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Claudia Equit, Gabriele Flößer u.a. (Hrsg.): Beteiligung und Beschwerde in der Heimerziehung

Cover Claudia Equit, Gabriele Flößer, Marc Witzel (Hrsg.): Beteiligung und Beschwerde in der Heimerziehung. Grundlagen, Anforderungen und Perspektiven. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2017. 264 Seiten. ISBN 978-3-925146-93-0. 16,00 EUR.
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Thema

In ihrer Reihe „Grundsatzfragen“ legt die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGFH) diesen Sammelband mit insgesamt 13 Einzelbeiträgen vor.

Der Band kann zum einen als Betonung der Relevanz des Themas gesehen werden, indem durch viele Forschungsberichte bestätigt wurde, dass der Erfolg stationärer Maßnahmen der Erziehungshilfe maßgeblich von der Beteiligung der Adressat_innen abhängt. Zum anderen verweist er durchaus darauf, dass eine konsequente Umsetzung von Beteiligung in der Praxis bei weitem noch nicht erfolgt ist. In diesem Sinne schreiben die Herausgeber_innen in der Einleitung: „Mit dem vorliegenden Band wird der Versuch einer Bündelung und Systematisierung der Forschungsarbeiten und Ergebnisse zu Beteiligung und Beschwerde in der Heimerziehung im deutschsprachigen Raum unternommen.“ (S. 7). Jeder Beitrag schließt mit einem eigenen, meist umfangreichen Literaturverzeichnis ab.

Autorinnen und Autoren

Die Autor_innen sind mehrheitlich Forschende und Lehrende an Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Alle weisen einen spezifischen Bezug zur Sozialpädagogik im Allgemeinen und zum Thema Beteiligung im Besonderen auf.

Aufbau

Das 260 Seiten umfassende Werk ist in drei Rahmenkapitel gegliedert.

  1. Der erste Teil (5 Einzelbeiträge) behandelt „historische, theoretische und rechtliche Aspekte“,
  2. der zweite Teil (5 Beiträge) geht auf „Organisationskulturen“ ein,
  3. der dritte Teil (3 Beiträge) macht das Thema „aus der Sicht von Adressat_innen“ zum Gegenstand der Diskussion.

Zu Teil 1

Nach einer kurzen Einleitung macht Christian Schrapper den Aufschlag mit einer knappen historischen Analyse und betont dabei die Notwendigkeit, das Thema aus der Entwicklung der Heimerziehung seit der Nachkriegszeit und ihrer repressiven Praktiken zu begründen. Mit Blick auf die rechtlichen Bedingungen des Erziehungsverhältnisses wird die Frage nach notwendigen und geeigneten Verfahren zur Umsetzung von Kinderrechten gestellt.

Philipp Sandermann und Ulrike Urban-Stahl thematisieren die Begriffe „Beschwerde“ und „Ombudschaft“ und weisen auf spezifische Unterschiede, aber auch auf Missverständnisse bezüglich dieser Begriffe hin. Die Diskurse zum „Runden Tisch Heimerziehung“ sowie zum „Runden Tisch Kindesmissbrauch“ werden hergestellt und die Entwicklung der Kinderrechte in Deutschland seit den 90er Jahren wird nachgezeichnet.

Die Tübinger Forschergruppe Jan Karolus, Sandra Landhäuser, Rainer Treptow und Nina Wlassow leistet eine ausführliche Übersicht zu den „Bestandsaufnahmen und Modellprojekten“, die in Deutschland in den letzten Jahren zum Thema Beteiligung durchgeführt wurden. Im Einzelnen werden Projekte zu den Themen „Hilfeplanung“ und „Partizipationskultur in Einrichtungen“ aufgeführt. Jeweils wird spezifisch auf den Zeitraum, die Beteiligten sowie auf die Besonderheiten hingewiesen.

Das spezifische Thema der „Sozialpädagogischen Urteilsbildung“ wird von Pascal Bastian aufgegriffen. Urteilsbildung wird als interaktives Geschehen betrachtet und auf ihre Bedingungen untersucht.

In vielen Untersuchungen zum Thema hat sich erwiesen, dass nicht in erster Linie die Strukturen, sondern vielmehr die Haltungen der Mitarbeiter_innen den Erfolg von Partizipationsprojekten ausmachen. Dieser Beobachtung geht Tina Stremmer in ihrem Beitrag nach.

Zu Teil 2

Der zweite Hauptteil des Buches unter der Überschrift „Organisations-/institutionsbezogene Überlegungen“ wird von zwei Beiträgen von Petra Mund und Liane Pluto zum Aspekt der Organisationsentwicklung eingeleitet. Es wird deutlich gemacht, dass Beteiligung und Beschwerde wesentliche Prozesse in der Weiterentwicklung von Organisationen darstellen. Pluto analysiert dabei im Einzelnen die Ergebnisse der DJI-Studien zum Thema aus den Jahren 2004, 2009 und 2014.

Andrea Holz-Dahrenstaedt und Bernhard Babic berichten über ein Modellprojekt mit externen Vertrauenspersonen in Salzburg. Dabei werden auch die Besonderheiten der österreichischen Kinder- und Jugendhilfe betrachtet. Als Ergebnisse werden Beratungsthemen sowie Sichtweisen von Jugendlichen, Mitarbeiter_innen, aber auch von Jugendämtern analysiert.

Explizit auf die interne Kultur einer stationären Erziehungshilfeeinrichtung geht Claudia Equit ein. Der Beitrag basiert auf kontrolliert erhobenen Gruppendiskussionen mit Mitarbeiter_innen und mit Jugendlichen einer spezifischen Wohngruppe. Der Schwerpunkt liegt auf einer Betrachtung der impliziten und kollektiv geteilten moralischen Verpflichtungen in der Einrichtung als Hintergrund für eine gelungene Beteiligung.

Rebecca Schmolke und Eva Stengel diskutieren das Thema vor dem Hintergrund der Debatte über Wirkungsprozesse in der Heimerziehung und fragen kritisch nach den Bedingungen gelingender Beteiligung sowohl im Alltag der Gruppe wie auch in der Hilfeplanung.

Zu Teil 3

Der dritte Teil des Buches ist der Perspektive der Adressat_innen gewidmet. Er wird eingeleitet durch einen Forschungsbeitrag von Susan Borchert und Nina Jann, in welchem Interviews mit Jugendlichen ausgewertet werden. Motive und Ängste der Befragten werden herausgearbeitet und entsprechende Vorschläge für eine positive Beschwerdekultur erarbeitet.

Auch in den letzten beiden Beiträgen von Martin Gries und Peter Hansbauer sowie von Marion Moos wird über konkrete Forschungsprojekte berichtet, in denen Adressaten_innen direkt zu Wort kommen. Dabei fokussiert der erstgenannte Beitrag die Sichtweise der Eltern, der zweite Beitrag stellt die betroffenen Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt. Dabei werden Zugangshürden, Erfolgserwartungen und auch Fragen des Vertrauens in verschiedene Ansprechpartner_innen angesprochen.

Diskussion und Fazit

Der Band gibt insgesamt einen sehr guten und aktuellen Überblick zum Stand der Forschung in diesem Feld von Beschwerde und Beteiligung in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Alle Beiträge sind sehr verständlich geschrieben. Insgesamt ist das Spektrum der Perspektiven der Beiträge groß und reicht von Überblicksreferaten bis zu konkreten Darstellungen von Forschungsergebnissen. Der Band eignet sich daher sehr gut für alle Mitarbeiter_innen und Leiter_innen von stationären Einrichtungen, die eine Kultur der Beteiligung fördern wollen. Er enthält viele entsprechende Anregungen und weist auch auf Hürden, Schwierigkeiten und Scheinerfolge hin. Somit kann dem Band eine hohe Praxisrelevanz bescheinigt werden. Sehr hilfreich sind auch die ausführlichen Literaturhinweise am Ende jedes Beitrags. Lediglich in den jeweiligen Einleitungen der Beiträge gibt es etliche Überschneidungen bei der Erörterung der jüngeren Entwicklungen in diesem Feld. Dennoch sind alle Beiträge recht kompakt gefasst und lassen sich durchaus auch als Einzelbeiträge gut lesen und verstehen.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 18.04.2018 zu: Claudia Equit, Gabriele Flößer, Marc Witzel (Hrsg.): Beteiligung und Beschwerde in der Heimerziehung. Grundlagen, Anforderungen und Perspektiven. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2017. ISBN 978-3-925146-93-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23390.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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