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Werner Schöny (Hrsg.): Sozialpsychiatrie - theoretische Grundlagen und (...)

Cover Werner Schöny (Hrsg.): Sozialpsychiatrie - theoretische Grundlagen und praktische Einblicke. Springer (Berlin) 2017. 278 Seiten. ISBN 978-3-662-54625-3. 49,99 EUR.
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Thema

Das Buch hat sich zur Aufgabe gesetzt, aus der Perspektive der „Sozialpsychiatrie als wissenschaftliche Disziplin“ „das Thema psychische Krankheit und Gesundheit… in seiner gesamten Vielfalt und Weitläufigkeit“ darzustellen. Dabei werden sowohl theoretische und konzeptionelle Aspekte wie auch verschiedene Anwendungsbereiche angesprochen. Bezugsraum ist meist das österreichische Versorgungssystem, an vielen Stellen werden auch Materialien und Daten aus der Bundesrepublik Deutschland einbezogen.

Herausgeber

Der Herausgeber des Buches ist Prof. Dr. Werner Schöny, langjähriger Direktor eines staatlichen österreichischen Versorgungskrankenhauses und Pionier in der Etablierung sozialpsychiatrischer Perspektiven in Österreich.

AutorInnen und Autoren

Die Autoren sind sämtlich Mitarbeiter/innen von „pro mente Oberösterreich“, einer Regionalgliederung des führenden sozialpsychiatrischen Dachverbands Österreichs. Pro mente betreibt Tagesbetreuungseinrichtungen, Wohnheime und Arbeitsangebote und versteht sich als Lobby für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Die jeweiligen fachlich-professionellen Hintergründe der Autoren werden nicht offengelegt, lediglich die akademischen Titel (Mag.) ohne weitere Informationen genannt. Erst durch Internetrecherche lassen sich die Qualifikationen der Autoren identifizieren: es handelt sich sämtlich um Soziologen, zwei davon von mit Zweitstudien (Jura, Psychologie).

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in eine Einleitung in Kapitel 1 und acht inhaltliche Kapitel, der Herausgeber steuert ein Vor- und ein Schlusswort hinzu.

Das Kapitel 2, „Sozialpsychiatrie: Begriff, Themen und Geschichte“, versucht eine definitorische Verortung der Sozialpsychiatrie inner- oder außerhalb der Psychiatrie („Oppositionelle Position“: Sozialpsychiatrie ist ohne eine klare antipsychiatrische Position nur ein Feigenblatt; „Vereinnahmende Position“: Psychiatrie ist nur ergänzt um das Soziale denkbar (Dörner); „integrierende Position“: Sozialpsychiatrie, biologische Psychiatrie und Psychotherapie ergänzen sich zu einer „gewinnbringenden multiperspektivischen Perspektive“). Die Autoren positionieren sich, indem sie zwar die Dörnersche Forderung in der Tendenz unterstützen, aber zur Vorsicht mahnen, damit „potenzielle Konfliktlinien zu verdecken“. Die Sozialpsychiatrie soll aus Sicht der Autoren einen „kritischen Blick auf Herrschaftsverhältnisse“ und die „zunehmende bzw. erneute Biologisierung der Psychiatrie“ bewahren. Es folgt eine komprimierte Geschichte der Psychiatrie und Sozialpsychiatrie ab der Aufklärung. Die nationalsozialistische Epoche mit der Pervertierung einer „völkisch-eugenisch-rassenhygienisch“ pervertierten „Sozialpsychiatrie“ und ihren Instrumenten, dem „Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ und dem Massenmord im Rahmen der „Aktion T 4“, wird komprimiert und treffend abgehandelt.

Die Entwicklungen der Nachkriegszeit werden unter den Aspekten „Psychopharmakotherapie“ und „1968er-Bewegung und Antipsychiatrie“ skizziert, sodann die Psychiatriereform sehr kurz erläutert, die Auflösung der Großkrankenhäuser zwar als wünschenswert benannt, die Entwicklung von außerklinischen Versorgungsstrukturen jedoch kritisch als Um- oder Reinstitutionalisierung bewertet.

Die Autoren beschreiben abschließend als zentrale „Gegenwärtige Entwicklungen“ eine Orientierung an den Naturwissenschaften, die entweder im Sinne einer sinnvollen gegenseitigen Ergänzung von natur- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven begrüßt oder aber als „gesellschaftsaffirmativ“ abgelehnt werden könne. „Positivistische“, d.h. mit Comte antimetaphysisch-szientizistische Konzepte dienten vor allem der Legitimierung eines Effizienzdrucks. Dieser Gedanke wird in dem zweiten beschriebenen Großtrend der „Ökonomisierung“ wieder aufgenommen.

Das Kapitel 3 „Gesellschaftstheoretische und normative Grundlagen“ befasst sich mit Krankheits- und Behinderungsbegriffen. Es referiert zunächst auf der „Diskursebene“ die medizinischen, sozialen und kulturellen Behinderungsmodelle anhand der Standardliteratur, positioniert sich allerdings mit der unkommentierten Übernahme von Klischees („Das ärztliche Interesse gilt der Krankheit, nicht dem Menschen“) sehr einseitig. Nicht erwähnt werden die elaborierten, teils auch juristisch und fachlich kodifizierten Berufsethiken von Psychotherapie und Medizin, die sämtlich systemisch-überindividuelle Perspektiven enthalten. Die Autoren konstatieren eine Nähe zwischen „kulturellem“ und „sozialem“ Modell der Behinderung und messen diesen beiden aus ihrer Warte die höchste Erklärungskraft zu. Zu Recht erwähnen sie in diesem Zusammenhang die vor allem angloamerikanischen „disability studies“, verzichten aber auf Details der sehr komplexen Diskussion, die den Rahmen des Buchs gesprengt hätten.

Analog referieren die Autoren Krankheitsbegriffe und ordnen diese als „naturalistisch“, „normativ“ oder „skeptisch“ (letzteres mit der These, Diagnosen seien Zuschreibungen der Psychiatrie in ihrer Rolle als Unterdrückungsinstitution) ein. Sie beschreiben zutreffend, dass diese je nach gesellschaftlichem Subsystem und Praxisfeld unterschiedliche Gewichte besitzen.

Auf der „Strukturebene“ befassen sich die Autoren mit gesellschaftlichen Strukturen, innerhalb derer einerseits die Diskurse stattfinden, andererseits die Sozialpsychiatrie handelt. Hier beschränken sie sich in explizit als „marxistisch“ gekennzeichneter Perspektive auf die Auseinandersetzung mit dem „neoliberalen Kapitalismus“, der (mit Anleihen bei Althusser) vor allem durch repressive und und ideologische Staatsapparate gekennzeichnet sei. Er dränge zur Selbstausbeutung, entmachte Gewerkschaften, diszipliniere und sanktioniere u.a. Menschen mit Behinderungen. Auch für Österreich gelte, dass der Zugang zu Lohnersatzleistungen erschwert und das Leistungsniveau gesenkt werde, die Sozialpolitik kehre sich von der langfristigen Gemeinwohlorientierung ab, Sozialausgaben würden gedämpft.

Im Zwischenfazit greifen die Autoren dies erneut auf und konstatieren „soziale Mißstände, eine zunehmende Prekarisierung, ökologische Probleme“ als Folge der „neoliberal-kapitalistischen“ Verfasstheit, die wiederum ursächlich für eine „Vielzahl psychosozialer Problemlagen“ seien. Sozialpsychiatrie habe daher aus Sicht der Autoren stets eine Kritikfunktion der sozialen Verhältnisse. Ebenso sei sie selbst als Institution von Ökonomisierungsprozessen betroffen, etwa stelle die Arbeitsmarktorientierung eine „Zielverengung“ dar; auch wird die Forderung nach Effizienz sozialer Dienste beklagt.

Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit den supranationalen Bemühungen um eine Kodifizierung und Durchsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderungen und schildert hier knapp österreiches, europäisches und UN-Recht, hier vor allem die UN-BRK. Diese bedeute bei allen Verdiensten aber nicht nur einen Fortschritt, sondern berge auch Gefahren, in dem etwa die Forderung nach schulischer Inklusion auch als Möglichkeit zur Abschaffung kostenintensiverer Institutionen missbraucht werden könne.

Die Autoren schließen sich hier in der Bewertung Grubers an, der die UN-BRK als Instrument sieht, „Kerben“ in die „kapitalistische Hegemonie“ zu schlagen. Dass die UN-BRK in einer globalen Betrachtung allerdings nur in liberalen Demokratien überhaupt wirksam wird, daher diese Kritik vor allem an autoritäre und totalitäre Systeme, unter deren Herrschaft ja die weit überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung lebt, zu richten wäre, ignorieren die Autoren; dazu mehr in der abschließenden Bewertung unten.

Abschließend stellen die Autoren die (auch) sozialpsychiatrisch wichtigen Konzepte der Inklusion, des Recovery und des Empowerments dar.

Kapitel 4 befaßt sich mit der Sozialpsychiatrie als „ursachenbezogener und epidemiologischer Forschung“. Die Autoren schildern anhand der ICD-Kriterien Angststörungen, Depression, Demenz und Schizophrenie und referieren diverse Prävalenz- und Inanspruchnahmedaten. Auch hier plädieren sie für „gesellschafts- und sozialpolitische Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ungleichheit“. Eine spezifischere Differenzierung nach Ursächlichkeit mit Blick auf verschiedene Krankheitsbilder unterbleibt. In einem weiteren Abschnitt referieren die Autoren Motivation und Entwicklung der ICF, die sie als „Alternative“ zu ICD und DSM bezeichnen; streng genommen ist dies nicht zutreffend, da ICD/DSM-Diagnosen konstitutiver Bestandteil der allerdings wesentlich weiteren Betrachtungsperspektive der ICF sind. Dennoch ist diese kurze Darstellung des hoch komplexen Instruments hilfreich.

Kapitel 5 beschreibt Sozialpsychiatrie als „Versorgungsforschung“ und greift hier wesentliche historische und institutionelle Entwicklungslinien der Sozialpsychiatrie ebenso wie Stichwörter aus Qualitätssicherung und Management auf. Einen Schwerpunkt bilden Methoden und Ansätze der Versorgungsforschung, die an österreichischen Versorgungsdaten exemplifiziert werden. Gut deutlich wird die hohe u.a. regionale und fachliche Variationsbreite der tatsächlich existierenden Versorgungsstrukturen, um deren bessere Bedarfsgerechtigkeit man sich staatlicherseits mit vor allem administrativen Regulationsinstrumenten bemüht. Die Autoren plädieren grundsätzlich für integrierte an Stelle sektorisiert ausgerichteter Angebote.

Kapitel 6 nimmt „Sozialpsychiatrie als Wirkungsforschung“ in den Blick. Zunächst führen die Autoren in sozialwissenschaftliche Theoriediskussionen ein. Konkret werden dann Daten aus der beruflichen Rehabilitation (mit einem „Prä“ des „Place and Train“ gegenüber „Train and Place“), Ergebnisse aus der forensischen Nachsorge (die den auch rückfallpräventiven Nutzen spezifischer Therapie belegen) sowie Nutzerbefragungen zur Zufriedenheit mit psychiatrischen Dienstleistungen angeführt.

Kapitel 7 gibt einen Überblick über die „Sozialpsychiatrie als präventive Disziplin“. Nach einer kurzen Einführung in allgemeine Präventionskonzepte und die dort verwandte Terminologie sowie die zentralen Begriffe von Salutogenese und Resilienz greifen die Autoren die in Kapitel 3 besprochenen Diagnosegruppen wieder auf und nehmen abschließend Alltagsfragen der Prävention und Gesundheitsförderung aus der jeweiligen Perspektive von Betroffenen, Angehörigen, Professionellen und der allgemeinen Öffentlichkeit in den Fokus. Die Darstellung der genannten diagnosebezogenen Präventionskonzepte ist bei Angsterkrankungen und Depressionen materialreich und für weitere Recherchen ergiebig, unterschlägt aber die wichtige Differenzierung zwischen vorwiegend reaktiven bzw. lebens- und lerngeschichtlich zu verstehenden Depressionsformen einer- und den vorwiegend eigengesetzlich-biologisch bedingten Depressionsformen andererseits. Die Ausführungen zu den Erkrankungsgruppen Demenz und Schizophrenie referieren nur kurz und unsystematisch den aktuellen klinisch-psychiatrischen Wissensstand, eine sozialpsychiatrische Positionierung etwa zur Frage des gesellschaftlichen Umgangs mit Cannabis als bei Jugendlichen stark psychosebegünstigenden Faktors dagegen fehlt.

Das Kapitel schließt mit der Darstellung einiger Initiativen und Projekte von „pro mente Oberösterreich“. Diese betreffen etwa Klientenzufriedenheit und Elterncoaching.

Kapitel 8 betrachtet Sozialpsychiatrie als „soziologische Disziplin“ und thematisiert einerseits wichtige konkrete Fragen wie Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch kranker Menschen, greift im Abschnitt „Sozialepidemiologie“ aber auch schon früher im Buch dargelegte gesamtgesellschaftliche Entwicklungen auf und adressiert erneut ausschließlich eine Kritik am Status quo westlicher Demokratien.

Die Darlegungen zu Stigmatisierung und Diskriminierung geben den aktuellen Wissens- und Forschungsstand zutreffend wieder und sind gewinnbringend, dies gilt nicht immer für die „Systemkritik“. In manchen Passagen sind die Darlegungen für Österreich zutreffend, können aber z.B. auf Deutschland nicht übertragen werden. So kennt Psychotherapie in Deutschland keine Selbstbeteiligung und der Zugang ist für gesetzlich Krankenversicherte grundsätzlich offen; dies hätte Erwähnung finden müssen. Die Aussagen zu privaten Krankenversicherungen sind generell unzutreffend: es gibt weder in Österreich noch in Deutschland einen einheitlich geringeren Leistungsumfang für die Behandlung psychischer Erkrankungen, sondern dieser ist bei Vertragsabschluss frei verhandelbar, danach allerdings binden die Vereinbarungen beide Parteien. Das ist wie analoge Konstellationen bei Zahnbehandlung und -Ersatz Ausdruck des Äquivalenzprinzips der privaten Krankenversicherung, aber wohl kaum ein Beleg für eine „systematische Benachteiligung von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen“ (S. 187).

Die zitierten, empirisch unbestrittenen Daten u.a. zur erhöhten Arbeitslosigkeit, Verschuldung, Mietrückständen und Obdachlosigkeit bei Menschen mit psychischen Erkrankungen belegen für die Autoren ebenfalls ausschließlich „systematische Diskriminierung“; die je nach Diagnose- und Personengruppe sehr unterschiedliche „shift“- vs. „drift“-Problematik (sehr verkürzt: bedingt soziale Problematik/Ausgrenzung psychische Krankheit oder führen eher die Auswirkungen der Krankheit zum sozialen Abstieg?) wird ausgespart. Finanzielle Fehldispositionen gehören etwa bei Personen mit bipolaren Erkrankungen quasi-konstitutiv zum Störungsbild und führen in vielen Fällen ohne jede äußere „Diskriminierung“ zu Verschuldung und wirtschaftlichen Krisen, ebenso wie rückfallbedingte Ausbildungsabbrüche und chronische Negativsymptomatik bei Schizophrenien die berufliche Entwicklung per se behindern, wenn auch Stigma und Ausgrenzung dies (aber eben sekundär) weiter verschärfen. Dies gilt umso mehr für psychoorganische Erkrankungen. Hier wäre die gesellschaftlich sensible ethische Frage, wie die Balance zwischen individueller Freiheit und paternalistischen Schutzmechanismen zu gestalten ist, diskussionswürdig gewesen; die Autoren ignorieren dies in vielen sozialpsychiatrischen Konstellationen zentrale Problemfeld aber und ziehen sich auf eine vereinfachend-plakative Position zurück. Später im Kapitel (S. 203) werden dann „Shift“ und „Drift“ doch noch knapp thematisiert, aber in der Gesamtbetrachtung ignoriert.

Die Ausführungen zu psychischen Erkrankungen und Arbeitswelt, insbesondere der Häufigkeit krankheitsbedingter Frühinvalidität, stützen sich vor allem auf österreichische Zahlen und Daten. Während einige Trends denen in der Bundesrepublik gleichen, wäre bei anderen eine differenzierte Betrachtung etwa der unterschiedlichen rentenbegründenden Diagnosehäufigkeit (Beamte vs. Angestellte, Öffentlicher Dienst vs. Privatwirtschaft) ergiebig gewesen. Diese ist in der Bundesrepublik empirisch bemerkenswert: je sicherer der berufliche Status und je höher das zu erreichende Renten-/Pensionsniveau, desto häufiger wird mit psychischen Störungen ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben begründet. Dies impliziert erhebliche Dysfunktionalitäten im System der sozialen Sicherung, beansprucht erhebliche Ressourcen und hätte einer Erwähnung und Kommentierung der Autoren bedurft. Da davon auszugehen ist, dass die Tatsachen den Autoren bekannt sind, ist zu befürchten, dass sie bewusst ausgespart wurden, um nicht in Widerspruch zu dem durchgängigen ideologischen Leitmotiv des Buches zu geraten.

Das letzte Kapitel 9 ist mit „Trends und Herausforderungen“ betitelt.

Als „Trends“ werden die Digitalisierung am Beispiel der psychosozialen Beratung im Internet, die Ökonomisierung des Handelns auch psychosozialer Institutionen und neue Modelle von Betroffenenbeteiligung und Partizipation erwähnt, hier werden erneut Praxiserfahrungen aus Oberösterreich angeführt.

Als „Herausforderungen“ benennen die Autoren zum ersten die Betreuung junger Menschen von der Primärprävention bis hin zu quantitativen Mängeln in der ambulanten und stationären fachärztlichen Versorgung in Österreich.

Zum zweiten beziehen sie sich auf die Versorgung von Migranten und Asylbewerbern und plädieren u.a. für eine Verbesserung der Kultursensibilität, aber auch der ethnopsychiatrischen Expertise im Versorgungssystem.

Die dritte und letzte „Herausforderung“ sehen die Autoren im Phänomen der „Heavy User“, also der Personen, die das Versorgungssystem überdurchschnittlich häufig in Anspruch nehmen. Dieser Personenkreis wird vor allem quantitativ beschrieben, wobei die fachlich-psychiatrische Problematik bei einem häufig rückfälligen Suchtpatienten mit rasch wiederholten Entgiftungen eine andere ist als die bei einer Person mit einer rapid-cycling-Affekterkrankung oder einer Person mit hohem sekundären Krankheitsgewinn (etwa im laufenden Berentungsverfahren). Daher bleibt das Plädoyer für eine allgemeine „Verbesserung der Versorgungsstruktur“ wenig konkret; ein besseres Verständnis der einzelnen z.B. diagnosespezifischen Konstellationen und eine konsequente Betrachtung der jeweiligen Versorgungspfade wäre perspektivisch ergiebiger gewesen.

Diskussion einzelner inhaltlicher Aspekte

In der Kapiteldarstellung wurden einige Stärken und Schwächen des Buches bereits besprochen, hier seien einige zentralere Probleme angeführt.

  • Die Prämisse des Vorworts, es gebe „drei methodische Zugänge zur Psychiatrie, den soziologischen, den psychodynamischen und den biologischen“, ist fragwürdig. Die Psychodynamik als (rein individuumszentriert-entwicklungspsychologisches Gedankengebäude) vermag gegenüber einer übergreifenden lerngeschichtlichen und -psychologischen Perspektive, die etwa verhaltenstherapeutischen und/oder systemischen Interventionen eigen ist, deutlich weniger empirische Grundlagen anzuführen. Offensichtlich wird hier individuelle Psychotherapie unzulässigerweise mit einer ihrer Methoden gleichgesetzt- das stellt einen Kategorienfehler dar.
  • Die Schilderung ausgewählter Krankheitsbilder in Kapitel 4 ist wenig gewinnbringend und referiert lediglich und teils willkürlich ICD-Kriterien. Die Auswahl der Störungsbilder ist nicht nachvollziehbar; die Autoren wählen u.a. mit Schizophrenie und Demenz als schweren und chronischen, im wesentlichen kulturunabhängigen individuellen Phänomenen zudem solche, zu denen die Sozialwissenschaften gerade in Sachen Entstehung und Verlauf wenig beizutragen vermögen. Es wäre gewinnbringender gewesen, in diesem Kapitel etwa Essstörungen, Traumafolgestörungen oder Abhängigkeitserkrankungen, bei denen eine sozialpsychiatrische Perspektive konstitutiv ist, zu besprechen. Ein schwerer Fehler ist es, Schizophrenie mit einer Lebenszeitprävalenz von 1 % als Problem einer „vergleichsweise kleinen Gruppe von Menschen“ zu bagatellisieren, zudem an Schizophrenie Erkrankte wegen der oft lange bestehenden und ausgeprägten Problematik zu denjenigen Menschen gehören, deren Bedürfnisse erst zur Entwicklung vieler sozialpsychiatrischer Institutionen geführt haben und die in der Regel deren weitaus größte Klientengruppe darstellt.
  • Da, wo die Gesellschaft als Determinante des Stigmas als „zweiter Krankheit“ ins Spiel kommt, ist gerade die Soziologie sehr wohl gefragt: die Autoren verharren hier aber im Referieren von Positionen im „Mikrokosmos“ der entwickelten wohlfahrtsstaatlichen Demokratien, während in einer globalen Perspektive aus Sicht der Lebenssituation des psychisch kranken, in jedem Falle „abweichenden“, ggfs. in seinen „Funktionskompetenzen“ und dem Adaptationsvermögen beeinträchtigten Menschen eine „Gesellschaftsdiagnose“ z.B. anhand der Analyselinie kollektivistisch vs. liberal-individualistisch, religiös und/oder ideologisch vs. säkular, aber auch bad vs. good governance/soziale Teilhabe auch materiell und institutionell sichernd geboten gewesen wäre.
  • Was dem Buch vollkommen fehlt, ist ein Blick auf die gerade in grundsätzlich entwickelten Wohlfahrtsstaaten beobachtbare Tendenz zum „inverse care law“ (Julian Tudor Hart). Er belegte, dass im (staatlichen britischen) Gesundheitssystem diejenigen Menschen, die am schwersten krank sind, vergleichsweise am schlechtesten versorgt werden. Dies lässt sich etwa an Tendenzen zur „Mittelschichtspsychotherapie“, der raschen Expansion „psychosomatisch-psychotherapeutischer“ Kliniken, die schwer und akut psychisch Kranke explizit ausschließen, aber auch an der Nicht-Etablierung der Soziotherapie durch systematisches Hintertreiben der Krankenkassen empirisch analog auch im deutschen Gesundheitssystem für die Situation psychischer kranker Menschen gut belegen. Politikwissenschaftlich setzen sich hier organisierte und organisierbare Interessen gegenüber weniger artikulationsfähigen Gruppen durch, wobei die Bequemlichkeit der Dienstleister als starkes implizites Motiv mit viel Pseudo-Sozialrhetorik übertüncht zu werden pflegt. Hier wäre ein engagiertes sozialpsychiatrisches Plädoyer notwendig gewesen.
  • In der Endredaktion unterliefen etliche Detailfehler: eine „Rückfallquote von 4,5 Jahren“ (S. 129) ist absurd, das Fehlen ausgerechnet der Schizophrenie in den Häufigkeitstabellen auf S. 73 mehr als ärgerlich. Ein weder alltagssprachlich idiomatischer noch fachsprachlich definierter Begriff wie „neurochemische Insuffizienz“ (Tabelle 7.2) bedarf der Erläuterung, insgesamt hätte diese im Original englischsprachige Quelle der professionellen Übersetzung bedurft. An manchen Stellen fallen vollkommen misslungene syntaktische Konstruktionen auf, die den Lesefluss massiv stören und inhaltliche Missverständnisse fördern (S. 156: „Andere Egebnisse betonen die Wirksamkeit familienbasierter.. Verhaltenstherapien.. sowie die größere Wirksamtkeiten bei bestimmten Störungsbildern und ängstlichen Eltern von Bachmann et al. 2008 und Rapee 2012 bestätigt wird“ (sic!)).

Fazit

Das Buch versucht, das terminologisch, methodisch und inhaltlich „schillernde“ Feld der Sozialpsychiatrie umfassend zu beschreiben und einen Bogen von der historischen Entwicklung über eine aktuelle gesellschaftspolitische Verortung bis hin zu Fragen der Praxis des bevorzugten Arbeitsfeldes sozialpsychiatrischer Handlungsformen, der „gemeindenahen“, „lebensweltorientierten“, „subjektzentrierten“ Betreuung, Unterstützung und Behandlung psychisch kranker Menschen zu schlagen.

Diese Zielsetzung ist anspruchsvoll und wird unterschiedlich gut erreicht. Das Buch liefert einen guten Überblick über Begriffe und Diskussionslinien der Sozialpsychiatrie. Es vermag gewiss nicht, diese schlüssig und widerspruchsfrei zusammenzubinden und einen „roten Faden“ zu liefern. Dies liegt aber in der Natur des Gegenstands der Betrachtung und kann dem Werk nicht angelastet werden. Die teils sehr kleinschrittige Aufgliederung und Verschlagwortung der vielen behandelten Aspekte erleichtert nicht unbedingt eine flüssige Lektüre, hat aber den großen Vorteil, auch unabhängig von den jeweils bezogenen Standpunkten eine recht vollständige „Checkliste“ der im sozialpsychiatrischen Kontext zu bedenkenden Fragestellungen zu liefern: dies kann etwa bei der Projektplanung eine wertvolle Hilfe sein. Die Beschreibung exemplarischer Krankheitsbilder wirkt demgegenüber fast zusammenhanglos eingeschoben, ist in der Auswahl willkürlich und fachlich wenig weiterführend. Hier leidet das Buch erkennbar an der doch sehr einseitigen disziplinären Verortung der Autoren. Für eine mögliche Neuauflage würde der Rezensent dem Herausgeber dringend nahelegen, auch psychotherapeutische und psychiatrische Kompetenz einzubeziehen. Damit wären grobe Fehler wie die Aussage auf S. 158, die Frage nach präventiven Maßnahmen zur Demenz sei „schwer zu beantworten“, zu vermeiden. Für die zweithäufigste und angesichts der demographischen Entwicklung zunehmende Form der vaskulären (gefäßbedingten) Demenz lauten diese nämlich empirisch bestens abgesichert und vergleichweise banal: „Nichtrauchen, Normalgewicht halten, körperliche Bewegung“. Die kurz danach zitierte Literatur stellt dies auch zutreffend dar: der Widerspruch fällt aber den Autoren nicht auf.

Während die Einblicke in die österreichische Praxis gewinnbringend und plastisch dargelegt werden, vernachlässigen die Autoren maßgebliche Problematiken in der Bundesrepublik wie die Dysfunktionalitäten der ambulanten psychiatrischen und psychotherapeutischen Bedarfsplanung, die Abhängigkeit außerstationärer Angebote von der Finanzsituation der kommunalen Kostenträger, die institutionellen Tendenzen zur Segregation psychisch Kranker in Werkstätten für behinderte Menschen (aus Sicht der Agentur für Arbeit „langfristiger Vermittlungerfolg“!) und die höchst ungleichmäßigen, von einer oftmals willkürlichen Landesplanung abhängigen stationären Versorgungsstrukturen, obwohl das Buch sich ausdrücklich an den gesamten deutschen Sprachraum wendet.

Das Buch ist damit vor allem für Interessenten, die das österreichischen soziale Sicherungs- und Versorgungssystem für psychisch Kranke, seine Geschichte und einen pointierten Standpunkt zu aktuellen Entwicklungstendenzen kennenlernen wollen, von Gewinn.

Die politische Komponente ist durch eine auf westliche, wohlfahrtsstaatliche Demokratien begrenzte Perspektive und eine ideologische Engführung der politischen Bewertungs- und Verortungsversuche wenig überzeugend. Die explizit „marxistische“ Bewertung der als „kapitalistisch-neoliberal“ etikettierten westlich-säkular-liberalen Demokratien verkennt, dass gerade (und welthistorisch nahezu ausschließlich) in diesen die Akzeptanz für individuelle Diversität auch, aber nicht nur von psychisch erkrankten Menschen gegeben ist, während jeglicher Blick auf z.B. autokratische, ethnisch und/oder religiös begründete Herrschaftssysteme unterbleibt. Folgt man der Logik der Autoren, ist z.B. die umfassende Umsetzung der UN-BRK ausschließlich in westlichen Demokratien bedroht.

Ein als „marxistisch“ definierter Standpunkt erklärt zudem, warum unterschlagen wird, dass in den heute noch marxistisch begründeten Gesellschaftssystemen (China, Nordkorea, Kuba, Venezuela..), in denen ja deutlich mehr Menschen als in liberalen Demokratien leben, schon die Gewährleistung minimaler Menschenrechtsstandards weder für „gesunde“ noch für „psychisch kranke“ Personen gewährleistet ist und die Psychiatrie weiterhin für Zwecke des jeweiligen Regimes instrumentalisiert wird. Stattdessen beklagen die Autoren das Ende des sowjetischen Herrschaftssystem als Wegfall einer „Quelle für kapitalismuskritisches Gedankengut“. Auch die schon der jeweiligen Systembegründung innewohnende strukturellen Diversitätsintoleranz theokratisch und/oder ethnisch strukturierter Regimes (arabisch-muslimischer Raum, etliche afrikanische Staaten) ist für dort lebende psychisch kranke Menschen dem Grunde nach nachteilhaft und hätte der Erwähnung bedurft. Über diese politisch-menschenrechtliche Frage hinaus wäre zudem zu thematisieren gewesen, dass auch die materielle Basis für die zu Recht im Buch geforderten individualisierten und teilhabeorientierten Hilfs- und Unterstützungssysteme tatsächlich bisher ausschließlich in westlich-liberalen Demokratien realisiert ist. Dies gilt insbesondere für West- und Mitteleuropa, in dem ja für ca. 5 % der Weltbevölkerung ca. 50 % der weltweiten sozialen und gesundheitlichen Leistungen erbracht werden.

In diesem misslungenen „ideologischen Überbau“ für das ansonsten in vielen einzelnen Aspekten unumstrittene und sehr berechtigte Plädoyer für eine Psychiatrie, die mit Dörner eben nur dann eine Psychiatrie ist, wenn sie (auch) sozial ist, überhebt sich das Buch. Damit verliert auch die Kritik an den tatsächlichen Missständen an Glaubwürdigkeit. Ein weiterer kritikwürdiger Aspekt ist die Skepsis der Autoren gegenüber der Verpflichtung der Anbieter sozialer Dienstleistungen, effizient und evidenzbasiert vorzugehen („Angebotsplanung wird erschwert“, S. 233). Diese organisationszentrierte Perspektive verkennt das Recht der Adressaten auf eine wirksame Hilfe ebenso wie die Notwendigkeit, endliche Ressourcen im Interesse sowohl der Beitrags- und Steuerzahler als auch der Adressaten nicht beliebig, sondern gezielt einzusetzen. Eine methodisch unwirksame Unterstützung ist eine, die letztlich Teilhabemöglichkeiten und Lebensqualität der Adressaten hintan stellt und nur dem wirtschaftlichen Interesse des Anbieters dient. Nicht selten sorgen unwirksame Hilfen zynisch für die planbare Dauerbelegung der Plätze.

Die kritische Selbstreflexion der Handelnden bedarf gerade bei auf den Menschen bezogenen Dienstleistungen immer der empirischen Fundierung. Hier sind die von den Autoren abschnittweise eher karikierten als ausgewogen dargestellten Systeme der wissenschaftlich begründeten Psychotherapie und Medizin methodisch (evidenzbasierte Leitlinienentwicklung, Qualitätsstandards) und institutionell (ethische Beratungs- und Sicherungssysteme, berufliche Fortbildungspflicht) bei aller berechtigten Kritik und den weiter bestehenden Verbesserungsnotwendigkeiten wesentlich weiter als manche vor allem meinungs- und artikulationsmächtigen sozial- und erziehungswissenschaftlichen Traditionslinien, von denen sich die Autoren dieses Bandes nicht ausreichend zu lösen vermögen.

Eine Neuauflage würde daher zusammenfassend einer Erweiterung der verengten professionellen und teils ideologischen Betrachtungsweise, der Einbeziehung psychiatrischen und psychotherapeutischen Sachverstandes, der Thematisierung ethischer Spannungsfelder und vor allem einer global vergleichenden Perspektive sehr profitieren: dann könnte das materialreiche Werk eine dringend benötigte deutlich glaubwürdigere Stimme in der sozialpsychiatrischen Diskussion darstellen. Dem Verlag wäre zudem ein gewissenhaftes Lektorat zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers
Politikwissenschaftler (M.A.) und Mediziner (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Öffentliches Gesundheitswesen, Umweltmedizin), Lehrgebiet Gesundheitswissenschaft und Sozialmedizin, Leiter des Masterstudiengangs Therapie, Förderung, Betreuung (Clinical Casework) - Psychosoziale Hilfen für gesundheitlich gefährdete, erkrankte und behinderte Menschen, Fachbereich Sozialwesen, Fachhochschule Münster.
Mitglied der „Drafting Group for the elaboration of the Additional Protocol on the protection of human rights and dignity of persons with mental disorders with regard to involuntary placement and treatment“ des Europarats zur Ovideo-Konvention.
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Zitiervorschlag
Hanns Rüdiger Röttgers. Rezension vom 21.02.2018 zu: Werner Schöny (Hrsg.): Sozialpsychiatrie - theoretische Grundlagen und praktische Einblicke. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-54625-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23395.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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