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Kerstin Jergus, Jens Krüger u.a. (Hrsg.): Elternschaft zwischen Projekt und Projektion

Cover Kerstin Jergus, Jens Krüger, Anna Roch (Hrsg.): Elternschaft zwischen Projekt und Projektion. Aktuelle Perspektiven der Elternforschung. Springer (Berlin) 2017. 250 Seiten. ISBN 978-3-658-15004-4. 39,99 EUR.
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Thema

Der vergangene Bundestagswahlkampf hat erneut gezeigt, wie sehr Familien in den Fokus politischer Akteure gerückt sind und damit auch den Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten einnehmen. Familienpolitische Vorschläge verschiedener Parteien richten sich an Eltern und deren Bedürfnisse. Ein Thema ist beispielsweise die Vereinbarkeit der Herstellung des familialen Alltags beziehungsweise der Sicherstellung familialer Sorgearbeit, mit den Anforderungen der Erwerbsarbeit: Familienalltag und damit auch Elternschaft werden zur Gestaltungsaufgabe unter komplexen Anforderungen. Diese Perspektive nimmt das Herausgeberwerk ein, indem es Elternschaft als „Projekt und Projektion“ verortet. Die Beiträge widmen sich dem Thema der Elternschaft als eigenständiges Forschungsfeld. Es werden Konturen einer Elternforschung beleuchtet, die in diversen disziplinären Zusammenhängen zu verorten sind.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Dr. Kerstin Jergus ist zurzeit Vertretungsprofessorin am Institut für Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Dresden.
  • Dr. Jens Oliver Krüger ist zurzeit Vertretungsprofessor am Institut für Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Dresden.
  • Anna Roch, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Schul- und Bildungsforschung der Universität Halle.

Entstehungshintergrund

Dem Herausgeberwerk ist eine Vortragsreihe vorausgegangen, die im Sommersemester 2015 am Zentrum für Schul- und Bildungsforschung (ZSB) der Universität Halle stattgefunden hat.

Aufbau

Nach einem einleitenden Text der Herausgeber folgen die einzelnen Beiträge, die den folgenden drei Themenschwerpunkten zugeordnet sind:

  1. Elternschaft im Gefüge von Politik, Praxis und Wissenschaft
  2. „Doing Parent“ – Praxen, Inszenierungen und Aushandlungen von Elternschaft
  3. Pluralisierungen und Normierungen ‚guter‘ Elternschaft

Zu Teil I

Der Zusammenhang zwischen der modernen Form auf Ehe basierender Elternschaft und der Genese des nationalen Wohlfahrtsstaats wird im Beitrag von Désirée Waterstradt herausgearbeitet. Es zeigt sich eine Perspektive, in der Elternschaft nicht exklusiv, sondern in Interdependenz mit gesellschaftlichen und (national-)staatlichen Entwicklungen betrachtet wird.

Heidi Rosenbaum zeichnet anhand von Interviewstudien einen Wandel von Eltern-Kind-Beziehungen nach. Herausgearbeitet wird das aktuelle Leitbild kindzentrierter und emotional-intimer Elternschaft, das sich aus der Diversität sozialer Milieus im zeitlichen Verlauf herausgebildet hat. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts profitieren einzelne gesellschaftliche Milieus in unterschiedlichem Maße von wirtschaftlichen Aufschwung und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen. Die Autorin zeigt auf, wie sich in dieser Phase Eltern-Kind-Beziehungen – in unterschiedlichen Milieus – entwickelt haben.

Eine umfangreiche Rekonstruktion des (west-)deutschen familienpolitischen Diskurses wird von Lena Correll und Karsten Kassner vorgelegt. Sie beleuchten – aus wissenssoziologischer Perspektive – Regierungserklärungen und Familienberichte und arbeiten heraus, wie Elternschaft in je historische und gesamtgesellschaftliche Normierungen eingebunden ist. Deutlich wird dabei, dass zunächst Frauen im Rahmen der Familienpolitik zur biologischen Mutterschaft angehalten werden, während Männer als Väter kaum thematisiert werden. Vor dem Hintergrund einer politisch gewollten Mutterschaft, wird somit der Frauenleib – so die Autoren – eine Projektionsfläche öffentlicher Diskurse.

Sozialpolitische Aktivierungen von Elternverantwortung stehen im Fokus des Beitrags von Nina Oelkers, die anhand des Rechtsbegriffs des „Kindeswohls“ aufzeigt, dass sich mit der Aktivierung des Wohlfahrtsstaats auch der Blick auf Kindheit verändert hat. Damit einher geht eine Aktivierung von Eltern, die ihre Kinder optimal fördern und erziehen sollen. Die Autorin lenkt den Blick abschließend auf Benachteiligung und soziale Ungleichheit; also auf jene Eltern, die angesichts individueller Verantwortungszuschreibungen aus dem Blickfeld geraten.

Kerstin Jergus thematisiert das bildungspolitische Interesse an der Bildungsbedeutsamkeit von Kindheit und stellt die Rolle von Eltern in Zeiten sich wandelnder Erwartungshaltungen und steigender Bildungsorientierungen in den Mittelpunkt. Anhand der Analyse des Bildungsplans des Landes Hessen verdeutlicht sie, dass Eltern neben institutionellen Akteuren in einer gemeinsamen Verantwortung für die Bildungsbiographie ihrer Kinder angesprochen werden. Damit – so die Autorin – ist zudem danach zu fragen, welche Räume für Familien bleiben, die von Anforderungen der Optimierung von Elternschaft noch nicht durchdrungen wurden.

Zu Teil II

Familie als Herstellungsleistung ist Thema im Beitrag von Karin Jurczyk. Die Autorin differenziert unterschiedliche Anforderungen an Eltern aus und fragt danach, ob diese angesichts dieser Anforderungen eine zunehmende Überforderung wahrnehmen. Sie unterscheidet zwischen Routinen und Ritualen in Familien, die im Alltag fast beiläufig praktiziert werden, und bewussten sowie geplanten Aktivitäten, die scheinbar – so Jurczyk – unter den heutigen Lebens- und Arbeitsbedingungen immer bedeutender werden. Vor dem Hintergrund soziohistorischer Veränderungen, werden aktuelle Anforderungen an Familien analysiert.

Eine sich weiter ausdifferenzierende Pädagogisierung der Elternschaft beschreiben Marion Ott und Anna Roch. Anhand empirischen Materials rekonstruieren sie, welche Orientierungen für Eltern die Definition einer eigens praktizierten „guten Elternschaft“ bestimmen. Zwei Pole werden deutlich: Zentral ist, wie das „Wohl des Kindes“ konturiert wird und wie Eltern ihre Elternschaft als eigenes Projekt bearbeiten (können).

Rhea Seehaus nimmt anhand von Beobachtungs- und Interviewmaterial das Thema der Elternverantwortung in den Blick. Sie untersucht, wie sich eine Aktivierung elterlicher Verantwortung in prä- und postnatalen Kurs- und Beratungsangeboten herleitet. Am Mutterleib manifestiert sich die Elternsorge, die zwischen Fremd- und Selbstzuschreibungen austariert wird.

Die Adressierung von Eltern in Erziehungsratgebern wird von Jens Oliver Krüger analysiert. Der elterlichen Verantwortung steht in seinem Beitrag die Kategorie der elterlichen Verunsicherung gegenüber. Auf die Diagnose einer Verunsicherung antworten Elternratgeber und adressieren Eltern mit dem Ziel, die eigene Erziehungspraxis zu optimieren.

Kaja Kesselhut, Mark Kluge und Dominik Krinninger fokussieren Familie als Ort sozialer Praxis, der sich durch die spezifische Dynamik wechselseitiger Interaktion von Eltern und Kindern fassen lässt. Vor dem Hintergrund ihrer Analysen aus einem ethnographischen Forschungsprojekt, arbeiten sie alltägliche (pädagogische) familiale Praxen heraus. Diese wiederum stehen in einem je familienspezifischen Verhältnis zu pädagogischen Institutionen.

Zu Teil III

In ihrem Beitrag arbeitet Ulrike Deppe den englischsprachigen Diskurs zu Elternschaft der letzten zwei Jahrzehnte heraus und geht auf dessen Anschlüsse an die deutschsprachige Debatte ein.

Maja S. Maier stellt die Herausforderungen einer diversitätsreflexiven Elternforschung dar. Grundlage ihres Beitrags bilden die Ergebnisse einer qualitativen Studie zu hetero- und homosexuellen Paarbeziehungen.

Vor dem Hintergrund einer intersektionalen Perspektive zeichnen Andreas Lange und Barbara Thiessen familien- und sozialpolitische Diskurse nach, die die Verantwortung für die Bildungsbiographie von Kindern an die Eltern adressieren. Die Autoren verweisen dabei auch auf mögliche Grenzen und Belastungen von Eltern, die – vor dem Hintergrund fehlender Ressourcen – an den Entwicklungen neoliberaler Modernisierungsprozesse nicht teilhaben können.

Das „Projekt“ der Elternschaft untersucht Stefanie Leinfellner bei sogenannten Doppelkarrierepaaren im Arbeitskontext Wissenschaft. Anhand empirischen Materials wird deutlich, dass eine hohe Leistungsorientierung im Wissenschaftsbetrieb erschwerend auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wirkt. Vor dem Hintergrund der durchgeführten Interviews zeigt die Autorin auf, dass Elternschaft bei zwei parallelen Karriereverläufen einerseits als performatives Projekt zu fassen ist, durch das die Befragten andererseits als wahrgenommenes Idealbild adressiert werden.

Diskussion

Das Herausgeberwerk umfasst eine Vielzahl an Beiträgen, denen eine Vortragsreihe vorausgegangen ist. Die Beiträge fügen sich thematisch gut in die gesamte Veröffentlichung ein und sind zudem – in den drei Teilen des Herausgeberwerkes – gut strukturiert. Erfreulich ist, dass einzelne Autorinnen und Autoren auf jeweilige Beiträge des Herausgeberwerkes Bezug nehmen. Insgesamt schließen die Texte auch inhaltlich gut aneinander an.

Nach der Lektüre aller Beiträge ergibt sich ein detaillierter Überblick darüber, welche Anforderungen an Eltern sich aus dem (vermeintlichen) „common sense“ der Gesellschaft ergeben und wie das „Projekt“ der Elternschaft daraufhin in optimierter Weise (vermeintlich) gestaltet werden soll.

In Teil II des Herausgeberwerkes ist an zahlreichen Stellen von einer „Elternverantwortung“ zu lesen. Angesichts der herausgearbeiteten gesellschaftlichen Anforderungen und Anrufungen an (werdende) Eltern ist die Verantwortung dieser natürlich zu betonen. Auf der anderen Seite fügen sich einige Beiträge jedoch auch in die Perspektive ein, die Familie als einen Erfahrungsraum betrachtet: So wird deutlich, dass sich Familien zu dem gesellschaftlich vorhandenen Wissen in ihrer Alltagspraxis stetig ins Verhältnis setzen (müssen). Eine solche wissenssoziologische Lesart (wie etwa im Beitrag von Lena Correll und Karsten Kassner) birgt das große Potenzial, Elternschaft und familiale Praxis an der Schnittstelle zwischen dem familialen Binnenraum und der gesellschaftlichen Einbettung von Familie als soziale Gemeinschaft zu verorten, wie auch der Titel des Herausgebewerkes gedeutet werden kann.

Fazit

Alle Beiträge zeichnen sich durch profunde Analysen aus und bieten insbesondere in ihrer Zusammenschau eine anregende Lektüre. Konturen einer interdisziplinären Elternforschung treten somit deutlich zu Tage. Die Vielfalt an inhaltlichen Nuancen der Beiträge macht das Herausgeberwerk äußerst lesenswert.


Rezensent
Dr. phil. Michael Hermes
Fachreferent für Familie und generationenübergreifende Verbands- und Zielgruppenarbeit, Kolpingwerk Deutschland
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Zitiervorschlag
Michael Hermes. Rezension vom 20.11.2017 zu: Kerstin Jergus, Jens Krüger, Anna Roch (Hrsg.): Elternschaft zwischen Projekt und Projektion. Aktuelle Perspektiven der Elternforschung. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-658-15004-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23391.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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