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Martin Bohus, Martina Wolf-Arehult: Interaktives Skillstraining für Borderline-Patienten

Cover Martin Bohus, Martina Wolf-Arehult: Interaktives Skillstraining für Borderline-Patienten. Das Therapeutenmanual. Schattauer (Stuttgart) 2017. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 409 Seiten. ISBN 978-3-7945-2827-1. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR.
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Autor und Autorin

Prof. Dr. Martin Bohus ist einer der führenden nationalen und internationalen Experte für Borderline-Störungen. Er ist ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim.

Dr. Martina Wolf-Arehult ist Psychologin, seit 2003 mit Schwerpunkt Dialektisch-Behaviorale-Therapie tätig.

Aufbau

Das Manual erläutert nach einer Einführung in die Dialektisch-Behaviorale-Therapie (DBT) die einzelnen Arbeitsmodule.

Die zweite Auflage bietet drei Ergänzungen bzw. Neuerungen.

  1. Neu ist erstens das Modul „Umgang mit Sucht“. Es wurde eingeführt, weil bei Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung häufig auch Sucht ein Thema ist.
  2. Die zweite Neuerung ist die „leichte Sprache“ für die Info- und Arbeitsblätter. Davon profitieren vor allem die Patient*innen.
  3. Und drittens wurde die im Manual bisher enthaltene CD, mit einem digitalen Zugang zu den Inhalten des Buches, durch einen Keycode ersetzt. Damit kann das Material auch online heruntergeladen werden, weil viele Unternehmen mittlerweile ein Aufspielen durch CD nicht mehr zulassen.

Aufbau

Kapitel 1 führt in die Skillstrainings ein und befasst sich mit den Themen:

  • Rahmenbedingungen und strukturellen Aspekte,
  • Struktur der Sitzungen,
  • das interaktive Skillstraining (Software)
  • therapeutische Methodik,
  • Skillstraining unter (teil)stationären Bedingungen

Kapitel 2 erläutert die einzelnen Module für das Skillstraining.

  • Module: Hintergründe und Fakten
  • Modul Einführung in das Skillstraining
  • Modul Achtsamkeit
  • Modul Stresstoleranz
  • Modul Umgang mit Gefühlen
  • Modul Zwischenmenschliche Fertigkeiten
  • Modul Selbstwert
  • Modul Umgang mit Sucht

Kapitel 3 befasst sich mit den Grundlagen der Borderline-Persönlichkeitsstörung.

  • Diagnostik
  • Epidemiologische Daten
  • Differentialdiagnose und Komorbitiät
  • Verlauf und Prognose
  • Bio-Soziales Entstehungsmodell

In Kapitel 4 ist die Dialektisch-Behaviorale-Therapie Thema.

  • Behandlungsmodule
  • Zur Gestaltung der therapeutischen Beziehung
  • Therapeutische Grundhaltung
  • Behandlungsphasen
  • Wahl des Behandlungsfokus
  • Behandlungsebene und -methodik
  • Modifikationen

Ausgewählte Inhalte

Das zweite Kapitel ist für die Patient*innen geschrieben. Das Hintergrundwissen für die Therapeuten findet sich in den Kapiteln 3 und 4. Hier werden exemplarisch einzelne Inhalte genauer vorgestellt.

Modul: Hintergründe und Fakten. Ziel dieses Moduls, ist es, den Betroffenen die Hintergründe des DBT zu vermitteln. Außerdem sollen sie nach der Auseinandersetzung mit diesen Inhalten, wohlwollenden Angehörigen die Hintergründe einer Borderline-Störung mit einfachen Worten erklären. können. Grundlage dafür ist das „Bio-Soziale Modell“. Dieses erklärt die emotionale Instabilität mit den Einflüssen der Gene, mit negativen Erfahrungen, die man in seinem Leben gemacht hat und mit einem nicht-validierenden Umfeld. Letzteres bedeutet, dass das Umfeld nicht wohlwollend, sondern bewertend mit den Auswirkungen der Störung umgeht. Die emotionale Instabilität äußert sich in einem dysfunktionalem Verhalten, das meist von dysfunktionalen Glaubensätzen gespeist wird. Beides trägt wiederum dazu bei, die emotionale Instabilität aufrecht zu erhalten bzw. zu erhöhen.

Modul Einführung in das Skillstraining. In diesem Modul werden die Patient*innen mit den Begrifflichkeiten des Skillstraining vertraut gemacht. Sie lernen zu verstehen, wie ein Skill definiert wird und dysfunktionales Verhalten von funktionalem Verhalten zu unterscheiden. Sie lernen die eigene Spannungskurve kennen und mit Hilfe der Arbeitsbögen, die individuelle Anspannung zu beschreiben. Mit weiteren Arbeitsblättern können sie haerausarbeiten, welche auf sie bezogenen Zugangskanäle sie für die Skills nutzen können (sinnes-, gedanken-, handlungs-, körperbezogen) und ein individuelles Spannungsprotokoll erstellen.

Modul Achtsamkeit. Unter Achtsamkeit wird die nicht-bewertende Wahrnehmung des Augenblicks verstanden. Dieses Modul führt in die achtsamkeitsbasierte Psychotherapie ein. Das DBT unterscheidet hier WAS-Modalitäten und WIE-Modalitäten. Erstere beinhalteten, was die Patient*innen üben können, zweiteres wie sie die Übungen durchführen. Die WAS-Modalitäten sind das beobachten, beschreiben und teilnehmen von sozialen Interaktionen und von Informationen. Die WIE-Modalitäten sind das nicht-Bewerten (eine grundsätzlich annehmende Haltung den Dingen der Welt gegenüber), das Konzentrieren, d.h. dem Fokussieren der Aufmerksamkeit auf ein einziges Phänomen und das wirkungsvolle Handeln (die richtigen Dinge zum richtigen Zeitpunkt zu tun). Die Übungsblätter werden von Atemübungen begleitet, die eingeführt und geübt werden.

Modul Umgang mit Gefühlen. Dieser Abschnitt ist einer der zentralen im Buch. Er vermittelt die grundlegenden Fertigkeiten, Emotionen zu regulieren. Dabei lernen die Leserinnen, einen distanzierteren, objektiveren Blick auf Emotionen kennen. Im zweiten Schritt werden die wichtigsten Emotionen detailliert vorgestellt (Freude, Liebe. Stolz, Lust und Begehren, Angst, Scham, Schuld, Neid, Eifersucht, Ärger und Wut, Ekel, Verachtung, Trauer, Einsamkeit, Ohnmacht, Kränkung). Sie können mit Hilfe der Arbeitsblätter reflektiert und es kann nach alternativen Handlungsmustern gesucht werden.

Modul Umgang mit Sucht. Dieses neu eingeführte Modul zielt darauf ab, die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen und Borderline zu kombinieren. Häufig erfahren die Patient*innen den Druck, zunächst die Suchterkrankung zu stabilisieren, bevor eine Behandlung der Borderlinestörung begonnen wird. In der Praxis zeigt sich, dass aber der Drang der Selbstverletzung ansteigt, wenn keine Suchtmittel mehr konsumiert werden. Deshalb wird hier der Weg der kombinierten Behandlung eingeschlagen. In den Arbeitsblättern wird dargelegt, wie sich das heftige Verlangen (Craving) regulieren lässt und dem Drang nicht nachgegangen wird. Außerdem wird gezeigt, wie der Suchtdruck erkannt und dieser als Feind gesehen werden kann. Ein Arbeitsblatt hilft, diesen Feind zu entwaffnen.

In den Kapiteln 3 und 4 werden die Themen Borderlinestörung und DBT Therapie für die Therapeuten mit weiteren wichtigen Informationen ergänzt. Diese gehen über den Input hinaus, der den Patient*innen geboten wurde. Vor allem wird die therapeutische Kette des DBT erklärt, die Einzeltherapie, Telefoncoaching, Skillstraining in der Gruppe und Supervision in einer aufeinander abgestimmten Kombination vorsieht. Zusätzlich werden die Behandlungsphasen des DBT (Verbreitung und Diagnostik, erste Therapiephase mit schwerwiegenden Problemen auf der Verhaltensebene, zweite Phase mit Problemen des emotionalen Erlebens und die dritte Phase mit Problemen der Sinnerfülltheit) erläutert und vertieft. Damit erhält der Therapeut alle wichtigen Informationen, die er für seine Interventionen benötigt.

Diskussion

Die zweite Auflage baut auf der bewährten Struktur des DBT-Manuals auf, ergänzt im Bereich „Umgang mit Sucht“. Dieses Kapitel ist überfällig, da die Borderline-Persönlichkeitsstörung doch sehr häufig auch einen Suchtmittelmissbrauch als Teil der Selbstschädigung beinhaltet.

Die leichte(re) Sprache in den Anleitungen und Arbeitsblättern ist ebenfalls zu begrüßen. Allerdings zeigt sich in der Praxis, dass mit den Patient*innen auch mit den noch vollständig anders strukturierten Blättern aus den 90er Jahren gut gearbeitet werden kann. Es kommt dabei immer darauf an, welchen Zugang die Person zu den Inhalten findet und wie der Weg dazu geebnet werden kann. Längere und verständliche Texte sind nicht jedermanns Sache und häufig bieten die Arbeitsblätter aus früheren Ausgaben mit ihren knappen Spiegelstrich-Texten einen leichteren Einstieg in die Gruppenarbeit als die neueren.

Das Online-Portal schließlich ist eine Fundgrube für alle, die lieber hören als lesen und die auf alle Arbeitsmaterialen für die Gruppenarbeit zugreifen wollen.

Fazit

Ein nach wir vor unverzichtbares Manual für Therapeut*innen, die strukturiert mit der Methode des DBT Verhaltensveränderungen wirksam hervorrufen wollen. Man merkt dieser Auflage an, dass hier langjähriges Erfahrungswissen einfließt, das kontinuierlich reflektiert und modifiziert wurde.


Rezensent
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 02.02.2018 zu: Martin Bohus, Martina Wolf-Arehult: Interaktives Skillstraining für Borderline-Patienten. Das Therapeutenmanual. Schattauer (Stuttgart) 2017. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7945-2827-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23402.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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