Menschen mit Demenz Zuhause sind. Sie tragen zur informellen Wohlfahrtsproduktion z.B. als Koproduktionsdreieck im Sinne des Welfare Mix, bei. Außerdem geht die Autorin auf ihre Definition von und Kriterien für Freiwilligenengagement ein.

Kapitel 2 nimmt den aktuellen Forschungsstand zum Thema in den Blick. Die Autorin gibt eine Übersicht über die nationale Engagementlandschaft. Sie diskutiert Forschungsarbeiten, politische Maßnahmen, Literatur etc.. Hierbei geht sie auch auf kritische Forschungspositionen und aktuelle Debatten ein wie z.B. zur Monetarisierung von Freiwilligenarbeit. Als Unterscheidungsmerkmale ihrer Studie führt die Autorin auf: die soziologische Perspektive der Arbeit, Fokus auf Demenzerkrankung und häuslichen Versorgungskontext, Untersuchung der Perspektive der Freiwilligen und den Beziehungen dieser zu Angehörigen, demenzkranken Menschen und Fachkräften.

In Kapitel 3 erläutert sie Deutungskonzepte von Demenz und das Freiwilligenengagement bei demenzkranken Menschen. Sie zeigt Besonderheiten des häuslichen Handlungsfeldes Demenz für das Freiwilligenengagement. Des Weiteren diskutiert sie medizinische, gesundheitspolitische und gesellschaftliche Deutungskonzepte von Demenzerkrankungen und die Folgen für die Versorgung. Außerdem geht sie auf kritische Positionen ein wie z.B. von Reimer Gronemeyer.

In Kapitel 4 wird ihr Forschungsdesign dargestellt. Die Studie gründet auf dem Ansatz der Grounded Theory Methodologie. Mittels episodischer, qualitativer Interviews werden die Perspektiven der freiwillig Engagierten untersucht. Sie stellt Kriterien der Fallauswahl und das Sampling, sowie Auswertungsmethoden vor.

Kapitel 5 zeigt die empirischen Ergebnisse der Studie. Innerhalb der untersuchten Fälle gibt es folgende Schwerpunkte:

  1. Im Konflikt mit der Demenzerkrankung
  2. Zwischen Integration und Abgrenzung
  3. Kümmern aus Sehnsucht
  4. Emotionalität als Zugang
  5. Koordination als Funktion
  6. Einen Entwicklungsprozess initiieren
  7. Handeln nach dem eigenen Rhythmus
  8. Nachbarschaftshilfe als Selbstverständnis

In allen Fallportraits wird die Perspektive der Freiwilligen von dem Verhältnis zum dementen Menschen einerseits und zum Angehörigen andererseits bestimmt. Pflegekräfte spielen aus der Perspektive der Freiwilligen keine zentrale Rolle für ihre Tätigkeit. Nach Hilse-Carstensen zeigt sich im Begriff der Beziehungstriade das durchgängige, zentrale Deutungskonzept und damit eine neue auf Beziehung fokussierte Koproduktionskonstellation.

Die Vorbereitung, Koordination, und Begleitung der Freiwilligentätigkeit durch eine Fachkraft ist entscheidend für das Gelingen des Freiwilligenengagements, wie die Autorin herausarbeitet. Die Beziehungen müssen fortlaufend strukturiert und unter dem Aspekt des gemeinsamen Wachsens, als kontinuierliche Beziehungsentwicklung, begleitet werden. Hilse-Carstensen diskutiert dazu u.a. das Phasenmodell aus André Fringers Studie „Pflegenden Angehörigen ehrenamtlich helfen“. Zudem zeigt sie auf, inwiefern das Freiwilligenengagement sowohl von der subjektiven Deutung als auch sozialpolitischen Deutungskonzepten bestimmt wird.

Kapitel 6 gibt einen Ausblick auf den sozialpolitischen Entwicklungsbedarf des Freiwilligenfeldes und dessen Bedeutung in der Zukunft. Die Autorin gibt Empfehlungen für die Praxis und zeigt die Nachhaltigkeit einer Investition in die Freiwilligenbegleitung durch eine Fachkraft aus der Sozialen Arbeit auf.

Diskussion

In der Untersuchung der Perspektive der Freiwilligen, die in der häuslichen Versorgung dementer Menschen engagiert sind, entwickelt Hilse-Carstensen ein neues Deutungskonzept. Sie gibt einen tiefgehenden Einblick in die Perspektive der Freiwilligen selbst und ihre wechselseitige Beziehung zu dem dementen Menschen und den pflegenden Angehörigen. Die Arbeit lässt die Akteure selbst zu Wort kommen und arbeitet Motive und biografische Deutungen ebenso heraus wie Zusammenhänge zur politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ebene.

Die Erkenntnisse zeigen, dass wohlfahrtspluralistische Strategien auch auf sozialpolitischer und kommunaler Ebene in die fachliche Begleitung und Förderung der Beziehungsentwicklung für ein langfristiges Freiwilligenengagement in der häuslichen Demenzversorgung investieren müssen.

Fazit

Die Autorin untersucht die Perspektive freiwillig Engagierter in der häuslichen Demenzversorgung. Aus den Studienergebnissen der insgesamt acht qualitativen Fallstudien zeigt sie die Notwendigkeit der fachlichen Koordination zwischen den Akteuren und der Förderung bei Beziehungsaufbau und -entwicklung zu dementen Menschen und Angehörigen. Sie analysiert Zusammenhänge und Wechselwirkungen der Wohlfahrtsproduktion auf personenbezogener und institutioneller Ebene.

Das Fachbuch bietet für alle Fachkräfte, die in der Freiwilligenkoordination, kommunalen Engagementplanung und Konzeptentwicklung für die häusliche Versorgung dementer Menschen tätig sind, eine wichtige Grundlage.


Rezensentin
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
E-Mail Mailformular


Alle 33 Rezensionen von Alexandra Günther anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 17.10.2018 zu: Theresa Hilse-Carstensen: Freiwilligenengagement in der häuslichen Begleitung von Menschen mit Demenz. Eine qualitative Interviewstudie. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2017. ISBN 978-3-7344-0481-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23375.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung