socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Alfred Schäfer: Einführung in die Erziehungs­philosophie

Cover Alfred Schäfer: Einführung in die Erziehungsphilosophie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 2. Auflage. 232 Seiten. ISBN 978-3-7799-3708-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autor

Der Autor, Jg. 1951, ist emeritierter Professor für Systematische Erziehungswissenschaft an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Schäfers Einführung in die Erziehungsphilosophie liegt nun in der 2. Auflage vor; die Erstauflage ist 2005 erschienen. Für die Neuauflage sind lediglich punktuell Literaturhinweise – vor allem Hinweise auf Texte Schäfers – ergänzt worden.

Thema

Im Mittelpunkt des Nachdenkens von Schäfer stehen Wirklichkeitskonstruktionen, die durch die unterschiedlichen Perspektiven von Erziehung, Bildung und Sozialisation auf Phänomene des Aufwachsens entstehen. Was diese drei Perspektiven verbinde, sei ein gemeinsamer Horizont, der sich seinerseits dem neuzeitlichen Subjektverständnis verdanke.

Aufbau und Einleitung

Sobald dieses Thema identifiziert ist, erscheint der Aufbau von Schäfers Einführung in die Erziehungsphilosophie folgerichtig. Auf die Einleitung, die sich der Frage nach der pädagogischen Wirklichkeit widmet, folgen Darstellungen in zwei Hauptteilen.

  1. Der 1. Teil enthält unter der Überschrift „Hintergründe: Zum neuzeitlichen Selbstverständnis“ zwei sehr unterschiedliche Abschnitte, die durch den Bezug auf das Subjekt und seine Selbstverständigung verbunden sind.
  2. Der 2. Teil widmet sich „Problemen pädagogischen Denkens“ in vier Abschnitten: Autonomie, (noch einmal) Pädagogische Wirklichkeit, Bildung und Sozialisation. Der Band endet mit einer „Spurensuche“.

Die Einführung in die Erziehungsphilosophie folgt also weder einem historischen noch einem systematischen Interesse, sondern ist offensichtlich von Leitidee getragen, die aber ihrerseits nicht systematisch begründet oder im Blick auf ihre Eignung zur Einführung kritisch diskutiert wird.

Die Einleitung Schäfers gilt der pädagogischen Wirklichkeit. Dafür diskutiert er zunächst Wirksamkeits- und Legitimationsprobleme in der Erziehung und referiert die Herbartsche Dichotomie von Psychologie und Ethik. Offenbar sei es unmöglich, sich darüber zu einigen, was nun als pädagogische Wirklichkeit der Erziehungswissenschaft vorgegeben sei. „Jede Theorie der Erziehung … 'schafft' ihre eigene Wirklichkeit “ (18), fasst Schäfer zusammen und erläutert so zugleich sein eigenes Verständnis von Pädagogik als Wissenschaft, die die pädagogische Wirklichkeit und Praxis im Rahmen eines bestimmten Vorverständnisses konstruiert. Deshalb habe eine Einleitung weniger die verschiedenen Konstruktionen vorzustellen, sondern vielmehr die Probleme deutlicher zu machen, auf die die Pädagogik mit Wirklichkeitskonstruktionen reagiert. Diese Probleme ergeben sich nur im Rahmen des spezifisch neuzeitlichen Selbstverständnisses des Menschen, wie es der erste Hauptteil des Textes vorstellt.

Zum ersten Teil

Eingeleitet durch einen umfänglichen Diskurs zu afrikanischen Identitätskonzepten führt Schäfer im ersten Abschnitt des 1. Teil zunächst seine zentrale These im Blick auf das Subjekt ein: das eigene Selbst sei letztlich unverfügbar; der Sinn der eigenen Handlungen überschreite stets die eigenen Absichten. Schäfer spricht von einer Logik der Nachträglichkeit, die sich daraus ergibt, dass man sich selbst stets ein Rätsel bleibe. Mit dieser Logik widerspricht er der Grundauffassung der Aufklärung, das Subjekt könne sich selbst erfassen und mithilfe der Vernunft bestimmen (aaO., 43). Dass aber die menschliche Selbstbestimmung begrenzt ist, ist Gegenstand des zweiten Abschnitts.

Die Aufklärungsidee von der Selbstbestimmung geht davon aus, dass das autonome Subjekt sich von der eigenen gesellschaftlichen Vermitteltheit zu lösen vermag, das es sich in kritischer und souveräner Distanz zu sich selbst wie zu gesellschaftlichen Erwartungen und in eigener Verantwortung zu bestimmen vermag. Zwei Vorbehalte gegen diese Position legen sich nahe, die die folgenden Abschnitte bestimmen: die Uneinholbarkeit der gesellschaftlichen Vermittlung und die Unfassbarkeit des Individuellen, wie sie schon zuvor in der Logik der Nachträglichkeit gefasst worden war.

Zur Illustration verweist Schäfer auf zwei Konstruktionen: den Menschen im Naturzustand (Rousseau) und dem als Person der sozialen Ordnung gegenüberstehenden Menschen (Luhmann). Auch die Konstruktion des „natürlichen Menschens“ stellt diesen jenseits der Gesellschaft vor. Es handelt sich um eine neuzeitliche Idee, in der sich die Exklusion des Individuums im Sinne Luhmanns durch die Ausdifferenzierung der sozialen Systeme ergibt. Es beginnt die Eigenrationalität der Teilsysteme die persönlichen Wünsche der Subjekte zu dominieren; Personen werden in Funktion genommen. Gerade an dieser Stelle aber ist von der Gesellschaft die Freiheit des Subjekts, sein wirkliches „Stehen außerhalb“ der Gesellschaft zu fordern. Schäfer illustriert dies am Gedanken der notwendigen Autonomie eines vertragsfähigen Subjekts. Modus der Autonomie ist, wie mit Adorno vorgeführt wird, insbesondere eine Kritik, die die gesellschaftliche Funktionalität sprengt.

Solch eine Kritik führt die Subjekte zur „Selbst-Bestimmung“, die aber nur dann, wenn sie selbstkritisch ist, mehr als „Selbst-Behauptung“ darstellt. Individualität, so zeigt der nächste Abschnitt, geht in der gesellschaftlichen Ordnung nicht auf, sondern überschreitet sie, indem sie auf die Grenzen der Vergesellschaftung verweist. Im Zentrum der Überlegungen Schäfers steht dafür die symbolisch-sprachliche Selbstvergegenwärtigung des Menschen, die immer vom gesellschaftlichen Ordnungshorizont abhängig ist. Um das Eigene – z.B. als Identität – auszudrücken, wird also die Wirklichkeit vorausgesetzt und zugleich in der Absetzung von ihr überschritten. Die vorgängige Einheit von Ich und Welt wird aufgelöst, um nachträglich wieder in die neue Ordnung eines symbolischen Selbstverständnisses überführ zu werden.

Zum zweiten Teil

Der 2. Teil der Einführung beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit vier Problemen des pädagogischen Denkens: Autonomie, pädagogische Wirklichkeit, Bildung und Sozialisation. Autonomie ist ein Paradox, denn sie zielt auf die Gründung des Menschen auf sich selbst, die durch Erziehung, also aus der Beziehung zu anderen hervorgebracht wird. Zunächst stellt sich die Frage, ob es eine solche Erziehung unter den Bedingungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit überhaupt geben kann. Letztlich aber geht es um eine Kritik, die einer „freischwebenden Rhetorik“ ebenso gilt wie den ernsthaften Hoffnungen „auf die Selbstansprüche der Moderne“ (aaO., S. 158). En bisherigen Erwägungen zur Erziehung werden schließlich Hinweise zu Bildung und Sozialisation an die Seite gestellt. In allen drei Fällen handele es sich um theoretische Sichtweisen der Personwerdung, also der „Entwicklung des Menschen im Spannungsfeld von Autonomisierung und gesellschaftlicher Eingliederung“ (aao., 160). Und in allen drei Fällen sind historisch durchgesetzte Hintergrundverständnisse zu beachten.

Für den Bildungsbegriff diskutiert Schäfer dessen neuhumanistische Grundlegung und das Modell einer Erfahrung, die in Anknüpfung an Adorno eine doppelte Differenz zur Geltung bringe: die Differenz zur fremd bleibenden Weltwie zum eigenen Selbst. Eine Sozialisationstheorie, die nicht in Fragen der Vergesellschaftung der Subjekte aufgeht, ist als kritische Theorie der Erziehungswirklichkeit denkbar, die danach fragt, wie subjektive Perspektive und soziale Ordnung in der Personbildung, im Prozess des Aufwachsens in ein Verhältnis gebracht werden können. Nach der Erfahrung wird nun die Perspektivübernahme als Modus des Werdens diskutiert.

In seiner abschließenden Spurensuche bündelt und fokussiert Schäfer seine Einführung. Die Andersheit des Anderen, mit der die spezifischen Probleme von Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisationsprozessen für das Person werdende Subjekt einhergehen wird andeutungsweise auch als Ermöglichungsgrund vorgestellt. Sie drückt sich als Spur im Gesagten wie im Ausgedrückten ein, wie Schäfer, ohne den Bezug zu Levinas anzudeuten, ausdrückt.

Fazit

Schäfer legt eine anregende Auseinandersetzung mit erziehungsphilosophischen Themen vor. Sein Text zeichnet sich vor vielen anderen durch einen durchgehenden eigenen Zugriff auf das Thema auf. Die Einführung bietet vor diesem Hintergrund nicht den Zusammenhang philosophischer Themen, Positionen oder Personen auf. Sondern bietet denen, die seinem Gedankengang folgen, statt einer Systematik oder Philosophiegeschichte letztlich eine „Einführung in erziehungsphilosophisches Denken“.

Im Hintergrund des Gedankengangs stehen vor allem Adorno und die Kritische Theorie, ergänzt um phänomenologische Ansätze. Diese Ansätze und die vielen weiteren Bezüge von der Aufklärungsphilosophie bis zur Systemtheorie werden verarbeitet, aber nicht vorgestellt. Das Buch erhebt daher mit Recht nicht den Anspruch, ein Lehr- und Studienbuch zu sein.

Inhaltlich ist Schäfers erziehungsphilosophische Position von der kritischen Auseinandersetzung mit der Personwerdung des Subjekts getragen. Allerdings wird die kritische Debatte mit dem Autor und seinen Überlegungen erst möglich, wenn weiter gehendende Kenntnisse der oft nur andeutungsweise aufgegriffenen Diskurse und Debatten vorhanden sind und das erlauben, was Schäfers zentrales Anliegen ist – kritisches Denken.


Rezensent
Prof. Dr. Ralf Evers
Evangelische Hochschule Dresden
Homepage www.ehs-dresden.de
E-Mail Mailformular


Alle 16 Rezensionen von Ralf Evers anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ralf Evers. Rezension vom 03.08.2018 zu: Alfred Schäfer: Einführung in die Erziehungsphilosophie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 2. Auflage. ISBN 978-3-7799-3708-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23422.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung