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Eva Maria Waibel: Erziehung zum Selbstwert

Cover Eva Maria Waibel: Erziehung zum Selbstwert. Persönlichkeitsförderung als zentrales pädagogisches Anliegen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 272 Seiten. ISBN 978-3-7799-3618-3. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Was braucht es, um den Selbstwert von Heranwachsenden durch Erziehung zu stärken? Die Autorin diskutiert diese Frage vor dem Hintergrund des existenzanalytischen Gedankenguts Viktor E. Frankls und zeigt auf, welche personalen und strukturellen Bedingungen hierfür zu bedenken sind. Waibel postuliert auch, dass die Erfahrung von Schutz, Raum, Halt und stärkenden Beziehungen jenes Grundvertrauen fördert, um sich selbst und das eigene Leben als wertvoll zu erleben. Welche präventiven und nachhaltigen Beiträge Pädagogik und Erziehung dazu leisten können, werden in dieser Publikation diskutiert und reflektiert.

Autorin

Dr.phil. Eva Maria Waibel, Jg. 1953, ist Professorin im Fachbereich Pädagogik und Pädagogischer Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Kärnten – Viktor Frankl Hochschule. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die Existenzielle Pädagogik, eine Person- und Sinnorientierte Pädagogik.

Aufbau

Die Publikation „Erziehung zum Selbstwert. Persönlichkeitsförderung als zentrales pädagogischen Anliegen.“ untergliedert sich in fünf Großkapitel:

  1. Präambel: Von der Suchtprävention zur Gesundheitsförderung in der Schule
  2. Der Hintergrund: Versuch einer Systematisierung von Existenzanalyse und Logotherapie
  3. Der Selbstwert als zentraler Begriff der Persönlichkeitsstärke
  4. Pädagogische Umsetzung der Existenzanalyse: Erziehung zum Selbstwert
  5. Konsequenzen für die Lehrerbildung

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis. Die einzelnen Kapitel werden nachstehend zusammengefasst.

Zu 1.

Eva Maria Waibel eröffnet die Thematik ihres Buches mit einem Aspekt, der auf den ersten Blick eher wenig mit der grundgelegten Materie zu tun hat: Suchtprävention. Folgt man jedoch ihren Ausführungen, zeigt die Autorin auf, dass Suchterkrankungen eine mögliche Folgeerscheinung fehlender Persönlichkeitsstärkung und fehlender Anerkennung der Person sein können. Nach Waibel braucht ein Mensch für dessen (gesunde) Entwicklung eine Umgebung, in der er Geborgenheit, Rückhalt und Schutz erfährt. Ist dies nicht gegeben, liegt nach Ansicht der Autorin eine potenzielle Gefährdung der persönlichen Entfaltung und individuellen Gesundheit vor. Gesundheitsförderung sollte demnach – auch im Bereich der Suchtarbeit – bei der Stärkung von psychischen und geistigen Kräften des Menschen ansetzen, damit sich die Person (wieder) im Leben orientieren kann.

Zu 2.

In diesem Kapitel widmet sich die Autorin dem Versuch, die Grundlagen der Existenzanalyse und Logotherapie auf Basis folgender drei Fragen zu systematisieren:

  1. Was ist Personsein?
  2. Was ist Existenz?
  3. Was ist sinnvolles Leben?

Nach den Grundtheorien Viktor E. Frankls und deren Weiterentwicklungen nach Alfried Längle, stellt die Existenzanalyse die anthropologische Forschungsrichtung und die Logotherapie deren entsprechende Psychotherapie dar. Ausgehend von der Einzigartigkeit des Menschen, versuchte Frankl eine Therapie „vom Geistigen her“ zu erstellen. Existenzanalyse bedeutet hierbei nicht „Analyse ‚der‘ Existenz, sondern Analyse ‚auf Existenz hin‘, d.h. auf eigenverantwortliches, selbstgestaltetes und menschenwürdiges Leben hin“ (Längle, 1986–1, S. 86). Diesem Gedanken folgend, besteht das Ziel der Logotherapie in einer Verdichtung des individuell gelebten Sinnvollen (vgl. Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse, 1991 S. 2), das wiederum die leibliche, psychische und geistige Ebene des Menschen im Blick hat. Waibel führt fort, dass sich „Person-Sein“ aus diesem triadischen Zusammenspiel speist, dessen Kern (mitunter Wesenheit) somit nicht nur über Körper und Psyche, sondern auch über den Verstand ausgedrückt ist.

Es geht also darum, dass der Einzelne selbst entscheiden, sich distanzieren und auseinandersetzen kann, sodass er frei zur Stellungnahme und Auseinandersetzung ist. Diese menschliche Potenzialität ermöglicht auch, dass der Mensch dazu fähig ist, im Guten wie im Schlechten zu handeln. Wird Leben demnach existenziell(-analytisch) verstanden und ausgelegt, so gibt es viele, manchmal aber nur kleine Entscheidungsmöglichkeiten. Der Mensch ist also Handelnder und Erlebender, dessen primäre (Entwicklungs-)Motoren die Sinnfrage, Leid und Lebenslust sind.

Zu 3.

Das 3. Kapitel greift diesen Gedanken der menschlichen Entwicklung weiter auf, fokussiert aber nun auf die Frage des Selbstwerts und den Begriff der Persönlichkeitsstärke. Nach Waibel handelt sich beim Selbstwert um das Erleben einer positiven Grundeinstellung, bei der sich der Mensch als wertvoll erlebt (Waibel, 2017, S. 135). Die Entwicklung des Selbstwerts beruht wiederum auf drei zentralen Motoren:

  1. die Seinsfrage,
  2. die Wertfrage und
  3. die Rechtfertigungsfrage (Längle, 1992).

Erst wenn diese drei Fragen weitgehend entfaltet sind, ergeben sich nach Waibel unverstellte Sinnmöglichkeiten, die wiederum ein existenzielles (Er-)Leben zulassen. Selbstwert ist aber auch ein Beziehungsprodukt, da jeder Wert auf etwas (oder jemanden) Bezug nimmt, was wiederum den Grundwert, also den Wert des Lebens an sich formt. Indem der Einzelne erkennt, dass es gut ist zu sein und dass er aufgrund seines Wirkens in der Welt Positives erreichen kann, wird auch die eigene Werthaftigkeit erlebbar und erfahrbar (Eckhardt, 1993, S. 9). Der Selbstwert einer Person setzt somit beim (Beziehungs-)Erleben und (Beziehungs-)Handeln des einzelnen Menschen an, weshalb dieser letztlich nicht theoretisch eingeholt und andererseits nur zum Teil aus der Vergangenheit konstituiert werden kann.

Zu 4.

Waibel versucht nun einige Überlegungen zur Pädagogik anzuschließen. Auf Basis der drei „Existenzialien“ nach Frankl, nämlich Geistigkeit, Freiheit und Verantwortlichkeit, formuliert die Autorin existenziell-pädagogische (vgl. Winklhofer, 1991, S. 30f) Rückschlüsse auf das Kind. Die Kunst der Erziehung scheint darin zu liegen, den zu Erziehenden so anzusprechen, dass er sich als Person angenommen fühlt. Absicht und Wirkung sind dabei häufig in Diskrepanz zueinander, wodurch (Selbst-)Reflexion einen wesentlichen Gegenstand von Erziehungsprozessen bildet. Diese ermöglicht dem Erziehenden Klarheit über die eigenen (Lebens-, Erziehungs-)Werte und schafft wiederum Orientierung und Transparenz für das Kind.

Nach Waibel wünschen sich junge Menschen keine Erziehenden, die sie mit „technischen Vorstellungen von Erziehung“ (Waibel, 2017, S. 184) manipulieren, sondern Menschen, die als Personen auf sie zugehen und sie als Personen wahrnehmen. Dementsprechend sollte es nicht nur um die Frage gehen, wie die Beziehung gestaltet wird, sondern auch um die Frage, was an gemeinsamen Inhalten zusammen gestaltet werden kann (vgl. Wicki 1991, S. 254). Denn die Person „entfaltet sich maximal nicht in der Anpassung, sondern in der Stellungnahme“ (Längle, 1988–4, S. 21), sodass in Erziehung eine Ermutigung zur Auseinandersetzung erfolgen soll.

Erziehung aus existenzanalytischer Sicht ist somit eine Erziehung zur Verantwortung (Frankl, 1990, S. 22), zu der Schule einen Ort bieten kann, an dem das Kind Selbstwertgefühl entwickeln und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen kann (Harecker, 1991, S. 10). Die Lehrkraft muss ihrerseits real und kongruent sein, also eine Person sein, die ihre eigenen Gefühle kennt und akzeptiert und diese nicht dem Schüler/der Schülerin aufzwingt (vgl. Oser, 1976, S. 305). Dazu braucht es wiederum Vertrauen in die Kraft der Selbstentfaltung der Schüler_innen, verbunden mit Lehr- und Unterrichtsprinzipien, die selbstgesteuerte Lernprozesse ermöglichen.

Je mehr sich ein Mensch in diesem Sinne weiterentwickelt, desto mehr entfernt er sich von der Norm, desto mehr wird er Individuum. Trotzdem braucht der Mensch „nicht nur die Gemeinschaft, um sinnvoll zu werden, sondern umgekehrt braucht die Gemeinschaft die individuelle Existenz, um selbst Sinn zu haben“ (Frankl, 1987–2, S. 114f). Nach Waibel muss sich Erziehung und Schule somit aus ihrer theoretisch-intellektualistischen Orientierungen lösen und sich wieder mehr in der Menschenbildung engagieren, was wiederum Konsequenzen für die Lehrerbildung hat.

Zu 5.

Waibel kritisiert in ihrem Abschlusskapitel, dass der Bereich „Persönlichkeitsbildung“ noch immer eine Randstellung in der Lehrerbildung hat und fachlichen Ausbildungsthemen nachsteht. Doch solange man sich in der Lehreraus- und -fortbildung nicht anderen, mehr affektiven, handwerklichen, kreativen und damit persönlichkeitsstärkenden Inhalten zuwendet, wird sich nach Ansicht der Autorin auch in der Schule nichts ändern. Denn Lehrpersonen geben vornehmlich das weiter, was sie selbst erfahren und gelernt haben. Wenn Lehrkräfte demnach Expert_innen für Menschen sein wollen, können sie dies nicht, ohne nicht gleichzeitig Experten_innen für sich selbst zu sein. Mit dieser Forderung stellt Waibel einen klaren Appell an die Lehrerbildung, in der Selbstreflexion auf Basis verschiedenster persönlichkeitsfördernder Impulse anvisiert werden soll.

Diskussion

Die vorliegende Publikation zeichnet sich durch einen mehrperspektivischen Themenzugang aus, dessen Schnittmenge in der Frage nach einer pädagogischen Förderung von Selbstwert liegt. Die einzelnen Kapitel stellen dazu vielseitige Diskussionsansätze vor, deren theoretische Absicherung überwiegend durch existenzanalytische Aspekte geschieht. Deren inhaltliche Verzahnung mit pädagogischen Überlegungen ermöglicht wiederum interessante Perspektiven auf die Themen: Erziehung, Beziehung, Lehren und Lernen.

Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass die genannten Impulse und Ideen derzeit noch auf verschiedene strukturelle und systemische Herausforderungen stoßen. Kritisch wird dabei insbesondere auf die Lehrerbildung verwiesen. Dennoch ermutigt die Autorin dazu, Persönlichkeitsstärkung als grundsätzliches pädagogisches Element zu verankern. Denn stärkende Beziehungen, die sich durch Würde, Respekt und Wertschätzung auszeichnen, können jederzeit – auch außerhalb eines starren Systems – gelebt und umgesetzt werden.

Zielgruppe

Lehrkräfte, Lehramtsstudierende, Erzieher/Erzieherinnen und andere Professionsgruppen im pädagogischen Arbeitsfeld.

Fazit

Was braucht es, um den Selbstwert durch Erziehung zu stärken und welchen Beitrag können dazu existenzanalytische Theoreme setzen? Diese komplexen und im aktuellen erziehungswissenschaftlichen Diskurs häufig zu wenig beachteten Fragen, durchziehen die vorliegende Publikation. Das Ergebnis ist ein spannendes Werk, das dem Leser/der Leserin die pädagogische Bedeutung von Persönlichkeitsbildung auf Basis existenzanalytischer Gedanken näherbringt, aber auch darauf sensibilisiert, was Sinn und Wert für jeden Einzelnen bedeuten kann.

Literaturverzeichnis

  • Eckhardt, P.: Selbstwert und Werterleben aus existenzanalytischer Sicht. In: Bulletin der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse. Wien 1/93 (10. Jg.)
  • Frankl, V. E.: Ärztliche Seelsorge. Frankfurt 1987-2
  • Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (Hg.): Ausbildungsprogramm in Existenzanalyse und Logotherapie nach Viktor E. Frankl o.O. 1991
  • Harecker, G.: Werterziehung in der Schule. Wien 1991. WUV-Universitätsverlag
  • Längle, A.: In: Psychohygiene und Erwachsenenbildung.Protokoll 12. Wien: Bildungshaus Neuwaldegg 1988-4
  • Längle, A.: Viktor Frankls Logotherapie und Existenzanalyse. In. Psychologie in Österreich, Nr. 2–3, 6. Jg. Wien 1986-1
  • Längle, A.: Was bewegt den Menschen? Die existenzielle Motivation des Menschen. Vortrag am 3.4. 1992 in Unterägerli/Schweiz. Unveröffentlichtes Manuskript.
  • Oser, F.: Das Gewissen lernen. Walter Verlag AG Olten 1976
  • Wicki, B.: Die Existenzanalyse von Viktor E. Frankl als Beitrag zu einer anthropologisch fundierten Pädagogik. Bern-Stuttgart 1991
  • Winklhofer, W.: Logotherapie und Existenzanalyse in der Schule. In: Längle Alfried (Hg.): Das Kind als Person. Tagungsbericht der GLE. Wien 1991

Rezensentin
Dr. phil. Katharina Fischer
Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz
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Zitiervorschlag
Katharina Fischer. Rezension vom 13.12.2018 zu: Eva Maria Waibel: Erziehung zum Selbstwert. Persönlichkeitsförderung als zentrales pädagogisches Anliegen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3618-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23450.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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