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Micha Brumlik, Benjamin Ortmeyer (Hrsg.): Max Traeger – kein Vorbild

Cover Micha Brumlik, Benjamin Ortmeyer (Hrsg.): Max Traeger – kein Vorbild. Person, Funktion und Handeln im NS-Lehrerbund und die Geschichte der GEW. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 180 Seiten. ISBN 978-3-7799-3770-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Der Gründer und erste Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Max Traeger, trat am 1. Mai 1933 freiwillig in den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) ein und betrieb die ebenfalls freiwillige Eingliederung der seit 1805 bestehenden „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens“ (GdF), also des Hamburger Lehrervereins, in den NSLB. Traeger gehörte von Oktober 1927 bis zur Auflösung im Oktober 1933 der Hamburgischen Bürgerschaft an, als Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei, die sich vor der Reichstagswahl 1930 mit der nationalistischen und antisemitischen Volksnationalen Reichsvereinigung zur Deutschen Staatspartei zusammenschloss. Dass die Nationalsozialisten Traeger respektierten, zeigt seine Bürgerschaftszugehörigkeit bis zum Schluss.

Im NLSB war Traeger am Erwerb die Villa Rothenbaumchaussee 19 (Ro 19) beteiligt, die von ihren jüdischen Eigentümern vor ihrer verfolgungsbedingten Auswanderung an die Lehrerhaus GmbH der Gesellschaft der Freunde (Abteilung Wirtschaft und Recht im NSLB) verkauft wurde. Nach dem Krieg erreichte es Traeger, dass die Immobilie in den Besitz der GEW überging.

Die Verfasserinnen und Verfasser der Beiträge dieses Sammelbands sind der Meinung, dass Max Traeger kein Vorbild sein kann. Sie fordern eine Umbenennung der Max-Traeger-Stiftung der GEW. Im Weiteren fordern sie eine intensive Auseinandersetzung der GEW mit ihrer Gründungsgeschichte und ihren Gründerinnen und Gründern. Viele von ihnen waren dem nationalsozialistischen Gedankengut verhaftet und als ideologische Stützen des NS-Regimes tätig.

Herausgeber

Micha Brumlik (geb. 4. November 1947 in Davos) war bis zu seiner Emeritierung im Frühjahr 2013 Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 1981 bis 2000 lehrte er Erziehungswissenschaft an der Universität Heidelberg. Im Jahr 2000 übernahm er eine Professur am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt „Theorie der Erziehung und Bildung“ an. Von 2000 bis 2005 war er der Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, Forschungs- und Dokumentationszentrums zur Geschichte des Holocaust.

Benjamin Ortmeyer (geb. 13. April 1952 in Kiel) wurde 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. 2008 habilitierte er sich mit der Schrift „Mythos und Pathos statt Logos und Ethos – Zu den Publikationen führender Erziehungswissenschaftler zur NS-Zeit: Eduard Spranger, Herman Nohl, Erich Weniger und Peter Petersen“. Ortmeyer lehrt seit 2009 als Privatdozent und seit dem 26. Januar 2011 als außerplanmäßiger Professor an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. Seit 2012 leitet Ortmeyer dort zusammen mit Micha Brumlik eine Forschungsstelle NS-Pädagogik.

AutorInnen

Außer den Herausgebern haben insgesamt zehn weitere AutorInnen, teils allein, teils kollektiv, Beiträge für den Sammelband verfasst oder aus früheren Veröffentlichungen beigesteuert. Sie werden im Abschnitt „Inhalt“ genannt.

Entstehungshintergrund

Der Hamburger Lehrer, Schulleiter und Schulaufsichtsbeamte Max Traeger (1887-1960) ist in dem hier interessierenden Zusammenhang Namensgeber der 1960 gegründeten Max-Traeger-Stiftung der GEW. Ihr Ziel ist die Förderung der wissenschaftlichen Erforschung der Erziehungswirklichkeit, der Schulwirklichkeit und der Hochschulwirklichkeit. Traeger hatte als Vorsitzender der traditionsreichen hamburgischen „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens“ viele andere Lehrervereine vom Zusammenschluss zur GEW überzeugt, deren Vorsitzender er von 1947 bis 1952 und von 1958 bis zu seinem Tod im Januar 1960 war.

2016 wiesen Saskia Müller und Benjamin Ortmeyer in ihrem Buch „Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933-1945“ eine starke Affinität der Lehrerschaft mit dem Nationalsozialismus nach. Insbesondere zeigten sie auf, dass die Lehrervereine sich überwiegend freiwillig dem NSLB anschlossen und nicht wie die freien Gewerkschaften vom NS-Regime zwangsweise aufgelöst wurden. In Hamburg spielte dabei Max Traeger eine besondere Rolle, die im Oktober 2016 den Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten in der GEW (BASS) veranlasste, in einem Offenen Brief die Umbenennung der Stiftung zu fordern. Der GEW-Bundesvorstand gab im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung eine Studie in Auftrag, die der frühere Landesvorsitzende der GEW Hamburg und Lokalhistoriker Hans-Peter de Lorent im Juni 2017 mit dem Titel „Max Traeger – Biografie des ersten Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (1887-1960)“ bei Beltz-Juventa veröffentlichte. Auf dieses von Ortmeyer als Apologie bezeichnete Buch reagierten im September 2017 Brumlik und Ortmeyer mit ihrem Sammelband. De Lorents Fazit, die GEW könne stolz auf Traeger sein, stellen sie ihr Verdikt „Traeger – kein Vorbild“ entgegen.

Den Grund für die Veröffentlichung war einerseits der Versuch der GEW, die öffentliche Diskussion um Traeger zu unterbinden und innerhalb der Organisation zu führen, und andererseits, dass die GEW-Führung sich dem Standpunkt de Lorents anschloss, Traeger habe sich um die GEW große Verdienste erworben, und eine kontroverse Diskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der Gegenposition nicht zuließ (S. 63). Dem Beltz Juventa Verlag ist zu verdanken, dass durch die Veröffentlichung der Bücher von de Lorent und Brumlik/Ortmeyer die Diskussion nun doch im öffentlichen Raum stattfinden kann.

Aufbau

Der Sammelband besteht aus zehn inhaltlichen Beiträgen sowie einem Vorwort, in dem die Herausgeber die einzelnen Beiträge kurz zusammenfassen. Ein Autorenverzeichnis und eine Danksagung beschließen das Buch.

Inhalt

Die Feststellung „Max Traeger – kein Vorbild“ ist das ceterum censeo dieses Buches (z.B. S. 12, 16, 38, 64, 74, 75, 162). Ergänzt wird sie um das Diktum, Max Traeger könne nicht Namensgeber einer Stiftung sein (z.B. S. 12, 42, 68). Begründet werden beide Forderungen mit Traegers Verhalten in der NS-Zeit, festgemacht im Wesentlichen an zwei Ereignissen:

  1. der von ihm geförderte „freiwillige und begeisterte“ Anschluss der GdF an den NSLB (S. 19) und in diesem Zusammenhang sein persönlicher Eintritt in den NSLB am 1. Mai 1933 sowie
  2. seine Mitwirkung beim Erwerb der Immobilie Ro 19 von ihren jüdischen Eigentümern Hallgarten und Meyerhof und in diesem Zusammenhang der von Traeger nach 1945 betriebene Übergang der Immobilie in das Vermögen der GEW.

Weitere Gründe listete Benjamin Ortmeyer im Mai 2017 auf (S. 68 und 69): Als Hauptgrund nannte er, „dass er als NSLB-Mitglied ‚MITLÄUFER‘ des NS-Staates und der NS-Bewegung war.“ Des Weiteren sei er 1933 an der Koalition der Deutschen Staatspartei mit der NSDAP im Hamburger Senat beteiligt gewesen. Er war – auch betriebswirtschaftlich – einer der Liquidatoren des alten Lehrervereins. Er habe als Nicht-NSDAP-Mitglied zwar seine Stellung als Schulleiter verloren, sei aber nicht aus dem Schuldienst entlassen, sondern an einer anderen Schule als Lehrer weiterbeschäftigt gewesen. Seine gelegentlichen Kneipentreffs mit anderen Funktionären der Deutschen Staatspartei könne man nicht – wie de Lorent – als „Untergrundvorstand“ bezeichnen. Nach 1945 habe er „als Karrierist und Wendehals“ aktiv an der „Lebenslüge“ der GEW gearbeitet, die alten Lehrerverbände seien zwangsweise gleichgeschaltet und enteignet worden. Als Mitglied der FDP stehe er mit deren Programm „Schluss mit der Entnazifizierung“ für die „Renazifizierung“ der Schulen mit Lehrern, die von den Alliierten entlassen wurden. Einzelne Redebeiträge Traegers zeigen, dass er als Nicht-NSDAP-Mitglied ein „in der Wolle gewaschener deutscher Nationalist“ und Geschichtsrevisionist gewesen ist. Er habe sich nicht kritisch mit den NS-Verbrechen und dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg auseinandergesetzt.

Die Zehn-Punkte-Liste Ortmeyers ist der rote Faden durch das Buch. Jeder der Punkte wird in einzelnen oder mehreren Beiträgen ausführlich begründet und belegt, z.T. mit Kopien der jeweiligen Dokumente. Brumliks als Einleitung abgedruckte TAZ-Kolumne vom 2. Mai 2017 äußert die Erwartung, dass die GEW als „Bildungsgewerkschaft“ die historische Wahrheit weder verschweigt noch beschönigt (S. 13), also zur Kenntnis nimmt und – durch Öffnung der Archive – zur Kenntnis gibt (so Ortmeyer auf S. 209).

Den ersten längeren Aufsatz des Buches nennt sein Verfasser Benjamin Ortmeyer „Persilschein-Logik: Eine Polemik gegen die Apologie von Max Traeger“. Mit „Apologie“ ist die Traeger-Biografie de Lorents gemeint, die von der GEW-Vorsitzenden Marlies Tepe in Auftrag gegeben und von ihr in einer Schriftenreihe der Max-Traeger-Stiftung herausgegeben wurde. Diese Arbeit bezeichnen die Herausgeber Brumlik und Ortmeyer als „eine Art Gegenschrift zum bisherigen Diskurs“ (S. 7) und als „Verteidigungsschrift“ (Apologie).

Ortmeyer dokumentiert, dass Traeger im Entnazifizierungsverfahren der britischen Militärbehörde zunächst keiner Kategorie zugeordnet wurde, im Berufungsverfahren 1948 dann als „unbelastet“ (Kategorie V) eingestuft wurde. Ortmeyer relativiert diese Traeger rehabilitierende Kategorisierung gleich dreimal: „Keine Kategorisierung“ bedeute „NICHT“ Entlastung, die Berufung sei ein „von Deutschen durchgeführtes Verfahren“ gewesen, in der britischen Zone sei durchgängig um eine Kategorie milder eingestuft worden als in der amerikanischen, Traeger wäre dort also als Mitläufer eingruppiert worden (Kategorie IV), was Ortmeyers Mitläufer-These bestätigt hätte. (S. 18) Als weitere Belege dafür zieht er den von Traeger am 27. August 1934 auf den Führer geleisteten Amtseid und die Urkunde zum 25-jährigen Dienstjubiläum vom 9. Mai 1939 heran. Traeger sei eine der Fachkräfte und einer der Mitläufer gewesen, ohne die das NS-Regime nicht funktioniert hätte. (S. 20, 21) De Lorent hat all das anders beurteilt, was Ortmeyer veranlasst, ihm Grundfehler bei den Fragestellungen und beim historischen Kontext sowie mangelnde Quellenkritik vorzuwerfen.

Ortmeyer setzt sich dann abschnittsweise mit der De-Lorent-Biografie auseinander. Aus den acht Unterabschnitten über Traegers Leben und Wirken bis 1930 und dann bis 1945 – immerhin 20 Seiten – greift er zwei Zitate auf und an. Weitere dreißig Seiten widmet sich de Lorent der Rolle Traegers in der Endphase der Weimarer Republik. Bei Ortmeyer sollen drei kurze Zitate Traeger eine deutschnationale Grundhaltung nachweisen. Auf sieben Seiten kolportiere de Lorent die irrige Ansicht, die GdF sei zwangsweise mit dem NSLB gleichgeschaltet worden. Weitere sechzehn Seiten de Lorents enthalten „Hinweise zur Erklärung der widerstandslosen Hinnahme der Gleichschaltung“, die Ortmeyer schon deshalb zurückweist, weil der Anschluss in größerem Maße begeisterte Zustimmung auslöste. (S. 29) Dass Traeger seine Stellung als gewählter Schulleiter verlor und – bei gleichem Gehalt – zum Lehrer zurückgestuft wurde, wertet de Lorent als Willkürakt, Ortmeyer dagegen als „eine Art Friedensangebot“. In dieser Zeit des Rückzugs ins Private habe es „heimliche Treffen im sogenannten Untergrundvorstand“ gegeben (de Lorent), die tatsächlich einfache Gaststättentreffen gewesen seien, bei denen die Teilnahme Traegers sogar umstritten sei (Ortmeyer). (S. 31 f.) Aus der zweiten Hälfte des de-Lorent-Buchs greift Ortmeyer vor allem die Darstellung der Rückgewinnung des Curio-Hauses nach 1945 und des Erwerb des Hauses Ro 19 1935 und dessen Überführung in den GEW-Besitz nach 1945 auf und an.

Es folgt der Aufsatz „Der NSLB – eine verbrecherische Organisation“, in dem Saskia Müller und Benjamin Ortmeyer nachweisen, dass die Nazi-Ideologie das Wesentliche des NSLB war (S. 51): Das Zentralorgan des NSLB propagierte Kolonialrassismus, Judenfeindschaft und -vernichtung, Antiziganismus sowie die NS-Eugenik bis hin zur Euthanasie. (S. 43-51)

Sven Lehmann stellt anschließend die „Chronologie einer Kontroverse“ zusammen (S. 54-71), die in den Appell mündet, die GEW solle sich endlich ihrer Vorgeschichte im Nationalsozialismus stellen und die Diskussion offen führen.

In dem Beitrag „Perspektive Hamburg“ schreiben Bernhard Nette und Stefan Romey ein Art Gegengutachten zu de Lorent (S. 72-156), das sich sehr ausführlich mit Traegers Verhalten in der Hamburger Politik und als GdF-Funktionär befasst und dabei auf Personen verweist, die sich nicht wie Traeger vom NS-System vereinnahmen ließen. Sie verweisen insbesondere auf Emmy Beckmann, die wie Traeger für die Deutsche Demokratische Partei bzw. Deutsche Staatspartei in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt worden war. Sie war auch Hamburger Oberschulrätin und Leiterin des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverbandes. Sie wehrte sich gegen die Gleichschaltung ihres Verbandes; der Verband schloss sich nicht dem NSLB an, sondern löste sich nach Schenkung seines Vermögens an die Helene-Lange-Stiftung selbst auf. Beckmann wurde nach § 4 des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ im Juni 1933 aus dem Dienst entfernt. Nach 1945 sei sie FDP-Bürgerschaftsabgeordnete gewesen und habe sich nachdrücklich für die Entnazifizierung und gegen die Rehabilitierung von Angehörigen der Waffen-SS eingesetzt (S. 112-114). Nette und Romey schlagen vor, die Max-Traeger-Stiftung in Emmy-Beckmann-Stiftung umzubenennen.

Auf den Seiten 157 bis 164 schildern Ronja Heinelt, Robert Hübner, Evin Jlussi, Gesa Müller und Tobias Wollborn als Aktive der Jungen GEW/GEW Studis Hamburg ihre „Erfahrungen in der GEW Hamburg: Vergangenheitsbewältigung und Nestbeschmutzung“. Ähnlich wir die BASS im Bund wurden sie von der Landes-GEW ausgebremst. Sie fordern eine offene und ehrliche Aufarbeitung der GEW-Geschichte, „um gestärkt, schärfer und ein Stückchen aufgeklärter … aus der Auseinandersetzung zu gehen“ (S. 160).

Sven Lehmann fasst auf den Seiten 165-186 die „Perspektive Baden-Württemberg“ in den Blick. Er belegt exemplarisch den Nutzen seiner Forderung an die GEW, sich mit den Biografien von NSDAP- und NSLB-Mitgliedern auseinanderzusetzen, die sich später in der GEW organisierten. Am Beispiel des NS-Erbbiologen und Rasse-Ideologien Friedrich Reinöhl zeigt Lehmann, wie die Aufdeckung dessen NS-Vergangenheit zur Umbenennung der Reinöhl-Hofheinz-Studienhilfe in GEW-Studienhilfe führte. Eine nach dem Sonderpädagogen und langjährigen GEW-Mitglied Wilhelm Hofmann benannte Heilbronner Schule änderte ihren Namen, nachdem eine Studie nachgewiesen hatte, dass sich Hofmann in der NS-Zeit als Rasse-Ideologe und Auslese-Pädagoge hervorgetan hatte. Weitere NS-belastete Biografien: Hans-Willi Ziegler, in der GEW Leiter der Fachgruppe Hochschulen und der Pädagogischen Landesstelle des Bundesverbands Baden-Württemberg, Walter Asmus, 1968 von der GEW Oldenburg mit einem Preis ausgezeichnet, Wilhelm Grotelüschen, Leiter der Fachgruppe Hochschulen der Oldenburger GEW, Peter Seidensticker, Vorsitzender des GEW-Ortsverbands Stade, Walter Stuhlfahrt, Vorsitzender der Fachgruppe Hochschulen der GEW Schleswig-Holstein, Heinrich Vogeley, Vorsitzender der Fachgruppe Hochschulen der GEW Niedersachsen.

Z. Ece Kaya stellt in ihrem Beitrag „Unzulässige Manöver – Die Biografie Max Traegers im Spannungsfeld von Diskurs und Ideologie“ die de-Lorant-Biografie auf den diskursanalytischen Prüfstand (S. 187-203). Sie deckt auf, wie die Verwendung von Begriffen oder Zitaten und der Ausschluss kritischer Positionen dem Diskurs die beabsichtigte Wirkung geben soll: Traeger als erstem Vorsitzenden der GEW ein würdiges Andenken zu bewahren. Dagegen meint Kaya: „Dass ein Mitläufer bzw. eine Person, die das NS-Regime dadurch unterstützte, dass er als negatives Vorbild am 1. Mai 1933 ohne Not in den NSLB eintrat, nicht als gewerkschaftlich-politisches Vorbild fungieren kann und nicht verherrlicht oder verehrt werden darf, liegt aus einer rassismuskritischen pädagogischen Perspektive und humanistischer Grundposition auf der Hand. Daher ist es festzuhalten, dass die Auseinandersetzung mit dem Leben von Traeger, mit dem NSLB und weiteren Strukturen innerhalb deutscher Lehrerkräfte jedenfalls entweder auch aus Respekt vor den Opfern zu einer offenen, selbstkritischen Reflexion in den Reihen der GEW führen oder durch Verschiebung der Sagbarkeitsfelder in der Aufarbeitung der NS-Geschichte zu der nationalistisch-antisemitisch-rassistischen und rechtsextremen Position eines Schlussstrichs näherkommen wird.“ (S. 194)

Zu einem von Kaya analysierten Zitat liefert Micha Brumlik die „Vertiefung: Über den Ursprung der Phrase ‚Der Einzelne ist nichts …‘“ (S. 204-205). Traeger schrieb in einem Dankesbrief für das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz: „Mir kommt nur der Ruhm des Anregers zu. Vergessen Sie nie: der Einzelne ist nichts, die gesamte Lehrerschaft ist alles.“ Brumlik fand heraus, dass die konnotierte Phrase „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“, die besonders gerne Nationalsozialisten zitierten, auf den Sozialdemokraten Heinrich Deist zurückgeht, der sie 1924 im „Politischen Rundbrief des Hofgeismarkreises“ geschrieben hatte. Deist war nach 1945 als Mitarbeiter Hans Böcklers an der Wiedergründung der Gewerkschaften beteiligt.

Für die von ihm angeregte Erforschung der Vorgeschichte der GEW im Nationalsozialismus und die Biografie-Forschung nennen Benjamin Ortmeyers „Ausblicke“ (S. 206-210) sieben Forschungsfragen, sechs Quellenhinweise sowie ein Konzept für ein zentral-regional-lokal vernetztes Forschungsprojekt.

Diskussion

Schon in der Einleitung Micha Brumliks zeigt sich eine Desillusionierung: die GEW erweise sich als eine ganz normale Organisation, die statt eine „empathisch verstandene ‚Aufklärung‘“ zu betreiben „zu einer Vorkämpferin der Gegenaufklärung zu werden droht“. (S. 12). Benjamin Ortmeyer greift diese Aussage zum Schluss noch einmal auf und ergänzt sie zugespitzt: „…die größten Wert darauf legt, dass ihr Ruf nicht befleckt wird“. (S. 210)

Was ist das für eine „Organisation“, die sich Brumlik offenbar als ideale Organisation wünscht? Die GEW ist kein zentral gesteuerter Betrieb, sondern eine in mehrere Ebenen gegliederte Mitgliederorganisation, deren Meinungsbildung durch Anträge und Beschlüsse auf Betriebsgruppen-, Ortsvereins-, Fachgruppen-, Kreis-, Bezirks-, Landes- und Bundesebene stattfindet. Das vorliegende Buch enthält etliche Beispiele dafür, die zugleich zeigen, dass Meinungsbildungen kontrovers verlaufen, dass Fakten unterschiedlich bewertet werden und dass die Gremienmitglieder nicht immer die von den Antragstellern erhoffte Entscheidung treffen.

Und dass sie einmal gefasste Beschlüsse überdenken und ändern können: Bei der Frage „Ro 19“ entschied die Landesvertreterversammlung der Hamburger GEW 2007 noch, das Haus nicht für die Einrichtung eines jüdischen Museums an die Stadt Hamburg zu verkaufen. (S. 119) 2013 verkaufte die GEW das Haus dann doch, nicht an die Stadt, sondern an die jüdische Organisation Chabad Lubawitsch, und sie spendete vom Kaufpreis 400.000 Euro an die Jüdische Gemeinde in Hamburg. (S. 120) Entscheidend für die Neubewertung war die Erkenntnis, dass „ohne die nationalsozialistische Herrschaft … die GEW nicht in den Besitz von Ro 19 gelangt“ wäre (S. 120).

Die Verfasser des Buches streben eine Umbenennung der Max-Traeger-Stiftung an und begründen dies hauptsächlich damit, dass der Namensgeber als Nicht-NSDAP-Mitglied ein Mitläufer gewesen sei. Er sei deshalb kein Vorbild.

Die Stiftung wurde 1960 auf Vorschlag Heinrich Rodensteins nach Max Traeger benannt. Rodenstein war bis 1929 Mitglied der KPD und später der SAP. Politisch waren beide also Antipoden, Traeger war zeitgleich Mitglied der DDP bzw. Staatspartei. Rodenstein emigrierte 1933 er nach Holland und überlebte die NS-Zeit in Frankreich. Traeger blieb Lehrer in Hamburg und wurde Mitglied des NSLB. Beide gründeten 1947 den Allgemeinen Deutschen Lehrer- und Lehrerinnenverband (ADLLV) für die Britische Besatzungszone, dessen erster Vorsitzender Traeger und zweiter Vorsitzender Rodenstein wurde. Der Verband ging 1948 in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft auf, deren Vorsitzender Traeger bis 1952 und von 1958 bis 1960, Rodenstein von 1960 bis 1968 war. Dass jeder von dem anderen wusste, wie er sich in der Zeit von 1933 bis 1945 verhalten hat, darf als sicher angenommen werden können. Bemerkenswert ist, dass der konservative Liberale und der Sozialist, der „Mitläufer“ und der Emigrant, die (in der Regel konservativen) Lehrervereine zur Gewerkschaft zusammenführen und dann mit dem DGB zusammenschließen konnten. (Als ehemaliger Kreis- und stellvertretender Bezirksvorsitzender der GEW Hildesheim erinnere ich, dass noch Anfang der 70er Jahre viele Mitglieder die GEW als Standes- und nicht als Arbeitnehmerorganisation verstanden.) Das von den Verfassern offenbar übersehene Buch von Wolfgang Kopitzsch, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Grundzüge ihrer Geschichte, Heidelberg 1983, stellt dar, wie dieser Aufbauprozess unter den schwierigen Nachkriegsbedingungen verlief. Der Zusammenschluss mit dem DGB und damit die gewerkschaftliche Ausrichtung war nicht selbstverständlich, er fand in bewusster Ablehnung des Zusammenschlusses mit dem Beamtenbund statt. Interessant ist, dass gerade der FDP-Mann Traeger sich entschieden für den DGB aussprach (Kopitzsch, S. 82).

Nur am Rande sei erinnert, dass 97 Prozent der Lehrkräfte zwischen 1933 und 1945 dem NSLB angehörten. Die gleichen Lehrkräfte waren, wenn sie überlebt hatten und „entnazifiziert“ waren, auch nach 1945 im Schuldienst tätig. Und die Junglehrer, die als ehemalige Wehrmachtsangehörige einem verbrecherischen Regime gedient hatten, kamen am Ende ihrer Ausbildung auch nicht „jung“ und vergangenheitslos in die Schulen. Anders als in der DDR gab es in der Bundesrepublik keine Neulehrer-Bewegung. Wie alle anderen gesellschaftlichen Einrichtungen wurde auch das Schulwesen von ehemaligen „Mitläufern“ (mit) aufgebaut. Und natürlich auch die Gewerkschaften. Dass es ihnen nicht nur um Organisations- und Berufspolitik, sondern auch um Schul- und Bildungspolitik ging, ist bei Kopitzsch nachzulesen oder bei Werner Hohlfeld, Geschichte der Lehrerbewegung in Niedersachsen, Band 2, Von 1945-1976, Hannover 1979. Verbandsthema des ADLLV war 1947/48 zum Beispiel „Die inneren Voraussetzungen der Einheitsschule“, der Vorsitzende Max Traeger hatte es formuliert (Hohlfeld, S. 37).

Im besprochenen Sammelband ist von diesen Ereignissen nichts zu lesen. Bei der Beantwortung der Frage, ob die Max-Traeger-Stiftung umbenannt werden muss, wären sie aber heranzuziehen. Denn 1960 werden es die Verdienste Traegers als „Mann der ersten Stunde“ der Hamburger und deutschen GEW gewesen sein, die Rodenstein bewogen haben, den Namen seines Vorgängers durch die Stiftung in Erinnerung zu halten, quasi als „Lesezeichen der Geschichte“ (Matthias Martens). Ein „Vorbild“ muss Traeger deshalb nicht sein, die Frage „Ein Vorbild – kein Vorbild“ ist auch nicht wissenschaftlich zu beantworten, sondern muss im Diskurs, vielleicht sogar individuell entschieden werden.

Diesem Diskurs sollte sich die GEW unbedingt stellen, die Versuche, ihn zu unterbinden und zu kanalisieren, sind beschämend. Er wird landauf, landab in Städten über Straßennamen geführt, in Landtagen, Ministerien und Behörden über die Aktivitäten ihrer Angehörenden in der NS-Zeit, in Betrieben über ihre Kollaboration mit der SS-Wirtschaftsverwaltung, in der Bundeswehr über den Traditionsbegriff. Dann sollte auch die GEW keine Scheu haben, die Geschichte ihrer Entstehung und ihrer Vorläufer zu erforschen – alles andere als offen und ehrlich wäre unwissenschaftlich. Zur Wissenschaftlichkeit gehört aber auch eine angemessene Form des Diskurses, die Z. Ece Kaya zu Recht einfordert (S. 187-203). Die Autorinnen und Autoren des Sammelbands sollten sich kritisch fragen, ob ihre Beiträge dem Anspruch Kayas genügen.

Heinrich Rodenstein formulierte 1974 ein Desiderat, das offenkundig bis heute nicht umfassend bearbeitet wurde: „Ähnlich hart wie Diesterweg über die Lehrerschaft nach 1848 haben in unserer Zeit manche über die massenhafte Anpassung der deutschen Lehrer an den Nationalsozialismus ab 1933 geurteilt. Mir ist keine Veröffentlichung bekannt, die versucht hätte, die wahre Gesinnung der deutschen Lehrerschaft auch in ihren evtl. Wandlungen von 1933 bis 1945 festzustellen. Vielleicht schreckte bisher die außerordentliche Schwierigkeit der Aufgabe ab. Wo physisch-psychischer Terror Angst gebiert, wird Tarnung, Heuchelei fast zu einer Lebensnotwendigkeit. Wenn man nicht mehr ungestraft frei reden kann – an schreiben ist schon gar nicht mehr zu denken –, gibt es kaum noch zuverlässige Zeugnisse über die wahre Gesinnung der Vielen. Es bleiben nur noch wenige Jahre Zeit, die große Arbeit zu leisten. Schon jetzt leben viele der Betroffenen nicht mehr. In 10 Jahren wird ihre Zahl so klein geworden sein, daß sie eine solche Untersuchung nicht mehr tragen kann. Es bleibt auch fraglich, ob das erforderliche Maß an Erinnerungstreue und schonungsloser selbstkritischer Distanz vorausgesetzt werden darf.“ (25 Jahre GEW, Die Deutsche Schule 66, S. 313-316; zitiert nach Kopitzsch, S. 26)

Fazit

Das Buch „Max Traeger – kein Vorbild“ befasst sich intensiv mit der Rolle des Gründers und ersten Vorsitzenden der GEW, Max Traeger, in der NS-Zeit. Im Zusammenhang mit seiner Rolle beim Anschluss der GdF an den NSLB stellt es auch die hohe Affinität der Lehrerschaft mit der NS-Ideologie und die große Zustimmung zum NS-Regime dar. Es erhellt Traegers Wirken in der hamburgischen Bürgerschaft als Angehöriger der DDP-/Staatspartei-Fraktion, insbesondere bezogen auf die letzten Monate ihres Bestehens bis Oktober 1933. Traegers Aktivitäten nach 1945 werden nur berücksichtigt, sofern sie im Zusammenhang mit seinen Tätigkeiten in der NS-Zeit stehen, insbesondere hinsichtlich seiner Bemühungen, das Vermögen der GdF nicht der Reichsorganisation des NSLB zufließen zu lassen bzw. es nach 1945 für die GdF bzw. die GEW zurückzuerhalten.

Als eine Art Gegendarstellung zur im gleichen Verlag und Jahr erschienenen Traeger-Biografie von Hans-Peter de Lorent versteht sich das Buch als Beitrag zur selbstaufgeworfenen Streitfrage, ob die Max-Traeger-Stiftung umbenannt werden müsse oder beibehalten werden dürfe. Das Buch zeigt, dass die GEW-Führung im Bund und in Hamburg sich bisher schwertat, die Diskussion darüber mit den Beteiligten angemessen zu führen. Es legt aber auch den Verdacht nahe, dass die Autorinnen und Autoren eine andere Interpretation der Fakten oder eine Würdigung der Lebensphasen Traegers vor 1933 oder nach 1945 nicht akzeptieren würden. Wenn der Buchtitel „Max Traeger – kein Vorbild“ ein Diktum sein sollte, wäre das nur die apodiktische Behauptung einer Gegenposition. Der gewünschten offenen Diskussion stünde die Vorwegnahme ihres Ergebnisses entgegen.


Rezensent
Dr. Hartmut Häger
Direktor beim Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung, Hildesheim, i. R.
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Zitiervorschlag
Hartmut Häger. Rezension vom 03.01.2018 zu: Micha Brumlik, Benjamin Ortmeyer (Hrsg.): Max Traeger – kein Vorbild. Person, Funktion und Handeln im NS-Lehrerbund und die Geschichte der GEW. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3770-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23416.php, Datum des Zugriffs 19.07.2018.


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