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Thomas Schmidt-Lux: Gerechte Strafe

Cover Thomas Schmidt-Lux: Gerechte Strafe. Legitimationskonflikte um vigilante Gewalt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 242 Seiten. ISBN 978-3-7799-2735-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Thomas Schmidt-Lux untersucht in seiner theoretisch und empirisch fundierten Studie „Legimitationskonflikte“ von Gewalt jenseits des staatlichen Gewaltmonopols. Der alltagssprachliche Begriff hierfür ist Selbstjustiz, der wissenschaftliche Fachbegriff für solche Formen von Gewalt lautet Vigilantismus. Theoretisch wird dieses Phänomen in seiner Bedeutung für die moderne Gesellschaft reflektiert und empirisch untersucht der Autor Online-Diskussionen, in denen die Frage verhandelt wird, ob es legitim sei, dass Menschen andere Menschen für etwas, das sie vermutlich getan haben, bestrafen. Untersucht werden sowohl die Legitimationen als auch die De-Legitimationen von Selbstjustiz.

Autor und Entstehungshintergrund

Thomas Schmidt-Lux ist Soziologe. Er lehrt und forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig. „Gerechte Strafe“ ist die Publikation einer Schrift, mit der er sich in 2016 im Fach Soziologie an der Universität Leipzig habilitiert hat.

Aufbau

Die Monographie umfasst 241 Seiten und ist neben der Einleitung in vier große Kapitel und ein Fazit gegliedert.

Die ersten beiden Kapitel „Theoretischen und konzeptionelle Grundlagen“ (I) und „Soziologie des Vigilantismus“ (II) geben einen umfangreichen und sehr differenzierten Einblick in die theoretischen Kontexte, in die Thomas Schmidt-Lux seine folgende empirische Studie einordnet.

Das dritte Kapitel (III.) führt in das Forschungsfeld Internet ein und das methodische Vorgehen der Studie wird erläutert. Schließlich stellt der Autor im vierten Kapitel (IV.) die Ergebnisse seiner qualitativen Untersuchung von Online-Diskussionen vor, indem er „Legimitationskonflikte um vigilante“ Gewalt in den Fokus stellt.

In der Zusammenfassung und dem Fazit gelangt Thomas Schmidt-Lux zu dem Schluss, dass die Debatten über das Für und Wider vigilanter Gewalt nicht pauschal, sondern kontext- oder fallabhängig geführt werden. Das bedeutet, es gibt kaum grundsätzliche oder prinzipielle Standpunkte, die nicht hinterfragt werden können.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Die beiden theoretischen Kapitel geben einen theoretisch ausführlich begründeten Überblick über Grundkonstellationen der modernen Gesellschaft, die sich durch ein staatliches Gewaltmonopol und eine grundlegende gesellschaftliche Gewaltaversion auszeichnet. Nachgezeichnet werden im ersten Kapital die „exklusive Verfügungsgewalt des Staates über physische Gewalt“ (S. 26) und die Funktion staatlicher Rechtsordnungen. Ebenso ausführlich wird die Gewaltaversion der modernen Gesellschaft reflektiert (1.3) bevor im zweiten Abschnitt „(De)Legitimierungen von Gewalt“ diskutiert werden. Zunächst klärt der Autor das Verständnis von Legitimität (2.1), insbesondere im Hinblick auf die später von ihm untersuchten Online-Diskussionen, die nicht einfach als ‚Gerede‘ neben anderem ‚regelkonformem Tun‘ abgetan, sondern als Ausdruck von Legitimationskonflikten in Relation zu staatlichen Institutionen analysiert werden können. Vorgestellt werden außerdem verschiedene Legitimationen von Gewalt (2.2).

In seinem zweiten Kapitel gibt Thomas Schmidt-Lux auf insgesamt 26 Seiten einen begrifflich differenzierten und detaillierten Überblick über die wissenschaftliche Einordnung sowie die Geschichte und die gegenwärtigen Ausprägungen von Vigiliantismus. In seinem Fazit dieses Kapitels begründet er, warum es für die Soziologie grundlegend interessant sein dürfte, sich mit (De)Legitimationen vigilanter Gewalt auseinanderzusetzen: gerade in der Herausforderung des staatlichen Gewaltmonopols wird die „spezifische Verfasstheit der Moderne in besonderer Weise sichtbar“ (s. 83).

Das folgende Kapitel (III) „Onlineforen als Arenen des Diskurses um vigilante Gewalt“ setzt sehr grundsätzlich bei der Frage an, warum das Internet als „Teil des Sozialen“ (S. 86) untersucht werden kann (1.). Die digitale Kommunikation im Internet wird als „Ausdruck eines Epochenwandels“ (S. 86) diskutiert und fordert die Sozialforschung zu neuen Perspektiven heraus. Vor diesen Hintergrund werden der Charakter und die Ausprägungen von Internet-Kommunikationen vorgestellt, um schließlich die eigene Untersuchung einzuführen (2.). Hier wird nachvollziehbar wie die Erhebung und Auswertung von insgesamt 31 Diskussionen erfolgte, wobei hervorzuheben ist, dass alle 31 Diskussionen einer Feinanalyse unterzogen wurden.

Die Ergebnisse dieser sorgfältigen, auch durch Interpretationsgruppen abgesicherten, Analyse werden im folgenden Kapitel materialreich vorgestellt und zu typischen Ausprägungen abstrahiert. Zwei übergeordnete Dimensionen von Legitimation – kognitiv und normative – wurden dabei von Berger und Luckmann übernommen, die dritte Dimension hat sich aus der Rekonstruktion der Online-Diskussionen ergeben. Die Bedeutung dieses Befundes betont Thomas Schmidt-Lux in seinem Fazit: „Hinzu tritt eine dritte – emotionale – Dimension. ... In jedem Fall aber, und das ist der diesbezüglich zentrale Befund, spielen Emotionalisierungen im Feld von Legitimität eine wichtige und bislang noch zu wenig beachtete Rolle“ (S. 226, Hervorheb. i. Orig.).

Zu den anderen beiden Dimensionen arbeitet der Autor heraus, dass kognitive Legitimierungen „Schutz und Verteidigung“, das Versagen der Justiz, die Umkehr von Opfer und Täterpositionen sowie die Ausweglosigkeit von Unrechtssituationen heranziehen, während normative Legitimierungen auf „Gerechtigkeit“, die Menschenrechte und „die Entmenschlichung des Gegners“ Bezug nehmen. Diese Abstraktionen sind zuvor ausgezeichnet am Material der Diskussionen rekonstruiert worden und werden außerdem mit den kognitiven und normativen Dimensionen der Delegitimierung kontrastiert (S. 145 ff.). Anschließend wird aufgezeigt, dass Legitimierungen sich immer ins „Verhältnis zu jeweils anderen Argumenten“ (S. 161) setzen, also relational und historisch eingebettet sind. Schließlich wird die Bedeutung von Emotionen und Emotionalisierungen in den Debatten sehr anschaulich und ausführlich herausgearbeitet. Ein Befund dieser Dimension lautet. „Vigilantismus wird in den Diskussionen als gefühlsgeleitete Gewalt, als emotional violence diskutiert. Gefühle werden damit zum Deutungsmuster vigilanter Gewalt“ (S. 190, Hervorheb. i. Orig.).

Der dritte und letzte Abschnitt dieses Kapitels lenkt den Blick auf „Vigilantismus-Debatten als Konflikte um Zivilisiertheit und Migration“ (S. 196 ff.). In diesem Abschnitt wird gezeigt, wie die inhaltlichen Argumente des Vigilantismus sich mit Kollektivierungen verschränken (S. 222) und dieser Mechanismus auch greift, indem sich Fragen nach der Legitimität von Selbstjustiz mit anderen gesellschaftlichen Konfliktfragen verknüpfen: „Die Diskussion von Fällen vigilanter Gewalt verbindet sich dann zum einem mit Debatten um den modernen, zivilisierten Menschen, zum anderen mit Konflikten über das Pro und Contra von Zuwanderung“ 8S. 222).

Die abschließende Zusammenfassung und das Fazit der Studie fallen recht knapp aus. Hervorzuheben sind die Vorschläge, die der Autor für weitere Forschungen formuliert.

Diskussion

Es handelt sich um eine theoretisch und methodisch sehr fundierte Studie, die eine Grundfrage der modernen Gesellschaft behandelt. Das Forschungsfeld Vigilantismus ist bislang wenig untersucht und Thomas Schmidt-Lux verdeutlicht, dass Forschung und Theoriebildung zu diesen Phänomenen sehr gewinnbringend ist. Der soziologische Text ist in einer klaren Sprache abgefasst, es handelt sich aber unverkennbar um einen fachwissenschaftlichen und theoretisch sehr anspruchsvollen Text. Die Geduld, die die theoretischen Differenzierungen beim Lesen erfordern, wird mehrfach belohnt: mit neuen theoretischen Einsichten und mit einer sehr fundierten und ausgezeichnet strukturierten qualitativen Untersuchung, die zu aussagekräftigen Befunden gelangt. Insbesondere lohnt es sich, die emotionstheoretischen Überlegungen, die im Text nur angerissen werden, weiterzudenken und in der Forschung weiter zu verfolgen.

Fazit

Es handelt sich um eine theoretisch und empirisch fundierte Studie zu Vigilantismus – alltagssprachlich „Selbstjustiz“. Nach grundlegenden Ausführungen zum staatlichen Gewaltmonopol und zu den Ausprägungen vigilanter Gewalt wird eine eigene Untersuchung von Online-Diskussionen über dieses Thema vorgestellt. Herausgearbeitet und theoretisch reflektiert werden verschiedene Muster der Legitimierung und De-Legitimierung von Gewalt jenseits des staatlichen Gewaltmonopols. Hervorgehoben wird die Bedeutung von Emotionalisierungen für solche Legitimierungen und die Verknüpfung der konflikthaften Thematisierung von Selbstjustiz mit anderen gesellschaftlichen Konflikten.


Rezensentin
Prof. Dr. Mechthild Bereswill
Universität Kassel, Fachbereich Humanwissenschaften, Institut für Sozialwesen, Professur für Soziologie sozialer Differenzierung und Soziokultur
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Zitiervorschlag
Mechthild Bereswill. Rezension vom 31.08.2018 zu: Thomas Schmidt-Lux: Gerechte Strafe. Legitimationskonflikte um vigilante Gewalt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-2735-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23428.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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