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Christiane Haerlin, Irmgard Plößl: Berufliche Beratung psychisch Kranker

Cover Christiane Haerlin, Irmgard Plößl: Berufliche Beratung psychisch Kranker. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2017. 3., überarbeitete Auflage. 160 Seiten. ISBN 978-3-88414-688-0. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema und Zielsetzung

Das Thema der 3. Auflage des Buches der Autoren erschließt sich klar und deutlich aus dem Titel und ermöglicht dem Leser bereits zum dritten Mal fundierte Einblicke in die Welt der Beratung psychisch Kranker im Hinblick auf die Erwerbsarbeit. Das Buch gibt Beratern in diesem schwierigen und oft uneindeutigen Feld ein solides Rüstzeug an die Hand.

Herausgeberinnen

Christiane Haerlin wurde 1942 in Wien geboren und arbeitete als Ergotherapeutin in London, Heidelberg und Köln. Sie hat Berufliche Trainingszentren (BTZ) aufgebaut und geleitet und war in dieser Leitungsposition zuletzt bis 2005 in Köln tätig. Seit 2005 ist sie freiberuflich in diesem Feld tätig und berät in dieser Tätigkeit u.a. rehabilitative Dienste. Außerdem ist sie Delegierte der deutschen Inklusionsfirmen im europäischen Verbund der Social Firms (CEFEC) und war/ ist Mitbegründerin der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie. Zudem publizierte sie mehrere Schriften mit Schwerpunkt psychische Erkrankung und berufliche Rehabilitation.

Dr. Irmgard Plößl wurde 1966 in Tübingen geboren, ist Psychologin und psychologische Psychotherapeutin und promovierte 2001 in Tübingen. Sie leitet die Abteilung für Berufliche Teilhabe und Rehabilitation des Rudolf-Sophien-Stifts in Stuttgart. Sie hat mehrere Bücher zum Thema Förderung psychisch Kranker geschrieben und gibt seit vielen Jahren Seminare und Weiterbildungen in diesem Bereich.

Entstehungshintergrund

Die aktuelle 3. Auflage ist aus der jahrelangen Auseinandersetzung der Autoren mit dem entsprechenden Berufsfeld entstanden. Die Autoren geben ihre Expertise in diesem Bereich nun an eine Leserschaft aus diesem Bereich mit Spezifikation der beruflichen Beratung weiter.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist abgesehen von der Vorbemerkung und dem Schlusswort sowie einem Abschnitt mit ausgewählten Literaturquellen in fünf Abschnitte untergliedert, die wiederum weitere kleinschrittigere (Unter-) Abschnitte aufweisen. Darüber hinaus sind Downloadmaterialien verfügbar. Das Buch besteht aus zahlreichen kurzen Gesprächssequenzen, alltagspraktischen Tipps für Beratungssettings und (Fall-) Beispielen. Neben Positiv-Beispiele werden auch Negativ-Beispiele präsentiert sowie beispielhafte Dialoge aufgezeigt.

Bereits in der Vorbemerkung wird die hohe Relevanz der Erwerbsarbeit für eine gelingende Integration psychisch Kranker Menschen deutlich gemacht. Leider, so stellen die Autoren fest, würde berufliche Beratung immer noch oftmals stiefmütterlich behandelt.

Der erste große Abschnitt über „Arbeit und psychische Krankheit“ untergliedert sich insgesamt zehn Unterabschnitte und ist somit, wie die anderen Abschnitte auch, recht kleinschrittig gegliedert. Im ersten Unterabschnitt über „Die Arbeitssituation psychisch Kranker“ wird erneut auf die hohe Relevanz von Arbeit hingewiesen, die oftmals ein expliziter Wunsch der Betroffenen sei. Arbeit sowie Integration in Letztere sei aber gerade bei einer dtl. Zunahme psych. Erkrankungen von enormer Bedeutung. Mittlerweile sei die Zahl der Erwerbsminderungsrenten hauptsächlich durch psychische Erkrankungen bedingt. Der zweite Unterabschnitt beschäftigt sich mit „Psychische Folgen der Erwerbslosigkeit“ und stellt klar, dass Arbeit aber wiederum auch nicht vor der Entwicklung psychischer Erkrankungen schützt. „Nichtstun“ schwäche die individuelle Resilienz. Dennoch wird immer wieder diskutiert, ob man psychisch Kranke mit dem Ruf nach Erwerbsarbeit belasten dürfe. Arbeitsaufnahme beeinflusse nachweislich eine psych. Erkrankung nicht negativ, so die Autoren. Auch weitere Unterabschnitte widmen sich artverwandten Themen, die sowohl individuelle Faktoren als auch arbeitsmarktliche Faktoren darstellen. Dabei kommt sowohl das Empowermentkonzept zum Tragen als auch die allgemeine Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Schließlich fokussieren die Autoren auf das „Zusammenspiel der Interessen aller Beteiligten“ und formulieren daraus hervorgehen die Notwendigkeit einer Flexibilisierung sowie Individualisierung der beruflichen Beratung.

Der nächste Abschnitt widmet sich der Gestaltung von Beratungsgesprächen. Hier werden zahlreiche hoch relevante Aspekte dargestellt. Zunächst widmen sich die Autoren dem „Beratungssetting“ bevor sie die notwendigen Eigenschaften von Beratern (z.B. Motivation, Erfahrung, etc.) beleuchten und die Ziele von Beratungsgesprächen darstellen, die eben nicht direkt das Erlangen einer Beschäftigung sind. Schließlich gehen die Autoren auf die (notwendigen) Unterlagen für den Beratungsprozess ein und stellen klar, dass das Fehlen von Unterlagen nicht unbedingt eine Schwäche im Beratungsprozess bedeuten muss. Bevor sie die Auswirkungen der psychischen Krankheiten auf die Arbeit widmen, listen die Autoren die einzelnen Themen von Beratungsgesprächen auf. Bzgl. der psychischen Erkrankung weisen sie nicht nur auf die Relevanz der Erkrankungssymptome selbst hin, sondern auch auf weitere damit im Zusammenhang stehende Faktoren wie beispielsweise die einschränkenden Effekte der Medikamente im Sinne von Nebenwirkungen; aber auch unterstützende Faktoren wie die Unterstützung der Familie sowie versorgende ambulante und stationäre Einrichtungen werden fokussiert. Hier wird auch klar, dass Krankheit keineswegs konträr zur Arbeit stehen muss, sondern halt gebende Eigenschaften hat. Nachdem die relevanten Akteure in Augenschein genommen wurden, wird der konsequent der systemische Ansatz kurz dargestellt. Schließlich werden im Zuge der (Wieder-) Eingliederungsvereinbarung „Konkrete Schritte der Vereinbarung“ aufgezeigt, um den Leser dann für die hohe Relevanz der „Schriftliche[n] Dokumentation“ zu sensibilisieren; hier wird auf die Möglichkeit der Partizipativität der Mitschriften hingewiesen, sodass der Klient an der Notation teilhat. Am Ende dieses Buchabschnittes finden sich zwei größere/ mehrseitige Fallbeispiele, die aus einer psychiatrischen Klinik und in einer Psychotherapiepraxis entnommen sind.

„Der Weg zur Beschäftigung“ als nächster Abschnitt zeigt verschiedene Aspekte, um eine (Wieder-) Aufnahme von Beschäftigung zu realisieren. Die Autoren beginnen mit der Darstellung von (möglichen) Arbeitsanforderungen aus verschiedenen Bereichen (kognitiv, emotional, soziale, etc.). Sie beschreiben sodann den Prozess der Rehabilitation bzw. Re-Integration und damit vergesellschaftete Aspekte wie beispielsweise Anspruchsberechtigung, verfügbare Angebote mit Qualitätsindikatoren, etc. Schließlich stellen sie dar, dass sich die jeweilige Maßnahme an den unterschiedlichen Klientengruppen ausrichten muss, um Aussicht auf Erfolg haben zu können.

Nach diesem recht kurzen Abschnitt wenden sich die Haerlin und Plößl möglichen „Beratungsorte[n]“ zu und greifen hier unterschiedliche ambulante sowie stationäre Settings auf. Hier thematisieren sie psychiatrische und psychosomatische Kliniken genau wie den noch wenig ausgeprägten teilstationären Bereich und das ambulante Setting mit Institutsambulanzen und (Fach-) Arzt-, sowie andersartige Therapiepraxen (z.B. Ergotherapiepraxen). Auch psychosoziale Dienste werden keineswegs vergessen. Im Anschluss daran wird das komplizierte Rehabilitationssystem beleuchtet und die einzelnen Einrichtungen (med. Reha, berufl. Reha, RPK, BFW, BBW, BTZ) kurz mit ihren jeweiligen Spezifika thematisiert. Daran anschließend schildern Haerlin und Plößl „Selbsthilfegruppen“ als eminent wichtigen Baustein in der erfolgreichen Reintegration psychisch Kranker in den Arbeitsprozess und weisen auf die Notwendigkeit der Vernetzung der einzelnen Angebote hin.

Schließlich runden die Autoren das Buch mit einem kurzen Kapitel über die „Essenzen der Beruflichen Beratung“ und einer Schlussbemerkung ab, bevor sie die verwandte Literatur darlegen. Hier machen Haerlin und Plößl einige markante Aspekte deutlich wie z.B. die Tatsache, dass der Klient Experte seiner Biographie ist, etc. Das Schlusswort nimmt Bezug auf den Einsturz des Kölner Stadtarchives, den Christiane Haerlin selbst miterlebt habe und ihr die Relevanz des Buches nochmals verdeutlicht habe, so schreibt sie.

Zielgruppe

Die Zielgruppe dürfte unschwer im Bereich der Profession der Beratungswissenschaften und v.a. der beruflichen Beratung psychisch Erkrankter zu finden sein. Gerade für den Praxisalltag erscheint es sehr geeignet.

Diskussion und Fazit

Die Autoren schildern in Kürze wichtige Aspekte in der beruflichen Beratung psychisch kranker Menschen. Zwar ist das Buch keineswegs ein umfassendes Werk, das die Thematik ausführlich beleuchtet, doch das will es auch gar nicht sein. Christiane Haerlin und Irmgard Plößl schildern einige Aspekte in Kürze und geben dem Leser vielmehr mit zahlreichen praktischen (Dialog-) Beispielen Ansatzpunkte für den Beratungsprozess mit.


Rezensent
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 09.03.2018 zu: Christiane Haerlin, Irmgard Plößl: Berufliche Beratung psychisch Kranker. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2017. 3., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-88414-688-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23433.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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