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Saïda Keller-Messahli: Islamistische Drehscheibe Schweiz

Cover Saïda Keller-Messahli: Islamistische Drehscheibe Schweiz. Ein Blick hinter die Kulissen der Moscheen. NZZ Libro Neue Zürcher Zeitung AG 2017. 160 Seiten. ISBN 978-3-03810-289-2. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 34,00 sFr.
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Kritik ist Gift für Ideologie

„Ideologie“ wird als die (mehr oder weniger) „Gesamtheit der Anschauungen und des Denkens einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht“ bezeichnet (Wahrig). Sie kommt als Ideenlehre, als Normengebung und Weltanschauung zum Ausdruck. Bei den Auseinandersetzungen um ideologische Positionen wird wiederum ideologisch argumentiert, dass die Durchsetzung von individuellen und kollektiven Ansprüchen, Meinungen und Systemen dem Wohl aller Menschen diene, wie auch, dass Ideologien als „falsches Bewusstsein einer Gesellschaft“ (Karl Marx) angesehen werden muss. Damit wird bereits die Janusköpfigkeit bei der Diskussion um ideologische, lokale und globale Entwicklungen deutlich. Eindeutig jedoch ist der Machtanspruch, den Ideologien erheben, nämlich über die eine, allgemeingültige, nicht zu hinterfragende und zu kritisierende Wahrheit zu verfügen. So ist Kritik als Denkkompetenz für Ideologen Gift. In die ideologische Falle gerät auch, wer den Anspruch auf „Radikalität“ ideologisch nimmt (vgl. dazu auch: www.sozial.de/glauben-und-glaubenskritik-sind-zwillinge.html). Gegen ideologisches Denken und Einstellungen hilft nur das, was dem „anthrôpos“, dem menschlichen Lebewesen ein- und aufgegeben ist: seinen Verstand zu gebrauchen (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php; ders., Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22496.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Ideologien, ob sie als Religionen oder Systeme daher kommen, sind darauf angewiesen, aus Minderheitenpositionen Mehrheiten zu machen. Sie wirken deshalb meist in Mehrheitsgesellschaften als geheime, mysteriöse und sektenartige Mächte, und sie geben sich vielfach den Anschein, die Menschen vom falschen Glauben, von irrenden Einstellungen und schädlichen Lebensführungen zu befreien. Die Verlockungen und Versprechungen sind dabei überwiegend jenseitsgerichtet und drücken sich aus in Metaphern wie „Paradies“, „Himmel“, „Erlösung“. In den Versammlungsräumen, Kirchen, Tempeln und Moscheen wird den Gläubigen suggeriert und vermittelt, sie wären eingebunden und aufgehoben in schützenden und sorgenfreien (Glaubens-)Gemeinschaften. Nur dort würden sie Sicherheit und Wahrheit erfahren und erkennen. In der Psychologie und in den Sozialwissenschaften wird diese Auffassung als „Manipulation“ bezeichnet.

Die in Tunesien geborene, tunesisch-schweizerische Romanistin und Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli gehört zu der (immerhin) wachsenden und im interkulturellen lokal- und global-gesellschaftspolitischen Diskurs an Bedeutung und Einfluss zunehmenden Gruppe von Musliminnen und Muslimen, die sich dafür einsetzen, die Glaubensgemeinschaft des Islam im Sinne der menschenrechtsgeschützten Glaubens- und Meinungsfreiheit zu verändern (siehe auch: 25.6.2016, www.sozial.de/gehoert-der-islam-zu-deutschland.html ). Saïda Keller-Messahli tritt dafür ein, mit den demokratischen Mitteln der Aufklärung und der interkulturellen Kooperation Information und Verständnis in den (europäischen) Mehrheitsgesellschaften für die Weltanschauung des Islam zu vermitteln und Toleranz als Grundlage für ein friedliches, gerechtes und humanes Zusammenleben der Menschen aufzuzeigen. Sie gründete 2006 in Zürich das „Forum für einen fortschrittlichen Islam“. Für ihr Engagement wurde sie 2016 mit dem Menschenrechtspreis der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGMR) ausgezeichnet.

Aufbau und Inhalt

Das Vorwort zum Buch schreibt der in der Türkei geborene, deutsche Politiker kurdischer Abstammung, Ali Ertan Toprak. Als Vertreter der Alevitischen Gemeinde, der zweitgrößten islamischen Glaubensgemeinschaft in Deutschland, und als Präsident der „Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland“ (BAGIV), setzt er sich dafür ein, „einerseits einen Weg (zu) weisen, der den Muslimen Europas das Bewahren ihres Glaubens in der aufgeklärten Gesellschaft zu ermöglichen, andererseits den mit einem ihnen gänzlich fremden Religionskonzept konfrontierten Europäern Verständnishilfe (zu) liefern“.

In der Einleitung skizziert die Autorin die Entwicklungen der Ausbreitung des politischen Islams in Europa, insbesondere auf dem Balkan. Sie verweist auf die im transkulturellen Dialog weitgehend ignorierte und vernachlässigte Situation, „dass die muslimische Diaspora des ehemaligen Jugoslawien unter den Einfluss der Golfstaaten geraten ist, und warum Kosovo heute innerhalb Europas die höchste Rate an Jihadisten vorzuweisen hat“. Diese Gemeingelage bewirkt, den Blick darauf zu richten, welche ideologischen Ziele, Macht- und materielle Einflüsse die „Global Player des Islam“ gewissermaßen über den Balkan auf das weitere Europa ausüben. Sie identifiziert dabei die Schweiz als eine der Drehscheiben der islamistischen Aktivitäten und benennt die Moscheen der Union Albanischer Imame in der Schweiz (UAIS), gesteuert von der1962 gegründeten und von Saudi-Arabien geförderten Islamischen Weltliga.

Die Autorin gliedert das Buch weiterhin in sechs Kapitel.

  1. Im ersten reflektiert sie „Islamismus: Terminus technicus und Geschichte“,
  2. im zweiten setzt sie sich mit „Islamisten und ihre Verbreitung“ auseinander,
  3. im dritten informiert sie über die „Islamische Weltliga und ihre Metastasen“,
  4. im vierten diskutiert sie „Reizthemen im Fokus der Öffentlichkeit“,
  5. im fünften verweist sie mit der Einschätzung „Rückkehr ins Mittelalter“ auf die Entwicklungen und Folgen des Wirkens von „Konvertiten“ im islamistischen Diskurs.
  6. Sie beschließt ihre Analyse mit dem sechsten Kapitel, in dem sie „mögliche Lösungsansätze“ anbietet.

Für die Handhabung des informativen Buches, das den Blick auf die islamistischen, fundamentalistischen und salafistischen Aktivitäten in der Schweiz (und ihrer Matastasierungen auf das weitere Europa) bietet, sind die im Anhang aufgenommenen Informationen über Institutionen, Statuten, Vernetzungen, Namensregister, Begriffsverzeichnis und Auswahlbibliographie.

Die Autorin setzt sich mit der Situation auseinander, dass besonders in den Moscheen und Gemeindezentren in Bosnien und Kosovo gezielte fundamentalistische und salafistische Aktivitäten zur Indoktrination und Werbung von IS-Kämpfern und Schulung von Terroristen praktiziert werden. Solche Tendenzen und Rekrutierungsversuche vermelden die jeweiligen Verfassungsschutzbehörden auch in anderen europäischen Ländern und Regionen. Grundlage dabei ist der Wahhabismus saudischer Prägung. Anhand von konkreten Beispielen weist sie nach, wie sich diese Ideologie mittlerweile in zahlreichen Moscheen in der Schweiz wiederfindet und mehr oder weniger offen praktiziert wird; und zwar nicht nur dort, sondern auch in so genannten (getarnten?) Kultureinrichtungen, wie z.B. im „Musée des civilisation de l`Islam“ (MUCIVI) in La-Chaus-de-Fonds. Ihre Recherchen und Nachweise über Kooperationen und Vernetzungen von salafistischen Organisationen in der Schweiz mit etablierten Einrichtungen in den Balkanländern zielen immer auch auf die über die Schweiz hinausreichenden und ausstrahlenden Indoktrinationen in Deutschland und den anderen europäischen Ländern. Es sind die undeutlichen und verdeckten Aktivitäten, wie sie von der türkischen Religionsbehörde Diyanet ausgehen und die Arbeit der Imame in den Milli-Görüs-Moscheen bestimmen. Mit dem Begriff „Metastasen“ charakterisiert die Autorin auch die Aktivitäten, die von der Islamischen Weltliga ausgehen: „Unter Berufung auf die Religionsfreiheit verfolgen die von der Weltliga finanzierten Moscheeverbände in Europa eine antisäkulare und antieuropäische ‚Moscheekultur‘ und fordern Sonderrechte für die islamischen Gemeinden“.

Um den vielfach unklaren, verschleierten und falsch verstandenen Argumentationen der Islamisten untereinander und nach außen gerichtet, wie auch den Vorurteilen in den Mehrheitsgesellschaften gegenüber dem Islam entgegen zu treten, diskutiert die Autorin einige Reizthemen, wie z.B. „Verschleierung“, „Kopftuch“, „Minarett“, „Zwangsverheiratung“, „Händedruck“, „Ehre“, „Scharia“, „Jihad“, „Gewalt“. Sie versucht damit sowohl Reflexion bei den Glaubensangehörigen, als auch Information und Aufklärung bei den Andersgläubigen zu erreichen.

Wenn die Autorin im Zusammenhang ihrer Bemühungen um einen humanen Islam den „Konvertiten“ eine besondere Aufmerksamkeit widmet, wird deutlich, welche Anziehungskraft und Aufmerksamkeit offensichtlich der Islam für meist junge Menschen ausübt, die entweder im gesellschaftlich-christlichen, oder sogar atheistischen Einflüssen aufgewachsen sind. Sie zeigt am Beispiel des Wirkens des Islamischen Zentralrats der Schweiz (IZRS) auf, mit welchen menschenverachtenden und diktatorischen Mitteln die selbsternannten, sich auf eine verschwindende Minderheit von Anhängern stützen könnenden Vertreter und Sprecher agieren: „Sie sind gefährlich, weil extrem und international vernetzt, rückwärtsgewandt, kompromisslos und bereit zur Bildung von Parallelgesellschaften“.

Fazit

Glaubensfreiheit kann es nur geben, wenn sie sich auf eine humane, globale Ethik beruft, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 proklamiert wird. Zwar hat der Rat der Liga der arabischen Staaten am 15. September 1994 die „Arabische Charta der Menschenrechte“ erlassen, die sich mit den meisten Werten und Normen auf die UN-Menschenrechtsdeklaration stützt, aber auch einige Grundwerte entweder auslässt oder nicht eindeutig ausdrückt, wie z.B. die Festlegung auf die Gleichberechtigung der Geschlechter. Immerhin wird in Artikel 26 festgelegt: „Jeder hat das Recht auf Religions-, Gedanken- und Meinungsfreiheit“. Salafisten freilich bezeichnen solche Vereinbarungen als koran- und islamfeindliches Menschenwerk. Überall da, wo Ideologien selbstständiges, kritisches Denken und Handeln vernebeln und verschließen, haben es rationale Argumente und Aufklärung schwer (vgl. dazu: Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen können, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22651.php).

Die von Saïda Keller-Messahli zum Schluss des Buches formulierten möglichen Lösungsansätze – Koran- und Quellenkritik, Toleranzbegehren, Reformbemühungen – sind hilfreich, um unreflektierte und naive Anhänger- und Gefolgschaft zu reduzieren; die Ideologen sind sicherlich damit nicht zu erreichen. So bleibt nur die Hoffnung, dass es mit Aktivitäten, wie sie das Institut für islamisch-theologische Studien an der Wiener Universität und andere europäische wissenschaftliche Einrichtungen praktizieren, für einen Islam europäischer Prägung einzutreten; und wie sie die Berliner Menschenrechtlerin und Rechtsanwältin Seyran Ates und Gleichgesinnte mit der Gründung der liberalen Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit initiiert hat. Trotz der scheinbar zunehmenden, aggressiven und menschenfeindlichen, fundamentalistischen und salafistischen, lokalen und globalen Entwicklungen zeigen sich Zeichen zur Reform des Islam. Mit der Erkenntnis „Unwissenheit führt zu Angst, Angst führt zu Hass und Hass führt zu Gewalt“, die bereits der islamische Gelehrte Ibn Ruschd (1126 – 1198) in Cordoba formulierte, haben sich am 16. 9. 2016 säkulare Muslime aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen gefunden und die „Freiburger Deklaration“ unterzeichnet, in der die Visionen, Wertvorstellungen und Ziele für einen humanen Islam aufgeführt sind: „Wir lehnen Extremismus, Diskriminierung, Gewaltverherrlichung und Segregation entschieden ab. Demokratie und Menschenrechte stellen für uns die Grundlage für das friedliche Miteinander aller Menschen in unserer Gesellschaft dar“.

Aufklärung – Aufklärung – Aufklärung; das ist das Gebot der Menschlichkeit und der Stunde! Es gilt, in der familialen, schulischen und Erwachsenenbildung auf die Zumutungen, Gefährdungen und Ideologien des islamistischen Fundamentalismus zu reagieren (vgl. auch die unter dem Schlagwort „Salafija“ im Internet-Rezensionsdienst www.socialnet.de/rezensionen/ vorgestellten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.11.2017 zu: Saïda Keller-Messahli: Islamistische Drehscheibe Schweiz. Ein Blick hinter die Kulissen der Moscheen. NZZ Libro Neue Zürcher Zeitung AG 2017. ISBN 978-3-03810-289-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23377.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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