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Marion Möhle: Vom Wert der Wohlfahrt

Cover Marion Möhle: Vom Wert der Wohlfahrt. Normative Grundlagen des deutschen Sozialstaats. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2001. 327 Seiten. ISBN 978-3-531-13720-9. 34,00 EUR.
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Zielsetzung und Gesamteinschätzung

Die Verfasserin will in ihrem Werk über die "normativen Grundlagen des deutschen Sozialstaats" aufklären – ein Unterfangen, das nach ihrer Auffassung deshalb notwendig war, weil zwar "vereinzelte Diskussionen" über normative Aspekte des Sozialstaats stattgefunden hätten und "Einzelbeiträge" zu Teilbereichen erschienen seien – aber "in keiner Weise" der Versuch unternommen worden sei, diese Einzelbeiträge "zu einer Analyse des normativen Gerüsts des Wohlfahrtsstaates zu verdichten".

(Bereits an dieser Stelle der Hinweis: die Lektüre einiger dieser "Einzelbeiträge" – etwa des Sozialökonomen und -philosophen Oswald von Nell-Breuning oder des Staatsrechtlers Roman Herzog, dessen wegweisenden Kommentar zum Sozialstaatsgebot des Artikels 20 Grundgesetz die Verfasserin überhaupt nicht zu kennen scheint – verschafft bessere und tiefere Einblicke in die Sozialstaatsthematik als das gesamte vorliegende Werk.)

Schwerpunkt: die Integrationsfunktion des Wohlfahrtsstaats

Marion Möhle ist Soziologin und berichtet vornehmlich aus der Perspektive ihrer Disziplin – bisweilen durchaus kenntnisreich und informativ, wobei der Integrationsaspekt des Wohlfahrtsstaats zu Recht im Vordergrund steht. Die einigermaßen bekannten, allerdings ziemlich abstrakten und allgemeinen Integrationsmodelle von Durkheim, Parsons, Luhmann und Habermas werden ebenso vorgestellt wie das Integrationsmodell des weniger bekannten T.H. Marshall, der nach Möhles Worten bereits 1950 den "soziologisch elaboriertesten Beitrag zur Integration durch den Wohlfahrtsstaat vorgelegt" hat.

Nun dürften zumindest sozialpolitisch Interessierte dem Namen Marshall eher mit dem gleichnamigen Plan zur wirtschaftlichen Gesundung Nachkriegsdeutschlands – durchaus ein gelungenes Beispiel für sozialökonomische (Re)Integration – in Verbindung bringen. Möhles Marshall indes wird gewissermaßen als Erfinder der sozialen Staatsbürgerrechte vorgestellt – eine angesichts der bereits in der Weimarer Reichsverfassung enthaltenen sozialen Grundrechte ziemlich verwegene These.

Immerhin: die friedenstiftende Funktion der Sozialpolitik, die durch letztere herbeigeführte "Pazifizierung der Klassengegensätze", der Anteil der "sozialen Sicherheit" an der "Erzeugung von Massenloyalität" werden in dem Buch angemessen gewürdigt. Doch leider verfällt die Verfasserin bei der Darlegung der dabei stattfindenden Prozesse in den gleichen Fehler wie zahlreiche andere Vertreter der neueren wissenschaftlichen Sozialpolitik: unter den Begriff der "Wohlfahrt" und des "Wohlfahrtsstaats" werden gleichrangig sozialpolitische Felder subsumiert, die zwingend einer differenzierten Betrachtung bedürfen.

Dies gilt vor allem für die Sozialversicherung und die Sozialhilfe. Nicht ohne Grund hat die klassische wissenschaftliche Sozialpolitik die Drei-Säulen-Theorie vertreten, wonach die soziale Sicherung auf den drei Fundamenten Sozialversicherung, Sozialhilfe und Versorgung beruht. Diese sozialstaatlichen Bestandteile stellen nicht nur unterschiedliche Gebilde dar, sondern bedürfen auch einer unterschiedlichen Bewertung.

Der "Wert" der Sozialversicherung für die gesellschafts-politische Stabilität ist ein anderer – und höherer - als derjenige der Sozialhilfe. Dies wird schon durch die jeweilige Entstehungsgeschichte deutlich: die Sozialversicherung war eine Errungenschaft, welche die bis dahin allein selig (oder auch nur satt-)machende Fürsorge großenteils ablöste und entbehrlich machte. An die Stelle gnädiger obrigkeitlicher Gewährung trat ein zwar staatlich gestützter, aber doch in erster Linie durch eigene (Vor)Leistung erworbener Anspruch. .

Auch angesichts einer Grundsicherungsdebatte, die die bisherigen Konturen zwischen den einzelnen Fundamenten des Sozialstaats zu verwischen droht, erscheint es angebracht, an diese nicht zuletzt eminent politische Dimension der Sozialstaatswerdung zu erinnern. Sicherlich trugen und tragen auch Fürsorge und Sozialhilfe dazu bei, den Notleidenden nicht zu einem, wie Georg Simmel schrieb, "die Gesellschaft schädigenden Element" werden zu lassen. Die Chance, dass die Sozialhilfe einen politischen Aktivbürger erzeugt, ist indes als eher gering einzuschätzen.

Fazit

Marion Möhle nimmt den ungleichen "Wert" und Beitrag der verschiedenen sozialpolitischen Einrichtungen bei der Erzeugung sozialer Stabilität nicht zur Kenntnis. Statt präziser Inhalte offeriert sie ein Arsenal neumodischer, pompöser und nichtssagender Begrifflichkeiten ("Ressourcenegalitarismus", "intra- und intergenerationale Gerechtigkeit", "humanitaristische Idealisten", "feministische Care-Ethik") und behandelt auch Themen wie "Wohlfahrtspluralismus" und "Geschlechtergerechtigkeit"* in einer so oberflächlichen und naiven Manier, als hätten Vertreter der politischen Soziologie wie Werner Hofmann oder auch nur sachlich-rationale Autoren wie Martin Greiffenhagennie eine Zeile geschrieben.

Alles in allem: eine entbehrliche Lektüre.

*Als Beispiel für "Geschlechterungerechtigkeit" erwähnt die Autorin eine angeblich bis 1968 gültige Regelung, wonach "Frauen, die in die gesetzliche Rentenversicherung Pflichtbeiträge eingezahlt hatten, mit der Eheschließung automatisch diese Pflichtbeiträge ausgezahlt" bekamen – eine schlichtweg unwahre Behauptung.


Rezension von
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 28.03.2002 zu: Marion Möhle: Vom Wert der Wohlfahrt. Normative Grundlagen des deutschen Sozialstaats. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2001. ISBN 978-3-531-13720-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/234.php, Datum des Zugriffs 26.11.2020.


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