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Gerhard Stapelfeldt: Soziologische Gegenaufklärung

Cover Gerhard Stapelfeldt: Soziologische Gegenaufklärung. Vorträge und Aufsätze zur Kritik der Soziologie. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2017. 486 Seiten. ISBN 978-3-8300-9426-5. D: 129,80 EUR, A: 133,50 EUR.

Schriftenreihe Kritik und Reflexion, Band 17.
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Thema

Kritik an der Soziologie ist nichts Außergewöhnliches. Die Frage, was die Soziologie der Welt zu geben hat, weshalb ein Band mit Texten zur Kritik an der Soziologie zunächst wenig überraschen mag. Mit dem zentralen Motiv, dass die wesentlichen Fragen von anderen Disziplinen übernommen werden, werden im Feuilleton Soziologiedebatten geführt. Tonangebend sind in den Bestsellerleisten zumeist Werke von Ökonomen, Philosophen und Psychologen. Die Soziologie führt in der Öffentlichkeit ein marginales Dasein, obwohl sie in der Öffentlichkeit oft den Ruf genießt, eine Wissenschaft mit revolutionärem Potenzial zu sein.

Eine weitere bekannte Kritik an der Soziologie ist zumeist durch ein Misstrauen gegenüber der Empirie geprägt – die Alltagswahrnehmung einiger Sachverhalte wird häufig der Vorzug gegenüber empirischen Einsichten gegeben, das betrifft viele Themenbereiche, z.B. die „gefühlte Arbeitslosigkeit“ die deutlich höher ist als die „tatsächliche Arbeitslosigkeit“ oder umgekehrt; Einwohner von Bezirken, in die kein migrationsbedingter Zuzug stattfindet, sind den Wahrnehmungen ihrer Bewohner am ehesten von Überfremdung betroffen.

Die Frage, ob die Einsichten der Soziologie eignen, die gesellschaftlich relevanten Probleme zu lösen, ist dagegen dringlicher: Diese eher ernst zu nehmende Kritik an der professionellen Soziologie hat zumeist den Tenor, dass die wesentlichen Aufgaben von anderen Disziplinen übernommen werden und nicht von der Soziologie. Einige Probleme, die sich in der Gegenwartsgesellschaft dringlich stellen sind unter anderem:

  • Rechtspopulistische Erfolge wie sie an die Zwischenkriegszeit erinnern.
  • Damit einhergehend Tendenzen der Geschichtsvergessenheit, bzw. Tendenzen zur Umcodierung von Geschichte. Wird die NS-Diktatur in ihrer Einmaligkeit begriffen oder wird sie bequem in eine Schublade mit deutschen Sonderentwicklungen und Dikaturgeschichten einsortiert – und damit entsorgt? Hierzu zählen u.a. publizistische Auseinandersetzungen wie der Historikerstreit oder die immer wiederkehrende „Schlusstrichdebatte“.
  • Globale Wirtschaftskrisen, bei denen es scheint, als ob ihre Ausmaße nicht zur Kenntnis genommen werden.
  • In Folge dieser Wirtschaftskrisen sind weitere populistische Aktivitäten zu erkennen. Die Diskriminierung sozial Schwacher (Es gibt kein Recht auf Faulheit) wird auf Staaten übertragen, die sich den Krisenerscheinungen nicht in dem erforderlichen Maße anpassen konnten und ökonomisch in Bedrängnis geraten sind, z.B. Griechenland.

Gerhard Stapelfeldt hat einen Band mit Vorträgen und Aufsätzen vorgelegt, die sich der Kritik der Soziologie annehmen. Als Kontrast wird neben die Soziologie eine kritische Sozialphilosophie gestellt, die ein Licht auf das Latente wirft, aufklärerisch wirkt. Die gegenwärtige Soziologie greift die Sprache der Gegenwartsgesellschaft zwar auf, hinterfrage sie aber nicht in genügendem Maße, so ließe sich der Band zusammenfassen.

Da ein detailliertes Referat des vorliegenden Bandes aufgrund seiner Materialfülle und gedrängten Argumentation nur schwer möglich erscheint, werden im folgenden Abschnitt anhand einiger eher groben Striche theoretisch Motive aus dem Sammelband nachgezeichnet. Es ist mir bewusst, dass ich der damit nicht der Argumentation des Autoren in vollem Maße gerecht werde.

Entstehungshintergrund

Der Autor lehrte bis 2009 Soziologie an der Universität Hamburg. Der vorliegende Band versammelt vor allem Materialien zu Vorträgen, die vor allem auf Einladung studentischer Selbstverwaltungen gehalten wurden. Die Beiträge erscheinen daher sowohl skizzenhaft aber auch inhaltlich sehr gehaltvoll. Die einzelnen Kapitel sind jeweils Manuskripte für eine Vorlesung und können insofern solitär gelesen werden.

Aufbau und Inhalt

Ein wesentlicher Bestandteil dieses Bandes ist die Kritik der gegenwärtigen Soziologie in der Bundesrepublik, vor allem durch programmatische Beiträge auf den jeweiligen Soziologentagen. 1946 hielt Leopold von Wiese auf dem achten Soziologentag 1946 eine Rede, in der er die Situation im Nachkriegsdeutschland reflektierte. Ausgelassen wurden Anmerkungen zur NS-Täterschaft, vielmehr würden die Katastrophen des 20. Jahrhunderts als mythisches Unglück dargestellt, dem gegenüber die Deutschen von vor 1914 als glückliches Volk zu gelten hätten- damit stand von Wiese nicht alleine da, ähnlich klang eine Rede von Konrad Adenauer, der das deutsche Volk lobe, es habe alle Demütigungen stolz ertragen, aber wenig Worte für die Opfer fand. Die Verdrängung der NS-Verbrechen in der Nachkriegssoziologie setzte sich fort. Die schriftliche Empfehlung des noch im Exil weilenden Max Horkheimers, die Arbeit der Nachkriegssoziologie der Klärung des NS-Terrors riet, blieb ohne Reaktion, ebenso die Referate der NS-Verfolgten Eugen Kogons und Benedict Kautskys auf späteren Soziologentagen. Sowohl die Aussagen von Wieses und Adenauers werden als typisch für die Verdrängung der NS-Vergangenheit im Diskurs der Bundesrepublik beschrieben.

In einem späteren Kapitel wird die Art der Verdrängung der NS-Verbrechen von dem mehrfach zitierten ersten Nachkriegskongress der DGS bis hin zu aktuellen Ansätzen von Heitmeyer und Claussen besprochen. Nach dem das Thema des deutschen Faschismus auf dem ersten Kongress der DGS 1946 ausgeklammert wurde, habe sich die deutsche Soziologie geschichtslosen Themen zugewandt wie der Wirtschafts- und Industriesoziologie oder der Gemeinschaft in Familie, Dorf und Kleinstädten. Die späteren Debatten der Nachkriegssoziologie wären Technokratie (Schelsky/ Habermas), Positivismus (Adorno und Habermas / Popper und Dahrendorf) bis hin zum Historikerstreit. Wiederum zeige sich eine gewisse Machtlosigkeit der kritischen Theorie, die sich eher in kommunikationstheoretischen Studien ergeht, die angesichts gesellschaftlicher Irrationalismen wenig Kritikpotenzial habe. Dies setze sich fort in einem Versagen um die „Wiedervereinigung“. Die Ohnmacht der Kritik setze sich schließlich in einer konformistischen Eingliederung der damaligen DDR durch Eingliederung fort.

Bemerkenswert sind die Kritiken an den aktuellen Arbeiten zu Antisemitismus, Xenophobie etc.: Dem Expertenbericht der Bundesregierung, dem Langzeitpanel „Deutsche Zustände“ von Heitmeyer et. al. und schließlich den Arbeiten Detlev Claussens Arbeiten zum Antisemitismus.

Der Bericht des Expertenkreises der Bundesregierung unternehme keinen ernsthaften Versuch der Aufklärung des Antisemitismus, vielmehr begnüge man sich mit der Aussage, dass Antisemitismus in der gegenwärtigen Gesellschaft sozial geächtet sei. Aufschlussreich ist ferner die Kritik, die an der Erhebungsmethode geübt wird: Die Fragen, die sehr vordergründig nach Antisemitismus fragten seien vermutlich allein aufgrund der sozialen Unerwünschtheit des Antisemitismus negativ beantwortet worden. Fragen die einen Blick hinter die Fassade ermöglichen wurden nicht gestellt: Also Fragen nach Aberglaube, konformistischen Verhaltensweisen, Autoritätshörigkeit und vieles mehr. Befunde, dass 20 % aller Bundesbürger latent antisemitisch seien, ließe die Expertenkommission ratlos zurück, denn die Brücke zwischen offenkundiger Ächtung des Antisemitismus bei gleichzeitigem latentem Antisemitismus erfordere ein tiefergehendes Verständnis des Gegenstandsbereiches. Die klassischen Schriften der kritischen Theorie wurden von dem Gremium nicht zur Kenntnis genommen werden. Was sich auch daran zeige, dass die Expertengruppe Antisemitismus als Hass auf Juden beschreibt und das Motiv „des Juden“ als Projektionsfläche nicht berücksichtigt werde.

Ein weiterer prominenter Ansatz diese Phänomene zu erfassen ist der der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, wie ihn Wilhelm Heitmeyer in seinem Langzeitpanel mit dem über zehn Jahre erschienenen Bericht „Deutsche Zustände“ formuliert wird. Heitmeyers Ansatz spricht universell von Abwertungen bestimmter Menschengruppen – Ausländer, Juden, Sinti und Roma, Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen etc. Es werde aber nicht die Frage beantwortet, wer wen diskriminiere. Eine weiterer Kritikpunkt in der Konzeption bleibt, wie eine faire Gesellschaft in den Augen von Heitmeyer und Kollegen auszusehen habe. Die Antwort darauf bleibe als ethisches Theorem abstrakt, hätten die Autoren doch eine Vielzahl codifizierter Menschenrechtskataloge Bezug nehmen können, etwa wie das Grundgesetz für die Bundesrepublik die Grund- und Menschenrechte formulierte.

Die an Horkheimer und Adorno geschulte Analyse des Antisemitismus durch Detlev Claussen habe sich sich eher in Zeitmetaphern wie dem „kurzen 20. Jahrhunderts“, statt hinter die Fassade zu schauen. In diese Problematik passten sich weitere analytische Probleme: Die vorgeschlagene analytische Trennung zwischen modernem und vormodernem Antisemitismus sei im Grunde wenig aussagekräftig, da man die Epochen der Bundesrepublik nicht allein in Kapitalismus, sondern in Ordoliberalismus, staatlich gesteuerter Kapitalismus, Neoliberalismus etc. aufteilen könnte und nach den Implikationen der jeweiligen Gesellschaftsordnungen fragen könnte.

In der Kritik der soziologischen Armutsforschung entwickelt der Autor die These, dass die soziologische Armutsforschung der neoliberalen Maßgabe folgt, dass Armut etwas individuell verschuldetes ist und weniger gesellschaftliche Ursachen unterstellt werde, damit kehre sich das gesellschaftliche Verhältnis um und schließlich werde Armut als eine Sammlung individueller Defizite beschrieben. Wer sich nicht dem Markt anpassen könne, werde von Armut betroffen. Konzeptionell wird die soziologische Armutsforschung kritisiert, dass zumeist auf eine willkürliche Definition von Armut hingewiesen wird, im Sinne einer nicht näher spezifizierten Bedrohung der physischen Existenz oder willkürlich festgesetzten Prozentsätzen der jeweiligen Arbeitseinkommen. Einzig dem Lebenslagemodell wird eine gewisse Erklärungskraft zugestanden. Die Konzepte der Lebenslage betrachten eine Person oder eine Familie als arm, wenn ihre Lebenslage nicht dem minimal akzeptablen Lebensstil eines Landes entspricht und auch eine immaterielle Dimension von Verarmung anspricht, auch wenn diese schwer fassbar ist. Ein noch gravierenderer Einwand gegen die Armutsforschung sei generell dass Einkommens- und Vermögensunterschiede als gegeben Vorausgesetzt werden und nicht weiter hinterfragt, z.B. im Lebenslagebericht der Bundesregierung. In weiteren Armutsberichten werden strukturelle Ursachen von Arbeitslosigkeit zumeist ausgeklammert, die simple Einsicht, dass ein auf den Verkauf seiner Arbeitskraft angewiesene Mensch potenziell arbeitslos ist, fehle ganz. Es werde lediglich auf die individuellen Risiken für Arbeitslosigkeit hingewiesen: Formal niedrige Bildung, prekär beschäftigt, zu jung oder zu alt für den Arbeitsmarkt etc.

Diskussion

Inwieweit überzeugt diese Kritik an der gegenwärtigen Soziologie? Nun mag man einwenden, dass es durchaus kritische Töne in der Soziologie gibt, wäre dies nicht der Fall, könnte ein solcher Band wie der besprochene nicht erscheinen und würde nicht zur Kenntnis genommen werden. Was ist nun das Problem der gegenwärtigen Soziologie? Es ist zu vermuten, der Versuch bestimmte Probleme der Gegenwartsgesellschaft aufzugreifen, an der Fokussierung des Problems scheitern. Es wird in der aktuellen Situation zwar viel über Flucht und Migration geforscht und geschrieben, aber wenig über Xenophobie. Antisemitismus gilt in der Bundesrepublik als gesellschaftlich geächtet, praktisch aber nur in seiner tumben, manifesten Version. Der latente Antisemitismus wird in der Regel nicht erkannt. [1] Rechtspopulistische Bestrebungen gelten im politischen Establishment der Bundesrepublik zwar als verpönt, die Kritik erscheint jedoch geradezu machtlos gegenüber dem schnoddrigen, inhumanen und verächtlichen Ton z.B. eines Thilo Sarrazins oder praktisch auch dem „gutbürgerlichen“ Publikum gegenüber, dass Widerspruch einfach niederbrüllt (Nassehi 2010) [2].

Die von Gerhard Stapelfeldt immer wieder betonte Wahlverwandtschaft zwischen Nationalismus und Neoliberalismus ist zwar offenkundig aber oft kann bei verbalen Exzessen in politischen Debatten nicht unterschieden werden, ob es sich um Aussagen aus der SPD, CDU oder gar AFD/NPD handelt. Eine verbreitete Erkenntnis, die zwar die rhetorische Ächtung rechtspopulistischer Aussagen eigentümlich konterkariert, aber in den seltensten Fällen zu einer systematischen Analyse führt, warum bestimmte Phrasen für Stimmen vom selbst-annoncierten liberalen Bürgertum bis Rechtsaußen sagbar seien. Angesichts einer vielfach wahrgenommenen Stimmungen, in der unverhohlen rassistische und völkische Aussagen verstärkt in den öffentlichen Diskurs treten, erscheint die Kritik dieser Aussagen oft als aussichtslose Sisyphusarbeit, aber gerade hier hätte die Soziologie ihren Platz und die vordergründige Aufgabe, Aufklärungsarbeit zu leisten. Vorfälle wie Armin Nassehi (s.o.) schildert zeigen eher, dass die Anfänge, denen zu wehren sei, schon längst Vergangenheit sind.

Die Frage, was die Soziologie zu bestimmten Problemen der Gegenwart sagt, ist nicht so bedrückend, wie es zunächst erscheint. All das ist denk- und schreibbar, sonst könnte ein Soziologe selbst diese Gedanken nicht fassen und veröffentlichen. Obwohl die gesellschaftlichen Verhältnisse die Denk- und Wahrnehmungsweisen der Subjekte in der Gesellschaft maßgeblich prägen, bleibt immer noch die Möglichkeit, über eben jene Verhältnisse hinwegzudenken. Der Textcorpus der kritischen Theorie wird in der soziologischen Lehre nach wie vor berücksichtigt, allerdings eher museal und in der praktischen Umsetzung der Studiengänge fällt seine Behandlung vermutlich knapper aus. Die Mehrbelastung durch Pflichtauflagen in Jura und VWL fällt darüber hinaus stärker ins Gewicht als Impulse, die durch diese Fächer vermittelte Ideologie kritisch zu hinterfragen. Häufig wird die Einsicht, was Soziologie leisten könnte, nicht vermittelt, da eher der Eindruck vorherrscht, diese Disziplinen könnten besser beschreiben, was die Probleme der Gesellschaft sein. [3] Während in soziologischen Studiengängen die eher quantitative Methodenausbildung mit ihren Grundannahmen des methodischen Individualismus im Vordergrund steht, sind Kurse, die sich der kritischen Analyse verschreiben, seltener. Obwohl das Buch als ein Standartwerk gilt, ist ein Seminar zu Eugen Kogons Werk „Der SS-Staat“ wohl auch eher die Ausnahme als die Regel.

In den Debatten um soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik werden häufig auch die falschen Schwerpunkte gelegt. Zu oft wird in der Sprachregelung der hegemonialen Wirtschaftsordnung eher von Chancengleichheit gesprochen und weniger von Herrschaft und Unterdrückung. Trotz formeller Gleichheit der Bildungschancen in der BRD gibt es Selektionsprozesse, die dafür sorgen, dass man in gehobenen Kreisen unter sich bleibt. Es scheint aber als sei der größte kritische Anspruch, den man an die Gegenwart stellen könnte, die von der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung selbst annoncierten Spielregeln einzufordern statt die Mechanismen der Unterdrückung aufzudecken.

Ein Missstand, der sich in der Vermittlung Sozialwissenschaftlicher Denk- und Arbeitsweisen zeigt ist der, dass viel Wert auf die Vermittlung einer Terminologie und von Standartformulierungen gelegt wird und wenig auf der Verinnerlichung kritischer Denkweisen. Auch hier wurden die Missstände zwar erkannt – z.B. in Lehrplanvorgaben, die eine Anleitung zum kritischen Denken zwar anleiten, aber wenig zur Lösung beigetragen.

Zu bedenken sei, dass sich die Erörterung dieser Thematik in einem kleinen Mikrokosmos zu bewegen scheint. In einer beliebigen Polittalkshow sind sich die soziologischen und ökonomischen Fachvertreter zumeist spinnefeind, im Vergleich zur ebenfalls anwesenden Journalistin von „Fokus Money“ doch eher im Geiste verbündet. Leider drängt sich hier der Verdacht auf, dass es sich um Scheingefechte handelt, denn in der Schlussrunde ist man sich dann doch wieder erstaunlich einig.

Fazit

„Wer […] die Humanität zu verwirklichen sucht, nicht indem er die Inhumanität aufklärt, sondern indem er die Humanität beschwört, erliegt der ‚Wiederkehr des Verdrängten‘“ (Stapelfeldt 2017, 261).

Das eingängige Zitat kann als Motto für diejenigen gelten, die sich mit dem Versagen der Kritik nicht zufrieden geben wollen. Es ist also nicht zu hoffen, dass die gesellschaftlichen Akteure ein Einsehen in die Vorzüge der Humanität finden, sondern es sei über die Inhumanität aufzuklären. Anstatt sich von dem einen oder anderen Sachverhalt abzuwenden, da man von seiner Unerträglichkeit angewidert sei, lohnt es sich, genau hinzusehen, denn nur das Durchdringen des Sachverhaltes birgt die Chance zur Überwindung.

Am Ende der Lektüre von Gerhard Stapelfeldts Band steht weniger Verzweiflung, dass sich die Kritik der gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht auf verlorenem Posten befinde, sondern vielmehr die Einsicht, welche Hebel die Kritik zu ziehen habe. Aus der Lektüre bleibt der Impuls, dass die kritische Theorie nicht zu musealisieren oder im Sinne einer philologischen Aufarbeitung der überlieferten Werke zu verstehen sei, sondern auch in der gegenwärtigen Gesellschaft dringliche Fragen zu stellen habe.

Es besteht sowohl Bedarf als auch Interesse, die Zustände der gegenwärtigen Gesellschaft kritisch zu hinterfragen. Viele Studierende haben nach wie vor ein Interesse an kritischen Inhalten. Der vorliegende Band lädt nicht nur dazu ein, die Texte der kritischen Theorie einer weiteren Lektüre zu unterziehen und es nicht bei dieser Musealisierung zu belassen, sondern sie auf die aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation anzuwenden.

Literatur

Nassehi, Armin (2010): Mein Abend mit Sarrazin. Warum eine Münchner Diskussion im Desaster endete. Ein Erklärungsversuch. In: Die Zeit vom 7. Oktober 2010. Online verfügbar unter www.zeit.de


[1] Beispiele hierfür sind „Schaffer und Raffer“, Sündenbockmotive oder Hass auf Personengruppen, auf die die Schmach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg projiziert wird, d.h. Antikommunismus oder Hass auf die Westalliierten.

[2] Amin Nassehis bedrückende Erkenntnis, dass auch ein bürgerliches, gebildetes Publikum den populistischen Versuchungen erliegen kann, belegt die These, dass man fälschlicherweise davon ausgeht, dass rechtsrandständige Positionen auch mit einer randständigen Lage im Sozialen Raum einhergingen. Allein die Überraschung, dass man mit einem gutbürgerlichen Publikum nicht über die Thesen Sarrazins auf einer sachlichen Ebene diskutieren könne zeigt, wie falsch kalibriert die Maßstäbe in der professionellen Sozialwissenschaft sein können.

[3] Eine häufige Wahrnehmung ist, dass bei den Bestsellern zu gesellschaftlichen und politischen Themen die Soziologen in sehr geringem Ausmaße vertreten seien. Nun kann die Frage aufgeworfen werden, ob es daran liegt, dass die Rechtswissenschaft oder Ökonomie eher dem neoliberalen Markt verpflichtet und damit markt- und realitätstauglicher sein.


Rezensent
Martin Gloger
Dozent für Soziologie, Ethik und Sozialphilosophie an verschiedenen Hochschulen
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Zitiervorschlag
Martin Gloger. Rezension vom 05.03.2018 zu: Gerhard Stapelfeldt: Soziologische Gegenaufklärung. Vorträge und Aufsätze zur Kritik der Soziologie. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-8300-9426-5. Schriftenreihe Kritik und Reflexion, Band 17. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23401.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


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