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Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil

Cover Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2017. 342 Seiten. ISBN 978-3-498-04468-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Es ist die Spur, die der Vater hinterlassen hat

Die Spur ist sichtbar, an ihm, dem Sohn! Denn der Vater ist Nigerianer aus Westafrika. Er kam Ende der 1960er Jahre nach Deutschland, um Medizin zu studieren. Seine Mutter, damals Gemeindehelferin, lernte ihn, der den für Deutsche ziemlich unaussprechlichen Igbo-Namen Ozurumba trug und sich deshalb, wenn er in Gesellschaft mit Deutschen war, Lewis nannte, bei einem Gemeindefest in Münster kennen und lieben. Ijoma Alexander (der deutsche Vorname wurde ihm in Erinnerung an Mutters Großvater gegeben) wurde 1971 in Heidelberg geboren. Seine Mutter hat dort in einem Privatinstitut Psychotherapie studiert, und sein Vater war an der Universität eingeschrieben. Als sein Vater als Chirurg nach Nigeria zurückging und seine Mutter nicht mitgehen wollte, schien für die Restfamilie, Mutter und Sohn, das Kapitel „Vater“ erst einmal abgeschlossen. Während der Schulzeit am Kurfürst-Friedrich-Gymnasium erlebte der Junge keine Ablehnung. Aber mit seinem dunkelhäutigen Aussehen aber doch Aufsehen; zwar weniger bei den Mitschülern und Schülerinnen, aber doch bei einigen Lehrern; und natürlich außerhalb. Das verdeutlicht sich in der schönen Geschichte, als er in einem Eisenbahnwaggon zusammen mit einer Gruppe von „Kaffeetanten“ saß. Bald kam die Frage: „Wo kommst du denn her?“. Die Antwort „Aus Heidelberg“ befriedigte natürlich nicht. Als er auf die Frage „Und woher kommt deine Mutter?“ erwidert: „Aus Schlesien“, kam die erlösende Reaktion: „Aus Tunesien, das sieht man doch gleich!“.

Schauen wir auf den Titel von Ijomas Geschichte: „Das deutsche Krokodil“. Jemand, der in der Buchhandlung das Buch in die Hand nimmt und liest, dass dies die Erzählung von Ijoma Alexander Mangold sei, „er hat dunkle Haut und dunkle Locken“, da drängt sich sicherlich zuerst die Erwartung auf, dass das „Krokodil“ etwas mit dem afrikanischen Leben zu tun haben müsse. Weit gefehlt! „Das deutsche Krokodil“ ist die Typenbezeichnung einer beige-roten IC-Lokomotive aus der Baureihe 196 im Märklin-Katalog, dem wichtigsten Buch, das der 10jährige Junge besaß. Diese Irritation charakterisiert vielleicht das Geheimnis, das der Junge und später auch der Erwachsene mit sich trägt, dadurch weder „verbogen“ werden konnte, noch sich als Außenseiter fühlte: „Wer heute arabisch ausschaut, wird leicht ungnädig angeguckt; eine Form gereizter Gruppenverurteilung, der ich nie ausgesetzt war: Ich gehörte keiner Minderheit an, ich war eine Singularität. Ein Individuum, das wegen eines afrikanischen Vaters, der ansonsten keine Rolle spielte, anders aussah“. Ijoma spielt mit dem Begriff „Krokodil“, und er kommt gar nicht auf den Gedanken, dass dies ein „Monster oder ein heimtückisches, gefährliches und unkalkulierbares Raubtier“ sein könnte (vgl. dazu: Jos Schnurer, 10. 1. 2013, www.sozial.de/von-krokodilen-lernen.html).

Er konnte auch mit dem Begriff „Afrodeutscher“ nichts anfangen. Und den von der Band „Advanced Chemistry“ intonierte Song „Fremd im eigenen Land“ bezog er nicht auf sich. Er dachte schon darüber nach, und Fragen kamen ihm wie: „Mache ich mir etwas vor?“ – „Bin ich blind für die Ausgrenzung?“ – „Aus Harmoniesucht?“ – „Verdränge ich das Unangenehme, um glücklich leben zu können?“. Erst nach dem Abitur, als er 1990 für sieben Monate in die USA ging, um im Summer Camp am Lake Michigan bei der Betreuung von amerikanischen Schulkindern mitzuhelfen und mit dem Leben und den Verhältnissen der „African American“ in Berührung kam. Sein Erstaunen und Erschrecken war groß, als er mitbekam, dass es ein „Green Book“ gab, das die schwarzen Eltern ihren Kindern in die Hand drückten, wenn sie aus den Nordstaaten in die Südstaaten, etwa zum Studium der Howard University, der Traditionsuniversität der Afro Americans, fuhren. In dem „Reiseführer für Schwarze“ konnte man nämlich erfahren, „welche Hotels Schwarzen ein Zimmer anboten und wo sie einen Kaffee trinken durften“.

Zurück in Deutschland leistete Ijoma Zivildienst in München. Danach begann er im Sommersemester 1992 an der Ludwig-Maximilians-Universität das Studium in Literaturwissenschaft und Philosophie. In diese Zeit fiel sein „Perspektivenwechsel“, den er weder vorausahnte noch erwartete. In einem Brief meldete sich sein Vater aus dem „Godwin Hospital“ in Nigeria. In gut leserlicher Schrift las er: „My dear son Ijeoma“… Wieso schrieb sein Vater seines Sohnes Vornamen falsch? Oder hatte er selbst in seinem bisherigen Leben seinen Namen falsch geschrieben? Vaters Schreiben war eher sachlich, wenn er auch seine Gefühle dabei nicht verbarg. Nach einigen Erklärungen, warum er sich erst jetzt erst bei ihm melde – „Blut sei dicker als Wasser“ – lud er ihn nach Nigeria ein. Ijomas Mutter freilich war erheblich weniger erstaunt als er selbst. Obwohl 22 Jahre vergingen, bis sich sein bisher von ihm nicht vermisster Vater bei ihm meldete, konterte sie: „Ganz feiner Kerl, dein Vater!“. Was war darauf an Bedenken, Kritik oder gar Ablehnung einzuwenden? Vielleicht war es eher seine jugendliche, gespielte Distanziertheit, die das Weitere bestimmten: Hin- und Rückflugschein vom Vater: Flug München – Frankfurt/M. – Lagos – Port Harcourt.

Ach ja, da war erst noch etwas dazwischen: Im Brief seines Vaters stand auch, dass er, Ijoma, in Nigeria vier Halbschwestern habe, und die älteste, Ikunna, studiere derzeit in Heidelberg Medizin. Mit ihr zusammen sollte er dann nach Nigeria fliegen. Das wäre alles schon vorbereitet, und Ikunna erwarte seinen Anruf, damit sie sich in Deutschland treffen und kennenlernen könnten. In den folgenden Monaten sahen sich die (neuen) Geschwister öfter, in München und in Heidelberg. Sie mochten sich, und Ijoma erfuhr viel von seiner neuen, zukünftigen Familie. Ijomas Mutter genoss diese Familienerweiterung und tat alles, um Ikunna „einzubinden“.

Als Reisetermin wurde der August und September 1993 festgelegt. Aber es kam etwas dazwischen. Ijomas Vater telefonierte, dass eine Änderung notwendig sei. Er selbst werde zu einer lange geplanten Nierentransplantation, zusammen mit seiner Schwester, ins Klinikum in Essen kommen. Die persönliche Begegnung mit ihm fand also früher als geplant und nicht in Nigeria, sondern in Deutschland statt: Würdevoll und eher ein bisschen distanziert, was ja angesichts der Situation auch nicht verwunderlich war. Sein Vater hatte in seinem Koffer eine Überraschung parat: Der „Chief“ holte ein langes, weißes Gewand heraus, das nigerianische Notabeln zu Feierlichkeiten trugen, dazu ein Zepter. Vater und Sohn legten die Gewänder an, und Ikunna dokumentierte die denkwürdige Zeremonie mit dem Fotoapparat.

Schließlich der Besuch in Ijomas „Vaterland“ Nigeria. Die einwöchige Zwischenlandung in Lagos, dem „Platz für Himmel und Hölle“, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt, die Megacity mit mehr als 20 Millionen Einwohnern, und dem „Schmelztiegel und Herz Nigerias“. Der Empfang durch seinen Cousin, einem einfluss- und stinkreichen Banker in seinem pompösen, streng geschützten Anwesen, seine und seiner Familie nach außen gestülpte Zugehörigkeit zur Upper class, stießen Ijoma eher ab. Zum Glück war seines Vaters Haus in Aba im Südosten Nigerias im Nigerdelta weniger auffällig. Auch die Stadt hatte rund 1,5 Millionen Einwohner. Im Gegensatz zu den Verwandten in Lagos herrschte im Haus eine traditionell-sittliche, eher bescheidene, wohltuende Ordnung; wenn auch die Hierarchien zwischen der Familie und den Hausangestellten deutlich waren. Den fremden Herausforderungen, denen Ijoma in seiner neuen Familie ausgesetzt wurde, nämlich gewissermaßen als neues, herausgehobenes Familienmitglied die Ehre zu haben, eigenhändig ein lebendiges Huhn zu schlachten, wurde er nicht gerecht, weshalb seine Schwester Ikunna dies selbstverständlich übernahm, ohne Skrupel.

Es war weder zu leugnen, noch zu übersehen, Ijoma war kein Nigerianer. Allzu viele Fallstricke taten sich auf, Mentalitäten irritierten und Gewohnheiten unterschieden sich. Es wurde Zeit, wieder in den Flieger zu steigen und nach Deutschland zurück zu kehren. Sein Vater war ja noch in der Essener Klinik, und seine Genesung schritt voran. Den Versuchen seiner neuen Familie in Nigeria, ihn einzubinden, ja sogar in gewisser Weise ideelle Besitzansprüche an ihn zu stellen, wollte er sich nicht ergeben; es ging ja auch darum, sein eigenes, zukünftiges Leben zu gestalten: „Ich fand, die Dinge waren nun einmal, wie sie waren, die neue Situation war anzuerkennen, aber ansonsten sollte bitte, alles seinen Trott gehen“. Es standen an: Ein Auslandsjahr in Bologna, um Italienisch zu lernen; Aufenthalte in den USA. Und nach dem Studium die ersten journalistischen Aufgaben in Berlin, in München. Doch das Drängen des Vaters, dass sein Sohn sich im „Vater“land niederlassen möge, ließen nicht nach, bis hin zu den beinahe ultimativen Entscheidungen, er, der Sohn, solle das Erbe des Vaters Privatklinik in Aba antreten. Doch für den Sohn waren Häuptlingszepter und Krankenhauschef keine Alternativen. Es war abzusehen: Die Enttäuschungen seines Vaters führten dazu, dass die Kontakte zwischen ihnen sporadischer wurden und mehr und mehr nachließen.

Ijoma ist und bleibt Deutscher. Die Wahl von Obama als US-amerikanischen Präsidenten schien für die USA, wie auch für die Welt, als eine Zäsur im rassistischen Denken zu sein. In einen Zeitungsartikel setzte sich der Journalist Ijoma Mangold damit auseinander: „Zwei Farben Schwarz“. Er, der bisher nie bewusst erlebte, dass seine Hautfarbe ein Hindernis für sein Selbstbewusstsein oder Tendenzen von Ausgrenzung und Diskriminierung sein könnten, erlebt einen Mentalitätswandel, der sich beinahe schleichend, wie das „Gerücht“ in A. Paul Webers Lithographie, durch die Welt bewegt. Für ihn, den mittlerweile anerkannten und nachgefragten Literaturkritiker, der sogar als der „schwarze Reich-Ranicki“ tituliert wird und 2015 als Gastprofessor an die Washington University eingeladen wurde, entstand, was er „Selbstmisstrauen“ bezeichnet. Es ist die Erkenntnis, die er aus der Wissenschaftstheorie filtert: „Von zwei möglichen Theorien zur Erklärung eines Phänomens entscheide man sich im Zweifelsfall für die einfachere und deshalb elegantere“.

Mit dem Tod seiner Mutter türmte sich ein Gebirge von Fragen auf, in dessen Schluchten und Tälern sich weitere Fragen, Entdeckungen und Überraschungen zu seiner Familiengeschichte verbargen. In der Erinnerung, beim Nachdenken über ihre vorausschauende und empathische Art, und beim Nachforschen über Situationen, Begebenheiten und Reaktionen von ihr und ihr fürsorglicher Umgang mit ihm, lassen ihn Entdeckungen machen, die er bei sich wiederfindet; etwa ihre Auffassung: „Man darf auch von Grundlosem erschüttert sein“. Ihr „Schutzfilter“ wirkt unerlässlich für ihn, auch wenn sie nicht mehr da ist. Der Tod des Vaters, im Herbst 2011, war längst kein so einschneidender Akt für ihn. Er war nicht bei seiner Beisetzung in Nigeria. Das aber hat sein Verhältnis zu seiner neuen Familie nicht getrübt, sondern eher gestärkt. So entsteht bei Ijoma eine Brücke und keine Mauer zu seinen Halbgeschwistern – und vielleicht auch zu seinem „Vater“-Land Nigeria?

Fazit

Der jetzt 46 Jahre alte Ijoma Mangold ist eine bekannte und anerkannte Persönlichkeit in der deutschen Gesellschaft und Medienlandschaft. Seit 2006 ist er Mitglied der Redaktion der Wochenzeitung DIE ZEIT in Hamburg, und seit 2013 deren Literaturchef. In diesem mittleren Lebensalter ist es meist noch nicht angesagt, eine Biographie über sein Leben zu verfassen; nicht nur deshalb nicht, weil das weitere Leben ja noch so viel Neues, Abwechslungs- und auch Anforderungsreiches bereit hält, sondern auch, weil die Lebenserfahrung vieles glättet, relativiert und anders als vorausgeahnt und -gedacht in den Blick nimmt. So lässt sich Ijomas interessante Geschichte deuten als ein Zwischenschritt von (auto-) biographischer Erinnerung und Zeitdiagnose. Damit ist „Das deutsche Krokodil“ ein interessanter Entwurf über ein positives Lebensschicksal, das nicht alltäglich ist und doch zunehmend den interkulturellen Alltag in Deutschland bestimmt, wenn es uns gelingt, die bösen Geister von Nationalismus, Rassismus und Populismus in die Schranken zu verweisen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.11.2017 zu: Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2017. ISBN 978-3-498-04468-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23383.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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