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Jan Schametat, Sascha Schenk u.a.: Was sie hält (Jugendliche im ländlichen Raum)

Cover Jan Schametat, Sascha Schenk, Alexandra Engel: Was sie hält. Regionale Bindung von Jugendlichen im ländlichen Raum. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 150 Seiten. ISBN 978-3-7799-3714-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Was hält Jugendliche in ländlichen Räumen? Diesem Thema nähert sich die empirische Studie in einer Weise, mit der der oft sowohl im wissenschaftlichen als auch im populären und politischen Diskurs über den ländlichen Raum vorzufindende defizitorientierte Blick abgelöst wird durch die Frage nach (positiven) Bindungsfaktoren und den empfundenen Qualitäten der ländlichen Region auf Seiten der befragten Jugendlichen.

Autor_innen

  • Dr. Alexandra Engel, Professorin für Sozialpolitik und soziale Problemlagen Erwachsener an der HAWK Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen begleitete die als Qualifikationsarbeiten angelegten Studien (quantitative Studie: Schametat, qualitative Studie: Schenk), die dem Band zugrunde liegen.
  • Jan Schametat ist seit 2016 der Fachbereichsleiter „Regionale Prozesse“ im Zukunftszentrum Holzminden-Höxter der niedersächsischen HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst und der nordrhein-westfälischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Dieses Institut ist laut eigener homepage ein einzigartiges länderübergreifendes inter- und transdisziplinär arbeitendes Forschungszentrum (http://das-zukunftszentrum.de/), das gegründet wurde, um die Zukunftssicherung ländlicher Regionen mitzugestalten.
  • Sascha Schenk leitet das Projekt H!ERgeblieben, das den Praxisrahmen für die vorliegende Studie bildet.

Entstehungshintergrund

Das von Jan Schametat ins Leben gerufene Projekt H!ERgeblieben untersucht die Bindefaktoren für Jugendliche im ländlichen Raum und macht in Form einer Kampagne und Workshops an Schulen auf die Stärken der Region Höxter-Holzminden aufmerksam. Somit belassen es die Forscher nicht bei der Erforschung der regionalen Bindungen, sondern konzipieren im Sinne des Wissenstransfers eine Kampagne sowie ein Konzept der pädagogischen Arbeit mit Schüler_innen und deren Partizipation. Damit wollen sie die Perspektive auf Schrumpfung und Transformation in ländlichen Räumen nicht länger stigmatisierend negativ beleuchten, sondern mit dem Herausarbeiten von Bleibefaktoren (oder Bindungsfaktoren) einen Beitrag zur Erhöhung der Selbstwirksamkeitsüberzeugungen von Jugendlichen in ländlichen Regionen leisten.

Der Kreis Höxter ist zugleich Modellregion in einem Bundesprojekt zur Förderung des ländlichen Raums. Zu dem dort fokussierten strategischen Schwerpunkt der Daseinsvorsorge gehören u.a. die Verbesserung der regionalen Identität und die Gestaltung von Übergängen für Jugendliche. Daher wird in dem Projekt (und der Studie) die berufliche Orientierungsphase in den Mittelpunkt gestellt und nach Faktoren gesucht, die eine bessere regionale Orientierung der Jugendlichen ermöglichen könnten (S. 122). Die hier vorliegende Studie bietet die notwendigen empirischen Daten, um die Faktoren, die in Workshops und kommunalen Beratungsprozessen bearbeitet werden sollen, herauszuarbeiten.

Aufbau

In sieben Kapiteln wird die Studie in diesem eher schmalen Bändchen vorgestellt.

Nach Zusammenfassung und thematischer Einführung folgt ein ausführliches Kapitel zum derzeitigen allgemeinen Diskurs zum ländlichen Raum und der Frage der Bindung von Jugendlichen. Dem schließen sich der Aufbau und die Methodik der Studie an sowie im 5. Kapitel die detaillierte Darstellung der Ergebnisse – erst deskriptiv, dann vergleichend und analytischer. Im 6. Kapitel findet sich eine Diskussion und Verdichtung der Ergebnisse mit Bezügen zum theoretischen Diskurs und abgeleiteten Empfehlungen. Den Schluss bildet ein Exkurs, der das Projekt H!ergeblieben mit seinen Praxisanteilen der Workshops, ihrer Evaluation und der Auswertung einer zweiten kleinen Evaluationsphase beschreibt, die wiederum auch den Veränderungsfluss der Einstellungen der Jugendlichen zeigt, je näher sie an die tatsächliche Entscheidung heranrücken.

Inhalt

In der Einführung klären die Verfasser_innen die Perspektive der Studie: es geht ihnen darum, vom Negativbild, bei dem immer nach Abwanderungsgründen gefragt wird, wegzukommen. Darum interessieren sie die Bleibegründe. Dennoch unterliegen die Verfasser_innen nicht einer falschen Romantisierung des Landes und des Bleibens. Sie betonen die Bedeutung des Entdeckens, Experimentierens und Sich-Entwickelns im Jugendalter und vor allem die Fluidität von Einstellungen zum weiteren Lebensverlauf. Insofern darf die Studie nicht „als Plädoyer gegen die soziokulturellen Prozesse in der Lebensphase Jugend verstanden werden“ (S. 11).

In vier Oberthemen wird der Diskurs zum Thema des Bleibens aufgerollt und versucht, jeweils einschlägige Forschungen heranzuziehen. Dabei werden einzelne Aspekte dargestellt und dann jeweils zusammengefasst, welcher Erkenntnisbedarf – als Fragerichtung auch für die Studie – daraus zu erkennen ist. Das sind Thematiken der Migration, Gehen oder Bleiben?, regionale Bindefaktoren und die Frage der regionalen Identität.

Leitende These ist die Erkenntnis, dass das Bleiben (oder Gehen) immer als individuelle Entscheidung betrachtet und als Prozess begriffen werden muss, der auch keineswegs irreversibel ist. Selbstverständlich gibt es fördernde und hemmende Strukturfaktoren, aber die subjektive Wahrnehmung und Relevanz dieser Faktoren spielt die entscheidende Rolle, wenn auch diese nur im sozialen Kontext interpretiert und handlungsleitend werden kann. Wichtig ist den Autor_innen die Erkenntnis, auch das Bleiben als aktive Entscheidung zu begreifen und nicht nur als passives Nicht-Handeln zu interpretieren. Damit wird die Perspektive wesentlicher als in anderen Diskursen auf die Handlungsmächtigkeit aller Gruppen, nicht nur die der abwandernden, gelegt und somit rückt die Frage nach den Motiven und Kontexten fürs Bleiben überhaupt erst in den Vordergrund.

In diesem Wahrnehmungsrahmen werden in den einzelnen Abschnitten einige Untersuchungen gesichtet, zusammengefasst und im Hinblick auf den Erkenntniswert bzw. die offenen Fragen ausgewertet. Einige dieser Erkenntnisbedarfe sind folgend:

  • Die Berufswahl bzw. genauer die Berufsorientierung wird als ein entscheidender Faktor für die Bleibeorientierung gesehen und die Frage noch einmal geöffnet dahingehend, ob die Orts- bzw. Regionenwahl vor der Berufswahl steht oder umgekehrt.
  • Tendenziell wandern mehr Frauen als Männer ab, ohne dass eindeutig klar wäre, warum sich dies so verhält (Vermutung in der Literatur: arbeitsmarktbezogene Gründe).
  • Zentral geht es immer wieder um den Zusammenhang zwischen Berufswahlmöglichkeiten und Abwanderungsbestrebungen. Einige Studien erkennen, dass der Informationsstand über regionale berufliche Möglichkeiten weitaus schlechter ist als der über überregionale Möglichkeiten (S. 20).
  • Ein weiterer Punkt ist die Frage, ob die Einbindung in soziale Netzwerke die Neigung zu bleiben erhöht. Dies wird an den Faktoren Partizipation und Engagement aufgehängt und einige Studien zeigen hier einen positiven Zusammenhang. Was leider nicht weiter thematisiert wird (und dementsprechend auch keine Untersuchungen herangezogen wurden), ist das Engagement in der Familie, das vermutlich bei Mädchen noch häufiger vorkommt als bei Jungen, und vermutlich eine sehr ambivalente Bleibeneigung mit sich bringt (s. auch Kapitel Diskussion weiter unten).
  • Zur regionalen oder räumlichen Identität sind Aussagen nur sehr schwierig zu gewinnen, weil sie immer mit sozialen Faktoren kombiniert ist und „stets in Kommunikations- und Interaktionsprozessen konstruiert wird“ (S. 26). Hier sind auch Reflexe auf die Negativbilder des ländlichen Raums mitzudenken.
  • Mit Blick auf neuere Jugendstudien wird die Zielgruppe der hier erfolgten Studie auch nicht in einem bestimmten Typus von Landjugend gesucht, da es ‚die‘ Landjugend sowieso nicht gibt, sondern hier werden eher aktuelle Jugendtrends in Verbindung mit dem Diskurs zum ländlichen Raum gebracht, besonders der Neokonservatismus, der sich in einer stärkeren Familienzugehörigkeit ohne Abgrenzungsbestrebungen gegen die Elterngeneration niederschlägt sowie ein starker Wunsch nach Normalität (S. 29). Für die Studie wurde daher die Zielgruppe operationalisiert mit der Gruppe aller Schülerinnen und Schüler der Untersuchungsregion, die die neunten Klassen aller Schularten besuchen. Entsprechend werden das regionale Schulsystem und die Umsetzung der Berufsorientierung durch die beteiligten Bundesländer NRW und Hessen erläutert.
  • Hier erfolgt auch eine Zusammenfassung der Diskussionen zur Berufsorientierung, die v.a. betont, dass diese ein multifaktorieller Prozess ist, für den auch nichtberufliche Themen eine starke Rolle spielen (die in Berufsvorbereitungsmaßnahmen selten bedacht werden) (S. 34 f.).

Da es sich um eine wissenschaftliche (Qualifikations-)Arbeit handelt, wird auf 30 Seiten der Aufbau und die Methodik der Studie erläutert. Hier ist nochmals die Forschungsfrage zu den ausschlaggebenden Bindefaktoren und den Einstellungen der Jugendlichen zur Region pointiert. Zentrale Fragestellungen sind: „- was hält Jugendliche im ländlichen Raum? – Wie sind die Einstellungen von Schüler/inn/en zur Region Holzminden-Höxter während der Berufsorientierungsphase?“ (S. 50).

Bei der Darstellung des Designs wird u.a. herausgearbeitet, wie stark die Region vom demografischen Wandel betroffen ist und sehr differenziert die Berechnungen der Zu- und Wegzüge in den beiden Landkreisen dargestellt und die schon aus den Statistiken erkennbaren Gründe.

Bei der Methodik wird die qualitative Studie (themenzentrierte Leitfadeninterviews mit fünf Schüler_innen der Region) auf 10 Seiten in ihrem Ansatz, ihrer Fragestellung und hinsichtlich der daraus gewonnenen Hypothesen vorgestellt. Spannend sind die leider nur auf 2 Seiten eingefügten „Fallporträts“ mit den zugehörigen Bedingungsprofilen (S. 55), die so ausgewertet werden, dass Wenn-Dann-Konstellationen erstellt werden können. Hier wäre mehr Einblick in die Porträts wünschenswert, damit die abgeleiteten Hypothesen nicht nur als Abstraktion zur Verfügung stehen würden.

Die quantitative Studie besteht aus einer Fragebogenerhebung von je einer 9.Klasse an allen Schultypen. Da sich nicht alle Schulen beteiligten und manche Schüler_innen keine Einwilligungserklärung vorlegen konnten, fließen letztendlich 444 Fragebögen in die Auswertung. Der leichte Überhang von gymnasialen Klassen wird in der Auswertung mit einem relativierenden Gewichtungsfaktor zu kompensieren versucht.

Die Ergebnisse beziehen sich auf die Erkenntnisbedarfe und den theoretischen Diskurs. In einem ersten deskriptiven Teil werden einzelne Aspekte aus den Frageböge ausgewertet und in Verbindung gesetzt. In einem zweiten Auswertungsteil finden sich analytische Verknüpfungen, aus denen dann schließlich verschiedene „Einstellungsdimensionen“ und „Einstellungstypen“ herauskristallisiert werden.

Sehr genau und für empirisch geschulte Statistiker_innen gut nachvollziehbar werden die Daten aufbereitet dargestellt. Hilfreich sind immer wieder Schaubilder, die die Ergebnisse grafisch transportieren. Besonders im zweiten analytischen Teil ist die aus Gründen der Nachvollziehbarkeit sicher sinnvolle Darstellung der Ermittlungswege aber so speziell, dass die Leserin, wenn sie nicht gerade eine quantitative Forscherin ist, kaum nachvollziehen kann, wie die Typenbildung vollzogen wurde, wie sie aus dem Material entwickelt wurde. Eventuell wäre hier eine einfachere verkürzte Darstellung hilfreicher und die genaue Vorgehensweise für einen Exkurs oder einen Anhang geeignet. Inhaltlich kommen spannende Erkenntnisse heraus, die in einer höchst einprägsamen Grafik auf S. 112 übersichtlich zusammengefasst sind. Entscheidendster Faktor für die Bleibeorientierung scheint die Region selbst zu sein, insbesondere die Zufriedenheit mit ihr. Auf zweitem und drittem Platz folgen die Familie und der subjektive Stellenwert von Freizeit (S. 111). Die sog. ‚Mitläufer‘, ‚Karrieristen‘ und ‚Einzelgänger‘ hingegen zeigen demgegenüber weniger Bindungsneigung.

Die Auswertung schließt mit einem Kapitel, das die Ergebnisse nochmals verdichtet und in den Kontext der anfangs geführten Diskurse setzt. Zentrale Faktoren werden noch einmal herausgestellt:

  • Positive Bewertung der Region ist Voraussetzung
  • soziale Kontakte stärken die Bindung
  • wer gern viel Freizeit haben will, weist eher eine Bindungsneigung auf
  • je kleiner der Ort, desto größer die Bindungsneigung.

Deutlich wird aber auch, dass in den Einschätzungen Stärken und Schwächen gar nicht immer trennscharf zu unterscheiden sind und sich auch in der Wahrnehmung verändern. So muss konzediert werden, dass es kaum möglich ist, allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten herauszufiltern, sondern die individuellen Relevanzsysteme entscheidend sind (die selbstredend kollektiv geprägt und kommuniziert sind). Die Bleibeorientierung steht nach den Ergebnissen dieser Studie nicht vor der Berufswahl, sondern ist eher gleichbedeutend oder als nachgeordnet zu verstehen. Insofern ist es auch nur folgerichtig, dass gerade die Informationen über die beruflichen Möglichkeiten in der Region gestärkt werden müssten, da die Befragten nicht sehr informiert waren. Zwar fühlen sie sich eher überflutet von allgemeinen Informationen zur Berufswahl, aber ebenso kannten sie viele konkrete betriebliche und schulische Ausbildungsangebote in der Region nicht.

Diskussion

Die Studie stellt einen wertvollen Beitrag zu den Debatten um den ländlichen Raum und insbesondere in der Jugenddiskussion dar. Interessant ist besonders der positive Ansatz, der die regionale Verbindung stärken will, u.a. durch die Art, wie über den ländlichen Raum gesprochen wird. Die Autor_innen verspürten bereits während der Erhebungsphase den Effekt als Entlastung der ProbandInnen (S. 50).

Die sehr ausführlich dokumentierte Empirie im quantitativen Teil ist insoweit transparent und überzeugend, dass auch klar wird, wie mit zweifelhaften Aussagen umgegangen und wie welche Daten weiterbearbeitet wurden. Alle Cluster wurden erklärt. Deutlich werden aber auch die Grenzen benannt, die teilweise bei den Clustern etc. nur grobe Zuordnungen zulassen. Eine weitere Annäherung „könnte über einen erneuten qualitativen Zugang erfolgen“ (S. 92), schreiben die Autor_innen selbst. Damit ist noch einmal erhärtet, dass die subjektiven Deutungskonzepte nur grob aufgefunden werden konnten, deren genauere Erforschung manches ausdifferenzieren und weitere Faktoren der Lebenslage und Erfahrungen in der Region aufschließen würde. Z.B. wird die Konfliktdimension völlig ausgelassen, wir erfahren weder etwas über innere Konflikte hinsichtlich der zukünftigen Orientierung noch über andere Konflikte im Lebenszusammenhang, die Auswirkungen auf die Bleibeneigung haben könnten. Insofern bedauert es die Leserin auch, dass in die qualitative Studie nur eher kurze Einblicke zu gewinnen sind (10 Seiten) und sie damit etwas verkürzt nur als Hypothesengenerator betrachtet wird. So stecken m.E. auch in diesen noch weitere Faktoren, die vertieftere Einblicke geben könnten. Dennoch ist die Kombination von qualitativen und quantitativen Vorgehensweisen deutlich fruchtbar und hier auch überzeugend als lohnender Ansatz zu sehen.

In der Studie wird i.d.R. dominant nicht der Begriff des Dorfes verwendet, sondern der der Region. Das entspricht dem aktuellen Diskurs, der gerade die regionale Bezugnahme als Qualität und Bezugsgröße für Orientierungen im ländlichen Raum sieht (wie etwa bei May 2011 oder die in diesem Band zitierten Becker und Moser 2013). Verwunderlich daher, das in dem ganzen Buch eine klare Definition von Region fehlt. Nur einmal kommt als Klammerbemerkung, dass der „jetzige Wohnort und dessen Umland“ (S. 17) damit gemeint sei. Da hätte sich die Leserin eine klarere Operationalisierung gewünscht oder aber eine Diskussion darüber, dass der Regionenbegriff von der Sache her unscharf bleiben muss, weil er sich an subjektiven Lebenswelten zu orientieren hat, die für unterschiedliche Personengruppen jeweils auch einen unterschiedlichen Horizont und Bedeutungszusammenhang haben…

Überraschend ist, dass die Autor_innen kaum anknüpfen an die (auch im Fachdiskurs eher spärlichen) Debatten in der Jugendhilfeplanung im ländlichen Raum. Hier gibt es eine begonnene Diskussion zu Partizipation und Identifikation von Jugendlichen, zu ihrer regionalen Orientierung (versus einer dörflichen) und Faktoren der Gestaltungsnotwendigkeit vor Ort, die die Rückkehrorientierung (viel mehr als die Bleibeorientierung) stärken könnten. Ein schon älterer Diskurs zur ‚Jugend in der Provinz‘ (angeführt von A. Herrenknecht, z.B. 2000) steht bis heute unverbunden neben einem leider auch wieder steckengebliebenen Diskurs über Frauen auf dem Land (z.B. von M. Knab 2001). Neuere Studien, z.B. manche der von Monika Alisch und Michael May herausgegebenen ‚Beiträge zur Sozialraumforschung‘ verbinden Planung und Beteiligung mit der Bleibediskussion. So wird deutlich, dass sich Schametat u.a. eher am geographischen, soziologischen und demografischen Diskurs orientieren und weniger am sozialpädagogischen. Doch diese Verbindung ist leicht herzustellen, das Buch bietet reichlich Ansatzpunkte dafür.

Ein anderer Aspekt wird m.E. zu gering behandelt: die Geschlechterfrage. So wird zwar in beiden Untersuchungen zwischen Mädchen und Jungen unterschieden hinsichtlich der Befragungsgruppe und es kommt auch deutlich heraus, dass die Bleibeorientierung bei Mädchen tendenziell geringer als bei Jungen ist, aber es findet weder theoretisch noch in den Interpretationen einen konkreten Widerhall. Warum ist das so, was treibt die Mädchen um? Worauf hoffen sie bzw. was ist es, dass ihnen eine Wegzugorientierung näher liegt? Diese offenen Fragen zeigen, dass im theoretischen Diskurs des Buches dieser Dimension keine Aufmerksamkeit geschenkt wird (dabei muss zugestanden werden, dass auch die Literatur zu Planung und Beteiligung hier eher erst vereinzelt systematischer Aspekte zusammenbringt und aufbereitet – z.B. Feuerbach 2003, Schimpf/Leonhardt 2004). Dennoch wird das Thema immer mal wieder aufgegriffen und die entscheidende Fragestellung wurde etwa von einer Tagung der Hanns-Seidel-Stiftung 2013 so formuliert: „Frauen leisten einen hohen Beitrag zur Lebensqualität im ländlichen Raum. Doch welche Chancen bieten im Gegenzug die ländlichen Räume den Frauen? Was braucht es, damit sie sich hinsichtlich Beruf, Einkommen, Familienplanung und gesellschaftlichem Engagement selbst verwirklichen können?“ (Franke/Schmid 2013, S. 1 – einige Aspekte zu Frauen und Mädchen auf dem Land sind aktuell auch der Antwort der Bundesregierung (2017) zu entnehmen). Operationalisiert würde dies bedeuten, etwa in dem Fragebogen, auch hinsichtlich der Faktoren der Berufsorientierung weitere Fragen zur Lebensplanung aufzunehmen, z.B. Vorstellungen über den Wunsch, das Leben mit einer Familie, insbesondere Kindern, mit einer Berufstätigkeit verbinden zu können oder aber auch, sich selbst in einer von klaren Rollenvorstellungen geprägten dörflichen Gesellschaft verwirklichen zu können…

Weitergehend hieße dies auch, nichtdominante sexuelle Orientierungen und Identitäten als Faktor der Lebensgestaltung bzw. der Schwierigkeiten, die einzelne bekommen, mit einzubeziehen. Vielleicht sind sexuelle Orientierungen / Identitäten auch ein Faktor, der eine Bleibeorientierung erschwert – bzw. anders herum, die Möglichkeiten verschieden und akzeptiert leben zu können, ein Bleibefaktor?

Fazit

Die vorliegende schwerpunktmäßig quantitative Studie beschäftigt sich mit Faktoren, die Bleibeorientierungen von Jugendlichen begünstigen. Sie erarbeitet diese im Kontext des Themas Berufsorientierung, weil die damit verbundenen Entscheidungsphasen für einen weiteren Verbleib in der Region ausschlaggebend sind. Dennoch gibt es unabhängig von den beruflichen Orientierungen unterschiedliche Einstellungen zur Region und zum Bleiben, die dann mit den beruflichen Möglichkeiten kombiniert eine Entscheidung für Bleiben oder Weggehen nahelegen. Herausgearbeitet werden die Faktoren der Bewertung der Region an sich, die Familienorientierung und die Freizeitorientierung als die wesentlichen Elemente der der Bindungsneigung.

Die Studie bleibt nicht bei der wissenschaftlichen Erhebung stehen, sondern entwickelte die Empfehlungen weiter in ein Projekt (H!ergeblieben), das mit pädagogischen Workshops und Kampagnen Jugendliche sensibilisieren will für die Region, und andere Akteure für ein Investieren für ein positives Bild der Region gewinnen möchte. Insofern ist bei dieser Studie der Praxistransfer explizit mitgedacht, was sie grade für Regionalentwickler_innen sehr interessant macht. Es ist eine Studie, die auch für regionale Jugendhilfeplanungsprozesse von Interesse sein könnte, auch wenn der Bezugsdiskurs weniger aus der Sozialen Arbeit geführt wird. Insgesamt ordnet sich die Studie und das daraus entwickelte Projekt ein in die Bemühungen zur nachhaltigen Regionalentwicklung durch seit einigen Jahren vielfach aufgelegte Programme. Die Empfehlungen münden neben den genannten Workshops auch darin, das regionale Feld der beruflichen Möglichkeiten aus der zufälligen und unübersichtlichen Einzelpräsentation herauszuholen und transparente, allgemeinverständliche und zugängliche Informationen so aufzubereiten, dass zumindest für alle sichtbar wird, was denn auch möglich sein kann in der Region – sei es zum Bleiben oder auch zur Rückkehr (wobei diese Dimension in der Studie nicht erforscht wurde, weil mit Jugendlichen gearbeitet wurde).

Literatur

  • Becker H, Moser A. (2013) Jugend in ländlichen Räumen zwischen Bleiben und Abwandern – Lebenssituation und Zukunftspläne von Jugendlichen in sechs Regionen in Deutschland. Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, 140 p, Thünen Rep 12
  • Bundesregierung 2017: Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung von Frauen und Mädchen in ländlichen Räumen. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Markus Tressel, Ulle Schauws, Harald Ebner, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, – Drucksache 18/11349 – vom 23.3.2017 http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/116/1811662.pdf, zugegriffen 12.12.2017
  • Feuerbach, Susanne 2003: Geschlechterdemokratische Beteiligung im Rahmen kommunaler Sozialplanung. Beiträge zur Demokratieentwicklung von unten Nr. 19, Verlag Stiftung Mitarbeit. Bonn
  • Franke, Silke / Schmid, Susanne (Hrsg.) 2013: FRAUEN IM LÄNDLICHEN RAUM, hg. von der Hanns-Seidel-Stiftung e.V., München, www.hss.de/download/publications/AMZ_88_Frauen_im_laendl_Raum_04.pdf, zugegriffen 12.12.2017
  • Herrenknecht, Albert 2000: Jugend im regionalen Dorf. In: Ulrich Deinet / Benedikt Sturzenhecker (Hrsg.): Jugendarbeit auf dem Land. Ideen, Bausteine und Reflexionen für eine Konzeptentwicklung. Opladen
  • Knab, Maria 2001: Frauen und Verhältnisse: eine sozialpolitische Netzwerkanalyse. Centaurus-Verl., Pfaffenweiler
  • May, Michael 2011: Jugendliche in der Provinz. Ihre Sozialräume, Probleme und Interessen als Herausforderung an die soziale Arbeit. Verlag Barbara Budrich, Opladen, Berlin, Toronto
  • Schimpf, Elke/ Leonhardt, Ulrike 2004 „Wir sagen euch, was wir brauchen, und ihr plant mit uns„: Partizipation von Mädchen und jungen Frauen in der Jugendhilfeplanung Volume 152 Wissenschaftliche Reihe, Kleine, Bielefeld

Rezensentin
Prof. Dr. Maria Bitzan
Fakultät SAGP Soziale Arbeit Gesundheit und Pflege Hochschule Esslingen
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Zitiervorschlag
Maria Bitzan. Rezension vom 19.12.2017 zu: Jan Schametat, Sascha Schenk, Alexandra Engel: Was sie hält. Regionale Bindung von Jugendlichen im ländlichen Raum. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3714-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23430.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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