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Norbert Neuß: Unsichtbare Freunde

Cover Norbert Neuß: Unsichtbare Freunde. Warum Kinder Fantasiegefährten erfinden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 158 Seiten. ISBN 978-3-7799-3733-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Autor

Norbert Neuß, Dr. phil. habil., ist Professor im FB Sozial- und Kulturwissenschaften der Universität Gießen.

Thema

Fantasiegefährten sind ein vielschichtiges, aufregendes und irritierendes Phänomen in der Kindheit. Das Buch beschäftigt sich mit Ursachen, Auftreten und der Psychologie unsichtbarer Freunde und soll helfen zu verstehen, was Fantasiegefährten mit den Entwicklungsthemen und Lebensbedingungen der Kinder zu tun haben.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel werden häufige Typen von Fantasiegefährten und der Einfluss der Medienwelt auf die kindlichen Vorstellungen thematisiert.

Die Funktion von Fantasiegefährten ist Thema im zweiten Kapitel. Fantasiegefährten stellen oft wiederkehrende Situationen und Rituale dar, die die Resilienz verstärken. So sind sie zum Beispiel Mutmacher, Kummerkasten, Begleiter, Konfliktlöser, Sprachrohr oder Tröster, die Sicherheit und Geborgenheit geben. Sie sind abhängig vom Alter des Kindes, die in Zeiten der Belastungen durch Trennung, Umzug oder der Geburt eines Geschwisterkindes entstehen oder die im Fantasiereichtum des Kindes oder durch die Mediennutzung begründet oder beeinflusst sind. Bei den Erklärungen orientiert sich Neuß am sozial-ökologischen Modell von Uri Bronfenbrenner, am Konzept der Entwicklungsaufgabe von Havighurst oder der Entwicklung des Erkennens der eigenen Identität. Manche Kinder gestalten ganze Fantasiewelten. Neuß geht dabei ausführlich auf die Metapher des Paradieses und des Schlaraffenlandes ein.

Manchmal kommen Fantasiegefährten auch bei älteren Kindern oder Erwachsenen vor. Vor allem bei Erwachsenen wird die Frage gestellt, Fantasie oder psychische Störung? Neuß charakterisiert Fantasie als grundlegende mentale Kompetenz und geht auf die Rolle von Schutzengeln u. ä. ein.

Das fünfte Kapitel stellt die Fantasie in Zusammenhang mit frühkindlichen Bildungsprozessen. Nach der Darstellung der frühkindlichen Entwicklung nach Piaget diskutiert der Autor die Bedeutung von Fantasie, Sprache (Selbstgespräche), Symbolisieren, Externalisierung und Bearbeiten von Problemstellungen sowie vor allem des kindlichen Spiels für die kindlichen Selbstbildungsprozesse.

Im abschließenden Kapitel beantwortet der Autor die Frage, wie Eltern und Pädagog/innen mit diesen Fantasiegefährten umgehen können. Die Erwachsenen erleben es als ambivalente Beziehung zwischen Fantasie und Erziehung. Neuß empfiehlt eine gewährende Haltung und gibt Ratschläge, sich sensibel sich verhalten. Das Buch endet mit der Besprechung von (Bilder-) Büchern zu diesem Thema.

Jedes Kapitel enthält umfangreiche Fallbeispiele, an denen das jeweilige Thema entwickelt und dargestellt wird. Immer wieder sind auch Interpretationsübungen eingestreut.

Diskussion

Immer wieder erzählen mir Eltern im Beratungsgespräch, dass ihr Kind mit einer Fantasiefigur spiele. Manchmal erzählen sie, dass diese Figur auch eine Rolle im Familienleben einnehme. Sie fragen dann eventuell besorgt, ob sie sich Sorgen machen müssten. Darauf kann dieses Buch Antworten geben.

Das Buch führt einen Vorläufer aus dem Jahr 2001 thematisch und fachlich weiter.

Durch die Einbettung der fachlichen Diskussion in die ausführlichen Erzählungen von Kindern, Eltern und Pädagog/innen wird die Auseinandersetzung mit dem Thema sehr anschaulich. Es wird sehr deutlich, wenn Kinder imaginäre Wesen erfinden ist dies als erfreuliches Anzeichen kreativer Fantasie zu sehen. Der Vergleiche mit psychiatrischen Erkrankungen ist unbegründet; Fantasiegestalten haben im Gegenteil einen entwicklungs- und identitätsfördern Einfluss. Es wird auch gezeigt, dass auch Erwachsene sozial akzeptierten Fantasietätigkeiten nachgehen (z.B. in Literatur und Film). Die abschließenden Handlungsempfehlen helfen weiter.

Zielgruppen

Pädagogische Fachkräfte, Eltern.

Fazit

Das Buch hat unsichtbare Freunde zum Thema. Es werden häufige Typen von Fantasiegefährten vorgestellt, deren Funktion diskutiert und in den Zusammenhang mit frühkindlichen Entwicklungs- und Bildungsprozessen gestellt. Auch die Fantasietätigkeit älterer Kinder und Erwachsener wird angesprochen. Abschließend gibt der Autor Empfehlungen für Eltern und Pädagog/innen. Durch die Einbindung der fachlichen Darstellung in ausführliche Fallbeispiele wird das Thema gut vermittelt und das Buch empfehlenswert.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 06.02.2018 zu: Norbert Neuß: Unsichtbare Freunde. Warum Kinder Fantasiegefährten erfinden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3733-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23448.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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