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Heinrich August Winkler: Zerbricht der Westen?

Cover Heinrich August Winkler: Zerbricht der Westen? über die Krise der Gegenwart in Europa und Amerika. C.H.Beck Verlag (München) 2017. 493 Seiten. ISBN 978-3-406-71173-2. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.
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Adieu Westen?

Ist es das Lamento, dass in den Zeiten der in der immer interdependenter und entgrenzter entwickelnden (Einen?) Welt die gewohnte und selbstverständlich gewordene Ordnung in der Welt in Frage gestellt wird (Ulrich Menzel)? Sind es die Aufforderungen, einen Systemwechsel von einer kapitalistischen und neoliberalen Weltordnung hin zu einer kritischen Internationalen Politischen Oekonomie vorzunehmen (Eva Hartmann u.a.)? Sind Fragen obsolet oder obskur, wer die Welt regiert? (Ian Morris), Wem die Welt gehört? (Hans-Jürgen Jakobs), oder wer und warum jemand in dieser real existierenden Welt überlebt? (Ben Sherwood). Ist es unangemessen oder sogar unnötig, angesichts der sich aktuell verstärkenden Tendenzen (wieder) nationalistisch, faschistisch, rassistisch und populistisch zu denken und zu handeln, Alternativen wie „Weltgesellschaft“ (Silvio Vietta) und „Global Citizenship“ (Roland Bernecker / Ronald Grätz) entgegen zu setzen? Sind die sich verstärkt zeigenden Unsicherheiten, Ungewissheiten und Unruhen in der Welt Anlass, nach einem Perspektivenwechsel zu fragen (Ralf Konersmann)? Ist die neue, globale Völkerwanderung ein Zeichen dafür, wie menschengemachte Konflikte Humanität und Menschenwürde aus den Angeln heben können (Hans-Peter Schwarz)? Es ist ein gutes Zeichen, dass in dieser Zeit der Unruhe Positionen bezogen werden, wie es gelingen kann, die humanen Werte wie Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde gegen die Kakophonien der Menschenverachtung hervorzuheben (Otfried Höffe), danach zu fragen, wie eine humane und kulturelle Logik für ein gegenwartsbezogenes und zukunftsorientiertes Menschsein gestaltet werden kann (Andreas Hartmann / Oliwia Murawska) und wie eine transkulturelle Logik aussehen könnte (Hans Lenk / Gregor Paul).

Entstehungshintergrund und Autor

Diese Fragen und Vergewisserungen über den Zustand unserer Welt nimmt auch der Historiker Heinrich August Winkler auf. Er wird als einer der besten Kenner der Entwicklung des Westens bezeichnet. Sein mehrbändiges Werk über die Geschichte des Westens (Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens. Band 1. Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8678.php) gilt als ein kompetenter Ausweis für eine wissenschaftliche Geschichtsbetrachtung und als ein Wegweiser im Gestrüpp und im Wegenetz der menschlichen Geschichte. Angesichts der gefühlten und wirklichen Unsicherheiten, Ungewissheiten und globalen Einfluss- und Machtverschiebungen wird die über Jahrhunderte hinweg gewordene (und akzeptiere) Dominanz des Westens als Weltmacht in Frage gestellt; und zwar nicht nur durch die sich verändernden Entwicklungen im traditionellen Okzident-Orient-Vergleich, sondern auch durch die ökonomischen, kulturellen und ideologischen Kräfteverschiebungen im transnationalen und planetarischen Verhältnis.

Die Frage, „ob der transatlantische Westen zerbrechen könnte“, treibt Gesellschaftswissenschaftler genauso um wie Demokraten und Futurologen. Heinrich August Winkler bezieht in diesem Dilemma eine eindeutige, hoffnungsvolle, europäische Position, nämlich die, „dass die europäischen Demokratien mit vereinten Kräften dazu beitragen können, dass die Werte des Westens die Präsidentschaft von Donald Trump überleben“; denn sie stünden nicht alleine da, sondern „hätten weltweit Verbündete in Gestalt der Kräfte, die sich den Prinzipien der westlichen Demokratie verbunden fühlen“.

Aufbau und Inhalt

Mit vierzehn Positionen begründet der Autor sein Plazet für ein westliches, demokratisches Wertebewusstsein. Dabei macht er deutlich, dass er als Historiker „Europa“ nicht als einen geographischen, auch nicht als einen ideologischen, dominanten Begriff, sondern als eine Vision von der Herrschaft des Rechts und der Geltung der Menschen- und Bürgerrechte verstanden wissen will. Dies verdeutlicht er mit einem schnellen Gang durch die Geschichte Europas. Daraus entwickelt sich die Frage, ob es in den gegenwartsbestimmten und zukunftsschauenden Herausforderungen darum geht, das nationale Bewusstsein und die Nationenbildungen zu überwinden oder zu überwölben. Am Beispiel der Entwicklung der Europäischen Union verdeutlicht er, was er mit „überwölben“ meint: „Es ist das Prinzip der Subsidiarität“, was bedeutet, dass „die jeweils höhere Einheit nur dann Funktionen an sich ziehen (darf), wenn die Kräfte der niederen Einheit dafür nicht ausreichen“. Unerlässlich stellt sich natürlich in diesem Zusammenhang die Frage, wie weit „Europa“ reichen soll und kann. Der Knackpunkt wird deutlich, wenn es um die derzeit stark umstrittene und kaum beantwortbare Frage geht, ob die Türkei Mitglied der EU werden kann oder nicht. Pragmatisch und real wird es auch, wenn der institutionelle Rahmen eines gemeinsamen Europas zur Disposition steht, etwa ob es eine Währungsunion ohne eine Politische Union geben kann. Wir sind wieder bei den Dominanzen, oder vielleicht besser gesagt, bei der Frage: „Wer spricht für Europa?“. Wir brauchen dabei gar nicht auf die flegelhaften und provozierenden Äußerungen von AfD-Anhängern eingehen, dass die Institutionalisierung Europas auf den Müllhaufen der Geschichte gehöre; notwendig und unabdingbar vielmehr ist die Erkenntnis, dass es im Prozess der europäischen Einheit „nicht mehr Integration um den Preis von weniger Demokratie“ geben dürfe.

Sind es die Verhältnisse, die Wirklichkeiten schaffen? Der geschichtliche Blick auf das Verhältnis Europas zu den USA verdeutlicht die Dominanzen, Abhängigkeiten und Missverständnisse im transnationalen Zusammenhang. Es sind die nationalen und gesellschaftspolitischen Einschätzungen, die sich in diesem Diskurs als dem „Ende des transatlantischen Jahrhunderts“ bis hin zu einer zukünftigen „Multipolarität“ bewegen. Inwieweit in diesem Konzert (oder Kakophonie?) des europäischen Einigungsprozesses die „deutsche Frage“ eine dominante oder rezessive Bedeutung hat, bewegt nicht nur Nationalisten, sondern auch Europäer; sie wird deutlich in dem ökonomisch und strategisch erstarkten Deutschland nach der Wiedervereinigung; gleichzeitig aber auch in den gefühlten und tatsächlichen Denkstrukturen und Lebensverhältnissen in den „alten“ und „neuen“ Bundesländern; und nicht zuletzt in den sorgenvollen wie neidischen Blicken der europäischen Nachbarn ob eines möglichen „neuen deutschen Sonderweges“ in Europa und in der Welt. Das wird vor allem deutlich in den Unterschieden, wie (anfänglich!) Deutschland auf die Flüchtlingskrisen und Einwanderungssituationen mit einer „Willkommenskultur“ reagierte, im Gegensatz zu den martialischen und nationalistischen Abwehr- und Abschottungstendenzen der meisten europäischen Staaten. In dieser (andauernden und ungeklärten) Situation der weltweiten, menschengemachten Flucht- und Wanderungsbewegungen hat Deutschland, wie auch die Welt, keine überzeugende Antwort. Das Zauberwort von der „Vielfalt der Menschheit“ hat im europäischen und globalen Einigungsprozess eine besondere Bedeutung. Wer sich als „Europäer“ versteht, akzeptiert, dass es notwendig ist, von einer „bipolaren Weltordnung“ weg- und hinzukommen zu einer ethnischen und kulturellen Vielfalt, der „als verbindendes Element eine globale Ethik zugrunde liegen muss“, wie dies 1995 die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ mit dem Anspruch auf „kreative Vielfalt“ zum Ausdruck bringt.

Wir erleben in Europa und weltweit Tendenzen, dass Völker und Gemeinschaften sich durch separatistische und egoistische Aktivitäten von nationalen und internationalen Zusammenschlüssen und Integrationen lösen wollen. Beispiele wie der Brexit, Autonomiebewegungen wie in Katalonien und anderswo sprechen eine deutliche und sorgenvolle Sprache. Nationalistische und populistische Bewegungen wie in Ungarn und Polen, das Auftreten von rechtsradikalen, faschistischen und rassistischen Kräften überall in der Welt, wie auch die staatspolitisch und ökonomisch wirkenden Krisensituationen, etwa in Griechenland – sie alle hemmen und behindern den europäischen Einigungsprozess – und lassen die hoffnungsvollen Europäer immer noch darauf warten, dass sich endlich die bisher nicht zustande kommende „Verfassung für Europa“ realisieren lasse, in der es im Entwurf vom 20. Juni 2003 euphorisch heißt: „In dem Bewusstsein, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit den Anfängen der Menschheit in immer neuen Schüben besiedelt haben, im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft“. Mit dem erneuten Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in den USA defiliert Heinrich August Winkler durch die neuere Geschichte des Landes, mit den eher als positiv bewerteten Politiken von Barack Obama, dem mehrheitspolitisch eher unverständlich, jedoch dem US-amerikanischen Wahlgesetz geschuldeten Erfolg des neuen, 45. Präsidenten Donald Trump. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er Trumps Politik als schädlich für eine gleichberechtigte und friedliche, humane Weltentwicklung betrachtet; und er hofft, wie viele andere auch, auf ein „nach Trump“.

Mit der Frage „Zerfällt die EU?“ thematisiert der Autor eine Reihe von Entwicklungen, in Kroatien, in Polen, Ungarn, der Erstarkung von rechtspopulistischen und nationalistischen Kräften in den Niederlanden, in Frankreich, in Deutschland… Den Irritationen, wie sie sich beim „Beitrittskandidaten“ Türkei darstellen, und für die es bisher keine nennenswerten, positiven Antworten gibt. Im Zusammenhang damit ergibt sich konsequenterweise die Frage: „Zerbricht der Westen?“ – durch die irritierende Amtszeit des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump, die Uneinigkeiten, wie sie sich beim Kampf gegen den Terrorismus und Islamismus zeigen, und nicht zuletzt durch die umstrittenen Vorstellungen und Perspektiven, wie eine europäische und globale Einigung in der (nahen) Zukunft aussehen sollte: In dem von der EU-Kommission zum 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge im März 2017 vorgelegtem „Weißbuch zur Zukunft Europas“ gibt es fünf Szenarien, wie sich die Kommission die Weiterentwicklung der Europäischen Union vorstellt. Sie reichen von dem eher abzuratenden „Weiter so wie bisher“, bis hin zu den wünschenswerten, in hoffentlich nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag reichenden Wirklichkeiten, dass sich die Mitgliedsstaaten in immer mehr Politikfeldern auf gemeinsame Entscheidungen einigen. Bis dahin wird zwar noch viel Wasser die Flüsse Europas und in der Welt hinunter fließen; aber wenn der antike Spruch „Panta rhei“, alles fließt, eine grundlegende Bedeutung für ein humanes, menschliches Dasein hat, nämlich, dass für ein gutes, gelingendes Leben aller Menschen auf der Erde Veränderungen unverzichtbar sind, lohnen die immer wieder neuen Versuche, Europa, den Westen und die Eine Welt auf demokratischen, freiheitlichen, friedlichen gemeinsamen Wegen voran zu bringen.

Fazit

Die aktuelle, geschichtliche Analyse der Weltentwicklung, aus der Sicht des Westens, ist unvollständig, wenn dabei nicht immer auch der ganzheitliche, globale Blick bemüht wird. Die (europäische) Einschätzung, dass, „allein auf sich gestellt, ( ) kein Mitgliedsstaat der Europäischen Union sich im Zeitalter der Globalisierung behaupten (kann)“, bedeutet eben auch, dass es lohnt, die „europäischen Errungenschaften“, allem voran die Demokratie, als Weltmaßstab für ein humanes Zusammenleben aller Menschen auf der Erde zu bestimmen und voran zu bringen. Die leidenschaftlichen und engagierten Plädoyers für ein demokratisches Europa und eine demokratische Eine Welt. Im Leitartikel des Spiegel, Nr. 32/2017, „Grenzen der Humanität“ stellt René Pfister fest: „Nichts hat Europa mehr auseinandergetrieben als die Verlogenheit, mit der die Debatte über die Flüchtlinge geführt wurde“. Mit diesem Hinweis, der in der Tendenz dem Tenor der historischen Betrachtung der Frage „Zerbricht der Westen?“ entspricht, lässt sich feststellen: Heinrich August Winkler gelingt es, mit klaren Hinweisen, historischen Belegen und nachvollziehbaren Urteilen darauf aufmerksam zu machen und aufzufordern, gegen undemokratische, populistische, nationalistische und rassistische Entwicklungen und Fake News aktiv und engagiert anzugehen, lokal, regional und global!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.10.2017 zu: Heinrich August Winkler: Zerbricht der Westen? über die Krise der Gegenwart in Europa und Amerika. C.H.Beck Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-406-71173-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23382.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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