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Marion Sigot: Junge Frauen mit Lernschwierigkeiten zwischen Selbst- und Fremdbestimmung

Cover Marion Sigot: Junge Frauen mit Lernschwierigkeiten zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Ergebnisse aus einem partizipativen Forschungsprozess. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 300 Seiten. ISBN 978-3-8474-2084-2. D: 42,00 EUR, A: 43,20 EUR.
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Thema

Die UN-Behindertenrechtskonvention hat inzwischen in vielen Bereichen zu Veränderungen geführt, wenn auch in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß. Menschen mit Behinderungen sollen mehr Möglichkeiten der Teilhabe, Selbstbestimmung und Partizipation erhalten – auch in Forschungsprozessen. Für Menschen mit Lernschwierigkeiten, denen meist eine geistige Behinderung und ein höherer Unterstützungsbedarf zugeschrieben wird, ist ein selbstbestimmtes Leben eher die Ausnahme. Die institutionellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingen sind vielfach durch unterschiedliche Formen und Ausprägungen von Fremdbestimmung gekennzeichnet.

Marion Sigot dokumentiert und reflektiert in ihrem Buch die Erfahrungen und Ergebnisse eines partizipativen Forschungsprojekts in Österreich. Sie untersucht, welche verschiedenen Orientierungen sich bei den jungen Frauen mit Lernschwierigkeiten im Spannungsfeld zwischen Selbst- und Fremdbestimmung finden und wie diese Orientierungen sich entwickelt haben. Im Fokus der Forschung steht die Perspektive von Frauen mit Lernschwierigkeiten – und zwar als Zielgruppe (interviewte Personen) und als am Forschungsprozess beteiligte Personen.

Parallel zu dem inhaltlichen Schwerpunkt finden sich in dem Buch eine detaillierte Dokumentation und Reflexion des partizipativ angelegten, qualitativen Forschungsprojekts. Es werden die Rahmenbedingungen herausgearbeitet, die für einen gelingenden Forschungsprozess notwendig sind. Damit bieten sich zwei Lesarten für das Buch bzw. zwei verschiedene Erkenntnisebenen: eine inhaltliche und eine forschungsmethodische.

Entstehungshintergrund

Marion Sigot ist als Außerordentliche Universitäts-Professorin im Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, Abteilung für Sozial- und Integrationspädagogik, an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt tätig. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte in Lehre und Forschung liegen in der Integrationspädagogik, Inklusiven Pädagogik und Partizipativen Forschung. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Selbstbestimmung und Inklusion von Frauen mit Behinderung.

Die vorliegende Veröffentlichung wurde als Habilitationsschrift angefertigt. Sie ist als Buch in der Schriftenreihe der ÖFEB-Sektion Sozialpädagogik erschienen (ÖFEB = Österreichische Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen).

Aufbau und Inhalt

Marion Sigot gliedert ihre Veröffentlichung in sechs Kapitel sowie ein Literaturverzeichnis und einen Anhang.

  • Die Kapitel 1 und 2 nehmen eine einleitende und inhaltliche Standortbestimmung vor und bestimmen zentral Begriffe.
  • In den Kapiteln 3 und 4 stehen Methodenfragen im Mittelpunkt.
  • Die Kapitel 4 und 5 bilden den Kern der Habilitation und widmen sich dem konkreten, partizipativen Forschungsprojekt. Den größten Raum nimmt insgesamt das Kapitel 5 ein, in welchem die Forschungsergebnisse präsentiert und diskutiert werden.
  • Das Kapitel 6 dient der Zusammenfassung und Formulierung von Schlussfolgerungen.

Bereits in der Einleitung (Kapitel 1, S. 1-25) definiert die Autorin kurz die zentralen Begriffe und Inhalte. Sie spannt den Bogen von der UN Behindertenrechtskonvention (UN BRK), über die Begriffe der Inklusion und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung (hier nochmals differenziert in Menschen und Frauen mit Lernschwierigkeiten) bis hin zur Partizipativen Forschung. Diese folgt dem Grundsatz: „forschen mit statt über Menschen mit Lernschwierigkeiten“ (S. 18). Mit der von ihr verwendeten Bezeichnung „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ schließt sie sich der People-first-Bewegung von Menschen mit Lernschwierigkeiten an, welche die diskriminierende Bezeichnung „Menschen mit geistiger Behinderung“ für sich ablehnen. Die Autorin möchte damit die in den Forschungsprozess eingebundenen Frauen mit Behinderung als Expertinnen in eigener Sache wahrnehmen und anerkennen (vgl. S. 11).

Marion Sigot stellt in der Einleitung außerdem ihren Forschungsgegenstand und das realisierte Forschungsprojekt kurz vor. Im Fokus steht die bisher zu wenig beachtete Perspektive von Frauen mit Lernschwierigkeiten auf Fragen der Selbst- und Fremdbestimmung. Es wird erforscht, welche „Einstellungen, Erfahrungen und Handlungsstrategien ihr Agieren im Spannungsfeld von Fremd- und Selbstbestimmung prägen“ (S. 12). Die Umsetzung erfolgt einem partizipativen Forschungsprozess auf zwei Ebenen, damit „die Perspektive der von der Forschung betroffenen Personen umfassend in den gesamten Forschungsprozess integriert ist“ (ebd.). Dies wird von der Autorin als Konsequenz aus den gesellschaftspolitischen und rechtlichen Entwicklungen der letzten Jahre gesehen, die sich aus der UN BRK und der Forderung nach mehr Teilhabe ergeben. Es gibt auf der ersten Ebene vier Frauen mit Lernschwierigkeiten, die in die Planung, Erhebung und Auswertung des qualitativen Forschungsprojekts einbezogen werden (Referenzgruppe). Ihr Expertinnenwissen und ihre Erfahrungen sollen bei den Inhalten, Methoden und Ergebnissen Berücksichtigung finden. Zum anderen werden auf der zweiten Ebene erzählgenerierende Interviews mit Frauen mit Lernschwierigkeiten zu ihren Orientierungen im Spannungsfeld von Fremd- und Selbstbestimmung durchgeführt (vgl. S. 12).

Im zweiten Teil der Einleitung gibt die Autorin einen Überblick über den Aufbau des Buches und Zielsetzungen der einzelnen Kapitel.

Im Kapitel 2 (S. 26-40) widmet sich Marion Sigot vertiefend dem Stand der Forschung und der Umsetzung von Selbstbestimmungsmöglichkeiten für Frauen mit Lernschwierigkeiten. Der zentrale Begriff der Selbstbestimmung wird differenziert bearbeitet: aus der Perspektive der Selbstbestimmt-Leben-Bewegungen, als Gegenbegriff zu Fremdbestimmung und in Abgrenzung zu Selbstständigkeit. Als Fremdbestimmung wird verstanden, wenn jemand über oder für eine andere Person Entscheidungen trifft. Für Menschen mit Behinderungen lassen sich demnach verschiedene Faktoren für Fremdbestimmung identifizieren: institutionelle Rahmenbedingungen, behindernde Strukturen und Barrieren, Sachzwänge gesellschaftliche Normen, fehlende Integrationsmöglichkeiten sowie Fachlichkeit und Betreuung (vgl. S. 29 f.). Im zweiten Teil des Kapitels erörtert die Autorin erneut und vertiefend die Thematiken von Menschen mit Lernschwierigkeiten, Frauen mit Behinderung und die Lebenssituation von Frauen mit Lernschwierigkeiten. Sie verknüpft diese mit den zuvor dargestellten Ausführungen zu Selbst- und Fremdbestimmung.

Bereits in dieses Kapitel fließen laut Marion Sigot – neben den üblicherweise zitierten Forschungsergebnissen – auch Einschätzungen und Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen ein (vgl. S. 20).

Im Kapitel 3 (S. 41-47) beschreibt die Autorin knapp die Entwicklung, Ansprüche und Umsetzung partizipativer Forschung. Sie arbeitet hierfür die Entwicklungslinien, Grundvoraussetzungen und allgemeine Ansprüche an eine Partizipative Forschung heraus. Zudem benennt sie besondere Voraussetzungen, um auch Menschen mit Lernschwierigkeiten einbeziehen zu können. Insbesondere thematisiert sie den Einsatz einer angemessenen (leichten) Sprache, Anschaulichkeit und die notwendigen zeitlichen Ressourcen. Ein partizipativer Forschungsprozess ist auf der Beziehungsebene von gegenseitigem Respekt und Anerkennung geprägt. Alle Beteiligten können sich als Lernende begreifen. Insbesondere für Forschende ohne akademischen Hintergrund scheint es erforderlich zu sein, „die eigenen Beiträge als Expertinnen- oder Expertenwissen wahrnehmen und einbringen zu können“ (S. 44). Wie im Kapitel 2 dargestellt, sind Menschen mit Behinderungen mit vielfältigen Faktoren der Fremdbestimmung konfrontiert. Die Möglichkeiten für mehr Selbstbestimmung, Selbstvertretung und Teilhabe in einem Forschungsprozess müssen sich demzufolge auch in den organisatorischen Rahmenbedingungen und der konkreten Gestaltung widerspiegeln (S. 43). Deshalb wird im hier dokumentierten Forschungsprojekt eine Referenzgruppe, bestehend aus vier Frauen mit Lernschwierigkeiten, gebildet. In den Gruppentreffen werden relevante Fragen und Themen besprochen sowie Forschungsaktivitäten gemeinsam geplant. Die Referenzgruppe dient auch der Rückkopplung und Reflexion der eingesetzten Methoden und erarbeiteten Ergebnisse (S. 46 f.). Sie ist „durchgängig, aber in unterschiedlicher Funktion und unterschiedlichem Ausmaß“ in den gesamten Forschungsprozess (Planung, Durchführung und Auswertung) einbezogen (S. 21). Lediglich bei der Datenerhebung in den Interviews werden die Frauen der Referenzgruppe in Absprache mit ihnen nicht involviert (S. 53 ff.).

Im Kapitel 4 (S. 48-87) dokumentiert und reflektiert Marion Sigot den konkreten partizipativen Forschungsprozess inklusive der eingesetzten Forschungsmethoden. Die Entwicklung des Forschungsdesigns und die Umsetzung werden anschaulich nachvollziehbar präsentiert.

Zunächst arbeitet die Autorin die forschungsleitenden Grundfragen heraus. Danach beschreibt sie die notwendigen Rahmenbedingungen für eine gelingende Arbeit in und mit der Referenzgruppe, wie Gruppengröße, Ort und Setting der Gruppentreffen, die Verwendung einer angemessenen Sprache und barrierefreie Materialien sowie eine finanzielle Aufwandsentschädigung für die Expertinnen. Man erhält Einblick in die Inhalte und das Zustandekommen der Ergebnisse der Referenzgruppensitzungen. Insgesamt gibt es sieben je dreistündige Sitzungen. Nach und nach werden auf dieser Grundlage der inhaltliche Rahmen, die Erhebungs- und Auswertungsmethoden für diese Studie entwickelt. Die Ergebnisse der Referenzgruppensitzungen fließen ebenso in die Darstellungen zu den Erhebungs- und Auswertungsmethoden ein.

Auch die Auswahl der Erhebungsmethode erfolgt in einem gemeinsamen Prozess mit der Referenzgruppe (S. 61 ff.). Die dafür notwendigen Informationen über mögliche Methoden werden von Marion Sigot im Vorfeld ausgewählt und aufbereitet. Im Ergebnis entschied man sich für erzählgenerierende Interviews, um den interviewten Frauen mit Lernschwierigkeiten möglichst viel Freiraum zu lassen. Zudem werden anschauliche, visuelle Erzählimpulse (visuelle Vignetten) entwickelt, die bei Bedarf eingesetzt werden können. Lebenspraktische Erfahrungen zum Thema Selbst- und Fremdbestimmung der Referenzgruppe fließen ebenfalls als erzählgenerierende Nachfragen in die Interviewplanung und -durchführung ein.

Insgesamt führt Marion Sigot Interviews mit 20 jungen Frauen mit Lernschwierigkeiten durch. Die Auswahl der Stichprobe erfolgt absichtsvoll und nicht zufällig (geschichtete Stichprobe, vgl. S. 69). Zudem wird sie im Verlauf nach dem Prinzip der theoretischen Sättigung allmählich komplettiert. Die Interviewten sind Frauen, denen der Status „Frau mit geistiger Behinderung“ oder „Frau mit Lernschwierigkeiten“ zugewiesen wurde. Mit einem Alter zwischen 18 und 32 Jahren befinden sie sich in einer vergleichbaren Lebensphase. Ihre Wohnformen und Arbeitssituationen unterscheiden sich jedoch.

Zur Auswertung der Interviews wird die dokumentarische Methode nach Ralf Bohnsack genutzt. Marion Sigot begründet ihre Methodenwahl und erläutert das gestufte Vorgehen mit diesem Auswertungsverfahren. Darin einschließend beschreibt sie, wie die Analyseschritte in ihrem konkreten Forschungsvorhaben umgesetzt hat (vgl. S. 72-87).

Das Kapitel 5 nimmt den größten Raum in der Veröffentlichung ein (S. 88-254). Marion Sigot widmet sich hier der ausführlichen Darstellung ihrer Forschungsergebnisse.

Zunächst werden alle Orientierungen zu Selbst- und Fremdbestimmung der jungen Frauen mit Lernschwierigkeiten im Überblick präsentiert, die in den Interviews sichtbar wurden. Aus diesen leitet Marion Sigot vier Typen ab und arbeitet jeweils deren markante Dimensionen heraus. Diese werden anhand ausgewählter Sequenzen aus je einer Fallrekonstruktion verdeutlicht. Um die Ausprägungsvarianten der jeweiligen Dimensionen aufzuzeigen, ergänzt die Autorin weitere Aussagen aus anderen Interviews. (vgl. S. 88 f.). Entsprechend einer sinngenetischen Typologie arbeitet Marion Sigot folgende vier zentrale Orientierungen heraus (S. 91):

  1. Orientierung am vorgegebenen, stark strukturierten und vertrauten Rahmen, auf individuelle und im Detail selbstbestimmte Weise ausgestaltet
  2. Ambivalente Orientierung an Selbstbestimmung und Autonomie in einzelnen Lebensbereichen, gleichzeitig Wunsch nach Versorgung und Unterstützung durch das soziale Umfeld
  3. Starke Orientierung an Selbstbestimmung, Partizipation und Normalisierung, gleichzeitig Bedürfnis nach Erhalt des vertrauten Rahmens
  4. Starke Orientierung an Selbstbestimmung und Autonomie, in allen Lebensbereichen umfassend aktiv, reflektiert und konsequent angestrebt

Die Einschätzungen der Referenzgruppe zu den vorgestellten Orientierungen stellt die Autorin im Kapitel 5.2 dar (S. 183 ff.). Die Ergebnisse der Interviewauswertung und Typenbildung wurden in angemessener Sprache durch Marion Sigot vorbereitet und in der Referenzgruppe diskutiert.

Im Kapitel 5.3 (S. 188 ff.) nimmt die Autorin die zentralen Themenbereiche in den Blick, die in den vier Orientierungen zur Sprache kamen. Dies dient ihr als Zwischenschritt und zur Vorbereitung der sich anschließenden soziogenetischen Analyse, die im Kapitel 5.4 erfolgt. Dabei wird sowohl nach Gemeinsamkeiten innerhalb der Orientierungen als auch nach Unterschieden zwischen den verschiedenen Orientierungen gesucht (S. 188). Damit soll erklärbar werden, wie es zu den jeweiligen Ausprägungen kommt. Folgende Themenbereiche werden benannt und analysiert:

  • Familie und Familienbild,
  • Partnerschaft, Sexualität und Familiengründung
  • Wohnen, Alltags- und Freizeitgestaltung,
  • Arbeit und Beschäftigung,
  • Geschlecht und Rollenbilder.

Im Kapitel 5.4 erfolgt nun die Analyse der soziogenetischen Zusammenhänge. Ziel ist es, „die Art und Weise sowie die Gründe des Zustandekommens der vorliegenden Orientierungen und Einflussfaktoren“ herauszuarbeiten (S. 197). Marion Sigot unterteilt dabei zum einen in Lebenszusammenhänge und zum anderen in Erfahrungsräume. Beides wird durch weitere Dimensionen differenziert, die sich an der Systematik der im Kapitel 5.3. genannten Themenbereiche orientiert. Dabei werden Spannungsverhältnisse zwischen Fremd- und Selbstbestimmung deutlich – sowohl was die Rahmenbedingungen als auch die Wünsche und Möglichkeiten der Betroffenen betrifft. Für die Autorin stellt es ein zentrales Ergebnis ihrer Forschungsarbeit dar zu verstehen, „wie Erfahrungen von Abwertung, Ausgrenzung, Diskriminierung oder auch Mobbing als konjunktiven Erfahrungen in unterschiedlichen Orientierungen begegnet wird“ (S. 89).

Im Kapitel 5.5 werden wieder die Einschätzungen der Referenzgruppe zu den nun erarbeiteten Ergebnissen dokumentiert (S. 249 ff.).

Das Kapitel 6 dient schließlich der Zusammenfassung zentraler Forschungsergebnisse, der Darstellung von inhaltlichen Schlussfolgerungen zu Selbst- und Fremdbestimmung junger Frauen mit Lernschwierigkeiten sowie der Reflexion der eingesetzten Methoden (S. 255-282).

Diskussion

Marion Sigot wollte mit ihrer partizipativen Forschungsarbeit herausarbeiten, welche Perspektiven junge Frauen mit Lernschwierigkeiten auf Fragen der Selbst- und Fremdbestimmung haben und wie sich ihre Orientierungen herausgebildeten. Das Thema bot sich an, um das Expertinnenwissen von Selbstbetroffenen in allen Phasen des Forschungsprozesses einzubeziehen und es damit als solches sichtbar zu machen und anzuerkennen. Frauen mit Lernschwierigkeiten wurden nicht nur in Interviews als Zielgruppe der Forschung befragt, sondern als Referenzgruppe von Anfang an bei der Planung, Durchführung und Auswertung partizipativ beteiligt. Der Begriff „Referenzgruppe“ irritierte mich am Anfang, weil ich damit eher eine Art „Kontrollgruppe“ verbunden habe. Ich hätte eine Bezeichnung wie „nichtakademisch Mitforschende“ bevorzugt. Im Verlauf der Lektüre wurde jedoch deutlich, dass die Referenzgruppe tatsächlich eine kontinuierliche und wichtige Bezugsgruppe (eben eine Referenz) für die Forschungsarbeit darstellte. Die Referenzgruppe diente immer wieder der Rückkopplung und Reflexion. Die Autorin diskutierte mit den Frauen z.B. die Auswahl geeigneter Methoden und erhielt Hinweise für eine gelingende Umsetzung der Interviews. Sie prüfte laufend, ob sich die Erfahrungen der Frauen hinreichend wiederspiegelten und wie diese die Ergebnisse der Interviews und Analysen bewerteten. Die Referenzgruppe bildete damit einen sinnvollen Bezugsrahmen. Die Forschungsarbeit verlor in keiner Phase den Bezug zum Feld und zur Zielgruppe.

Der Autorin gelang es sehr gut, den partizipativen Forschungsprozess und die Ergebnisse nachvollziehbar darzustellen. Es wurde deutlich, was ändert sich, wenn man Forschung gemeinsam mit der Zielgruppe realisiert, und welche Rahmenbedingungen notwendig sind, um zu relevanten Forschungsergebnissen zu gelangen. Auf die akademischen Forschenden kamen hierbei neue Aufgaben zu. Beispielsweise mussten relevante Informationen, etwa zum Forschungsstand, zu den möglichen Forschungsmethoden oder Forschungsergebnissen, für die Referenzgruppe anschaulich aufbereitet werden. Nur so konnten diese eine qualifizierte Mitentscheidung zu den verschiedenen Fragen im Forschungsprozess treffen. Marion Sigot wählte hierfür den Begriff der „angemessenen Sprache“ und bezog sich ausdrücklich auf das Konzept der „Leichten Sprache“, für die es mittlerweile zahlreiche Handreichungen und Wörterbücher gibt.

Nicht nur der offene Forschungsprozess selbst, sondern auch die Form der Dokumentation wich teilweise von den gängigen Formen der wissenschaftlichen Praxis ab. Sie machte jedoch die schrittweise Verzahnung und Weiterentwicklung der Forschungsarbeit von Referenzgruppe und akademischen Forschenden sowie den wertschätzenden Umgang miteinander deutlich. Da die Planung der Studie ein wichtiges Element in partizipativer Forschung ist, wurde sie ausführlich dokumentiert.

Wie eingangs erwähnt, bieten sich zwei Lesarten für dieses Buch: eine bezogen auf die Inhalte (Orientierungen zu Fremd- und Selbstbestimmung) und eine bezogen auf die Forschungsmethoden (partizipatives Forschungsvorhaben). Inhaltlich bietet die Veröffentlichung von Marion Sigot sehr viele detaillierte und differenzierte Einblicke in die Lebensrealitäten von jungen Frauen mit Lernschwierigkeiten und deren Blick darauf. Studierende der einschlägigen Fachrichtungen und professionelle Akteure im Feld können auf dieser Grundlage die eigene Professionalität hinterfragen und nach Rahmenbedingungen und Handlungsweisen suchen, die mehr Selbstbestimmung ermöglichen. Die Herausarbeitung der vier zentralen Orientierungen im Spannungsfeld von Fremd- und Selbstbestimmung sowie die differenzierte Analyse der Gründe des Zustandekommens und der verschiedenen Ausprägungen bilden hierfür eine sehr gute Basis.

Fazit

Das vorliegende Buch eignet sich sehr gut als „Lehrbuch“ für Studierende und Nachwuchswissenschaftler*innen. Es bietet ihnen – neben den sehr wertvollen inhaltlichen Ergebnissen zum Spannungsfeld von Fremd- und Selbstbestimmung junger Frauen mit Lernschwierigkeiten – einen beobachtenden Blick auf die praktische Gestaltung eines partizipativen Forschungsprozesses. Auch weil der Planungsprozess sehr detailliert dokumentiert ist, eröffnen sich Lernchancen für die Leser*innen.

Das Buch erinnert zudem an die beginnenden Umbrüche in der Forschung, als die Forschenden sich direkt ins Feld begaben (Feldforschung) und neben teilnehmenden Beobachtungen auch in aktive Interaktionen mit den „Beforschten“ gingen. Die Etablierung der qualitativen Forschungsmethoden hat die Rolle der Forschenden, die Forschungsmethoden und die Formen der Dokumentation und Auswertung verändert und weiterentwickelt. Mit der partizipativen Forschung scheint es nun einen nächsten Schritt zu geben: Die aktive Einbeziehung der Zielgruppe in die Planung, Durchführung und Auswertung des Forschungsprozesses.


Rezensentin
Dr. Antje Ginnold
Dipl. Pädagogin.
Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, langjährig tätig in den Bereichen Fort- und Weiterbildung, Lehre und Forschung sowie als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf in Berlin
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Zitiervorschlag
Antje Ginnold. Rezension vom 06.03.2018 zu: Marion Sigot: Junge Frauen mit Lernschwierigkeiten zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Ergebnisse aus einem partizipativen Forschungsprozess. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2084-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23441.php, Datum des Zugriffs 22.06.2018.


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