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Katharina Witte: "Versteh mich nicht zu schnell“ (geflüchtete Menschen)

Cover Katharina Witte: "Versteh mich nicht zu schnell“ – Achtsames Arbeiten mit geflüchteten Menschen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 125 Seiten. ISBN 978-3-658-17040-0. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 21,00 sFr.
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Thema

Wenn geflüchtete Menschen mit Freiwilligen und Hauptberuflichen aufeinandertreffen, ist ein neues Feld der sozialen Arbeit eröffnet, für das einige besondere Regeln gelten mögen, die auch bei der Supervision zu beachten sind.

Autorin

Katharina Witte ist freiberufliche Supervisorin und Organisationsberaterin und leitet das Playback-Theater in Bremen.

Entstehungshintergrund

Die Autorin hat in ihrer Praxis, in Beratung und Supervision die Erkenntnis gewonnen, dass sich hier ein Arbeitsfeld entwickelt hat, in dem Sensibilität und Reflexion in besonderer Weise gefordert sind. Sie will deshalb auf die besondere Lebenslage der geflüchteten Menschen, das Verhältnis von haupt- und ehrenamtlich Engagierten in der Flüchtlingshilfe und die methodischen Möglichkeiten der Supervision hierbei aufmerksam machen.

Aufbau

Das Buch ist in zehn Kapitel eingeteilt, die in Unterkapiteln auch wieder aufeinander bezogen werden. Es geht dabei vor allem um

  • die Möglichkeiten der Supervision
  • die Beziehungen zwischen Menschen, die sich (zunächst) fremd sind
  • Fragen und Verstehen
  • die Potenziale von Freiwilligen und das Zusammenwirken mit Hauptamtlichen
  • die Förderung der Gesundheit
  • den Umgang mit kultureller Differenz.

Die inhaltlichen Ausführungen werden regelmäßig durch Hinweise ergänzt, mit welchen Methoden die Reflexion in Gruppen dynamisiert werden kann (Methodenbox).

Inhalt

Supervision „im Kontext Flucht“ soll bewusst machen, dass es um Menschen geht, die (uns) hier fremd sind, Traumata erfahren haben, Zugehörigkeit und Vertrauen, ihre Bezugspersonen verloren haben. Die Engagierten haben damit zu tun, sich einzufühlen in die Zerrissenheit der geflüchteten Menschen, die in ihre Heimat zurückkehren wollen, aber auch eine neue Heimat finden, mit der deutschen Gesellschaft zurechtkommen müssen. Integration ist das Ziel, aber nichts so schlimm wie die Ungewissheit der Zukunft, wenn die Frage des Bleiberechts über Monate oder gar Jahre hinweg offen bleibt.

Das Fremde ruft oft Angst und Argwohn hervor, hinter der fürsorglichen Haltung können sich auch Abgrenzung oder gar Fremdenfeindlichkeit verstecken. Nicht auszuschließen sind Phantasien dergestalt, dass die Geflüchteten „uns zu Sklaven“ machen könnten, wie einst unsere Vorfahren, die Kolonialherren, die Menschen im Süden.

Natürlich würden die Freiwilligen und Hauptberuflichen gerne die Menschen mit Fluchterfahrung näher kennenlernen, Gründe und Einzelheiten ihrer Flucht nachvollziehen. Dazu gehört Mut, Fragen zu stellen, vor allem aber Respekt und Zurückhaltung, damit nicht Verhöre daraus werden oder Wunden aufreißen. In Supervisionen wird auch deutlich, dass die geflüchteten Menschen oft zu schnell so tun, als ob sie alles verstanden hätten. Dabei ist umgekehrt das „Versteh mich nicht zu schnell“ auch die Bitte der Flüchtlinge, sich nicht ungeduldig ein Bild von ihnen zu machen, das nicht stimmt.

In Supervisionsgruppen berichten Freiwillige über manche Situation, die sie ärgert, z.B. Aggressionen einer Flüchtlingsgruppe aus einem Land gegenüber einer anderen, anderer Herkunft. Eine junge Frau wird immer wieder mit Heiratsanträgen belästigt; sie lernt, eine klare Absage zu formulieren. Bei manchen Freiwilligen geh das Engagement mit einer Art Schuldgefühl einher, weil das Leben es mit ihnen so gut gemeint hat, andere wiederum neigen zur moralisierenden Selbstdarstellung.

Die Engagierten müssen wissen, dass viele Menschen mit Fluchterfahrungen traumatisiert sind. Was ist, wenn diese davon erzählen oder diese wiedererleben (Flashback)? Manchmal hilft schon, die Situation in Bewegung zu bringen (Aufstehen, Herumgehen). Wichtig ist auch, positive Bilder „neben das Grauen“ zu stellen. Grundsätzlich ist traumatisierten Menschen am besten dadurch geholfen, dass man ihnen Sicherheit und Orientierung gibt, ihr Selbstbewusstsein stärkt, an Situationen anknüpft, die Erfolg gebracht haben.

Im Verhältnis von freiwilligen und hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind viele Konflikte möglich. Es kommt sehr darauf an, dass sie miteinander, nicht übereinander sprechen. Hilfreich kann es sein, sich in die Rolle des anderen zu versetzen (Perspektivwechsel). Die Tatsache, dass jemand ohne Bezahlung arbeitet, macht ihn weder moralisch überlegen noch „wegen des versteckten Gewinns“ verdächtig. Auf jeden Fall müssen die Freiwilligen an Entscheidungen beteiligt sein; ca. 30 % ihrer Zeitspende sollten der Koordination, dem Austausch, der Reflexion vorbehalten sein.

Diskussion

Katharina Witte schöpft aus ihrer reichen Erfahrung als Supervisorin und Engagierte in der Flüchtlingshilfe. Sie zeigt, mit welchen Methoden Supervision vorgehen und vorankommen kann, insbesondere berichtet sie ausführlich über alle Entwicklungen, Konflikte, Probleme, mit denen sich Haupt- wie Ehrenamtliche auseinandersetzen sollten, wenn sie geflüchteten Menschen beistehen wollen. Achtsam sein für andere und auf sich selbst zu achten, das gehört sicherlich zusammen. Der Hinweis auf Antonowskys Gesundheitslehre fehlt auch nicht.

Demgegenüber bleiben die Passagen zur Konfliktdynamik und das Kapitel zur kulturellen Differenz weitgehend ohne Anschauung, d.h. statt Bericht aus der Supervisionspraxis: Lyrik. Dem wahrlich „inflationär gebrauchten Begriff der Kultur“ setzt die Autorin nichts entgegen, auch die Unterscheidung von Multi-, Inter- und Transkultur bringt ja nichts. Nur zwei Beispiele werden angeführt, zum einen die eigene Erfahrung aus einem Psychodrama-Kurs in Russland, bei dem die Zuschauer – anders als in Deutschland üblich – in das Geschehen (durchaus produktiv) eingriffen. Und zum andern die kolportierte Beobachtung, dass Europäer für eine Hilfestellung Dank erwarten, Afrikaner jedoch um des Gebens willen gäben (und sich deshalb nicht bei Helfer bedanken). Hier hätte die Autorin aus dem Fundus ihrer Supervisionen und in vielen Fallbeispielen zeigen müssen, wie die Engagierten und die Flüchtlinge selbst lernen, mit unterschiedlichen Selbstverständlichkeiten und Regeln des Alltags zurechtzukommen.

Fazit

Mit dem vorliegenden Buch bietet Katharina Witte eine überaus hilfreiche Anleitung dafür, wie freiwillige und berufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Flüchtlingshilfe ihre Praxis gründlich und konstruktiv reflektieren können.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 15.11.2017 zu: Katharina Witte: "Versteh mich nicht zu schnell“ – Achtsames Arbeiten mit geflüchteten Menschen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-17040-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23437.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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