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Bernd Hackl: Lernen – Motivation – Emotion

Cover Bernd Hackl: Lernen – Motivation – Emotion. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 288 Seiten. ISBN 978-3-8252-4339-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,00 sFr.

UTB M (Medium-Format), 4339.
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Thema

Lernen ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen, ein ganzheitlicher Vorgang, der sich nicht auf den Individuellen Wissenserwerb beschränkt, sondern soziale Prozesse sowie die Verinnerlichung neuer Erfahrungen umfasst. Es erfolgt sowohl im formellen als auch im informellen Kontext, weil wir nicht verhindern können, unablässig zu lernen. Wird das Lernen dabei aus einem subjektwissenschaftlichen Fokus betrachtet, wird eine echte Schülerorientierung möglich.

Das Spektrum der wissenschaftlichen Positionen zum Lernen ist sehr breit, von behavioristischen Ansätzen bis zu praxistheoretischen Positionen. Daraus leitet sich die Frage ab, nach welchen Lerntheorien Lehrer die Lernprozesse gestalten sollen. Der Autor behandelt deshalb das Thema Lernen aus einer pädagogischen Perspektive und konzentriert sich auf Sichtweisen, die das Phänomen des menschlichen Lernens in einer für pädagogische Reflexion und Praxis relevanten Weise erschließt. Das Ziel ist dabei, das Lernen so zu gestalten, dass sich die Lerner kulturelle Gegebenheiten aneignen und dabei interaktive Unterstützungsleistungen in Anspruch nehmen können.

Autor

Bernd Hackl ist Professor für Schulpädagogik und Leiter des gleichnamigen Institut an der Universität Graz. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die theoretische Modellierung des Lehrens und Lernens, die rekonstruktionslogische Schul- und Unterrichtsforschung, die pädagogische Körper-, Raum- und Artefaktforschung sowie die Kritik der neoliberalen Schulreform.

Entstehungshintergrund

„Non vitae, sed scholae discimus“„Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“ – ist ein zweitausend Jahre altes Zitat von Seneca, dem römischen Philosophen, Dramatiker, Naturforscher, Staatsmann und Schriftsteller, das meist fälschlich im umgekehrten Sinn verwendet wird. Damit äußerte er seine Kritik an den römischen Philosophenschulen seiner Zeit. Bis heute hat sich wenig an dieser Erkenntnis verändert. Die eigentliche Handlungsfähigkeit erwerben Schüler immer noch ganz anders und weitgehend woanders: In der Freizeit, in der Familie, im Freundeskreis, im Verein oder im Ehrenamt, vor allem aber später – im Prozess der Arbeit selbst.

Menschen müssen sich ihre Welt durch Lernen aneignen. Dieses Lernen beruht auf Probieren, Imitieren und Reflektieren, es baut auf bereits Gelerntem auf und bildet die Grundlage für weiteres Lernen. Lernen lässt sich dabei als eine Vorbereitung darauf beschreiben, ein bestimmtes Wissen und Können zu praktizieren. Umstritten ist die Frage, wie dieser Prozess erfolgen kann.

Das Ziel des Lernens ist dabei nicht, Wissen anzuhäufen, sondern kritisch zu denken, skeptisch zu prüfen und die Prämissen und Konsequenzen jeder kulturellen Gegebenheit so sorgfältig wie möglich abschätzen zu lernen.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an alle, die das Lernen anderer Menschen in pädagogischer Absicht verstehen, anregen und unterstützen wollen, insbesondere an jene, die sich dafür entschieden haben, dieser Aufgabe beruflich nachzugehen.

Aufbau und Inhalt

Der Autor spannt zunächst einen Bogen von der Praxis des Lernens in Form von Probieren, Imitieren und Reflektieren zu den unauffälligen Seiten des Lernens. Wir haben bereits ein erhebliches Ausmaß an Lernen bewältigt, bevor uns der Tatbestand eines Lernens auch nur in den Sinn gekommen ist. Dies prägt unsere „Voreinstellungen“ des Lernens und damit unser gesamtes Denken und Handeln. So hinterläßt das wiederholte körperliche Ausführen von Handlungen eine Veränderung der Denk- und Handlungsvoraussetzungen. Das Können steckt dann in einem ganz wörtlichen Sinne im gesamten Körper.

Die thematische Seite des Lernens wird anhand einer krisenhaften Selbstveränderung des Lerners, die zu einer Umorientierung des weiteren Lernens führt, beleuchtet. Am Anfang des intentionalen Lernens steht ein Diskrepanzerlebnis, aus dem sich eine ausdrückliche Lernbereitschaft entwickelt. Damit geht das unabsichtliche Lernen in ein absichtliches, intentionales Lernen über. Dabei ergibt sich das Problem, wie das noch unbekannte Können systematisch angezielt werden kann. Hinzu kommt die Gefahr, dass generell zwiespältige Haltungen und Lernwiderstände auftreten.

Das Subjekt des Lernens, der Mensch, ist ein aktives Wesen, dessen Eigenständigkeit im Spannungsverhältnis von Abhängigkeit und Freiheit auf dem Spiel steht und kultiviert werden muss. Der Begriff des Handelns zeigt eine sinnhaft-intentionale Aktivität des Menschen an, die durch die Situation, in der sie stattfindet, nicht mechanisch festgelegt ist. Subjektivität wird nicht aus sich heraus, sondern immer als Antwort auf vorgängige Weltgegebenheiten konstituiert. Erst dadurch wird Handeln motiviert und orientiert. Eine zentrale Rolle spielen dabei Emotionen.

Der Sinn des Leibes, mit dem das 5. Kapitel überschrieben ist, weist auf unseren Körper hin, der die Bedingung unseres Lebens bildet. Er bildet die Gegebenheit, durch die unser gesamtes Sein und Tun materiell existiert. Jedes Lernen impliziert das Behalten der Praktiken unseres Handelns, das wir im probierenden Umgang mit der Welt entwickeln. Erfahrungen hinterlassen in unserem Körper Spuren, die zu einem späteren Zeitpunkt wieder aktiviert werden können. Erinnern lässt sich durch keine Willensanstrengung herbeiführen, die sich auf ein kontextlos Vergegenwärtigen einer isolierten Bedeutung richtet. Es kann nur im Rahmen mentaler und/oder oder motorischer Aktivitäten vollzogen werden.

Der Sinn der Anderen im sechsten Kapitel verweist auf die Bedeutung der Mitmenschen für das Lernen. Unser Dasein beruht auf der Koordination mit anderen Menschen. Dabei lernen wir, indem wir Handeln, das wir im sozialen Kontext erfahren, imitieren und dabei strukturanaloge Kopien entwickeln. Der Autor leitet ab, dass Lernen der Einbettung in einen sozialen Kontext erfordert, der seine sachlichen und motivationalen Voraussetzungen sicherstellt.

Der Sinn der Dinge, der Artefakte, liegt darin, Kultur materiell vererbbar zu machen. Der Lernende formt einen „Abguss“ ihrer strukturellen Merkmale, indem er den beobachteten Umgang mit Artefakte probiert und imitiert. Eine wichtige Rolle für das Lernen bilden auch die Artefakte, die die räumliche Umgebung des Lernens bilden. Dazu gehören insbesondere die architektonische Gestaltung von Schulgebäuden und Klassenzimmern und deren Ausstattung.

Schließlich analysiert der Autor den Sinn der sprachlichen und bildlichen Zeichen für das Lernen. Der mentale und kommunikative Gebrauch von Daten bildet die Grundlage für den reflexiven Zugang zur Welt. Über das Argumentieren, vergegenwärtigen wir die Gegebenheiten der Welt. Durch das Handeln und Lernen in Bildern, das in unserer Welt eine immer größere Bedeutung gewinnt, bilden wir eine sinnlich-konkrete Einsicht.

Fazit

Bernd Hackl gelingt es in seinem Werk, auf Basis der aktuellen Forschungsergebnisse umfassend die wesentlichen Aspekte zu beleuchten, die unser Lernen bestimmen. Er arbeitet sehr fundiert die wesentlichen Bereiche heraus, die erfolgreiches Lernen möglich machen. Hierzu gehören vor allem die eigenen Erfahrungen, das Erlebnis von Diskrepanzen, gezieltes Handeln und Emotionen, mentale und motorische Aktivitäten, die Einbettung in den sozialen Kontext, die Gestaltung der Artefakte sowie sprachliche und bildliche Zeichen. Während der Autor auch historische Entwicklungen im Bereich des Lernens fundiert analysiert, geht er leider nicht auf die aktuellen Konsequenzen der Digitalisierung und der Entwicklung sozialer Netze für das Lernen ein. Das Buch regt insgesamt zum Nachdenken über das eigene Lernen, aber insbesondere auch über die Ermöglichung von Lernprozessen der Schüler nach, ohne konkrete Gestaltungshinweise zu geben.

Gleichzeitig wird deutlich, dass die aktuelle LEHRwelt in den Schulen mit diesen Erkenntnissen nicht mehr zu vereinbaren ist. Deshalb ist ein radikaler Wandel erforderlich, der die Schulen, aber auch andere Bildungseinrichtungen, sowohl didaktisch-methodisch, aber auch räumlich und in Hinblick auf die Ausstattung, zu einem LERNraum verändert, der selbstorganisiertes Lernen möglich macht.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 17.01.2018 zu: Bernd Hackl: Lernen – Motivation – Emotion. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-8252-4339-5. UTB M (Medium-Format), 4339. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23405.php, Datum des Zugriffs 21.10.2018.


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