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Mishela Ivanova: Umgang der Migrationsanderen mit rassistischen Zugehörigkeits­ordnungen

Cover Mishela Ivanova: Umgang der Migrationsanderen mit rassistischen Zugehörigkeitsordnungen. Strategien, Wirkungsweisen und Implikationen für die Bildungsarbeit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 292 Seiten. ISBN 978-3-7815-2199-5. D: 46,00 EUR, A: 47,30 EUR.
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Thema

Wer die Abwertung und Benachteiligung von Einwanderern beklagt, begeht nolens volens zwei Fehler: Er packt Menschen in Kategorien, unterscheidet z.B. Menschen mit und ohne Migrationserfahrung, macht also aus Mitmenschen „Andere“. Und diese „Anderen“ erscheinen als Menschen, die bewertet, behandelt werden, die Objekt, ja Opfer sind, sich sogar oft selbst so erfahren oder verstehen.

Dem ist entgegenzustellen, dass die Kategorie „Migrantinnen und Migranten“ ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das sog. Migrationsandere produziert. Diese Personen sind Subjekte ihres Lebens, die über Strategien und Möglichkeiten verfügen, mit ihrer Diskriminierung umzugehen.

Autorin

Dr. Mishela Ivanova ist als Pädagogin und Psychologin in der Lehrerbildung an der Leopold-Franzens- Universität Innsbruck tätig

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Dissertation ist am 5.7.2016 von der Innsbrucker Fakultät angenommen worden. Sie baut auf einem Forschungsprojekt auf, in dessen Rahmen in mehreren österreichischen Bundesländern 2003/2004 sieben Gruppendiskussionen durchgeführt wurden, an denen sich teils in kurdischer und türkischer Sprache, teils in Deutsch oder Englisch insgesamt 37 Personen verschiedener Nationalitäten (u.a. auch afrikanischen Staaten) beteiligten.

Aufbau

In den ersten sechs Kapiteln klärt die Autorin die theoretischen Grundlagen und Begrifflichkeiten und referiert den internationalen Forschungsstand. Im 7. und 8. Kapitel stellt Ivanova die empirische Untersuchung vor und begründet den methodischen Zugang. Zentral ist Kapitel 9, in dem sie die Ergebnisse vorstellt. Im 10. Kapitel zieht sie Folgerungen für die Unterrichtsgestaltung.

Inhalt

Wie auch aus dem Buchtitel hervorgeht, befasst sich die Autorin mit den „Migrationsanderen“, weil sie nicht den Migrationshintergrund, sondern die Ausgrenzungserfahrungen der Migrantinnen und Migranten thematisieren will. Dabei ist zu beachten, dass es gesellschaftliche Zuschreibungen sind, die vermittels Nationalität, ethnischer Herkunft und kultureller Differenz aus ihnen erst „Andere“ macht. Und eben diese Migrationsanderen werden danach befragt, welche Markierung, Deklassierung und Unterordnung sie erfahren haben und noch erfahren. Sie tragen allerdings mitunter ungewollt zur eigenen Deklassierung bei und stärken so rassistische Ideologien, vor allem aber entwickeln sie eine Vielfalt von Taktiken und Strategien, mit denen sie passiv oder aktiv, individuell oder kollektiv der Diskriminierung und Deklassierung widerstehen bzw. dagegen ankämpfen.

Wie also gehen Migrationsandere mit rassistischer Deklassierung um? Ivanova arbeitet verschiedene (nicht immer bewusste, kalkulierte) Strategien heraus, die in den Gruppendiskussionen zu finden sind:

  1. passive und aktive Duldung. Die Protagonisten resignieren, rechtfertigen sich selbst („Ohnmacht“), sind einfach darauf gefasst, meiden problematische Situationen, in denen sie als Ausländer auffallen können etc. Zu den aktiven Strategien zählt die Autorin hier auch die Verinnerlichung rassistischer Denkmuster, die so weit gehen kann, dass die Migrationsanderen die Schuld bei sich und ihresgleichen dafür suchen, dass sie schlechtere Jobs haben oder Vermieter sie nicht berücksichtigen. Wenn viele der „afrikanischen Leute“ schwarzfahren, ist es nicht verwunderlich, dass sie öfter kontrolliert werden.
  2. Individuelle und kollektiver Aufstieg. Von der Duldung nicht weit entfernt sind alle Formen der Assimilierung, darunter auch das „Durchhalten“: beharrlich bleiben, mehr leisten als die anderen, sich Unterstützung eines Landsmannes holen. Kollektiv ist dann die Identitätspolitik, also die Abwertung der („ignoranten“, „kulturlosen“) Vertreter der Mehrheitsgesellschaft und die Überhöhung der eigenen Kultur.
  3. Defensive und offensive Gegenwehr. Migrationsandere berichten darüber, dass sie widersprechen, kritisieren, die Benachteiligung ansprechen („Ihr lasst uns warten, weil wir Ausländer sind!“), rassistische Äußerungen nicht ernst nehmen, ironisieren – damit ist es leicht, die Situation zu kontrollieren. Wenn Kinder ihn mit „Ching-chang-chung“ verspotten wollen, fragt der Betreffende einfach: „Weißt Du, was das heißt? Ich liebe Dich!“ – Da sind die Kinder sprachlos.

Dazu kommt die „Entwicklung eines neuen Zugehörigkeitsverständnisses“: Ausgehend von einem migrantischen Bewusstsein hält das „neue Wir“ z.B. Afrikaner und Türken davon ab, sich voneinander zu distanzieren, sich zu beleidigen, zu hassen.

Diskussion

Die vorliegende Studie setzt sich intensiv mit der Forschung auseinander, von Tajfel („Soziale Identität“) bis Mecheril („Rassismuserfahrung“). Die Liste der Literaturreferenzen umfasst über 500 Titel. Der Text ist über weite Strecken eine intellektuelle Herausforderung. Regelmäßig begegnen dem Leser Sätze wie der folgende, zufällig ausgewählte: „Selbst wenn Aufstiegsstrategien das Potenzial haben, bestehende rassistische Strukturen zu modifizieren, so sind sie dennoch nicht explizit auf eine Destabilisierung der rassialisierenden Strukturierungen ausgerichtet.“ (S. 208). So einfach ist das?

Aus dem Rahmen fällt jedenfalls das 5.Kapitel, im dem auf wenigen Seiten, mit offiziellen Daten die Lebenslage von Ausländern und Menschen mit Migrationshintergrund (also doch!) belegt wird, z.B. die (im Vergleich zur ersten) etwas niedrigeren Bildungsabschlüsse der zweiten Generation.

Das 10. Kapitel soll die „Implikationen für die formale Bildung“ (sprich: Schule) formulieren. Ivanova plädiert nach Freire für eine „Pädagogik mit den Unterdrückten“, nicht bloß „für sie“, wonach der Unterricht alle Schülerinnen und Schüler ermächtigen, insbesondere durch Selbstwirksamkeitserfahrungen stärken soll.

Es ist verständlich, dass die Autorin nicht die gesellschaftspolitische Debatte eröffnet, die sich an die dargestellten Strategien knüpfen müsste: Von „Selbstethnisierung“ ist es ja nicht weit bis zur Parallelgesellschaft, ja zum Fundamentalismus. Dennoch besteht eine gewisse Lücke zwischen der Ausgangsbasis, nämlich den Interviews mit erfahrenen „Migationsanderen“ einerseits und der Beschränkung der Folgerungen auf die Schule anderseits. Die Gruppengespräche könnten als Diskurs, als Lernort ausgebaut werden, stattdessen bleiben sie Material oder Fundus, die Teilnehmer werden gar als bloße „Beispielbringer_innen“ (S. 181) apostrophiert.

Fazit

Wer sich auf diese intellektuelle Herausforderung einlässt, wird mit einer überzeugenden, insgesamt schlüssigen pädagogischen Theorie belohnt, die weit über das aktuelle Migrationsthema hinausreicht.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 09.11.2017 zu: Mishela Ivanova: Umgang der Migrationsanderen mit rassistischen Zugehörigkeitsordnungen. Strategien, Wirkungsweisen und Implikationen für die Bildungsarbeit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-7815-2199-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23406.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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