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Heiner Barz (Hrsg.): Flüchtlinge willkommen - und dann?

Cover Heiner Barz (Hrsg.): Flüchtlinge willkommen - und dann? Die Flüchtlingskrise als Herausforderung für Gesellschaft und Bildung. düsseldorf university press GmbH (Düsseldorf) 2017. 227 Seiten. ISBN 978-3-95758-036-8. 29,80 EUR.

Institut für Internationale Kommunikation: Vortragsreihe der IIK-Abendakademie, Band 5.
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Thema

Zur Willkommenskultur gehören Deutschkurse, Zugang zu Bildung und Ausbildung, Teilhabe im Gemeinwesen. Da können Befunde der Sozial- und Erziehungswissenschaften nützlich sein. Insbesondere auch die angewandten Sprachwissenschaften (Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache) sind gefordert.

Herausgeber

Dr. Heiner Barz ist Professor für Bildungsforschung an der Universität Düsseldorf und Präsident des Instituts für Internationale Kommunikation Düsseldorf/Berlin.

Autorinnen und Autoren

Die meisten der insgesamt 20 Autorinnen und Autoren sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Professorinnen und Professoren, nämlich an Hochschulen in München, Köln, Düsseldorf und Karlsruhe. Andere sind Wirtschaftler, Theologen bzw. Sozialarbeiter. Ein Beitrag stammt von Rupert Neudeck („Cap Anamur“), der im Mai 2016 gestorben ist.

Entstehungshintergrund

Der Band geht auf eine Vortragsreihe des Instituts für Internationale Kommunikation im Wintersemester 2015/2016 zurück. Die meisten Beiträge wurden mit Redaktionsschluss Mai 2016 für den Druck aufbereitet.

Aufbau

Insgesamt geht es um 14 Artikel, die dem Vorwort der Prorektorin der Universität Düsseldorf und der Einführung durch den Herausgeber folgen.

Ausgewählte Inhalte

Exemplarisch sind folgende Beiträge zu nennen:

  • Neudeck beschreibt die Lebenslagen von Flüchtlingen: So finden sich die jungen Männer, die sich aus einem afrikanischen Dorf, mit Krediten ihrer Dorfgemeinschaft auf den Weg gemacht haben, nun zu Tausenden in Nouadhibou (Mauretanien) ein; sie warten auf die lebensgefährliche Überfahrt zu den Kanarischen Inseln. Da ist die von Neudeck initiierte Berufsausbildung, etwa zum Kfz-Mechaniker oder Maurer, eine Alternative. Neudeck erinnert auch an seinen Vorschlag, Flüchtlinge in Deutschland am Bau der Unterkunft zu beteiligen und damit handwerklich und sprachlich zu fördern.
  • Matthias Jung geht auf die institutionellen Voraussetzungen der Sprachförderung ein. Mit dem „Sprachverband Deutsch für ausländische Arbeitnehmer“, 1974 in Mainz gegründet, stand eine Organisation bereit, die – so seine Ansicht – aus den Erfahrungen mit den „Gastarbeitern“ heraus gut die Sprachförderung von Flüchtlingen hätte übernehmen können – stattdessen aber wurde 2003 damit das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) beauftragt, das so eine Doppelrolle als „Entscheider über existentielle Fragen“ und Integrationsförderer bekam. Mit dieser Monopolstellung konnte es gegenüber den Kursträgern bürokratische Vorgaben und formale Qualitätsstandards leicht durchsetzen.Nach wie vor allerdings besteht Mangel an ausreichend qualifizierten Lehrkräften. Ehrenamtliche Kräfte sollten nicht unterrichten, sondern die Kurse mit sprachlichem Alltagshandeln unterstützen.
  • Barbara Baumann/Alfred Riedl berichten über die Befragungen von Jugendlichen (16-21 J.) mit Fluchterfahrung, die an Berufsschulen in Bayern unterrichtet werden und damit der Schulpflicht nachkommen, aber auch dank Praktika und nach dem Mittelschulabschluss eine Ausbildung beginnen können. Sie dokumentieren die Vielfalt der Muttersprachen und auch weitere Fremdsprachenkenntnisse, dazu die weite Spanne zwischen Analphabeten und Hochschulzugangsberechtigten: Mehr als der gemeinsame Status „Asyl“ verbindet sie nicht.
  • In weiteren Beiträgen werden Institutionen vorgestellt, so etwa der DAAD von seiner Vorsitzenden Margret Wintermantel. Schätzungen gehen von bis zu 50.000 jungen Menschen mit Fluchterfahrung aus, die ein Hochschulstudium beginnen können. Der DAAD sieht dabei seine Pflicht in der intensiveren Studienberatung, der sprachlichen und fachlichen Vorbereitung, dem Mentoring während des Studiums.
  • „Flüchtlinge im Arbeitsmarkt“ zu verorten, versuchen Tobias Hentze und Wolfgang (nicht Holger) Schäfer. Dabei können sie kaum auf Daten und Fakten zurückgreifen, die den Bildungsstand, insbesondere den Schulabschluss beleuchten. Einerseits werden junge Menschen mit Fluchterfahrung erst in den nächsten Jahren im Arbeitsmarkt ankommen, andererseits werden sie vor allem das Anforderungsniveau „Helfer“ erreichen, das bereits jetzt weniger Bedarf als Nachfrage hat. Gleichwohl erwarten sie einen nennenswerten Zugang von Arbeitslosen kurzfristig nicht, da viele geflüchtete Erwerbspersonen (noch) nicht erwerbstätig sind und sein werden. Für den jetzt schon bestehenden Fachkräftemangel kommen die mittel- und langfristigen Qualifizierungen der Flüchtlinge wohl zu spät.
  • Der Vorsitzende der Diakonie, Pfarrer Ulrich Lilie stellt umfassende Überlegungen an, wie die Menschen „im Panikmodus“ Schutz und Sicherheit finden können, will aber auch Wege beschreiben, wie die Menschen, die in Deutschland bereits zuhause sind, es schaffen, Flüchtlinge angstfrei willkommen zu heißen. Zu den Forderungen, die für ihn und die Diakonie unverzichtbar sind, gehört u.a., nicht nur die Fluchtursachen zu bekämpfen, sondern den Menschen auf der Flucht auch „Wege zur legalen Einreise“ zu ermöglichen, auch dorthin, in jedes Land ihrer Wahl, wo sie einen Asylantrag stellen wollen. Es gilt aber auch, die Ängste der „Besorgten“ (nicht der Rassisten!) ernst zunehmen. Das Engagement der Diakonie gilt nicht nur den Menschen mit Fluchterfahrung, sondern – bekanntlich! – allen die hilfsbedürftig sind. Dienst an den Schwächsten der Gesellschaft heißt, mittendrin, zwischen den Menschen zu sein und unter ihnen zu vermitteln.
  • Im Gespräch mit dem Herausgeber gibt der Sozialarbeiter Oliver Targas einige Empfehlungen, wie professionelle und freiwillige Flüchtlingshilfen zusammenarbeiten können. Für die Ehrenamtlichen hat er vor allem einen Tipp: Mache erst mal Du das, was Du gerne machst – wenn es den Menschen mit Fluchterfahrung zusagt, werden sie schon mitmachen. So vermeidest Du, dass Du „Deine“ Flüchtlinge vereinnahmst oder bevormundest. Und so vermeidest Du auch eine Show, mit der Du selbst unzufrieden bist.

Diskussion

Die Beiträge geben den Kenntnisstand von vor einem Jahr wieder, etliche Daten beziehen sich auf 2014/2015. Die Terminologie ist manchmal unpassend („Humankapital“, „Flüchtlingswelle“). Was eigentlich ist die Flüchtlings-Krise (s. Untertitel), wer macht sie?Mancher Beitrag ist Selbstdarstellung – umso peinlicher, wenn der betreffende Staatssekretär inzwischen abgewählt worden ist.

Aber davon abgesehen: Hier finden sich wichtige Hinweise und Empfehlungen für alle Bürgerinnen und Bürger, ob sie nun freiwillig und/oder wissenschaftlich, auf jeden Fall gesellschaftspolitisch sensibel und wirksam sein wollen.

Soweit, so gut. Wären da nicht zwei Artikel am Ende, über 30 Seiten, ein Siebtel des Bandes, die der Islamforscher Klaus Spenlen beigesteuert hat. Ignorieren wir, dass im ersten Satz (S. 185) Migration und Migrationshintergrund verwechselt werden. Ärgerlich sind aber die Vereinfachungen: Wenn 2016 (angeblich!) ¾ aller Flüchtlinge aus „islamisch geprägten Staaten“ kommen, dann ist gleich das „Gros“ muslimisch. Unbesehen übernimmt der Autor die These, „im Kern“ handele es sich junge, ledige, muslimische Männer, die da in Deutschland ankommen; dass ein Drittel weiblich und 30 % der Flüchtlinge unter 15 Jahre ist, zählt da nicht. Auf die Idee, dass Menschen,( auch Muslime!) vor Islamisten flüchten und die Religionsfreiheit wertschätzen, kommt der Autor nicht. Die Einsicht, dass „der Islam“ kein „monolithischer Block“ ist, hindert ihn nicht daran, das übliche „islamische Frauenbild“ nachzuzeichnen, mit „passenden“ Koranstellen belegt.

Wirklich originell wird Spenlen in dem Moment, in dem er an die in Deutschland bis weit in die1970er hineinreichende, im BGB festgezurrte Vorrangstellung der Männer erinnert (u.a. brauchte demnach die Ehefrau, die erwerbstätig sein wollte, die Erlaubnis des Haushaltsvorstands, sprich Ehemanns). Insofern sollte, so plädiert Spenlen allen Ernstes, die moderne Gesellschaft den neuen Flüchtlingen auch diese 20-30 Jahre zubilligen, bis sie die aktuelle Rechts- und Werteordnung übernommen haben. Wer so argumentiert, spielt m.E. allen in die Hände, die sich oder anderen die Integration verweigern.

Fazit

Ein wichtiges Buch zur aktuellen Diskussion, wie die Menschen in Deutschland, mit oder ohne Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung, besser miteinander auskommen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 16.10.2017 zu: Heiner Barz (Hrsg.): Flüchtlinge willkommen - und dann? Die Flüchtlingskrise als Herausforderung für Gesellschaft und Bildung. düsseldorf university press GmbH (Düsseldorf) 2017. ISBN 978-3-95758-036-8. Institut für Internationale Kommunikation: Vortragsreihe der IIK-Abendakademie, Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23376.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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