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Ferdinand Sutterlüty, Sabine Flick (Hrsg.): Der Streit ums Kindeswohl

Cover Ferdinand Sutterlüty, Sabine Flick (Hrsg.): Der Streit ums Kindeswohl. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 207 Seiten. ISBN 978-3-7799-3686-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch setzt sich mit der sozialwissenschaftlichen Bedeutung des Kindeswohls als normativer Begriff und als institutionelle Handlungspraxis auseinander. Denn »das Wohl des Kindes« ist vieldimensional. In Familien, Jugendämtern und vor Gericht gibt es häufig kontroverse Sichtweisen darüber, was dem Wohl des Kindes diene – andere Rechtsansprüche und Interessen (z.B. leiblicher Eltern) sind regelmäßig am Werk und in der Lage, es zu auszuhöhlen, zu überlagern und zu gefährden. Diesem Phänomen geht der vorliegende, in sich ‚dichte‘, kompakte Sammelband nach, in dem er versucht, „Analysen zur normativen Ausrichtung und institutionellen Umsetzung des Kindeswohlprinzips“ mit „Blick auf eine Reformperspektive“ (ebd., S. 10) zu geben. Der Band ist Ergebnis einer Tagung aus dem Januar 2015 am Institut für Sozialforschung und der Goethe-Universität in Frankfurt/Main und steht im Kontext eines von der VolkswagenStiftung finanzierten Forschungsprojektes, an dem der Herausgeber beteiligt ist (vgl. dazu online: www.fb03.uni-frankfurt.de).

Die folgende Betrachtung stellt Herhausgeber_in und Autor_innen und die Beiträge je kurz vor und diskutiert es im Schluss dann im Insgesamten.

Herausgeber_in

Der Herausgeber Ferdinand Sutterlüty, Jg. 1962, ist promovierter und habilitierter Soziologe. Seit 2007 ist er Mitglied des Kollegiums am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und seit Sommersemester 2012 Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Familien- und Jugendsoziologie an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Seine Forschungsschwerpunkte sind Familien- und Jugendsoziologie, Gewaltforschung und Kriminalsoziologie, Religionssoziologie und Sozialtheorie. Die Herausgeberin Sabine Flick, Jg. 1978, ist promovierte Soziologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Familien- und Jugendsoziologie der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Familien- und Geschlechtersoziologie, Arbeits-, Organisations- und Professionssoziologie sowie Soziologie der Psychotherapie und Gesundheit.

Aufbau und Ausgangslage

Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel:

  1. „Spannungen und Paradoxien des Kindeswohls im Recht“,
  2. „ethische Herausforderungen im sozialen Machtgefüge“ sowie
  3. „Institutionelle Anwendungsfelder und ihre Dilemmata“

Sie werden auf insgesamt 205 Seiten in acht Einzelbeiträgen von Vertreter_innen erziehungswissenschaftlicher, soziologischer, psychologischer und juristischer Disziplinen betrachtet.

Zuvor beschreiben die Herausgebenden einleitend Kontext und Ausgangslage des Buches (S. 7-12). Ihren Ausgang nehmen sie dabei in der verfassungsrechtlichen Entscheidung aus dem Jahr 1968, die Kindern das eigenständige Recht auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit und staatlichen Schutz zuspricht. Nicht primär sozialpolitische Konsequenzen zugunsten sozioökonomisch benachteiligter Kinder seien die Folge, so ihre im Gang durch einschlägige Literatur zum Zusammenhang von Lebenslage und Gefährdung entwickelte Argumentation; anstelle dessen sei weitgehender Konsens, dass „der Rechtsstaat die Sorge um das Kindeswohl neben den Eltern (..) dem gesellschaftlichen Reparaturbetrieb von Jugendamt, Sozialarbeit und Familiengerichtsbarkeit (überlasse)“ (ebd., S. 8). Die mit dem Kindeswohl befassten institutionellen Kontexte seien ihrerseits durch familialistische Konzepte kindlicher Sozialisation, Psychologisierung und Pädagogisierung geprägt, während Eltern in ihrem natürlichen Recht „Schicksal und Lebensrisiko ihrer Kinder“ seien und ganz bewusst auch bleiben sollten (ebd., S. 9, insoweit im Verweis auf Geyer, 2014). So stelle sich der ‚Streit ums Kindeswohl‘ als ein „Krieg um das Sorgerecht“ (ebd., S. 10) zwischen unterschiedlichen Parteien vor dem Familiengericht, zwischen Jugendamt, Anwält_innen, Gutachter_innen, Verfahrensbeiständen, leiblichen und sozialen Eltern dar; es entstehe ein „Kampf um elterliche Rechte“ und ein „Disput um eine etwaige Inobhutnahme“ (ebd.), wodurch in sich oft lange hinziehenden Konflikten das eigentlich zu schützende Kindeswohl „auf der Strecke bleiben und zusätzlich gefährdet werden“ (ebd.) könne.

Die Beiträge im Einzelnen

Im ersten Beitrag des ersten Hauptkapitels unternimmt Friederike Wapler juristische und rechtsethische Betrachtungen zum Kindeswohl und individueller Rechtsverwirklichung. Wapler ist Professorin für Rechtsphilosophie und Öffentliches Recht an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Sie betrachtet Kinder als Träger von Kinder- und Menschenrechten im Kontext des Verhältnisses zwischen Kind, Eltern und Staat und spricht von einer „Individualisierung des Kindeswohlbegriffes“ (S. 17), in dem einerseits ein Wächteramt, andererseits aber zunehmend die Erkenntnis eigener erstzunehmender Perspektive des Kindes bis hin zu einer „rechtebasierten“ Auslegung (S. 19), die aber gefangen bleibt in asymmetrischen sozialen Beziehungen: Eltern sind Treuhänder für das Recht der Kinder, sie verwalten ihren Willen und ihr Wohl, nicht frei auch von Unterdrückung einerseits und Idealisierung auf der anderen Seite. Kindeswohl ist mit Wapler „mehr als nur Liebe, Fürsorge und selbstlose Bedürfnisbefriedigung“ (S. 35) und zugleich mehr als Mindeststandard: es sei „zwischen einer Schutz- und Autonomiedimension zu differenzieren“, es gelte „Kriterien für einen Ausgleich zu finden“ und Kindeswohl als „Chiffre für ein Optimum“ (S. 47) pluralistisch zu verstehen und für die Perspektive des Kindes unbedingt offen anzulegen.

Im zweiten Beitrag nimmt Ferdinand Sutterlüty normative Paradoxien des Kindeswohlbegriffes in den Blick. Er arbeitet strukturell bedingte Gründe heraus, die bedingen, das Kindeswohl mit Mitteln des Rechts Bedeutung erlangt. Betrachte man den normativen Kern des Kindeswohls und seine Institutionen, so Sutterlüty, werde eine Kluft zwischen Anspruch und Ausgestaltung sichtbar. Paradoxer Weise entstünden neue Gefahren durch die Verfolgung des Kindeswohls; Kindern als „human beings“, so Sutterlüty im Verweis auf Prout/James 1997, seien in ihrer Autonomie begrenzt und zugleich als „human becomings“ abhängig von elterlicher Sorge. Zweitens, so Sutterlüty, sei das Kindeswohl Effekten rechtsstaatlicher Sorge unterworfen, die dieses unterminierten, unbeabsichtigt anderem unterordneten und durch isolierte Perspektiven verzerrten. Als Nebeneffekte würden leibliche Elternteile, konzentriert auf die Person von Mutter und Vater, als Träger starker Rechte einseitig im Recht nicht zuletzt oft auf Kosten des Kindeswohls bevorteilt; die Fixierung auf Eltern und die Sozialisation in Kernfamilien manövriere das Recht in eine Falle, wenn diese auf Gesetzgebung und Rechtsprechung durchschlage; es gelte, betont Sutterlüty, solche Vereinseitigung und Verengungen zu vermeiden, um die normative Basis zu wahren, auf der das Kindeswohlprinzip beruhe.

Im ersten Beitrag des zweiten Hauptkapitels nimmt die Soziologin Gertrud Nunner-Winkler von der Ludwig-Maximilians-Universität in München unter dem Titel „Kindliche Entwicklung im Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Autonomie“ unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge zur Klärung dieses Verhältnisses von Fürsorge und Autonomie auf und betrachtet dann an zwei exemplarischen Entscheidungsproblemen (Sorgerecht; Knochenmarkspende) elterliche Entscheidungsverantwortung und das Recht auf Selbstbestimmung des Kindes im Spannungsbogen. Im nächsten Schritt vertieft sie das Verständnis kindlicher Autonomie anhand unterschiedlicher sozialisationstheoretischer Ansätze und präzisiert dies anhand der Frage religiöser Erziehung. Angesichts der Spannweite kindeswohlrelevanter Aspekte scheint ihr allein Verfahrensgerechtigkeit realistisch: Es brauche einen Prozess des Ausbalancierens elterlicher Fürsorge, staatlichen Schutzes und kindlicher Autonomie, sorgsame Beobachtung fairer Verfahrensregeln und (insoweit) die Möglichkeit zur Korrektur durch Revision, kritische Medien und Öffentlichkeit. Allein auf kindliche Autonomität zu setzen, unterschlage, so Nunner-Winkler, die entwicklungsbedingt eingeschränkte kindliche Unterteils-, Selbstkontroll- und Selbstbestimmungsfähigkeit.

Die Erziehungswissenschaftlerin Julia König (Goethe-Universität Frankf./Main) erörtert in ihrem Aufsatz die Bedeutung des von Brumlik (1992) formulierten Entwurfs advokatorischer Ethik im Kontext von Kindeswohl. Sie arbeitet dabei einen „instrumentalisierenden Rekurs“ auf das Kindeswohl und eine Reihe neuerer Debatten vor und legt eine Reihe gegenwärtiger Instrumentalisierungen, Liberalisierungen und neosexuelle Verwerfungen offen. Sie warnt davor, kindliche Wünsche, Bedürfnisse und Zukunftsvorstellungen mit dem Verwies auf ein bestimmtes Erziehungsziel vom Tisch zu wischen; vielmehr sei Kindeswohl von einem „Zeitkern“ (S. 129), d.h. von je zeitgesellschaftlichen Bedingungen, Familienstrukturen und historischen Konstellationen geprägt. Nicht das, so König, was als förderlich erdacht werde, müsse förderlich für das Wohl von Kindern sein – vielmehr sei immer wieder eine neue Interpretation der konkreten Konstellationen des asymmetrischen pädagogischen Verhältnisses von Erwachsenen und Kindern nötig.

Doris Bühler-Niederberger, Kindheitssoziologin an der Bergischen Universität Wuppertal, widmet sich in ihrem Beitrag der Konstellation von generationaler Ordnung und Kinderschutz. Sie macht darauf aufmerksam, dass Expert_innen generationale Ordnung – als Ausdruck eines Eltern-Kind-Verhältnisses – hervorbringen und definieren, was „gute Elternschaft“ (S. 134) sei. Dabei würde die Perspektive des Kindes selbst selten einbezogen. So lasse sich formulieren, was „gute“ und was „schlechte Eltern“ seien (S. 137) – und Kinderschutz folge diesem Muster, in dem er versuche, kleinbürgerliche Verhältnisse herzustellen (und sich auf Mütter und Hausfrauen konzentriere), sich in professionellen Programmen auf Elternschaft beziehe und Abstriche am Kindeswohl hinnehme auf dem Weg zum Ziel geordneter Familienverhältnisse. Maßnahmen, so Bühler-Niederberger mit Verweis auf (u.a. eigene) empirische Studien, würden selten wegen des Kindesschutzes abgebrochen, sondern weil das Programm gescheitert sei. Im Kinderschutz seien „gewisse Inkonsistenzen“ zu beobachten: Wenn Kindeswille, Voice, Kinderrechte, child wellbeing herangeführt würden, sei dies internationalen Impulsen geschuldet, die in sozialen Diensten, die wohlfahrtsstaatlichen Ordungsvorstellungen folgten, verzögert ankämen. So sei zu fragen, „welche generationale Ordnung in der gegebenen Gesellschaft gelten kann und soll und welche Legitimation generationale Ordnungen gegenüber individuellen Ansprüchen haben sollen und dürfen.“ (S. 150).

Mit dem Beitrag des Psychologen Rolf Haubl wird das dritte Hauptkapitel des Bandes eröffnet. Er betrachtet darin die besonderen Herausforderungen kindlicher Partizipation in medizinischen Entscheidungssituationen. Eingangs stellt er kindliche Entscheidungen in medizinischen Handlungskontexten empirisch ermittelten Einschätzungen von Medizinern gegenüber, inwieweit diese „dem Kindeswillen“ (S. 158) folgen würden. Oft aber sei dies davon abhängig, ob dies der eigenen Entscheidungspräferenz entspräche. So sei eine De-Thematisierung von Entscheidung gegenüber Kindern festzustellen – und dennoch gelte: „Ohne Berücksichtigung des Kindeswillens kein Kindeswohl“ (S. 163) – nötig sei zeitintensive „gemeinsame Beratung mit offenem Ausgang“ (ebd. im Verweis auf Breitsamer, 2001) als bewusst gestaltete Entscheidungssituation (S. 163 f.).

Marion Ott als zweite Erziehungswissenschaftlerin im Autor_innenkreis ebenfalls an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main tätig, richtet ihren Blick auf das Kindeswohl als Bezugspunkt in stationären Hilfen für junge Mütter – ein Feld, dass sie, wie sie u.a. auch unter Rückgriff auf Fallmaterial eines DGF-geförderten Forschungsprojektes ausführt, ethnographisch und machttheoretisch reflektiert. Sie betrachtet in ihrem Beitrag, dass das „Wohl(-ergehen)“ (S. 167) des Kindes „immer wieder zu einem Gegenstand der Aushandlung zwischen Betreuenden und Betreuten in Mutter-Kind-Einrichtungen wird“ (ebd.). So offenbarten sich Widersprüche im Konzept des Kinderschutzes: Kindeswohl sei, so Ott, ein durchweg produktives Moment, denn es werde eingesetzt als Ort des Konflikts und von Problemdefinition. Es ermögliche Positionierungen der Pädagog_innen und zugleich das Produzieren von Entscheidungen und Ereignissen. Insoweit würde, so ihre These, Konflikte „vermittelt über das ‚Kindeswohl‘ zur Geltung gebracht“ und letztlich „auf das Kind verlagert“ (S. 184).

Als letzte in der Reihe der Autor_innen legt die Soziologin Katharina Liebsch (Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg) eine Betrachtung des sozialen Problems elterlicher Sorge in hochstrittigen Sorgerechtsfällen vor. Diese Thematik ist, wie Liebsch betont, vor allem durch eine hohe symbolische (und d.h. sich vehement artikulierende) Bedeutung aufgeladen. Nach allgemeinen Erörterungen zum Trennungs-/Scheidungsphänomen und dessen Auswirkung auf Kinder geht sie auf gesetzliche und damit einhergehende fachliche Innovationen ein und beschreibt „Variationen“ (S. 196) gemeinsam verantworteter Sorge. Diese könne man als „Technologien des Kindeswohls“ (S. 200) verstehen, insoweit da sie soziale Probleme lösten und soziale Praktiken strukturieren, die normativ und kognitiv prägend seien, den sozialen Umgang mit elterlicher Sorge de- und neu-konstruierten und durch Eigengesetzlichkeiten sozialen Organisierens und Ordnens (S. 201) geprägt seien, in dem sich staatliche Erziehungsmandate auch auf das Risiko hin, kindliche Potenziale nicht zu erfassen, zurückhalten sollen und dann bei einsetzenden Verfahren Kinder mangelhaft einbezögen; es würden, so Liebsch, „je unterschiedliche Grade von Achtsamkeit, Kontrolle und Engagement in der Bezugnahme auf die vom Ideal her zu beschützenden Kindheit“ (S. 202) deutlich.

Diskussion und Fazit

Der vorliegende Band liefert eine umfängliche und zugleich auch ungemein präzise und komprimierte Bestandsaufnahme und Diskussion des Kindeswohlbegriffes, seiner Tragweite und möglicher Rezeption in der sozialen Gemengelage zwischen Kindern, Erwachsenen und Staat. Dass dabei (kindheits-) soziologische wie juristische, psychologische wie pädagogische Betrachtungen zum Tragen kommen, ist eine weitere Stärke dieses Buches. Wie dann, theoretisch-empirisch versiert, mit Rückgriffen ins Material für Forscher_innen wie Professionelle im Feld anschaulich, das Spannungsfeld von Fürsorge und kindlicher Autonomie (Nunner-Winkler), des Kindeswillens (Haubl), dessen Erfolgswahrscheinlichkeiten angesichts generationaler Ordnung (Bühler-Niederberger) und in widerstreitenden Interessenslagen (Wapler, Sutterlüty, König, Liebsch) nebeneinander vorgestellt sichtbar werden, ist eindrücklich gelungen.

Nun kann man anführen, dass Paradoxien in komplexen sozialen Systemen durchaus erwartbar sind; Kindeswohl also nie nur das Wohl – subjektiv gesehen – des individuellen Kindes (historisch: gewesen) „ist“, sondern vielmehr immer eine Zuschreibung, eine soziale Konstruktion mit Nebenfolgen (Offenheit, Unwägbarkeit, Scheitern etc.) darstellt. Insoweit der vorliegende Band also soziale Konstruktionsbedingungen von Kindeswohl beschreibt, weist er nicht zuletzt auf wichtige Gesichtspunkte hin, die bei avisierten Reformprojekten im Blick bleiben sollten: Kinderrechte in die Verfassung zu bringen, wie es ab und an avisiert wird, bedeutet, die Wechselwirkung auf/und die Einflusssphären von Elternrecht, staatlichem Wächteramt, Familienbild, Ordnungspolitiken etc. zu beachten. Für diesen, ja auch in der gleichen Rahmenhandlung geführten ‚Streit‘, wäre eine sozialpädagogische, kultur- oder politikwissenschaftliche ‚Brille‘ als Ergänzung spannend, die weitere Paradoxien aufschlösse.

Vielleicht bietet eine Fortschreibung auch Gelegenheit, Inszenierungen und Optionen des Kindeswohls in jugendamtlichen Entscheidungsprozessen in Hausbesuchen, Hilfeplanung und Fremdplatzierung sozialpädagogischerseits und aus Plädoyers und Gutachten vor Gericht ethnographisch oder dokumentarisch analysierend einzuholen und zu reflektieren. Denn schließlich, so zeigt es eindrucksvoll der Beitrag von Marion Ott, tendieren Organisationen ja nicht selten dazu, jenseits der Schauseite Probleme für Lösungen zu suchen, die sie anbieten können, um eigentlich nötige gruppendynamische Konflikte zu umgehen, ‚schwierige Fälle‘ los zu werden, Entscheidungen zu vertagen und pro forma Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Lese- und Diskussionsstoff jedenfalls, sowohl für Forscher_innen, Lehrende, Studierende als auch für verantwortliche Fach- und Führungskräfte – und ihre ganz alltäglichen Entscheidungen übers Kindeswohl – bietet dieses Buch zu Hauf.

Literatur

  • Breitsamer, Christoph (2001): Autonomie und Fürsorge – zwei gegensätzliche Prinzipien? In: Drs. (Hrsg.): Autonomie und Stellvertretung in der Medizin. Entscheidungsfindung bei nicht einwilligungsfähigen Personen. Stuttgart: Kohlhammer, S. 60-78
  • Brumlik, Micha (1992): Advokatorische Ethik. Zur Legitimation pädagogischer Eingriffe. Bielefeld: Böllert KT
  • Geyer, Christian (2014): Warum ohne seine Tochter? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 281 vom 3. Dezember 2014, S. 9
  • Prout, Alan/James, Allison (1997): A New Paradigm for the Sociology of Childhood? Provenance, Promise and Problems. In: James, Allison/Prout, Alan (Hrsg.): Constructing and Reconstructing Childhood. Second Edition. London, Basingstoke: Falmer Press, S. 7-33

Rezensent
Prof. Dr. phil Michael Böwer
Dipl. Päd., Dipl. Soz.arb./Soz.päd., Professor für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe/erzieherische Hilfen, Kath. Hochschule Nordrhein/Westfalen, Abteilung Paderborn, Fachbereich Sozialwesen
Homepage www.katho-nrw.de
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Zitiervorschlag
Michael Böwer. Rezension vom 12.06.2018 zu: Ferdinand Sutterlüty, Sabine Flick (Hrsg.): Der Streit ums Kindeswohl. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3686-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23427.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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