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Johannes Wahl: Lebenslanges Lernen zwischen Bildungspolitik und pädagogischer Praxis

Cover Johannes Wahl: Lebenslanges Lernen zwischen Bildungspolitik und pädagogischer Praxis. Die Verankerung in pädagogischen Arbeitsfeldern. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. 218 Seiten. ISBN 978-3-7639-5637-1. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.

Erwachsenenbildung und lebensbegleitendes Lernen, Band 27. Forschung & Praxis.
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Thema

Die folgende Rezension zur Dissertation von Johannes Wahl beruht auf den beiden Projekten Pädagogische Erwerbsarbeit im System des lebenslangen Lernens (PAELL) und die Verankerung des lebenslangen Lernens in den Organisationen des Erziehungs- und Bildungswesens (LOEB). Der Autor will die Perspektive des lebenslangen Lernens (LLL) verändern und die unterschiedlichen pädagogischen Berufskulturen empirisch auf die Integration des LLL in der Berufspraxis hin zu untersuchen.

Autor

Dr. Johannes Wahl, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung des Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Arbeitsbereich Prof. Dr. Thomas Damberger), hat im Jahr 2017 erfolgreich promoviert. Er ist Vorstandsmitglied im Berufsverband der Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler (BV-Päd.) e.V.

Viele seiner Veröffentlichungen hat Johannes Wahl mit Prof. Dr. Dieter Nittel geschrieben.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Veröffentlichung fußt auf einer circa 900-seitigen Dissertation (2011-2017), die für eine breite Leserschaft erstellt worden ist.

Aufbau

Nach einem einführenden Kapitel über das LLL in Zeiten kollektiver Transformationen wird im nächsten Kapitel die Verknüpfung von Gesellschaft und Subjekt aus Sicht der Wissenssoziologie thematisiert.

Kapitel 3 führt mit einem Überblick in die gegenwärtige Forschungs- und Literaturstand ein und fokussiert die Herausforderungen, die sich für die pädagogisch Tätigen ergeben.

Während in Kapitel 4 die ausgerichteten Arbeitsfelder unter systemtheoretischen Gesichtspunkten betrachtet werden, wird in Kapitel 5 der Aufbau des Forschungsdesign vorgestellt, um im nächsten und übernächsten Kapitel die statistische Auswertung und eine analytische Verdichtung vorzustellen.

Im umfangreichen Kapitel 8 werden die zentralen Untersuchungsresultate und deren Rückbindung an den erziehungswissenschaftlichen Diskussionsstand dargestellt.

Am Ende der Veröffentlichung werden die wichtigsten Ergebnisse komprimiert hervorgehoben und ein Ausblick auf mögliche Professionalisierungsprozesse gegeben.

Inhalt

Um die unterschiedlichen Kontextualisierungsmöglichkeiten zu rekonstruieren werden pädagogische Arbeitsfelder, die eine unterschiedliche Orientierungskraft aufweisen in den Fokus gestellt. Dabei handelt es sich um den Elementarbereich, die berufliche Bildung und die Erwachsenenbildung. Die forschungsleitenden Fragestellungen dazu werden aufgelistete:

  1. Welche geschlossenen Sinnbereiche, nutzen die pädagogischen Berufsgruppen aus dem Elementarbereich, der beruflichen Bildung und der Erwachsenenbildung?
  2. Welchen Einfluss haben die verschiedenen geschlossenen Sinnbereiche auf das jeweilige Verständnis vom LLL und wie machen sich diese in den drei pädagogischen Berufsgruppen bemerkbar?
  3. Inwiefern lassen sich bzgl. der Einstellungen zum LLL Schnittmengen zwischen den drei pädagogischen Berufsgruppen identifizieren und welche diesbzgl. Alleinstellungsmerkmale weisen die jeweiligen Berufsgruppen auf?

Die Entstehung von Wissen ist schon seit mehreren hundert Jahren der Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Dabei belegt Wahl, dass die Bedeutung von Erfahrungen „Learning by doing“ prägnant ist und dass Lernen auf eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt ausgerichtet ist.

In der Definition des lebenslangen Lernens orientiert sich Wahl an einer Definition von Rainer Brödel (2003), der den Prozess, „wonach Subjekte Lernen in Auseinandersetzung mit den gesellschaftlich vermittelten Lebensbedingungen als einen gesamtbiografischen, lebensbegleitenden Konstruktionsvorgang selbstständig angehen“ beschreibt.

Wahl nimmt im weiteren Verlauf seiner Veröffentlichung Bezug zur „Benefits of Lifelong Learning“ Studie, in der ebenfalls die Effekte permanenter Lernaktivitäten untersucht wird auf. Es zeigt sich damit, dass LLL nicht nur einen positiven Einfluss auf das Individuum, sondern indirekt auch auf sein Umfeld hat. Dazu zählen, die Zunahme der individuellen Lernmotivation, sowie die Verbesserung von Lebensqualität und -zufriedenheit.

Anhand der Vorbildfunktion der pädagogisch Tätigen für das Lernen der pädagogisch Anderen wird deutlich, dass die reflektiven und die transitiven Bezugsmöglichkeiten auf das LLL miteinander verknüpft sein können bzw. müssen. Die sich gegenwärtig umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen, die sich als Anforderungen an pädagogisches Handeln mit seinen jeweiligen unterschiedlichen Tätigkeitsschwerpunkten interpretieren lassen verändern damit auch die unterschiedliche pädagogischen Arbeitsfelder.

Pädagogische Erwerbsarbeit im System des lebenslangen Lernens (PAELL)

Es wurden hierfür pädagogisch Tätige in Bayern und Hessen aus dem Elementar- und Primarbereich, den Sekundarstufen I und II, der beruflichen Bildung und dem Hochschulwesen sowie Beschäftigte der Erwachsenenbildung und der außerschulischen Jugendbildung befragt.

Im Auswertungsverfahren durch ein multimethodisches Vorgehen, lassen sich inhaltliche Schnittmengen erkennen, die die Verankerung des LLL im kollektiven Wissen der pädagogisch Tätigen aufweist. Innerhalb einer Fragebatterie zu verschiedenen Themenkomplexen zeigt sich ein differenziertes Antwortverhalten der drei pädagogischen Arbeitsfelder. Im Folgenden werden nur die Items aufgelistet:

  • „Ich weiß, was lebenslanges Lernen bedeutet“
  • „Das lebenslange Lernen ist ein bildungspolitisches Schlagwort“
  • „Das lebenslange Lernen ist für mein berufliches Selbstverständnis bedeutsam“
  • „Ich fühle mich für die Gestaltung des lebenslangen Lernens meiner Adressaten zuständig“
  • „Jeder sollte bereit sein, sich ständig weiterzubilden“
  • „Wer im Beruf erfolgreich sein will, muss sich weiterbilden“

Eine analytische Verdichtung und detaillierte Beschreibung des Datenmaterials wird in der Veröffentlich ausführlich beschrieben. Dabei wird als Fazit herausgestellt, dass die pädagogisch Tätigen Wissen aus dem geschlossenen Sinnbereich der pädagogischen Berufspraxis, dem Alltag, nutzt. Vor dem Hintergrund von fünf Kontinuen wird das Spektrum der theoretischen Bezugsmöglichkeiten erfasst. Die fünf Kontinuen:

  1. Lebenslanges Lernen im Kontext von Lokalisierung und Internationalisierung
  2. Lebenslanges Lernen im Kontext von Gesellschaft und Individuum
  3. Lebenslanges Lernen im Kontext von Heteronomie und Autonomie
  4. Lebenslanges Lernen im Kontext der Lebensalter
  5. Lebenslanges Lernen im Kontext reflexiver und transitiver Referenzen

Die arbeitsfeldspezifische Orientierungskraft des LLL durch die Benennung unterschiedlicher Institualisierungesformen macht deutlich, dass die pädagogisch Tätigen auf die Prozessierung von Lernaktivitäten ausgerichtet sind.

Diskussion

Als berufspolitisches Resultat ergibt sich aus der beschriebenen Veröffentlichung von Johannes Wahl, dass die pädagogisch Tätigen in den drei untersuchten Arbeitsfeldern sich mehr zu solidarischen Gemeinsamkeiten zusammenschließen sollten. Damit sie die Bedeutung der Bildungsökonomie nicht aus dem Auge verlieren. Weiter überlegt und kritisch hinterfragt muss auch werden, inwiefern sich die pädagogischen unterschiedlichen Arbeitsfelder vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Herausforderungen mehr solidarisieren sollten und für die notwendige Fort- und Weiterbildung in ihrem spezifischen Arbeitsfeld sich einzusetzen. Angesichts z.B. des Facharbeiter Mangels im Elementarbereich versuchen einige Träger ihr Personal von Fortbildungen fern zu halten, damit der Betrieb z.b. einer Kindertagesstätte aufrechterhalten werden kann. Wenn wie Wahl beschreibt „ die berufsbiografische Entwicklung der Individuen von entscheidender Relevanz sind“ (Wahl S. 187) sollte dies von allen Tätigen in diesen Arbeitsfeldern besonders sensibel wahrgenommen werden.

Zu kurz kommt im Fazit dabei die Verbindung der Analyse mit dem bildungspolitischen Diskurs der pädagogischen Praxis. Um damit das lebenslange Lernen als notweniges MUSS für die pädagogisch Tätigen massiv in den Mittelpunkt zu stellen. Das hier bei von den entsprechenden Arbeitgebern der pädagogisch Tätigen eine Unterstützung eingefordert wird wird leider nicht stark genug betont.

Fazit

Die Veröffentlichung von Johannes Wahl „Lebenslanges Lernen zwischen Bildungspolitik und pädagogischer Praxis. Die Verankerung in pädagogischen Arbeitsfeldern“., versucht mit umfassend dargestellten Daten und Erhebungen inwieweit Pädagogen und Pädagoginnen ihr Handeln an der Maxime des Lebenslangen Lernen ausrichten darzustellen. Auf der Basis der PAELL-Studie untersucht der Autor den Einfluss dieser Idee auf die pädagogische Arbeit, indem er die Wissensstände der pädagogisch Tätigen detailliert erfasst und miteinander vergleicht.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Evelin Steinke-Leitz
M.A. Erwachsenenbildnerin, Erzieherin
Dozentin an einer Fachschule für Sozialpädagogik und Fachschule für Organisation und Führung, Bruchsal
Honorardozentin an der Hochschule St. Gallen, Schweiz
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Zitiervorschlag
Evelin Steinke-Leitz. Rezension vom 03.01.2018 zu: Johannes Wahl: Lebenslanges Lernen zwischen Bildungspolitik und pädagogischer Praxis. Die Verankerung in pädagogischen Arbeitsfeldern. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-7639-5637-1. Erwachsenenbildung und lebensbegleitendes Lernen, Band 27. Forschung & Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23424.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


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