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Uwe Schimank, Ute Volkmann: Das Regime der Konkurrenz

Cover Uwe Schimank, Ute Volkmann: Das Regime der Konkurrenz. Gesellschaftliche Ökonomisierungsdynamiken heute. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 234 Seiten. ISBN 978-3-7799-3697-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Das Buch behandelt die derzeitige, seit Mitte der 70er Jahre zu verzeichnende Ökonomisierung – als Bedeutungszuwachs ökonomischer Kosten- und Gewinn-Gesichtspunkte für gesellschaftliches Handeln – und reiht dies ein bzw. weitet dies aus zu einer Gesellschaftskritik aus differenzierungstheoretischer Sicht.

Autor und Autorin

Uwe Schimank ist Professor für soziologische Theorie an der Universität Bremen.

Ute Volkmann (Dr. rer. soc.) forscht und lehrt am SOCIUM und am Institut für Soziologie der Universität Bremen.

Entstehungshintergrund

Das Buch geht auf 2006 beginnende Vorarbeiten im Rahmen von Tagungen und Lehrveranstaltungen (zunächst an der FernUniversität Hagen, dann an der Universität Bremen) sowie auf Forschungsaufenthalte zurück, bis größere Teile des Buchmanuskripts 2015/16 auf Kolloquien in Bremen, Hamburg und Jena vorgestellt und dabei kommentiert wurden.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Nach einer Einleitung (Kapitel 1) wird in Kapitel 2 „Gesellschaftstheoretisches Modell: Ökonomisierung und Moderne“ zunächst das Analyseraster zu „funktionelle Differenzierung und Kapitalismus“ (2.1) und „Stufen gesellschaftlicher Ökonomisierung“ (2.2) vorgestellt. Hinsichtlich der Ökonomisierung in der Moderne und speziell heute gehen sie aus von einer funktionalen Differenzierung der modernen Gesellschaft in sich als ‚Wertsphären‘ (Weber) konstituierende Bereiche: Wirtschaft, Politik, Recht, Militär, Religion, Kunst, Wissenschaft, Journalismus, Bildung, Gesundheit, Sport, Intimsphäre. Diese funktionale Differenzierung hinterlasse eine Pluralität von je eigenen Wertordnungen und eigenen Leitwerten der jeweiligen arbeitsteiligen Leistungsproduktion mit einem inhärenten Spannungsverhältnis von Selbst- und Fremdreferenzialität. Funktionale Spezialisierung und sphärenspezifische Leistungsproduktion seien eine zivilisatorische Errungenschaft, hinter die niemand mehr zurückwolle. Was für die einzelnen sphärenspezifischen Leistungsproduktionen gilt, gelte (allerdings) genauso für die kapitalistische Wirtschaft mit ihrem antreibenden Leitwert einer endlosen Steigerungsdynamik der Leistungsproduktion. Deren Erfolghaftigkeit ermöglichte wiederum die Ausdifferenzierung und das Größenwachstum der anderen Sphären – zum Preis von deren „dunklen Seite“ (S. 29) der inhärenten Turbulenzen und Krisenanfälligkeit und deren Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft – die folgende Krisenauslagerung dränge „zu einer Subordination aller anderen Sphären unter Ökonomisierungsdruck“ (S. 33).

In der Folge könnten die nicht-wirtschaftlichen Sphären der Ökonomisierung nicht mehr widerstehen und hätten stufenweise der fremdreferentiellen ökonomischen Logik zu folgen. Die Verfasser sind weit davon entfernt, sich anzuschließen an eine „inzwischen vielerorts vorherrschende pauschale Ökonomisierungskritik“ (S. 154) und schlagen – abgesehen von jeweils spezifisch vorzunehmenden Analysen – zunächst vor, ein Analyseraster mit sieben Stufen zu verwenden, um festzustellen, auf welcher Stufe sich eine betrachtete Einheit jeweils zu einem gegebenen Zeitpunkt befindet:

  • Stufe 1: kein Kostenbewusstsein nötig
  • Stufe 2: Kostenbewusstsein erwünscht, wo möglich
  • Stufe 3: fixierte Obergenze für finanzielle Verluste
  • Stufe 4: keine finanziellen Verluste mehr erlaubt
  • Stufe 5: kleine finanzielle Gewinne, wenn möglich
  • Stufe 6: fixiertes moderates Gewinnziel
  • Stufe 7: Maximierung finanzieller Gewinne.

Kapitel 3 „Zeitdiagnose: Das Neue an der derzeitigen Ökonomisierung“ untersucht in fünf Unterkapiteln die Frage, was neu an den seit Mitte der 70er Jahre herrschenden Ökonomisierungsdynamiken sei. In 3.1 „Inklusionsdynamiken“ (Inklusion von immer mehr Gesellschaftsmitgliedern in den Leistungsempfang aller Sphären) wird sich entfernt von Luhmanns Sicht, die nicht-wirtschaftliche Leistungsproduktion habe über ihre Verhältnisse gelebt und bremse sich systemimmanent ab; diese Abschwächung von Inklusion vollziehe sich als „Doppelzange“ (S. 60), weil infolge von Liberalisierungsvorgängen auch die Kapitaleigner höhere Gewinne für sich verlangen könnten und wollten. Kap. 3.2 erläutert „’Neoliberale’ Ideen“, Kap. 3.2. das „New Public Management“, Kap. 3.4 „Kommodifizierung“ und Kap. 3.5 „Konkurrenz: Vergleichen und Austauschen“.

In letzterem wird dargelegt, dass selbst in den „marktbesessenen Wirtschaftswissenschaften“ (S. 112) vereinzelt darauf aufmerksam gemacht werde, dass Märkte allein als Governance-Mechanismus nicht ausreichen, und man habe daher den Kernprozess wirtschaftlicher Produktion hierarchisch statt marktförmig geregelt. Ein Unternehmer hole sich eben nicht jeden Morgen auf dem Markt Tagelöhner, weil die Transaktionskosten zu hoch wären; vielmehr bräuchten Märkte Unternehmen als Organisationen, um effizient zu funktionieren (S. 113). Damit habe der Marktmechanismus in der Wirtschaft der „organized modernity“ einer Relativierung unterlegen. Innerhalb von Unternehmen als Organisationen sei marktförmige Konkurrenz gänzlich ausgeschaltet gewesen und „big business“ und „big labor“ hätten sich auch in einer relativ friedlichen Koexistenz befunden. Gerald Davis habe nun gezeigt, wie dieses „Leben und leben lassen“ in der 1980er Jahren in der amerikanischen Wirtschaft mithilfe der ‚shareholder values‘ stufenweise sein Ende fand und es zu einem permanenten „shopping around“ gekommen sei. Die „organized modernity“ sei transformiert worden zum permanenten unternehmensinternen und -externen „shopping around“ mit seiner Formel ‚Vergleichen und Austauschen‘. Es sei also zur Dominanz des Regimes der Konkurrenz gekommen, mit entsprechenden Auswirkungen auf den Wandel der Organisationsmitgliedschaftsrollen in allen Sphären der Gesellschaft mit einem resultierenden Klima der Unsicherheit. In der Argumentation der Verfasser führt diese Entwicklung, „immer weiter getrieben und logisch zu Ende gedacht, zu einer Aushöhlung funktionaler Differenzierung“ (S. 131) und bedroht damit, was sie gerade als die Errungenschaften der Moderne ausmachen.

Schicksalhaft sei diese Dynamik jedoch nicht angelegt, vielmehr wird im Kapitel 3.6 nachgezeichnet, dass die Umsetzung des Ökonomisierungsdrucks von mikropolitischen Konstellationen und zumindest drei Triebkräften abhänge: dem Müssen, Wollen und Können. Diese drei Spielarten gesellschaftlicher Ökonomisierung kämen, wie eine weitere analytische Systematik zeigt (Abb. 3, S. 136), in verschiedenen Mischungstypen vor, die sich allesamt in der gesellschaftlichen Realität wiederfinden ließen. Ausbremsung, Abblockung und Umbiegung würden sich durch drei Gegenkräfte manifestieren: strukturelle Trägheiten, individuelle und kollektive Widerstände von Akteuren sowie funktionale Widerständigkeiten (S. 140). „Wenn bestimmte Ökonomisierungsmaßnahmen dazu führen, dass eine Leistungsproduktion nicht mehr auf dem erforderlichen und gewohnten Effizienz- und Effektivitätsniveau funktioniert, und dies von den Promotoren der Ökonomisierung erkannt wird, können sie entweder ihre Ansprüche an die Leistungsproduktion entsprechend reduzieren, die Funktionalitätsverluste also sehenden Auges in Kauf nehmen, weil eben gespart werden muss. Oder die Anspruchsreduktion erscheint als inakzeptabel …“ (S. 150).

Kapitel 4 „Gesellschaftskritik: Ökonomisierungsfolgen“ konzediert zunächst, dass es auch Beispiele für funktionale Effekte von Ökonomisierungsprozessen gibt, bevor auf die dysfunktionalen Effekte geschaut wird, für die wiederum eine Systematik einerseits von Effizienzverlusten und andererseits von Effektivitätsverlusten und entsprechende Beispiele angeboten werden. Insgesamt führte der seit Mitte der 1970er Jahre einsetzende Ökonomisierungsdruck zu einer Erosion funktionaler Differenzierung. Zu entsprechendem Unwillen der Bürger komme es jedoch nur, „wenn diese nicht schon durch den Journalismus ruhiggestellt worden sind“ (S. 188). Die Überformung der Politik durch journalistische Unterhaltung führe zur „Unterhaltungsgesellschaft“, überspitzt formuliert sei nicht mehr die Religion das „Opium des Volks“, sondern eine Art der journalistischen Berichterstattung, die sich an den „Erwartungen des anspruchslosesten Publikums“ ausrichtet (Bourdieu) und die „durch Unterhaltsamkeit abgelenkten Bürger deren Maßstäbe zur Beurteilung demokratischer Politik zunehmend vergessen“ (S. 191) lassen. Demnach bestünde die neue Qualität der gegenwärtigen Ökonomisierung darin, dass das Regime der Konkurrenz den funktionalen Antagonismus von Kapitalismus und demokratischem Wohlfahrtsstaat und damit die funktionale Differenzierung der Moderne selbst zerstöre (S. 192).

Im Namen einer funktional differenzierten Moderne wird also Ökonomisierungskritik als Gesellschaftskritik betrieben und die Protagonisten der kapitalistischen Wirtschaft vor sich selbst gewarnt; dem wird jedoch in Kapitel 5 „Kritik der Kritik: Ökonomisierung aushalten“ entgegengesetzt, dass die Alternativen im Kapitalismus selbst gesucht werden müssten. These dieses Kapitels: „Nicht nur funktionale Differenzierung, auch – in diese inbegriffen – eine kapitalistische Wirtschaft stellt ein evaluatives Apriori der Moderne dar. Wir alle wollen funktionale Differenzierung und – als integralen Bestandteil derselben – Kapitalismus“ (S. 194). Niemand wolle heute auf das erreichte Niveau der Leistungsproduktion in den verschiedenen Wertsphären, aber auch der wirtschaftlichen Produktion verzichten. Die problematischen Konsequenzen der Ökonomisierung seien daher zu einem gewissen Maße auszuhalten. Ferner müsste „die wechselseitige Relativierung von Absolutheitsansprüchen jeweils anderer ‚Wertsphären‘“ (S. 195) gelten, die allerdings geschichtlich nicht immer gegeben gewesen und die eigentlich nur in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität erreichbar sei. Da es dies aufgrund der inhärenten Krisenanfälligkeit der kapitalistischen Wirtschaft nicht geben könne, „gelangt funktionale Differenzierung real nicht zur vollen Entfaltung dessen, was in den verschiedenen Sphären als jeweilige Idee eigener Performanz in die Welt gesetzt worden ist“ (S. 199). Funktionale Differenzierung sei daher auch eine Utopie oder ein Bloch'sches „Noch-Nicht in der Geschichte“. Funktionale Differenzierung als Leitidee gebe damit auch einen Maßstab für eine soziologische Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse der Moderne ab. Die Moderne verfehle „aufgrund ihr innewohnender funktionaler Unverträglichkeiten selbst formulierte evaluative und normative Maßstäbe“ (S. 200). Soziologische Gesellschaftskritik bewege sich somit in einem funktionalen Antagonismus der Kritik des gesellschaftlichen Ökonomisierungsdrucks einerseits und der Kritik überzogener Ökonomisierungsdruck-Kritik andererseits (S. 207).

Diskussion und Fazit

Es gibt einige Literatur über Ökonomisierung, manche mag in spezifischen Themenfeldern mehr empirisches Material als dieser Band bieten. Es wird mehrfach im Band betont, dass sich das empirische Material auf einige exemplarische Fälle beschränke und es mehr das Anliegen sei, Analyseraster zu liefern, die anderweitig für empirische Analysen von Ökonomisierungsprozessen hilfreich sein können, zumal davon ausgegangen wird, es sei noch zu wenig untersucht, welche Folgen die gegenwärtige Ökonomisierung habe. Dafür bietet der Band auch einen Anhang mit einer kleinen Auswahl von Studien zur Ökonomisierung gesellschaftlicher Sphären.

Die Analyseraster und -kategorien haben den Rezensenten streckenweise fasziniert, tragen sie doch klar zur Strukturierung und Deskription von Ökonomisierungsstufen, -mustern und -konstellationen bei, wie dieses für die Gesamtgesellschaft ja auch die Luhmann’sche Systematik und Begrifflichkeit der funktionalen Differenzierung leistet. Interessant ist, dass Schimank und Volkmann jedenfalls insofern schon im Speziellen über eine Deskription der Ökonomisierung und im Allgemeinen über Luhmann hinausgehen, als sie eine Gesellschaftskritik versuchen, die stets immanent im Rahmen der funktionalen Differenzierung argumentiert.

Nicht ganz überzeugt hat den Rezensenten, welch starke Rolle dem Journalismus für die Akzeptanz der Übergriffigkeit der ökonomischen Sphäre beigemessen wird. Zumindest könnte man hier ergänzend heranziehen, welche Rolle dann den social media u.ä. zukäme, die ja als Einflusssphäre für Beeinflussung politischer Einstellungen und sogar Wahlentscheidungen diskutiert werden.

Fazit: Der Band ist einerseits für mehr an Ökonomisierung interessierte, andererseits für mehr an Gesellschaftstheorie interessierte Leserinnen und Leser unbedingt empfehlenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Elkeles
Hochschule Neubrandenburg FB Gesundheit, Pflege, Management
Homepage www.hs-nb.de/ppages/elkeles-thomas
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Zitiervorschlag
Thomas Elkeles. Rezension vom 17.05.2018 zu: Uwe Schimank, Ute Volkmann: Das Regime der Konkurrenz. Gesellschaftliche Ökonomisierungsdynamiken heute. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3697-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23426.php, Datum des Zugriffs 23.05.2018.


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