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Christian Alt (Hrsg.): Kinderleben [...] Band 1: Aufwachsen in Familien

Rezensiert von Dr. Martin R. Textor, 27.09.2005

Cover Christian Alt (Hrsg.): Kinderleben [...] Band 1: Aufwachsen in Familien ISBN 978-3-8100-4097-8

Christian Alt (Hrsg.): Kinderleben – Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen. Band 1: Aufwachsen in Familien. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 304 Seiten. ISBN 978-3-8100-4097-8. 26,90 EUR.
Schriften des Deutschen Jugendinstituts: Kinderpanel, Band 1
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Perspektive von Kindern als neues Thema

In der Soziologie wurde bisher die Perspektive von Kindern kaum berücksichtigt - diese wurden z.B. zu ihren Lebensverhältnissen und Erfahrungen nicht direkt befragt. Ende der 1980er Jahre begann ein Umdenken; erste Studien erschienen, in denen Kinder z.B. zu ihrer Lebenswelt, ihrem Wohlbefinden und ihrem Erleben der Trennung ihrer Eltern interviewt wurden. Zugleich differenzierte sich immer mehr eine "Soziologie der Kindheit" aus - mit eigener Identität und besonderer Zugangsweise zu ihrem Untersuchungsgegenstand.

Das DJI-Kinderpanel

Vor diesem Hintergrund führt das Deutsche Jugendinstitut ein Kinderpanel durch, mit dessen Hilfe aus der Perspektive der Kinder ihr Aufwachsen in Familie, Gleichaltrigengruppe und Schule erfasst werden soll. Dabei werden die soziologische und die psychologische Sichtweise miteinander verknüpft: "Die Informationen des Kinderpanels sollen einerseits zur Sozialberichterstattung über Kinder genutzt werden. Andererseits sollen Einflüsse unterschiedlicher Lebenslagen auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern nachgezeichnet werden. Die Entwicklungsprozesse werden im Zusammenhang mit den Übergängen vom Kindergarten in die Grundschule sowie von der Grundschule in die Sekundarstufe I untersucht. Bei den jüngeren Kindern wird darüber hinaus die Betreuungssituation zwischen privaten und institutionellen Arrangements aufgezeigt" (S. 12 f.). Somit werden "objektive" Merkmale der Umwelt mit dem "subjektiven" Erleben des sozialökologischen Kontextes durch das jeweilige Kind verknüpft.

Das DJI-Kinderpanel umfasst drei Erhebungswellen. Zu jedem der drei Zeitpunkte werden beide Eltern und die älteren Kinder befragt, die jüngeren erst bei der dritten Welle. Im Herbst 2002 wurden insgesamt 2.190 Mütter, je zur Hälfte mit fünf- und sechsjährigen bzw. acht- und neunjährigen Kindern, befragt. Ferner wurden viele Väter und die älteren Kinder selbst interviewt. Die Daten sind repräsentativ und können mit den im DJI vorliegenden regionalen Strukturdaten verknüpft werden. Darüber hinaus wurden je 250 Familien von türkischen Migranten bzw. russischen Aussiedlern befragt, wobei die Erhebungsinstrumente in die jeweiligen Sprachen übersetzt und um Fragen zur Integration in die deutsche Gesellschaft ergänzt wurden.

Überblick über den Inhalt von Band 1

In dem hier rezensierten Sammelband werden diejenigen Ergebnisse der ersten Erhebungswelle des DJI-Kinderpanels präsentiert, die sich auf das Aufwachsen in Familien beziehen. Ein zweiter Band befasst sich mit den außerfamilialen Beziehungen von Kindern, mit Kindertagesbetreuung und Schule. Ein Teil der Autor/innen arbeitet am Deutschen Jugendinstitut, die Übrigen sind Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Kinderpanels; ein Autorenverzeichnis fehlt leider (zumindest in Band 1).

Wer gehört zur Familie?

Im ersten Kapitel beschreibt Claudia Vorheyer auf der Grundlage des DJI-Kinderpanels, wer aus Sicht der acht- bis neunjährigen Kinder und der Eltern zur Familie gehört. Interessant ist, dass sowohl die Jungen als auch die Väter 8,3 Personen angeben, während die Mädchen und die Mütter mit 9,5 bzw. 10,9 Mitgliedern bei weitem mehr Personen zur Familie rechnen. Je positiver das Selbstbild des Kindes ist, umso mehr Personen nennt es. Dasselbe gilt für Kinder mit verheirateten Eltern, für Kinder ohne Migrationshintergrund, für Kinder mit nicht oder Teilzeit erwerbstätigen Müttern und für Kinder aus Familien mit hohem Einkommen. Ähnliche Ergebnisse liegen hinsichtlich des (kleineren) "familialen Wahlnetzes" vor.

Die Autorin berichtet ferner, dass in 81% der Familien die Mahlzeiten häufig gemeinsam eingenommen werden (selten: 4%). Ansonsten üben die acht- bis neunjährigen Kinder Aktivitäten wie Computer spielen, fernsehen, Sport, Kinobesuch usw. eher mit Geschwistern und Freund/innen als mit Mutter und Vater aus.

Wohlfühlen in der Familie

Anna Brake befasst sich zunächst mit der Wahrnehmung von Konflikten in der Familie. Nur in knapp der Hälfte der Fälle stimmten Kinder und Mütter hier überein; ansonsten lag laut der Kinder tendenziell der letzte Konflikt weiter zurück oder gab es überhaupt keinen Streit (knapp 14%). Das Familienklima wird anhand mehrerer Items recht positiv bewertet, wobei sich die Kinder im Durchschnitt wohler als die Mütter fühlen. Dieser Unterschied lässt sich eher mit Hilfe psychosozialer Eigenschaften des Kindes als anhand soziostruktureller Merkmale erklären.

Brüderchen komm tanz mit mir...

Unter dieser Überschrift befasst sich Markus J. Teubner mit den Geschwisterbeziehungen. Nach einem relativ ausführlichen Überblick über den Forschungsstand und statistischen Daten über die Zahl von Geschwistern zeigt er anhand des DJI-Kinderpanels, dass die Beziehungen zu Geschwistern von 80% der Kinder als (sehr) gut bewertet werden; nur 20% verstehen sich schlecht. In der Regel kommen Kinder etwas besser mit gleichgeschlechtlichen Geschwistern zurecht. Je positiver die Geschwisterbeziehung ist, umso besser wird das Familienklima von den Kindern eingeschätzt.

Einzelkinder sind häufiger als Geschwisterkinder gerne mit der Familie zusammen und erleben seltener innerfamiliale Konflikte. Sie haben gleich viel Freunde und Spielkameraden (5,7 Personen) wie Geschwisterkinder, lernen laut eigener Einschätzung leichter Freunde kennen, sind in gleichem Maße zufrieden mit der Anzahl der Kontakte mit Gleichaltrigen und halten sich mit gleicher Häufigkeit für beliebt bei Mitschüler/innen. Auch schätzen sie ihre Schulleistungen nicht besser ein. Die Unterschiede zwischen Einzel- und Geschwisterkindern sowie entsprechend der Geschwisterposition waren im Allgemeinen gering.

Diese Forschungsergebnisse widersprechen häufig vertretenen Vorstellungen wie beispielsweise, "dass Geschwisterkinder aufgrund des täglichen Umgangs mit Brüdern bzw. Schwestern mehr soziales Feingefühl entwickeln als Einzelkinder und deshalb Vorteile im Umgang mit Peers hätten" (S. 95), also z.B. häufiger in der Schule als Spielkamerad gewählt würden.

Gebildete Eltern - aufgeschlossene Kinder?

Im vierten Kapitel geht Silvia Goia der Frage nach, welche Faktoren die soziale Integration von Kindern beeinflussen. Nach einem Überblick über den Forschungsstand entwickelt sie ein Auswertungsmodell. Mit Hilfe der Kontrastgruppenanalyse (CHAID) zeigt sie auf, dass je höher die Bildung der Mütter ist und je besser sich die Wohnung zum Spielen eignen, umso größer die Wahrscheinlichkeit ist, dass Kinder im Freundeskreis integriert sind. Andere Faktoren wie z.B. die Bildung des Vaters, soziodemographische Faktoren oder psychosoziale Merkmale spielen keine oder nur eine geringe Rolle.

Aggression bei Kindern

Klaus Wahl fasst zunächst Theorien und Forschungsergebnisse zur Aggression bei Kindern zusammen. Dann berichtet er, dass laut den Müttern etwa jedes 10. fünf- bis sechsjährige Kind (gemäßigt) aggressiv ist - und jedes 5. bis 6. acht- bis neunjährige Kind aus eigener Sicht. Von Letzteren geben aber nur 7,7% an, bei Konflikten körperlich oder verbal aggressiv zu werden; bei weitem mehr Kinder ignorieren den Streit oder benutzen kommunikative Konflikttaktiken. Wie erwartet, sind jüngere Kinder bzw. Mädchen weniger aggressiv als ältere Kinder bzw. Jungen. Der Aggressivitätsindex korreliert nur schwach mit sozialen Umweltvariablen wie z.B. Zugehörigkeit zu unteren sozialen Schichten, Leben in einem großen Haushalt bzw. in einer Stieffamilie, weniger gebildeten Eltern, aggressiven Erziehungsmethoden und einem schlechten Familienklima.

Wie fühlst Du Dich?

Unter dieser Fragestellung untersucht Gerhard Beisenherz, von welchen Faktoren das Wohlbefinden von Kindern abhängt. Nach einem Überblick über den Forschungsstand beschreibt er, wie ein entsprechender Indikator gebildet wurde. Danach fühlen sich 18,3% der acht- bis neunjährigen Kinder unwohl, 35,9% wohl und 45,7% sehr wohl. Tendenziell wohler fühlen sich Kinder, je höher die soziale Schicht und das Einkommen ihrer Familie sind, je geringer die Familienbelastung und der Beratungsbedarf sind, je besser die Qualität von Wohnumfeld und öffentlicher Infrastruktur ist, wenn das Familienklima gut ist, je mehr Freunde die Kinder haben, je besser ihre Schulleistungen sind und wenn sie gesund sind.

Eine Diskriminanzanalyse ergab, dass mit nur sieben Einflussfaktoren 72,5% der Fälle richtig gruppiert werden können. Der Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen der Kinder (Selbstvertrauen, kognitiv-soziale Aufmerksamkeit, Kommunikationsfreude, extrovertierte Impulsivität) ist größer als der von Umwelteinflüssen (Schulnote, Familienklima, Armutslage).

Nicht mit beiden Eltern aufwachsen - ein Risiko?

Im siebten Kapitel befassen sich Sabine Walper und Eva-Verena Wendt mit der Situation von Kindern in Teil- und Stieffamilien. Sie referieren zunächst relevante Forschungsergebnisse. Dann zeigen sie anhand des DJI-Kinderpanels auf, dass Kinder - insbesondere Jungen - aus Kernfamilien die niedrigsten Werte im externalisierenden Problemverhalten und in motorischer Unruhe aufweisen - und Kinder aus Stieffamilien die höchsten Werte (Grundlage: Einschätzungen der Mütter). Die Ergebnisse der Kinderbefragung gehen in dieselbe Richtung. Stiefkinder geben häufiger ein positives Selbstbild an als Kinder aus Kern- und Teilfamilien. Die höchsten Auffälligkeiten wurden für gemeinsame Kinder in Stieffamilien berichtet.

Weniger gefördert?

Unter dieser Fragestellung behandelt Petra Strehmel die Auswirkungen elterlicher Arbeitslosigkeit. Sie beginnt mit theoretischen Überlegungen und empirischen Befunden, skizziert dann anhand der Daten des Kinderpanels, wie viele und welche Eltern arbeitslos waren, und beschreibt, wie diese ihre Situation erleben. Die Autorin fand nur wenige und moderate Zusammenhänge zwischen elterlicher Arbeitslosigkeit, schulischen Leistungen und kindlichen Entwicklungsindikatore. Die Arbeitslosigkeit von Müttern wirkte sich negativer aus als die Arbeitslosigkeit von Vätern.

Sag mir, wo du wohnst...

Unter dieser Überschrift geht David Steinhübl auf den Einfluss unterschiedlicher räumlicher Ressourcen und Risiken ein. 68% der vom Kinderpanel erfassten Kinder wohnen in Ein- oder Zweifamilienhäusern bzw. 57% in Eigenheimen oder Eigentumswohnungen. Die Wohnungen umfassen durchschnittlich 124 qm; so verfügen knapp 70% der Kinder über ein eigenes Zimmer. Umweltbelastung und Verkehrsgefährdung werden eher gering eingeschätzt.

Ansonsten zeigt sich, "dass der Anteil der mehrfach risikobelasteten Wohnlagen für Kinder im Osten fast doppelt so hoch ist wie im Westen (47% zu 28%)" (S. 254). Der Anteil ist höher in Städten und in Stadtstaaten als auf dem Land und in Flächenstaaten. Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, aus nichtehelichen Lebensgemeinschaften und von Alleinerziehenden leben eher in mehrfach belasteten Wohnsituationen. Steinhübl stellt fest, dass bei mehrfach belasteten Wohnlagen die soziale Integration der acht- und neunjährigen Kinder geringer ist, ihr Wohlbefinden abnimmt, Internalisierungstendenzen und Schulprobleme zunehmen.

Daten, Design und Konstrukte

Im letzten Kapitel präsentieren Christian Alt und Holger Quellenberg die Grundlagen des Kinderpanels. Sie beschreiben das Design der Studie, die Stichprobe, die Datenlage und die verwendeten Methoden. Ferner stellen sie ausgewählte Konstrukte zur Bestimmung der Lebenslage der Kinder vor wie z.B. Äquivalenzeinkommen, Selbstwirksamkeit und soziale Integration.

Fazit

Der Sammelband ist ein "Muss" für Fachleute, die sich mit der Lebenssituation von Kindern beschäftigen. Obwohl in erster Linie empirische Forschungsergebnisse referiert werden und es einige inhaltliche Überschneidungen zwischen Kapiteln gibt, ist das Buch interessant und gut zu lesen. Es kann somit auch Sozialpädagog/innen, Erzieher/innen und Lehrer/innen empfohlen werden.

Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Es gibt 72 Rezensionen von Martin R. Textor.

Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zu Band 2.

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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 27.09.2005 zu: Christian Alt (Hrsg.): Kinderleben – Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen. Band 1: Aufwachsen in Familien. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-8100-4097-8. Schriften des Deutschen Jugendinstituts: Kinderpanel, Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2340.php, Datum des Zugriffs 27.05.2022.


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