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Annette Lauber: Von Könnern lernen (Praxisfeld Pflege)

Cover Annette Lauber: Von Könnern lernen. Lehr-/Lernprozesse im Praxisfeld Pflege aus der Perspektive von Lehrenden und Lernenden. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2017. 284 Seiten. ISBN 978-3-8309-3650-3. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Das Buch „Von Könnern lernen“ beleuchtet Lehr- /Lernprozesse aus der Perspektive von Lehrenden und Lernenden im Praxisfeld Pflege. Frau Lauber geht der Frage nach, wie Lehr-/ Lernprozesse zwischen erfahrenen Pflegepersonen und Lernenden in der beruflichen Pflegepraxis gestaltet werden. Mittels teilnehmenden Beobachtungen und Interviews werden grundsätzliche Komponenten gelingenden Lehrens und Lernens im Praxisfeld Pflege differenziert dargelegt. Die Ergebnisse der qualitativen Studie geben einen Blick auf didaktische Denk- und Entscheidungsmuster von lehrenden Könnern im Fach Pflege und zeigen explizite und implizite Aspekte des Lehr-/ Lernhandelns und des Lernempfinden von Lehrenden und Lernenden in der Pflege.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass im Lernen von und mit Expertinnen und Experten das wesentliche Potenzial für eine gewinnbringende Lehr-/ Lernkultur liegen. Lauber ergänzt durch ihre Forschungsergebnisse Kenntnisse von Fichtmüller und Walter (2007), Balzer (2009) und Bohrer (2013), die Einblicke in die Perspektiven von Lehrenden und Lernenden auf die Lehr-/ Lernprozesse in der praktischen Pflegeausbildung im nationalen Kontext eröffneten.

Autorin

Annette Lauber, Jahrgang 1967, ist Krankenschwester, Diplom-Pflegepädagogin (FH) und Pflegewissenschaftlerin (M.Sc.). Nach mehrjähriger Berufstätigkeit im Hochschulbereich und Mitwirkung an Modellprojekten in der Pflegeausbildung ist sie seit 2008 in leitender Position an einer Bildungseinrichtung im Gesundheitswesen in Stuttgart tätig. 2016 promoviert sie mit ihrer Forschungsarbeit: „Von Könnern lernen – Lehr-/ Lernprozesse im Praxisfeld Pflege aus der Perspektive von Lehrenden und Lernenden“.

Entstehungshintergrund

Frau Lauber setzte sich in ihrer Masterthesis mit dem Lernen und dem Transferlernen in der praktischen Pflegeausbildung auseinander. Ihre Aufmerksamkeit wurde durch die erkenntnistheoretischen Überlegungen von Michael Polanyi auf das Konstrukt Könnerschaft und den Ausführungen von Georg Hans Neuweg zu den Grundzügen einer Didaktik des Könnens und deren Nutzen für die Gestaltung der Berufsbildung in der Pflege gelenkt. In ihrer Studie beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Können von Könnern im Fach Pflege gelehrt und von Lernenden in der Pflegepraxis gelernt wird und wie sich Interaktion und didaktischer Dialog zwischen beiden Akteuren gestaltet. Sie beleuchtet in ihrer Arbeit grundlegende Aspekte des Lehrens und Lernens in der pflegerischen Berufsausbildung und nutzt die Inhalte gelingenden Lehrens und Lernens für eine fruchtbare Lehr-/ Lernkultur im Sinne einer Best Practice.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in Teil A und Teil B und enthält 284 Seiten (inklusive Anhang).

Zu Teil A

Teil A besteht aus zwei Kapiteln, in denen die Autorin im 1. Kapitel die theoretischen Grundlagen darlegt. Sie stützt das theoretische Vorverständnis für ihr qualitatives Forschungsvorhaben auf die Theorie des impliziten Wissens nach Michael Polanyi sowie auf das Lehren und Lernen vor dem Hintergrund des Tacit Knowing View nach Neuweg (2004, S. 22 f). Das Fundament der Arbeit findet sich in den Ansätzen im so genannten „tacit knowing view“, die Lehren, Lernen und Erkenntnisgewinn in den Kontext impliziten Wissens stellen. Sie betonen das Wissen im Handeln und eröffnen somit den Blick für Handeln im Können (Lauber, 2017, S. 15). Sie schlussfolgert, dass Lehren und Lernen von Könnern für die praktische Pflegeausbildung prädestiniert zu sein scheint. Die berufliche Praxis stellt implizite Lehr-/ Lernbedingungen bereit, indem Lehren und Lernen in authentischen Handlungskontexten und im Miteinander mit Könnern im Fach ermöglicht wird. Neuweg führt dazu aus „Lehren ist primär das Gestalten von Lernwelten, in denen Lerner sich selbstständig bewegen, sekundär ein Vormachen expertenhaften Handelns und Denkens sowie Hilfestellungen bei der Analyse, Abstraktion und Systematisierung praktischer Lernerfahrungen“ (Neuweg, 2015, S. 64f).

Im 2. Kapitel setzt die Autorin die gesetzlichen Rahmenbedingungen (Krankenpflegegesetz, Ausbildungs- und Prüfungsverordnung, Altenpflegegesetz) in Kontext zu ihren theoretischen Vorüberlegungen bzgl. der praktischen Berufsausbildung. Sie gibt einen Ausblick auf das zu dem Forschungszeitpunkt noch nicht verabschiedete Gesetz zur Reform der Pflegeberufe und beschreibt die Änderungen von Stundenkontingenten für praktische Ausbildung sowie der zeitlichen Ausweitung der berufspädagogischen Erstqualifikation und kontinuierlichen Fortbildung von Praxisanleitern.

Sie erläutert die Arbeiten im nationalen Kontext von Fichtmüller und Walter (2007), Balzer (2009) und Bohrer (2013), die mit ihrer Forschung Einblicke in die Perspektiven von Lehrenden und Lernenden auf die Lehr-/ und Lernprozesse in der praktischen Ausbildung geben (Lauber, 2017, S. 29).

Zu Teil B

Teil B des Buches besteht aus fünf Kapiteln, in denen der qualitative Forschungsprozess beschrieben wird.

Das 3. Kapitel widmet sich der Fragestellung der Studie. Mit der Arbeit leistet die Autorin einen Beitrag zur Beschreibung von Lehr-/Lernprozessen im Praxisfeld Pflege. Ihr besonderes Interesse liegt dabei auf dem Lehrhandeln von Könnern im Fach (Lauber, 2017, S. 37). Für die Perspektive der lehrenden Könner interessiert besonders ein Zugang zu den (didaktischen) Denk- und Entscheidungsmustern der lehrenden Könner sowie implizite Aspekte des Lehr-/ Lernhandelns und des Lernempfindens. Ein Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Beobachtung des didaktischen Dialogs, den sie in Anlehnung an die Arbeiten Neuwegs zur Rezeption von Polanyis Theory of tacit knowing verwendet (Neuweg, 2004, S. 386 ff). Um die Gestaltung der „Meister-Lehrling-Beziehung“ zwischen „Könnern im Fach“ und Lernenden zu beleuchten, legt sie folgende zentrale Forschungsfrage zugrunde:

Für die Perspektive der lehrenden Könner: Wie gestalten „Könner im Fach“ Lehr-/ Lernprozesse mit Lernenden im Praxisfeld Pflege?

Die Autorin formuliert acht weitere Forschungsfragen, um differenzierte Ergebnisse hinsichtlich personeller und curricularer Entscheidungen bezüglich des Lehrens Lernens im Praxisfeld Pflege zu generieren. Mit der Beantwortung der Fragen werden grundlegende Erläuterungen erwartet (Lauber, 2017, S. 38):

  • zur Gestaltung von Lehr-/Lernprozessen,
  • zum Wissen und Können, das aus der Perspektive von Könnern im Fach als werthaltig zur Weitergabe erachtet wird,
  • zu Haltungen und Handlungen der Könner im Fach in Bezug auf Lernatmosphäre, gelingendes Lehren und Lernen und erfolgreiche Lehrende und Lernende,
  • zu Haltungen und Handlungen der lehrenden Könner in der Pflegepraxis in Bezug auf die Gestaltung des didaktischen Dialogs mit Lernenden.

Für die Perspektive der Lernenden gilt folgende Forschungsfrage: Wie gestalten Lernende in der Pflege Lehr-/ Lernprozesse mit „Könnern im Fach“?

Auch hier werden acht differenzierte Forschungsfragen formuliert, mit deren Beantwortung grundlegende Explikationen von Lernenden in der Pflege erwartet werden (Lauber, 2017, S. 39):

  • zur Gestaltung von Lehr-/ Lernprozessen im Praxisfeld Pflege,
  • zum Wissen und Können, das als werthaltig für den eigenen Lernprozess erachtet wird,
  • zu Haltungen und Handlungen von Lernenden in der Pflegepraxis in Bezug auf Lernatmosphäre, gelingendes Lehren und Lernen sowie erfolgreiche Lernende und Lehrende (Modellpersonen),
  • zu Haltungen und Handlungen der Lernenden in der Pflegepraxis in Bezug auf die Gestaltung des didaktischen Dialogs.

Im 4. Kapitel werden die Datenerhebung und die methodischen Überlegungen beschrieben. Die Autorin wählt ein qualitatives Design mit der Forderung nach Offenheit, Forschung als Kommunikation, Prozesscharakter von Forschung und Gegenstand, Reflexivität von Gegenstand und Analyse, Explikation sowie Flexibilität (Lamnek, 2010, S. 19). Lauber folgt bei der Auswahl der Studienteilnehmerinnen einer Vorabfestlegung der Sampleauswahl und wählt für die Studie den Weg über die „Könnerschaft im Blick von außenstehenden Personen“ durch geeignete Personen aus dem beruflichen Umfeld (Lauber, 2017, S. 41). Die Auswahlkriterien für lehrenden Könner sind:

  • eine mindestens dreijährige Pflegeausbildung mit erfolgreich bestandener Abschlussprüfung und Berufszulassung als examinierte Pflegeperson,
  • regelmäßige Betrauung mit Lehr-/ Lernprozessen im Praxisfeld Pflege (der Lehrbefähigung kommt ein höherer Stellenwert bei als der Lehrbefugnis).

Eine berufspädagogische Zusatzqualifikation als Praxisanleiter spielt demnach bei der Auswahl keine Rolle (Lauber, 2017, S. 42).

Im Hinblick auf die Lernenden wählt die Autorin Lernende aus, die sich im 2. oder im 3. Ausbildungsjahr der dreijährigen Pflegeausbildung befinden. Der höhere Ausbildungsstand soll gewährleisten, dass die Lernenden bereits Lehr-/ Lernerfahrungen in unterschiedlichen Praxiskontexten der Pflegeausbildung mit unterschiedlich lehrenden Personen gesammelt haben. Die Forscherin fokussiert sich auf Lehr-/ Lernprozesse im stationären Krankenhausbereich (Lauber, 2017, S. 42).

Als Forschungsmethode setzt die Autorin die offene teilnehmende Beobachtung ein. Um die Gestaltung von Lehr-/ Lernprozessen, die Interaktion zwischen Könnern und Lernenden und den didaktischen Dialog in der Pflege zu erforschen, wählt die Forscherin den stationären Krankenhausbereich mit einer angeschlossenen Ausbildungsstätte aus, um im Kontext pflegerischen patientennahen Handelns zu agieren. Sie forscht in zwei Krankenhäusern aus unterschiedlichen Bundesländern. Über die Pflegedirektoren erfolgt jeweils die Kontaktaufnahme. Nach einem längeren Auswahlprozess erklären sich 11 Pflegepersonen zur Mitwirkung bereit, mögliche Zeitfenster werden eruiert, in denen die Könner mit Auszubildenden in der Pflege im 2. oder 3. Ausbildungsjahr zusammenarbeiten. Die beobachteten Situationen sollen den beruflichen Alltag widerspiegeln, das vorrangige Interesse gilt nicht geplanten Anleitungssituationen zwischen Pflegepersonen und Auszubildenden (Lauber, 2017, S. 45). Die Beobachtungen und Interviews erfolgen von August 2011 bis März 2012. Die Forscherin beschreibt die Durchführung der teilnehmenden Beobachtung sowie die Durchführung der episodischen Interviews mit lehrenden Könnern und Lernenden. Ebenso werden ethische Aspekte des Forschungsvorhabens berücksichtigt.

Das 5. Kapitel beschäftigt sich mit der Analyse und der Auswertung des umfangreichen Datenmaterials aus den teilnehmenden Beobachtungen und den episodischen Interviews. Sie beschreibt ausführlich die Studienteilnehmer sowie die Auswertung der transkribierten Beobachtungsprotokolle anhand der chronologischen Dokumentation. Es werden Beobachtungseinheiten definiert, die sich an den ausgeführten Pflegeaufgaben bzw.-handlungen orientieren. Da Interaktion und Kommunikation zwischen lehrenden Könnern und Lernenden im Fokus der Beobachtungen stehen, werden insbesondere die Aktivitäten und Handlungen der Lehrenden und Lernenden während der Beobachtungseinheit erfasst. Zudem erfolgt kontinuierlich eine Kennzeichnung, von wem die Interaktion/ Kommunikation ausgeht und wer Adressat der Kommunikation ist (Lauber, 2017, S. 53). Die Forscherin belegt die Beobachtungseinheiten mit laufenden Nummern, sodass auf diese Weise eine formale und inhaltlich gegliederte Tabelle entsteht. In Anlehnung an Strauss und Corbin (1996, S. 43 ff) wird der entstandene Text codiert und fallübergreifend für die jeweilige Gruppe (lehrender Könner/ Lernender) tabellarisch gelistet. In der weiteren Bearbeitung erfolgt eine Systematisierung zu (vorläufigen) Kategorien, die reduziert und verdichtet werden. Es finden sich fallübergreifende Strukturen und wiederkehrende Muster, die die Forscherin auf beide Akteure (lehrende Könner/ Lernende) anwenden kann. Im Anschluss an die teilnehmende Beobachtung führt die Forscherin episodische Interviews durch. Die Auswertung erfolgt nach Flick (2009, S. 402 ff), der die Methode des thematischen Kodierens vorschlägt. Es werden die thematischen Bereiche identifiziert, die einer ersten Ordnung des Materials dienen. Es werden Kurzbeschreibungen des jeweiligen Falls angefertigt. Es folgt ein theoretisch detailliert beschriebener Auswertungsprozess, in dem für jede Gruppe (lehrender Könner/ Lernender) ein Kategoriesystem entsteht, das entsprechend der Fragestellung im Interviewleitfaden handlungsbezogene als auch konzeptualisierte Kategorien umfasst und der Forscherin somit einen Vergleich der Perspektiven von lehrenden Könnern und Lernenden bezogen auf Lehren und Lernen in der beruflichen Praxis ermöglicht (Lauber, 2017, S. 57).

Des Weiteren stellt die Forscherin den Forschungsprozess hinsichtlich qualitativer Gütekriterien dar und legt Abweichungen von empfohlenen Verfahrensschritten ihrer Vorgehensweise begründet offen (Lauber, 2017, S. 59).

Im 6. Kapitel werden die Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtung differenziert dargestellt (Lauber, 2017,S. 62 ff). Die Autorin identifiziert drei übergeordnete Kategorien, die das Handeln von Lehrenden und Lernenden beschreiben. Sie erkennt das aufmerksame Beobachten und das selber handeln als wichtige Lernmöglichkeit sowie die Möglichkeit zur Lerndiagnostik (Lauber, 2017, S. 125).

  1. Den Fortgang des Arbeitsablaufs sicherstellen: Diese Kategorie wird den arbeitsorganisatorischen und pflegefachlichen Aspekten ausgerichteter Aktivitäten Lehrender und Lernender zugeordnet. Sie umfassen den wechselseitigen Austausch von Informationen und das Erteilen von Arbeitsaufträgen durch Lehrende an Lernende sowie das Annehmen und Ausführen der Aufträge durch Lernende. Thematisiert wird das in dieser Kategorie beschriebene Handeln stärker in der Aufgabenerfüllung des stationären Alltags von Lehrenden und Lernenden in ihren Rollen als Pflegende, die Lehr-/ Lernperspektive spielt in diesem Zusammenhang eher keine Rolle (Lauber, 2017, S. 84). Entscheidend sind weniger inhaltliche Ausrichtungen als vielmehr das Lehr-/ Lernhandeln der beteiligten Personen in der möglichen Pflegesituation.
  2. Lehr-/ Lernsituationen identifizieren und nutzen. Aktivitäten, die im Praxisfeld Lehren und Lernen ausgerichtet sind, finden sich in dieser Kategorie. Diese didaktische Kategorie beschreibt Lehr-/ Lernhandeln von Lehrenden und Lernenden, die dazu beitragen, den Arbeitsalltag lernförderlich zu gestalten und die Modulation von Pflege-/ Arbeitssituationen in Lehr-/ Lernsituationen zu unterstützen (Lauber, 2017, S. 84). Diese Lehr-/ Lernsituationen tragen dazu bei, den Arbeitsort zu einem Lehr- und Lernort zu machen. Impulse gehen nahezu ausschließlich von anfallenden pflegerischen Aufgaben und Situationen aus. Arbeitsaufgaben, Pflegesituationen, Anfragen von Patienten etc. stellen Impulse bereit, die von den Akteuren als Lernanlässe identifiziert werden.
  3. Lernende handelnd beteiligen. Lernende werden im Arbeitsalltag handelnd beteiligt und befähigt handelnd zu lernen. Dabei erfahren sie verbale und/ oder handelnde Unterstützung durch den Lehrenden. Die lehrenden Könner zeigen eine hohe Bereitschaft, die Lernenden selbst handeln zu lassen unter Zuhilfenahme von unterschiedlichen Strategien (das Handeln supervidieren, auf korrektes Handeln hinweisen, den Lernenden in der handelnden Rolle stützen, die Handlung übernehmen, das Handeln kontrollieren, fördern und unterstützen). (Lauber, 2017, S. 76ff).

Im Anschluss werden die Ergebnisse der Auswertung der Interviews mit lehrenden Könnern und Lernenden präsentiert (Lauber, 2017, S. 86ff). Die Autorin beginnt mit einer Kurzbeschreibung der Fälle im Sinne einer Zusammenfassung der Kernaussagen und folgt der gleichen thematischen Abfolge der Ergebnisse beider Akteure.

  • Lehrende Könner: In der Regel findet das Lernen in der Praxis im stationären Arbeitsalltag statt, eine gezielte Auswahl von Pflegesituationen ist dem zeitlichen Rahmen geschuldet (Lauber, 2017, S. 126). Stehen dem Lehrenden zeitliche Ressourcen zur Verfügung, bestimmen Lernbedürfnisse des Lernenden und Lehrintensionen des Lehrenden im Vordergrund (Lauber, 2017, S. 126). Lehrende haben die Haltung, ihr Wissen und Können weiterzugeben und erwarten und signalisieren dies durch Lehrbereitschaft und Offenheit für Rückmeldungen. Sie besitzen die Grundhaltung, Lernende handelnd am Pflegehandeln zu beteiligen und ihnen das Lernen durch handeln zu ermöglichen. Bedingungen hierfür sind der Lernstand des Lernenden, die Komplexität und das Niveau der zu bewältigenden Pflegehandlung, das Lerninteresse und der Lernbedarf, die zeitlichen Rahmenbedingungen für die Lernsituation, Arbeits- und Situationserfordernisse sowie die Sicherheit des zu versorgenden Menschen. Der Lehrende entscheidet anhand dieser Bedingungsfaktoren über die Art und das Ausmaß der Handlungsbeteiligung des Lernenden (Lauber, 2017, S. 126). Lehrende beschreiben eine lernbereite Grundhaltung, die der Lernende durch die Nutzung der Lernangebote und eine aktive Lernhaltung zeigt. Dieses „dialogische Geschehen“ (Lauber, 2017, S. 126) ist Ausdruck einer gelungenen Lehr-/ Lernsituation, in der der Lehrende dem Lernenden Lernerfolge ermöglicht und diese erfolgreiche Zusammenarbeit für Wohlbefinden und Zufriedenheit beim zu pflegenden Menschen sorgt. Als wichtige Rahmenbedingung für eine lernförderliche Lernsituation wird eine störungsfreie Arbeitssituation ohne Unterbrechungen mit ausreichend Zeit genannt. Das Team und die Leitung bekommen durch die arbeitsorganisatorische Unterstützung des Tandems eine bedeutende Rolle während der lernförderlichen Lehr-/ Lernsituation (Lauber, 2017, S. 126). Eine positive Lern- bzw. Arbeitsbeziehung zwischen Lehrenden und Lernenden wirkt sich lernförderlich aus und ist gekennzeichnet durch das Ernstnehmen der Lernenden in ihrer Rolle als „lernender Berufsangehöriger“, indem je nach Ausbildungsstand der Lernende als gleichwertiges Teammitglied angesehen wird (Lauber, 2017, S. 127). „Herausfordernde Lernende“ oder „herausfordernde Beziehungen“ werden als eher lernhinderlich angesehen. Die Kommunikation über gemeinsam bearbeitete Pflegesituationen geben Anlass, dem Lernenden Rückmeldung über sein Handeln zu geben, Lehrende erwarten an dieser Stelle ein Feedback zur Gestaltung des Lehr-/ Lernprozesses. In den Interviews wird die Wichtigkeit dieses Aspektes sehr deutlich.
  • Lernende: Für den Lernenden steht die Möglichkeit selbst zu handeln im Vordergrund. Handlungen, die für den Lernenden neu sind und die sich durch einen hohen Komplexitätscharakter darstellen helfen, Patientensituationen und Zusammenhänge zu verstehen. Hierbei überwiegt der Wunsch, unterstützendes Lehrhandeln durch den Lehrenden zu erfahren. Als zentrales Kriterium für die Auswahl von Lernsituationen wird das eigene Lerninteresse des Lernenden genannt, hierbei sind motivationale (persönliche Vorlieben, Wünsche, Handlungen nach schulisch gelernten Regeln durchzuführen, subjektiv gefühlte Wissens- und Könnensdefizite) sowie intentionale Aspekte (Erwerb von Handlungssicherheit und Routine durch Übung) ausschlaggebend. Das Lernen unbekannter Pflegehandlungen wird mit dem spezifischen Können der Lehrenden in Verbindung gebracht. Die Überprüfung der Handlung durch einen Könner wird als sehr wichtig erachtet. Gelungene Lehr-/ Lernsituationen beschreiben Lernende mit Lernerfolg und Patientenzufriedenheit im Rahmen der Lehr-/ Lernsituation (Lauber, 2017, S. 162). Lernende erwarten motivierte Lehrende, die über Wissen und Können im Handlungsbereich verfügen, Sachverhalte verständlich erklären können und Handlungserfolge- und erfordernisse an die Lernenden zurückmelden. Die Verfügbarkeit einer Bezugsperson während eines Praxiseinsatzes wird von Lernenden als ein wichtiger Faktor benannt, damit verbunden der Wunsch nach ideeller und arbeitsorganisatorischer Unterstützung durch die Leitung und das Pflegeteam. Aus Sicht der Lernenden ist die Einnahme einer lernbereiten Grundhaltung eine wichtige Eigenschaft erfolgreich Lernender (dazu zählen sie Mut zum eigenen Handeln haben, Fragen stellen, sich an Pflegepersonen orientieren, die ihnen etwas beibringen können sowie die Anpassung an das jeweilige Pflegeteam). Sie möchten in ihrer Rolle als Lernende ernst genommen werden (Lauber, 2018, S. 163).

Die Auswertung endet mit einem Gruppenvergleich beider Perspektiven von lehrenden Könnern und Lernenden auf das Lehren und Lernen im Praxisfeld Pflege (Lauber, 2017, S. 277ff).

Es folgt eine Diskussion und eine Zusammenführung der Ergebnisse aus den teilnehmenden Beobachtungen und den Interviews entlang der formulierten Forschungsfragen.

Lehren/ Lernen und Arbeiten: Lehr-/ Lernsituationen im Arbeitsalltag identifizieren und nutzen

  • 1. Lehr-/ Lernsituationen ergeben sich im Praxisfeld Pflege aus alltäglichen Arbeits-/ Pflegesituationen (nicht künstlich hergestellt). Prinzipiell kann jede Pflegesituation zu einer Lernsituation werden (Lauber, 2017,S. 171).
  • 2. Die Perspektiven von lehrenden Könnern und Lernenden in Bezug auf Lernhaltigkeit von Pflegesituationen differieren (Lauber, 2017, S. 172). Lernen und Arbeiten scheinen für lehrende Könner eher integrative, für Lernende eher separative Konzepte darzustellen (Lauber, 2017, S. 172).
  • 3. Ob eine Arbeits-/ Pflegesituation in eine Lehr-/ Lernsituation überführt wird, hängt in erster Linie von der Fähigkeit und Bereitschaft der Lehrenden und Lernenden ab, von der Arbeits- /Pflegesituation ausgehende Impulse als potentielle Lernanlässe aufzufassen und ihr Handeln als Pflegende um Lehr-/ Lernaktivitäten zu ergänzen und anzureichern. Die Bereitschaft und Fähigkeit lehrender Könner, eine Arbeits-/ Pflegesituation als potentiellen Lehr-/ Lernanlass zu begreifen (mehr oder weniger in der Situation selbst), stellt hierbei den entscheidenden Faktor für die Modulation einer Arbeits- /Pflegesituation dar. Vor diesem Hintergrund sind die Aussagen zu interpretieren, wonach keine gezielte Auswahl von Pflegesituation als Lernsituation stattfinden, sondern eine individuelle Akzentuierung der Situation anhand von subjektiven Lernbedürfnissen und/ oder objektiven Lernbedarfen der Lernenden sowie Lehrintentionen der Lehrenden erfolgt (Lauber, 2017,S. 173).
  • 4. Lehrenden kommt im Hinblick auf die Identifikation von Lehr- Lernsituationen die gegenüber den Lernenden bedeutendere Rolle zu.

Lehren/ Lehren im Praxisfeld Pflege, Lehren und Lernen im und durch Handeln:

  • 5. Handlungsorientiertes Lehr-/ Lernverständnis zieht sich wie ein roter Faden durch die Interviews. Lernen bedeutet, das Handeln der Lernenden zuzulassen und zu stützen, um ihnen zu ermöglichen, durch eigenes Handeln zu lernen. Diese Haltung erscheint als eine Grundhaltung der lehrenden Könner (Lauber, 2017, S. 175). Für beide Akteure nimmt hier der Könnens- und Wissensstand eine prominente Rolle ein, zu Beginn einer gemeinsamen Arbeitsphase wird dieser eingeschätzt, um Entscheidungen über Umfang und Art der Handlungsbeteiligung von Lernenden treffen zu können (Lauber, 2017, S. 175). Die wichtigste Strategie sind das gemeinsame Arbeiten unter wiederholtem Beobachten der Lernenden beim Handeln und direktes Erfragen von Wissen und Können von den Lernenden.
  • 6. Eine Einschätzung der Passung zwischen Wissens- und Könnensstand der Lernenden einerseits und dem Anforderungsniveau der zu erbringenden Pflegehandlung. Der lehrende Könner schätzt die Komplexität der Pflegesituation ein und ermöglicht durch Art und Intensität eigener, das Handeln der Lernenden stützender Interventionen auf ein für die Lernenden angemessenes und bearbeitbares Maß, um erfolgreiches Handeln zu ermöglichen (Lauber, 2017, S. 176). Die Autorin beobachtet eine Staffelung des Interventionsgrades, das sich von „Supervidieren“ über „Verbal unterstützen“, „Teilhandlung übernehmen“ bis hin zur „Übernahme der Pflegehandlung“ erstreckt (Lauber, 2017, S. 176).
  • 7. Die stützenden Interventionen markieren direkte didaktische Leistungen der lehrenden Könner. Die Art der Intervention fällt in der Situation mit dem Patienten. Deutlich wird wiederum die prominente Bedeutung des „Selbermachens“ der Lernenden im Hinblick auf das Lernen. Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass der lehrende Könner die auszuführende Pflegehandlung in hohem Maße beherrscht, um die Perspektive des Lernenden einnehmen und sich begleitend mitteilen zu können (Lauber, 2017, S. 176).
  • 8. Unterstützungs- und Kontrollaktivitäten seitens der lehrenden Könner. Sie bewegen sich dabei im Spannungsfeld zwischen der lernförderlichen Gestaltung des Arbeitsalltags und der Gewährleistung von Sicherheit für die Patienten. Arbeiten und Lehren/ Lernen stehen im Praxisfeld Pflege in einem ambivalenten Verhältnis zueinander. Arbeits-/ Pflegesituationen und Lehr-/ Lernsituationen existieren nicht nebeneinander, sondern werden durch das Handeln von Lehrenden in Lehr-/ Lernsituationen überführt, in dem sie qualitativ über Lehr-/ Lernhandeln angereichert und ergänzt werden (Lauber, 2017, S. 177). Lehrende Könner müssen sowohl den Arbeitsablauf in einem Bereich sicherstellen als auch die Sicherheit für den jeweiligen Patienten in einer Pflegesituation, in der sich der Lernende in der führenden handelnden Rolle befindet, gewährleisten. Deutlich wird das Spannungsfeld zwischen der lernförderlichen Gestaltung des Arbeitsalltags und der Gewährleistung des Arbeitsablaufs und von der Sicherheit des Patienten. Somit können sich Lehren/ Lernen ergänzen und „Hand in Hand gehen“, sie können aber auch miteinander konkurrieren. Im Pflegealltag tritt Letzteres hinter den Erfordernissen des Ersten zurück (Lauber, 2017, S. 177).

Erfolgreiches Lehren und Lernen im Praxisfeld Pflege: Lehr-/ Lernstrategien und Modellpersonen nutzen. Beide methodischen Zugänge zeigen Möglichkeiten eingesetzter Lehr-/ Lernstrategien, die sich als hilfreich für das Erreichen von Lehr-/ Lernerfolgen zeigen. Die Perspektiven beider Akteure weisen in den Aussagen der Interviews als auch in den Ergebnissen der teilnehmenden Beobachtung ein hohes Maß der Übereinstimmung auf.

  • 9. Lernbereitschaft und die Einnahme einer aktiven Lernhaltung. Ein Lerninteresse, das Annehmen von Lernangeboten der Lehrenden und die Orientierung des eigenen Handelns am Modell werden von beiden Akteuren als positive Eigenschaften und erfolgreiche Lernstrategien für Lernende benannt (Lauber, 2017, S. 178).
  • 10. Lehrbereitschaft und Wissen und Können im Handlungsbereich werden von beiden Akteuren als grundlegende Eigenschaften und Kompetenzen bezeichnet. Zudem steht die konkrete Lernstrategie, Lernenden den Zugang zum Pflegehandeln zu ermöglichen, im Vordergrund. Als weitere Lernstrategien werden Offenheit für (kritische) Rückmeldungen der Lernenden, die Rückmeldung von Lernerfolgen und Lernerfordernissen sowie die Fähigkeit zur strukturierten Anleitung und einer für den Lernenden verstehbaren Erklärung genannt (Lauber, 2017, S. 179).
  • 11. Lernende differenzieren zwischen der Lehrbefähigung und der Lehrbefugnis. Für Lernende ist die formale Lehrbefugnis durch eine Qualifizierung zum Praxisanleiter nicht grundsätzlich gleichbedeutend mit der Befähigung zum Lehren und nicht unbedingt Bedingung für erfolgreiches Lehren im Praxisfeld Pflege. Dennoch besteht eine orientierende Funktion für Lernende, sie sehen vorrangig den Praxisanleiter als Gestalter von Lehr-/ Lernsituationen. Entsprechend werden Situationen als herausfordern und endtäuschend erlebt, in denen die Lehrbefugnis im Widerspruch zur gelebten Lehrpraxis steht (Lauber, 2017, S. 179).
  • 12. Lehrende Könner sind sich ihrer Modellfunktion für Lernende in Bezug auf das Pflegehandeln bewusst.
  • 13. Lehrende Könner werden auch von Lernenden als Orientierungspersonen in Bezug auf Pflegehandeln gesehen. Lehrhandeln wird von Lernenden nicht ausschließlich auf die Fähigkeit zu einer guten Anleitung bezogen, sondern schätzen besonders den Einbezug der Patientenperspektive (Lauber, 2017, S. 180).
  • 14. Lehr-/ Lernkonstellation und didaktischer Dialog: Lernende in ihrer Rolle als lernende Berufsangehörige ernst nehmen
  • 15. Eine positive Lehr-/ Lern- bzw. Arbeitsbeziehung erscheint als grundlegende Voraussetzung für den didaktischen Dialog. Als wesentliches Element zeigt sich hier, dass Lehrende Lernenden Zugang zum gesamten pflegerischen Spektrum ermöglichen und diese im Rahmen der Ausbildung als lernenden Berufsangehörigen ernstnehmen. Es verwundert nicht, wenn Lernende „sensibel“ reagieren, wenn an sie Aufgaben delegiert werden, die eher unbeliebt sind. Die Lernenden werden auf Arbeitskräfte und Helfer der Pflegeperson reduziert. Deutlich wurde in den Beobachtungen deren Haltung, Lernangebote prinzipiell Tätigkeiten und Arbeitsaufgaben auf beide Akteure zu beziehen und sich als kollegial agierende Pflegende wahrzunehmen (Lauber, 2017, S. 181).
  • 16. Auf die Lehr-/ Lern-bzw. Arbeitsatmosphäre scheinen Lehrende stärker Einfluss nehmen zu können als Lernende. Es werden auch herausfordernde Lehr-/ Lernsituationen beschrieben. Sie zeigen sich lernhinderlich, da es häufig zum Rückzug des Lernenden kommt. Lehrende Könner begegnen diesen Herausforderungen entweder, in dem sie aus ihrem professionellen Verständnis heraus weniger sympathische Lernende gleich behandeln oder sich für eine personelle Umbesetzung entscheiden (Lauber, 2017, S. 182).
  • 17. Dem Austausch über die Einschätzung von Patientensituationen- etwa im Sinne einer Analyse und Reflexion von gemeinsam erarbeiteten Pflegesituationen – kommt demgegenüber als Gesprächsanlass wie -inhalt eine weniger starke Bedeutung zu. Lehrende und Lernende bezeichnen die Rückmeldung zum Handeln als den zentralen Gesprächsinhalt. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das Selbstverständnis der lehrenden Könner eher durch das Ermöglichen und Begleiten des Handelns der Lernenden als durch das Sprechen über ihr eigenes Handeln charakterisiert ist. Dies eröffnet Potenzial für weitere Lehr-/ Lernchancen, in denen die Einschätzung und Beurteilung von Patientensituationen zentral ist (Lauber, 2017, S. 182).

Im 7. Kapitel stellt die Autorin Folgerungen und Empfehlungen für die Forschung und die Praxis dar. Die Autorin zeigt zentrale Erkenntnisse zu Rollen, Handeln und Perspektiven der lehrenden Könner und der Lernenden auf. Sie spricht Empfehlungen für die Aus- und Weiterbildungspraxis aus und gibt Impulse für weitere Forschungsarbeiten.

Empfehlungen für die Aus- und Weiterbildung

1. Strukturelle Empfehlungen: Die Studienergebnisse legen eine individualisierte Lehr-/ Lernkonstellationen als einen idealen Rahmen für die Gestaltung von Lehr-/ Lernprozessen nahe. Effektives und effizientes Lehren und Lernen basiert auf dem gemeinsamen Arbeiten beider Akteure. Dies macht das Stützen des Lernenden durch eine Auswahl situationsangemessener Strategien möglich. Die personelle Zuordnung lehrender Könner – Lernender ist demnach kein „Bonbon“ für Lehrende und Lernende, sondern ein didaktisches Erfordernis (Lauber, 2017, S. 190). Zudem bedarf es angemessener handlungsrelevanter Rahmenbedingungen, um potentielle Lehr-/ Lernsituationen im Praxisfeld Pflege zu nutzen. Lehrende Könner benötigen Freiräume in Bezug auf ihre Verantwortung für den Fortgang des Arbeitsablaufes in ihrem Handlungsbereich. Dafür spricht das identifizierte Spannungsfeld zwischen dem Erbringen der eigentlichen Arbeitsleistung und der lernförderlichen Gestaltung des Arbeitsalltags. Vor diesem Hintergrund muss es darum gehen, das Handeln der Könner in ihrem jeweiligen Handlungsbereich und mit einer soliden Kontinuität zugänglich zu machen. Dies spricht augenscheinlich für eine stationsgebundene Verortung von Lehrenden. Förderlich wären Formen der Handlungsentlastung mit der Reduktion der Verantwortlichkeit für den Fortgang des Arbeitsablaufes (Lauber, 2017, S. 191).

2. Die Studienergebnisse weisen auf Erfordernisse im Hinblick auf die Anerkennung der Potenziale und die Differenzierung der Aufgaben der an der Ausbildung beteiligten Lernorte hin. Damit die Analyse und Reflexion auf die situative Generierung von Pflegehandlungen fokussiert und damit distale Orientierung ermöglicht wird – sowohl in der Situation selbst als auch in Bezug auf die Rückmeldepraxis der Lehrenden – sollten Lernende Gelegenheit bekommen, Pflegetechniken und – handlungen stärker am dritten Lernort nach dem Skillslab-Modell, einzuüben. Damit können fruchtbare Bedingungen für eine – im besten Sinne handlungsorientierte – Analyse und Reflexion von Lehrenden und Lernenden im Praxisfeld Pflege in Bezug auf situationsangemessene Gestaltung des Pflegehandelns geschaffen werden (Lauber, 2017, S. 191).

3. Die Studienergebnisse ermöglichen die empirisch gestützte Beschreibung von Kompetenzen der Lehrenden im Praxisfeld Pflege. Die Autorin identifiziert folgende Kompetenzen:

  • Sicherheit und Vertrauen in das eigene Können
  • Erkennen potentieller Lehr-/ Lernsituationen in der alltäglichen Pflegearbeit
  • Das Einschätzen es Wissens- und Könnensstand des Lernenden und dem Anforderungsniveau einer auszuführenden Pflegehandlung
  • individuelle und situationsangemessene Auswahl stützender Pflegeinterventionen für Lernende
  • distal orientierte Rückmeldepraxis als wichtiger Aspekt der Lernkompetenz
  • Handlungsrepertoire in Bezug auf Kontroll- und Unterstützungsleistungen
  • kommunikative Kompetenz (Lauber, 2017, S. 193).

Mit den benannten Empfehlungen sind wesentliche Aspekte für die Inhalts- und Zieldimensionen berufspädagogischer Bildungsangebote im Praxisfeld Pflege umrissen. Zudem sind diese Erkenntnisse für Weiterbildungsprozesse zu nutzen. Die Sozialisation zu einer Expertenkultur, die Konfrontation mit praktischen Anforderungen und in der Begegnung mit Könnern sind elementare Ankerpunkte. Die Autorin favorisiert gemeinsames Arbeiten mit lehrenden Könnern in Form von Hospitationen oder an Simulationen in funktionsfeldähnlichen Lernumgebungen, wie dem dritten Lernort (Lauber, 2017, S. 193).

Empfehlungen für das Lernen in der Praxis: Das Lernen in der Pflegepraxis ergibt sich aus den Lehr-/ Lernaktivitäten und aus den Aktivitäten des Lernenden. Die Stärkung von (Selbst-) Lernkompetenz der Lernenden an allen Lernorten der Ausbildung unterstützt grundsätzlich die aktive Grundhaltung des Lernenden. Lernende benötigen ein Bewusstsein für eine aktive Lernhaltung. Sie zeigt sich durch Aufmerksam sein für Lernchancen, der Orientierung an Modellen, durch Mut zum eigenen Handeln und durch den Einsatz für die eigenen Lerninteressen. Aufgaben und Ziele der Lehrenden in der Lernsituation sind demnach, gemeinsam mit den Lernenden individuell und mit den passenden Ideen für die Realisierung von Lernstrategien, die Anforderungen einer konkreten Ausbildungssituation zu schaffen. Die Lernberatung zur Entwicklung und Umsetzung von erfolgreichen Lernstrategien an allen Lernorten wird zum entscheidenden Unterstützungs- und Förderangebot, insbesondere für Lernende mit weniger ausgeprägter Selbstlernkompetenz (Lauber, 2017, S. 194).

Diskussion

Mit dem Erkenntnisgewinn über Möglichkeiten von fruchtbaren Lehr-/ Lernkulturen durch lehrende Könner, der Grundlage, die Lehren/ Lernen und Erkenntnisgewinn in den Kontext impliziten Wissens stellt und dass Wissen im Handeln entsteht und der lehrende Könner dabei eine entscheidende Rolle spielt, wird der Blick auf Chancen und Grenzen von Lehren-/ Lernen im Praxisfeld Pflege eröffnet. In der Auseinandersetzung mit Polanyis Theorie des impliziten Wissens beschreibt Lauber Konsequenzen für die Gestaltung von Lehr-/ Lernprozessen, die in der Zusammenfassung einen Ausblick auf die Wichtigkeit in der personellen Besetzung und den Kompetenzen Lehrender im Praxisfeld Pflege geben (z.B. das Beherrschen von Lehrinhalten und das Einbinden des Lernens in eine praktische Situation).

Vor dem Hintergrund des Tacit Knowing View beschreibt sie eine Didaktik des Könnens, die Neuweg durch Grundsätze belegt (Neuweg, 2004, S. 376 ff) und schlussfolgert das große Potenzial des pflegerischen Alltags, der einen Rahmen für implizite Lehr-/ Lernbedingungen bereitstellt, indem sie Lehren und Lernen in authentischen Handlungskonzepten sowie Interaktionen mit Könnern im Fach ermöglicht. Besonders erscheint die Erforschung beider Perspektiven am Lehr-/ Lernprozess beteiligter Akteure, die wichtige Erkenntnisse für die Gestaltung von Lehr-/ Lernsituationen in der pflegerischen Ausbildung am Lernort Praxis aufzeigen. Sie schafft es, den Forschungsprozess anhand der Forschungsfragen durchweg zweiperspektivisch zu gestalten und ermöglicht dem Leser einen Blick auf zukünftige Handlungsfelder.

Besonders im Hinblick auf die generalistische Ausbildung mit möglichen veränderten Lehr-/ Lernvoraussetzungen der beiden Akteure, identifiziert die Autorin Gestaltungsschwerpunkte, denen heute und zukünftig eine hohe Bedeutung beigemessen werden kann. Die Wahl des qualitativen Forschungsdesigns und die Datenerhebung in Form von teilnehmenden Beobachtungen und von episodischen Interviews erscheinen sehr relevant. Die Ergebnisse geben einen empirisch belegten Beitrag auf die Lehr-/ Lernkonstellationen und die Gestaltung des didaktischen Dialogs und bieten jenseits der Diskussion über Arbeitsdichte und Personalknappheit Hinweise auf mögliche lernförderliche Arbeitsumgebungen und auf Qualifizierungsaspekte Lehrender und Lernender. Sie beschreibt die Studienteilnehmer transparent und stellt die Ergebnisse überzeugend und in ausreichender Tiefe dar. Sie belegt die Ergebnisse aus beiden Methoden kontinuierlich mit Inhalten aus den teilnehmenden Beobachtungen sowie aus den Interviews. Zudem legt sie in 24 Anhängen ihre Vorgehensweise und die Auswertung ihrer Daten offen (S. 203 – 284).

Laubers Ergebnisse haben eine hohe Praxisrelevanz und zeigen wertvolle Überlegungen für die Aus- und Weiterbildung, die auf struktureller und pädagogisch-didaktischer Ebene anzusiedeln sind. Die Bereitstellung kompetenter Lehrender und das kontinuierliche gemeinsame Arbeiten in einem angemessenen handlungsentlastenden Rahmen, ist eine zentrale Empfehlung für das Praxisfeld Pflege. Die Studienerkenntnisse müssen in Aus- und Weiterbildungscurricular integriert werden – so ist die Wichtigkeit des 3. Lernorts (Skillslab-Modell) und der kontinuierliche Ausbau der Lernortkooperation von elementarer Bedeutung. Die Stärkung der Berufsgruppe Lehrender im Praxisfeld Pflege sowie die Stärkung des Lernenden in seiner Rolle als lernender Berufsangehöriger müssen in den jeweiligen Ebenen unterstützt und gefördert werden.

Abschließend kann zweierlei gesagt werden: Der Nutzen der Forschungsarbeit stellt ein Muss für jeden an der Ausbildung Beteiligten dar und die Ergebnisse der Studie müssen Einzug in die verschiedenen Lernorte der Pflegebildung halten. Auch wenn Laubers Studie ihren Fokus auf die Beschreibung von Lehr-/ Lernprozesse im Praxisfeld Pflege richtet und sie bewusst die derzeit herrschenden strukturellen Bedingungen von Praxisanleitern im stationären Alltag außer Acht lässt, gelingt es dem Leser nicht durchgängig, die Bedingungen für Lehrende Könner und Lernende im Arbeits-/Lernalltag komplett zu ignorieren.

Fazit

Der qualitativen Studie von Annette Lauber „Von Könnern lernen“ legt seinen Schwerpunkt auf Lehr-/ Lernprozesse und deren Gestaltung in der individualisierten Lehr-/ Lernkonstellation zwischen erfahrenen Pflegepersonen (lehrenden Könnern) und Lernenden in der beruflichen Pflegepraxis. Mittels teilnehmenden Beobachtungen und Interviews werden konstitutive Elemente gelingenden Lehrens und Lernens im Praxisfeld Pflege, erfolgreiche Lehr- und Lernstrategien sowie Haltungen und Handlungen der lehrenden und lernenden Akteure vor dem Hintergrund des Konstrukts Könnerschaft im Fach differenziert und sehr ausführlich dargelegt.

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit geben einen fokussierten Blick auf (didaktische) Denk- und Entscheidungsmuster von lehrenden Könnern im Fach Pflege sowie auf explizite und implizite Aspekte des Lehr-/ Lernhandelns und des Lernempfindens von Lehrenden und Lernenden und zeigen, dass wesentliche Potenziale für eine fruchtbare Lehr-/Lernkultur in der Pflege(aus-) bildung liegen. Die Ergebnisse zeigen auch, welche Voraussetzungen gelungene Lernprozesse im Praxisfeld Pflege benötigen. Sie stellen für jede Aus- und Fortbildungseinrichtung einen hohen Nutzen für die curriculare und inhaltliche Gestaltung von Lehr-/ Lernprozessen dar. Das gemeinsame Arbeiten, das Vorhandensein einer /(Arbeits-) Beziehung in Form einer „Patenschaft“ (Lauber, 2017, S. 86) sind nur einige wichtige Kriterien gelingenden Lernens. Die Studie zeigt den hohen Stellenwert des Lernens im beruflichen Alltag und gibt durch die teilnehmende Beobachtung und die Interviews wichtige Hinweise auf vorhandene Kompetenzen Lehrender und somit deren Einfluss auf erfolgreiches Lernen im Praxisfeld Pflege.

Literatur

  • Flick, U. (2009): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. 2. Aufl. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
  • Lauber, A. (2017). „Von Könnern lernen“ Lehr-/Lernprozesse im Praxisfeld Pflege aus der Perspektive von Lehrenden und Lernenden. Münster: Waxmann.
  • Lamnek, S. (2010). Qualitative Sozialforschung. Lehrbuch 5., vollständig überarb. Auflage. Weinheim: Beltz.
  • Neuweg, G.H. (2004). Könnerschaft und implizites Wissen. Zur lehr-lerntheoretischen Bedeutung der Erkenntnis- und Wissenstheorie Michael Polanyis. 3. Aufl. Münster: Waxmann.
  • Neuweg, G.H. (2015). Das Schweigen der Könner. Gesammelte Schriften zum impliziten Wissen. Münster. Waxmann.
  • Strauss, A. & Corbin, J. (1996). Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Rezensentin
Karin Sauerwein
Stellv. Leitung des Bildungsinstitutes Berufspädagogin im Gesundheitswesen (M.A.) CBG Christliches Bildungsinstitut für Gesundheitsberufe in Kassel
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Zitiervorschlag
Karin Sauerwein. Rezension vom 12.02.2018 zu: Annette Lauber: Von Könnern lernen. Lehr-/Lernprozesse im Praxisfeld Pflege aus der Perspektive von Lehrenden und Lernenden. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2017. ISBN 978-3-8309-3650-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23443.php, Datum des Zugriffs 23.09.2018.


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