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Anna Maria Ifland: Kindheitspolitk in Deutschland und Norwegen

Cover Anna Maria Ifland: Kindheitspolitk in Deutschland und Norwegen. Konstruktionen von Kindheit und Betreuung im Vergleich. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 294 Seiten. ISBN 978-3-7799-2555-2. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Kindheitspädagogische Beiträge.
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Thema

Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, was unter Kinderpolitik und Kindheitspolitik verstanden werden soll. Oft werden diese Bezeichnungen synonym verwendet. Mitunter werden sie aber auch in dem Sinne unterschieden, dass Kinderpolitik spezifische Maßnahmen zum Wohl der Kinder oder bestimmter Gruppen von Kindern umfasst, während Kindheitspolitik auf eine umfassende Gestaltung von Kindheit(en) und Lebensverläufen gerichtet ist.

Manche sehen in der Kinderpolitik eine Politik, die von Erwachsenen für Kinder gemacht wird, andere eine Politik, die von Erwachsenen mit Kindern gemacht wird, und andere sogar eine Politik, die maßgeblich von Kindern bzw. Kinder- und Jugendverbänden praktiziert wird. Ein wichtiges und viel diskutiertes Thema in diesem Zusammenhang ist, wie die Interessen und Rechte von Kindern am besten zu vertreten und welche Einrichtungen dafür erforderlich sind (z.B. als Beschwerdeinstanz bei der Verletzung von Kinderrechten). Kontrovers wird auch diskutiert, ob Kinderpolitik eher als ein besonderer Politikbereich oder als Querschnittpolitik praktiziert werden soll.

Die Rede von Kindheitspolitik ist bisher weniger gebräuchlich und hat keine deutlichen Konturen. Am ehesten wird sie gebraucht in den Debatten um die Gestaltung des Wohlfahrtsstaates und seiner generationalen Ordnung, insbesondere dem strukturellen Ort der Altersgruppe, die wir als Kindheit bezeichnen, im Machtgefüge einer Gesellschaft. Dabei wird meist von einem soziologischen Verständnis von Kindheit ausgegangen, wonach diese nicht einfach als Naturphänomen, sondern als historisch und kulturell variable „soziale Konstruktion“ zu verstehen ist. Kontroversen entzünden sich immer wieder um die Frage, ob Kindheit als Zukunftsressource einer Gesellschaft etwa im Sinne von „Humankapital“ zu betrachten ist, oder ob die Gesellschaft in der Pflicht steht, für gerechte Lebensverhältnisse zu sorgen, die menschenwürdige Lebensverhältnisse für alle Kinder und für deren gegenwärtiges Leben gewährleistet. Dies wird vor allem in den Debatten um die Erforschung und den angemessenen Umgang mit dem Phänomen der „Kinderarmut“ virulent.

Entstehungshintergrund

Die Untersuchung von Anna Maria Ifland ist der Frage gewidmet, in welcher Weise Kindheit in den zwei europäischen Ländern Deutschland und Norwegen, die sich als Wohlfahrtsstaaten verstehen, politisch gestaltet wird und welche Ähnlichkeiten und Unterschiede dabei zum Vorschein kommen. Die Veröffentlichung ist aus einer Dissertation an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hervorgegangen. Gegenwärtig ist die Autorin als Fachberaterin im Bundesprogramm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ tätig.

Die Autorin hat für ihre vergleichende empirische Untersuchung Dokumente herangezogen, die in beiden Ländern von ähnlicher Art sind. Dies sind Texte zu den sozial- und bildungspolitischen Diskursen über die Notwendigkeit und die Gestaltung öffentlicher Kleinkindererziehung. Die Texte befragt sie zum Bild des Kindes in den jeweiligen Gesellschaften, zu den Aufgaben von Familien und zum Selbstverständnis der beiden Staaten bei der Realisierung der Kinderrechte.

Durch diese Textauswahl ist die Autorin nach Ansicht von Ursula Rabe-Kleberg, die die Dissertation als Professorin betreut hatte und die Veröffentlichung mit einem Vorwort begleitet, der Gefahr entgangen, „Äpfel mit Birnen zu vergleichen“, was gerade bei internationalen Vergleichen leicht passiere. Um die norwegischen Dokumente in der Originalsprache analysieren zu können, hat die Autorin eigens die norwegische Sprache erlernt.

Aufbau und Inhalt

Anna Maria Ifland geht bei ihrer Untersuchung von der Annahme aus, „dass Kindheit in modernen Wohlfahrtsstaaten, und somit auch in Deutschland und Norwegen, im Wesentlichen durch politische Handlungen geprägt wird“ (S. 16). Im Zentrum steht die Betreuungspolitik im Kleinkindalter, die sie nicht nur als Familienpolitik, sondern auch als Teil von Kindheitspolitik versteht. Die Untersuchung verfolgt das Ziel, „die sozialen Konstruktionen von Betreuung sowie von Kindern und Kindheit zu analysieren, die im jeweiligen politischen Diskurs zur Kinderbetreuung in Deutschland und Norwegen vorzufinden sind“ (S. 93).

Der jeweiligen Betreuungspolitik in den beiden Ländern nähert sich die Autorin auf drei Ebenen. Auf theoretischer Ebene untersucht sie aus historisch-allgemeiner Perspektive das Verhältnis zwischen inner- und außerfamiliärer Kinderbetreuung. Auf nationalstaatlicher Ebene nimmt sie die konkreten politischen Instrumente der Betreuungspolitiken in den Blick. Schließlich vergleicht sie die Betreuungspolitiken anhand Regierungs- und Parlamentsdokumenten in beiden untersuchten Ländern. Um dem Untersuchungsgegenstand und den Texten unvoreingenommen und flexibel gegenübertreten zu können, greift sie auf die Analysemethode der Grounded Theory zurück.

Im Zentrum der Darstellung steht der Begriff des „nutzbringenden Aufwachsens“, der die Frage aufwirft, worauf sich der angenommene oder angestrebte Nutzen bezieht. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass er in beiden Ländern in erster Linie auf die „Verwertbarkeit des kindlichen Humankapitals“ (S. 229) gerichtet ist, verstanden als Ressource für zukünftige wirtschaftliche Zwecke im Sinne der frühen Heranbildung zukünftiger Arbeitskräfte. Die Förderung der Kinder wird nach Erkenntnis der Autorin als Investition verstanden, „aus der aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive zukünftige Gewinne zu erwarten sind“ (ebd.).

Obwohl diese „funktionalisierende“ Tendenz in beiden Ländern dominiert, sieht die Autorin unterschiedliche Nuancen. Während sie für Norwegen auch Tendenzen feststellt, Kinder in ihrem gegenwärtigen Leben „kompetent, konstruktiv und lebensfroh“ werden zu lassen, habe das Material für Deutschland keinerlei derartige Hinweise erbracht. Nur in Norwegen, nicht aber in Deutschland, werde beispielsweise dem Spielen ein zentraler Stellenwert bei der frühkindlichen Förderung beigemessen. Darüber hinaus würden in Deutschland die Eltern „als tendenziell förderungsdefizitär Handelnde“ (S. 233) aufgefasst, während ihnen in Norwegen größeres Vertrauen entgegen gebracht werde. Das Problem der sozialen Ungleichheit werde nicht wie in Deutschland auf dem Weg über Chancengleichheit, sondern durch die Herstellung von Gleichheit angegangen. Im Fokus stehe nicht die Verbesserung der Ausgangsbedingungen, sondern das Ausgleichen von Unterschieden.

Als Ergebnis ihrer vergleichenden Studie der kindheitspolitischen Diskurse konstatiert die Autorin: „Im politischen Diskurs in Deutschland ist eine tendenzielle ‚Panik‘ vor einer zu spät einsetzenden und nicht ausreichenden Förderung zu verzeichnen, die sich sowohl in der Konstruktion der Kindheit als glorifizierte Förderungszeit als auch durch die ausschließlich außerfamiliäre Verortung des Aufwachsens manifestiert, mit der eine intendierte Förderung verbunden ist. Demgegenüber kommt im politischen Diskurs in Norwegen eine gewisse ‚Gelassenheit‘ – aber dennoch keine Gleichgültigkeit – bezüglich der Förderung der Kinder zum Ausdruck. Dieses Ergebnis konkretisiert sich zum einen in der Konstruktion der Kindheit als Förderungszeit, die nicht zwangsläufig nur die ersten drei Lebensjahre als die entscheidende Förderungszeit beinhaltet. Zum anderen ermöglicht die Förderung des Aufwachsens – inner- und/oder außerfamiliär – nicht unter jeder Bedingung ein optimales förderungsorientiertes Aufwachsen.“ (S. 233)

Diskussion

Die Untersuchung von Anna Maria Ifland ermöglicht spannende Einblicke in die teilweise sehr verschiedenen Kulturen des Aufwachsens von Kindern und die darauf gerichteten dominierenden kindheitspolitischen Diskurse in den beiden untersuchten Ländern. Der Befund, dass diese Diskurse bei allen Unterschieden vorwiegend darauf gerichtet sind, die Kinder für partikulare wirtschaftliche Zwecke zu funktionalisieren, ist vielleicht nicht überraschend, bietet aber reichlich Stoff zum Nachdenken über das Selbstverständnis von Staaten, die sich das Wohlergehen ihrer Kinder und die Wohlfahrt ihrer Bürgerinnen und Bürger auf die Fahne schreiben. Dankenswerter, wenn auch sicher nicht erfreulicher Weise macht die Studie darauf aufmerksam, dass Deutschland dabei noch wesentlich schlechter abschneidet als Norwegen.

Gleichwohl enthält die Analyse einige Ungereimtheiten und wirft Fragen auf. Die Autorin scheint selbst unentschieden zu sein, ob die „nutzbringende Förderung“ von Kindern, die sie in ihren verschiedenen Varianten herausarbeitet, neben den partikularen wirtschaftlichen Verwertungsinteressen tatsächlich auch einem gesamtgesellschaftlichen Zweck dient, der gemeinhin als Gemeinwohl verstanden wird. Wie könnte denn ein solches Gemeinwohl in Gesellschaften beschaffen sein, in denen die kapitalistische Wirtschaftsweise ständig aufs neue soziale Ungleichheit und damit auch Kinderarmut produziert und, wie sich heute kaum noch übersehen lässt, sogar verschärft? Der Befund, dass in Norwegen eher soziale Gleichheit angestrebt wird, statt wie in Deutschland immer wieder die Chimäre der Chancengleichheit zu beschwören, ist unter dieser Voraussetzung bemerkenswert. Aber greift dann nicht jeder Versuch einer nutzbringenden Förderung von Kindern zu kurz und verstrickt sich in unauflösbare Widersprüche?

Es ist ja schön, dass in Norwegen dem Spiel der Kinder größere Bedeutung beigemessen und zumindest nicht gänzlich aus dem Auge verloren wird, dass sie auch als Kinder den Anspruch (und das Recht) auf ein „kompetentes“ und „lebensfrohes“ Leben haben. Aber lässt sich dieses Leben im Schonraum einer Kindheit herstellen, die vom Verwertungsinteresse der Gesellschaft zeitweise separiert ist, wie es offensichtlich in Norwegen angestrebt wird? Oder müsste nicht grundsätzlicher über eine andere „Konstruktion“ von Kindheit nachgedacht werden, die Kindern frühzeitig ermöglicht, die Gesellschaft mitzugestalten und ihren Anspruch auf ein sozial gerechtes und menschenwürdiges Leben einzufordern? Dies schließt die Frage ein, wie der Status der Kinder insgesamt und soweit gestärkt werden kann, dass sie sich der Verwertung als „Humankapital“ und entsprechenden „Förderungspraktiken“ widersetzen und dabei unterstützt werden können.

Fazit

Eine Studie, die mit anschaulichem Material aus zwei europäischen Wohlfahrtsstaaten zum Nachdenken über eine Kindheitspolitik einlädt, die sich nicht in der Konditionierung von Kindern zur Verwertung als Humankapital erschöpft.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/studieren/fachbereiche/sozialwese ...
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 30.11.2017 zu: Anna Maria Ifland: Kindheitspolitk in Deutschland und Norwegen. Konstruktionen von Kindheit und Betreuung im Vergleich. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-2555-2. Kindheitspädagogische Beiträge. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23431.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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