socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Frank-M. Staemmler: Relationalität in der Gestalttherapie

Cover Frank-M. Staemmler: Relationalität in der Gestalttherapie. Kontakt und Verbundenheit. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg) 2017. 292 Seiten. ISBN 978-3-89797-103-5. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Formen von Psychotherapie entwickeln sich seit Jahrzehnten in Auseinandersetzung miteinander, die Abgrenzungen hervorruft, aber auch zusammenführen kann und in jedem Falle immer wieder befruchtend wirkt. Zugleich ergeben sich Entwicklungsprozesse in wechselseitiger Interaktion mit etwas, das man „Zeitgeist“ nennen könnte. Frank-M. Staemmler setzt sich mit der Entwicklungslinie von Psychotherapie, am Beispiel der Gestalttherapie, von einer stark individuellen hin zu einer fokussiert „relationalen“ Perspektive auseinander.

Autor

Frank-M. Staemmler ist durch viele Publikationen im Kontext Psychotherapie, insbesondere im Verlag EHP, aber auch bei Klett-Cotta und Schattauer, schon lange eine feste Größe. Er ist promovierter Psychologe und Mitbegründer des „Zentrums für Gestalttherapie“ in Würzburg. Dort ist er seit über 40 Jahren als Gestalttherapeut und seit 1981 als Ausbilder, Lehrtherapeut und Supervisor tätig. Er selbst gibt an, dass sein aktueller Interessensfokus im Bereich der intersubjektiven Beziehungs- und Selbsttheorien liegt – sowie in deren Umsetzung in therapeutischer Praxis.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist, wenn es der Rezensent recht versteht, in den Fluss der Weiterentwicklung des Autors im Rahmen seiner theoretischen wie praktischen Auseinandersetzung mit Psychotherapie, speziell mit Gestalttherapie einzuordnen. Hier tritt zunehmend der Aspekt der Beziehung und damit der Relationalität in den Vordergrund. Frank-M. Staemmler schreibt selbst in seiner Einleitung, dass er an frühere eigene Arbeiten anknüpft. Allerdings wird hier der Fokus in dieser Arbeit – eben – auf Relationalität gesetzt und diese insbesondere durch ihre Prozesshaftigkeit sowie die Beziehungen zwischen Prozessen bestimmt. So ergibt sich ein Fragehorizont: „Im Begriff der Relationalität überschneiden sich verschiedene Fragestellungen: die Frage nach dem Menschenbild, auf dem ein therapeutischer Ansatz basiert; die Frage nach der allgemeinen Beschaffenheit zwischenmenschlicher Interaktionen und psychischer Prozesse; die Frage nach den speziellen Formen, die diese Interaktionen und Prozesse im psychotherapeutischen Kontext annehmen; und die Frage nach den Qualitäten, die Beziehungen zwischen Menschen zu therapeutisch wirksamen Beziehungen machen“ (S. 17). Die Gestalttherapie, primärer Erfahrungshintergrund des Verfassers, stehe dabei als Exempel für die (notwendige) Entwicklung verschiedenster Verfahren der Psychotherapie.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert; hinzu kommen zwei Anhänge. Neben einem „persönlichen Vorwort“, einer Einleitung und einem Schlusskapitel werden in den vier Hauptkapiteln folgende Aspekte bearbeitet:

  • „Individualismus im Vordergrund: die 1960er- und '70er-Jahre“: Der Titel des Kapitels repräsentiert schon die hier vorgetragene Kritik. Sie wird auch an gestalttheoretischen Ansätzen wie etwa dem Kontaktmodell deutlich gemacht. Im Hintergrund steht die Betrachtung des Zeitgeistes, welcher Einfluss auf die individualistisch orientierten Therapieausrichtungen hatte. Als Vorbild und „Vorreiterin“ eines stärker dialogischen Stils wird Lore Perls hervorgehoben.
  • „Die relationale Wende: die 1980er-Jahre“: In diesem mit 140 Seiten deutlich umfangreichsten Kapitel des Buches werden aus einem historischen Aufriss heraus in einem sehr breiten Unterkapitel psychologische Aspekte des therapeutischen Beziehungsangebotes untersucht, auch etwa Aspekte wie „persönliche Präsenz“ oder die Rolle von Persönlichem und Privatem – um dann philosophische und ethische Aspekte dieses Beziehungsangebotes zu betrachten – etwa auch „Anderheit“ und Fürsorge. Schließlich geht es um ergänzende, spezielle Aspekte: Beziehungskontinuität, Krisen, Übertragung sowie „Begegnungsmomente“.
  • „Plädoyer für eine weitere Wende – Vom ‚Selbst-in-Beziehung‘ zum ‚relationalen Selbst‘“: Hier wird ein stärkerer Fokus auf das „relationale Selbst“ eingefordert, hergeleitet und begründet. Unterschieden werden schwache („Selbst-in-Beziehung“) und starke Relationalität, im Sinne einer Erweiterung bzw. eines einschließenden Übersteigens. Dies wird entwicklungspsychologisch hergeleitet und dann als „Dialogizität und kreative Aneignung“ näher dargestellt.
  • „Mögliche klinische Implikationen einer weiteren Wende“: Diese Ausführungen versteht der Autor als Hinweise, da das Konzept „starker Relationalität“ „noch in den Kinderschuhen“ (S. 195) stecke. Die entsprechenden Denkanregungen fokussieren auf „Die ‚mentale Gesellschaft‘“, dann sehr ausführlich auf die Bedeutung von menschlichen Bedürfnissen sowie schließlich auf den Wert der Gemeinschaft.

Das Buch wird durch einen ausführlichen Anhang „Der Wille zur Unsicherheit – vorläufige Überlegungen über Interpretation und Verstehen in der Gestalttherapie“ sowie einen weiteren knappen Anhang, einen „KlientInnen-Fragebogen zu Kontakt und Beziehung“, ergänzt.

Textboxen mit „theoretischen Ergänzungen“ (auch ergänzt durch empirische Befunde) sowie mit „Beispielen aus der Praxis“ bereichern die Ausführungen in beiderlei Richtung.

Diskussion

Welche Therapieform, wenn nicht die Gestalttherapie, sollte Antworten auf die therapeutische Dimension „Relationalität“ geben können? Gerade auch wenn Frank-M. Staemmler den Gestaltansatz als exemplarisch bezogen auf andere Formen der Psychotherapie wählt, gilt dies. Das Buch ist ausgesprochen flüssig geschrieben, und es schöpft aus einer sehr reichhaltigen, jahrzehntelangen Auseinandersetzung sowohl mit den Theorien menschlicher Persönlichkeit, psychischer Problematiken und Störungen sowie psychotherapeutischen Behandlungsformen einerseits – als auch einer entsprechend reichhaltigen Praxiserfahrung in Psychotherapie und auch Lehrtherapie andererseits. Der Leser trifft den Autoren offenkundig auf einem Entwicklungsweg – hin zu einer stärker relationalen Orientierung eigener Sichtweisen und eigener therapeutischer Arbeit. So wird es auch beschrieben. In der Einleitung werden vier Fragen aufgerissen – die Orientierung des Buches selbst ist dann, auch wenn es vier Hauptkapitel enthält, eine andere, eine historische, sodass die Fragen nicht in direkter Systematik angegangen werden – aber sie werden im Textfluss durchaus bedacht und differenziert bearbeitet: Menschenbild, Beschaffenheit von menschlichen Interaktionen und psychischen Prozessen, entsprechende spezielle Formen in der Psychotherapie sowie therapeutisch wirksame Beziehungsqualitäten. Auch diese Auseinandersetzung, so scheint es dem Rezensenten, ist wiederum eine prozesshafte, die in einer nachfolgenden Arbeit fortgesetzt werden könnte.

Fazit

Das sehr empfehlenswerte Buch richtet sich zunächst an Psychotherapeuten, im engeren Sinne aus der Gestalttherapie, aber angesichts des Anspruches dieser Arbeit grundsätzlich an alle Therapeutinnen und Therapeuten sowie Lehrtherapeuten und Supervisoren. Grundsätzlich ist es aber empfehlenswert als sehr gut lesbare, aktuelle, kritische und von enorm viel Erfahrung in Theorie und Praxis zeugende Zustands- und Zukunftsanalyse psychotherapeutischen Denkens und Arbeitens – einfach für all diejenigen, die an Psychotherapie interessiert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
E-Mail Mailformular


Alle 27 Rezensionen von Roland Stein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 23.01.2018 zu: Frank-M. Staemmler: Relationalität in der Gestalttherapie. Kontakt und Verbundenheit. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg) 2017. ISBN 978-3-89797-103-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23403.php, Datum des Zugriffs 20.02.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!