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Thomas Markert: Lehrerinnen und Erzieherinnen doing Ganztagsschule

Cover Thomas Markert: Lehrerinnen und Erzieherinnen doing Ganztagsschule. Analysen zur administrativen Rahmung und standortspezifischen Gestaltung von Grundschule und Hort. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 450 Seiten. ISBN 978-3-7799-3318-2. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema

Der Aufbau der Ganztagsschule gilt als nicht abgeschlossen, zumal die Verknüpfung von Unterricht und außerunterrichtlichen Aktivitäten noch nicht zufriedenstellend gelöst ist. Dies trifft auch zu für Ganztagsschulen im Grundschulalter. Wenig im Blick ist der Hort als kooperatives Ganztagsangebot für Kinder im Grundschulalter.

Die vorliegende Studie von Thomas Markert will diese Erkenntnislücke schließen, indem hinter die zwischen Schule und Jugendhilfe ausgehandelte, programmatische Kulisse des kooperativen Ganztagesangebotes für Grundschulkinder geschaut wird (S. 11).

Autor

Nach seinem Studium der Sozialarbeit/Sozialpädagogik war Thomas Markert zunächst Schulsozialarbeiter. Nach seiner Promotion 2007 ist der Autor bis 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Dresden gewesen. Ab 1.09.2017 vertritt der Autor eine Professur für Sozialpädagogik einschließlich ihrer Didaktik an der Hochschule Neubrandenburg.

Arbeitsschwerpunkte von Thomas Markert sind rekonstruktive Methoden der Sozialforschung sowie Forschungen zur Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe.

Entstehungshintergrund

Hervorzuheben ist die Tatsache, dass sich die Arbeit am vorliegenden Buch über fast zehn Jahre erstreckt hat. Der Erhebungsschlusspunkt für die empirischen Teile des Projektes wurde auf den Beginn des Jahres 2016 gesetzt.

Gefördert wurde die Arbeit in den Jahren 2010 bis 2013 vom Europäischen Sozialfond und dem Freistaat Sachsen.

Aufbau

Hinter die Kulisse des kooperativen Ganztagsschulangebotes für Grundschulkinder zu schauen, vollzieht sich in der Studie auf zwei Ebenen.

  • So wird im ersten Teil (Kapitel 1 und 2) die jüngere Geschichte und aktuelle Situation von Ganztagesgrundschule und Hort rekonstruiert,
  • während im zweiten Teil (Kapitel 3 bis 7) empirisch der Frage nachgegangen wird, „woran innerhalb eines administrativ gesetzten, von regionalen Traditionen und lokalen Bedingungen geprägten Rahmens die Akteure von Schule und Hort […] ihr standortspezifisches Ganztagsangebot ausrichten.“ Erkundet werden soll also, wie das Ganztagsangebot praktiziert wird.
  • In einem dritten Teil (Kapitel 8 und 9) werden schließlich die historischen und empirisch rekonstruktiven Studien diskutiert.

Inhalt

Im ersten Kapitel geht es um ganztägige Bildung, Erziehung und Betreuung mit Blick auf die Ganztagsschulentwicklung, begrifflich wie auch in sozialpolitischer Hinsicht, und zwar in Bezug auf die gesamte Bundesrepublik. Gleiches gilt für die Hortentwicklung als Tageseinrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Der Autor stellt in einer retrospektiven Betrachtung die verschiedenen Formen der Ganztagsschule wie auch der Ganztagsbetreuung dar. Deutlich arbeitet Thomas Markert heraus, dass die Qualität des Ganztagsangebots der Entscheidung der einzelnen Bundesländer obliegt. In Bezug auf die Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe kann kaum von einer Bildungslandschaft gesprochen werden, vielmehr herrsche zwischen Schule und Jugendhilfe so etwas wie ein „Burgfrieden“ (S. 39). Gesicherte Forschungsergebnisse zu Ganztagsgrundschule und Hort liegen bislang nicht vor.

Ausführlich wird im ersten Kapitel die quantitative Entwicklung von Ganztagsgrundschule wie auch von Hort dargestellt. Registrierbar ist eine differente Entwicklung beider Einrichtungen. Nicht geglückt ist bislang der Versuch, den Hort als gleichrangige Bildungseinrichtung der Jugendhilfe neben der Schule aufzubauen (S. 79). Der Verfasser sieht auch keinen aktuellen Hinweis darauf, dass sich die Kindertageseinrichtung Hort eigenständig entwickeln könnte (S. 80). Vielmehr sei die Existenz des Hortes davon abhängig, wie sich die Ganztagsschule entwickeln werde.

Das zweite Kapitel ist zentriert auf die sächsische Situation, zumal Schule wie auch Hort der jeweiligen Landeshoheit unterliegen. Es wird die ostdeutsche Historie bis zur gegenwärtigen Praxis im Freistaat Sachsen erkundet. Bezogen auf die Entwicklung in der DDR sowie auf die Zeit nach dem Ende der DDR bis heute hin wird Schule mit Ganztagsangebot und Hort in den Blick genommen, und zwar wird anhand statistischer Angaben die Entwicklung beschrieben. Dabei wird auch die Transformation des Schulhortes bis hin zum Hort als Kita dargestellt.

Bemerkenswert ist, dass 2011 97 % aller Schulen ganztägig organisiert waren und dass 99 % aller Grundschulen als „offene Ganztagsgrundschulen“ angesehen werden konnten (S. 114). Nach der politischen Wende noch konnte sich Sachsen auf ein Flächen deckendes, in der DDR gegründetes Hortangebot beziehen. Das Angebot reduzierte sich in den nachfolgenden Jahren erheblich, nahm in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten aber wieder erheblich zu. In 2015 besuchten 83 % der Kinder der Klassenstufen eins bis vier einen Hort.

Im dritten Kapitel wird unter Hinzuziehung theoretischer Konzepte auf der Basis sächsischer Machtstrukturen mögliches Gestaltungshandeln der pädagogischen Fachkräfte sichtbar gemacht. So wird verdeutlicht, von welchen Leitgedanken das pädagogische Handeln von ErzieherInnen und LehrerInnen gesteuert sind. Der Autor fragt (S. 157), inwiefern und in welcher Weise Akteure des Hortes Teil einer pädagogischen Handlungseinheit seien und ob eventuell separierte oder gar konkurrierende Handlungseinheiten existierten. Empirische Vorstudien ergaben, dass alle Konstellationen bis hin zur Verschmelzung von Grundschule und Hort vorstellbar sind.

Im Kapitel vier werden die methodologischen Ausgangsüberlegungen der ethnografisch angelegten Feldstudie für drei Grundschule-Hort Standorte vorgestellt. Im ersten Abschnitt des Kapitels vier wird der gewählte ethnografische Zugang hergeleitet und methodologisch begründet: von der „Idee des Entdeckens“ durch teilnehmende Beobachtung bis hin zu Überlegungen zum Analyseverfahren. Es folgt (4.2) die Darstellung zum methodischen Design: vom Feld zur Fallstudie, wobei der Feldforscher Thomas Markert auch sich selbst reflexiv in den Blick nimmt. In 4.3 dann werden das Analyseverfahren und die textliche Repräsentation der Erkenntnisse in Gestalt der drei Fallrekonstruktionen ausgeführt.

In den Kapiteln fünf bis sieben entfaltet Thomas Markert seine Fallrekonstruktionen.

In Kapitel fünf die „Volker Mut“ Grundschule mit Hort. Es wird die Ganztagspraxis skizziert und dabei insbesondere die Mittagsversorgung, der Alltag im Freizeitangebot, Kurszeiten und schließlich der Ausklang des Freizeitangebotes. Es geht u.a. um Hausaufgabenbetreuung, um Angebote im Hort und vor allem auch um die Kooperation zwischen der Mut-Schule und dem Hort (S. 263 ff.).

Im sechsten Kapitel wird auf der Basis der ethnografischen Daten die „Helga Fleiß“ Grundschule mit Hort vorgestellt. Die Kapitel fünf bis sieben sind ähnlich aufgebaut. Es geht jeweils um die Ganztagspraxis, u.a. um den Frühhort, um Unterrichtsende und Hortbeginn, um Essen, Spielen, Hausaufgaben und schließlich um den Spätdienst. Wie im Kapitel fünf illustrieren Protokollauszüge aus der teilnehmenden Beobachtung die einzelnen Stationen, wobei es auch am Ende des sechsten Kapitels um Fragen der Konzeptualisierung und ihrer Umsetzung, z.B. zur Elternbindung, geht.

Um Frühhort in Gestalt der Betreuung vor dem Unterricht, um Unterricht zur Hortzeit, um Übergabe und Tagesbriefing, um Mittagessen sowie Freizeit, um die Nachmittagsgestaltung im Hort, um die Spätzeit und schließlich um die Konzeptualisierung der Standortpraxis geht es auch am Ende des siebten Kapitels. Dabei sind die Konstruktionsprinzipien des additiven Ganztagsangebotes von Grundschule und Hort von spezifischem Interesse.

Kritisch reflektiert werden eingangs des achten Kapitels das administrative Konzept, Bildung als pädagogisches Ziel und Betreuung als sozialpolitisches Ziel (S. 366). Ebenso wird im Weiteren der Stellenwert der Elternschaft als „vermeintliche Kundschaft“ herausgearbeitet. Im letzten Abschnitt steht der Arbeitsbereich des Hortes im Mittelpunkt. Dabei geht es vorzugsweise um Überlegungen zu dessen Gehalt. Thomas Markert konstatiert (S. 384), der Aufenthalt der Kinder im Hort werde nicht inhaltlich begründet, sondern zeitlich über den nachmittäglichen Betreuungsbedarf, der von den Eltern erklärt werde, bestimmt. Sollte sich die Grundschule zeitlich ausweiten, könne dies zur Auflösung des Hortes führen. In dieser Hinsicht werden die ergänzende Funktion des Hortes, seine „Schulhilfe“ (S. 384), und damit seine Nachrangigkeit in Sachsen, sichtbar. Dies werde einzig von sozialpädagogischen Fachkräften im Hort kritisch gesehen, von keinen weiteren Fachgremien. Vor diesem Hintergrund wird das Verhältnis von Bildung Betreuung deutlich. Die alltägliche Tätigkeit der Erzieherinnen im Hort stehe im Schatten der Unterrichts-Schule, resümiert Thomas Markert (S. 388).

Kapitel neun schließlich formuliert Aufgaben, die sich aus der Studie ergeben. An das achte Kapitel anschließend ergibt sich, dass die Integration der Betreuungssituation in additiven Ganztagsangeboten der Grundschule schultheoretisch unzureichend reflektiert ist. Der Aufenthalt der Kinder am Nachmittag hängt maßgeblich vom Betreuungsbedarf seitens der Eltern ab. Zu beantworten ist eigentlich, welchen pädagogischen Auftrag die Schule in nachunterrichtlichen Betreuungszeiten übernimmt (S. 391). Es bedarf einer grundsätzlichen Klärung der kindlichen Bedarfe, die durchaus den elterlichen gegenüber stehen können.

Thomas Markert schließt mit der Feststellung, die anfängliche Offenheit der Jugendhilfe gegenüber der Entwicklung der Ganztagsschule lag in der Hoffnung begründet, ein neues Arbeitsfeld zu finden. Die anfängliche Euphorie begünstigte die Entwicklung heterogener Hilfeangebote, ohne dass diese einer konkreten Leistung zuordenbar wären (S. 394). Die Ganztagsschule habe die Jugendhilfeangebote für Grundschulkinder verändert. Dies selber sei nicht dramatisch, aber das nur marginale Interesse zur Reflexion eines solchen Prozesses sei es schon.

Diskussion und Fazit

Fast zehn Jahre an dieser Studie gearbeitet? In einer Zeit des schnellen Schreibens und Veröffentlichens in der Wissenschaft dieser Tage ist dies ungewöhnlich. Bezogen auf die Überschrift in der inflationären Nutzung des „doing“ wollte ich es anfangs einfach nicht glauben. Und doch erschienen mir die zehn Jahre im Verlauf der Lektüre immer plausibler.

Ein zweimaliges Lesen, ja Studieren, ist nötig gewesen, um festzustellen: Der Aufbau des Gesamttextes ist stimmig und die Zielsetzung wird konsequent umgesetzt. Aber nicht nur dies: Die Studie füllt eine Forschungslücke. Zum einen wird der Hort als Kindertagesstätte sichtbar gemacht und zum anderen arbeitet Thomas Markert ethnografisch heraus, dass die pädagogische Tätigkeit der Erzieherinnen des Hortes im Schatten der Unterrichts-Schule steht und gleichzeitig Elterninteressen bedient. Aber wie steht es um die Interessen der Kinder? Diese Frage wird deutlich herausgearbeitet und problematisiert, aber nicht beantwortet. Dazu bedürfte es einer weiteren Studie.

Der Autor zeigt in seiner Studie auf, was auch bereits durch andere Arbeiten deutlich geworden ist: Augenhöhe gibt es bislang nicht zwischen Schule und Jugendhilfe. Wie jene aufzubauen ist, dazu bedürfte es erheblicher bildungspolitischer Anstrengungen. In Bezug auf Sachsen registriert der Autor wenig Anstrengungsbereitschaft.

Hervorzuheben sind die empirischen Teile der Studie, zum einen die grundsätzlichen Vorüberlegungen, die mir z.T. etwas zu langatmig ausgefallen erscheinen, aber dann die Standortbeschreibungen der ausgewählten drei Schulen mit Hort. Anschaulich wird durch Protokollauszüge und ihre behutsame Interpretation an ausgewählten Themen die alltägliche Arbeit der Erzieherinnen im Hort sichtbar gemacht. Das abschließende achte Kapitel greift manche der in der Praxis gewonnenen Wahrnehmungen auf und verdichtet diese dann auf einer theoretischen Ebene.

Für eilige Leser und Leserinnen ist die Studie weniger geeignet. Für die Lektüre ist Zeit nötig. Thomas Markerts Arbeit bereichert die aktuelle Debatte zur Weiterentwicklung der Ganztagsbildung, insbesondere die Debatte um die Ganztagsgrundschule. Wünschenswert ist es, dass die Studie von der Bildungs- und Sozialpolitik aufgegriffen wird, und dies nicht nur in Sachsen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 03.01.2018 zu: Thomas Markert: Lehrerinnen und Erzieherinnen doing Ganztagsschule. Analysen zur administrativen Rahmung und standortspezifischen Gestaltung von Grundschule und Hort. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3318-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23419.php, Datum des Zugriffs 22.10.2018.


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