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Angela Wernberger: Einelternfamilien im ländlichen Raum

Cover Angela Wernberger: Einelternfamilien im ländlichen Raum. Eine sozialisationstheoretische Perspektive auf die Praxis einer Lebensform. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 320 Seiten. ISBN 978-3-7799-3647-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Gegenstand dieser Arbeit ist die Lebensform der Einelternfamilie. Ausgehend von der Prämisse, dass die Ausgestaltung dieser Lebensform unter den soziokulturellen und infrastrukturellen Gegebenheiten ländlicher Räume eine besondere Herausforderung darstellt, zielt sie neben einer theoretischen Erweiterung des Kenntnisstandes zur Lebenswirklichkeit von Einelternfamilien auch darauf ab, die soziale Wirklichkeit von Einelternfamilien deutend zu verstehen und in ihren konstitutionellen Abläufen und Wirkungszusammenhängen ursächlich zu erklären. Im Rahmen der Sekundäranalyse qualitativer Daten wird das Datenmaterial genutzt, um eine sozialisationstheoretische Perspektive auf die familiale Praxis alleinerziehender Personen im ländlichen Raum zu entwerfen. Dafür werden anhand eines praxeologisch erweiterten Sozialisationsverständnisses sowohl Herstellungsprozesse als auch damit verbundene Prozesse der Handlungsbefähigung und Modifikation von Wertorientierungen in den Blick genommen.

Autorin

Angela Wernbergerist Professorin an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Familiensoziologie, Sozialisationsforschung und Sozialarbeitsforschung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel untergliedert, die begriffliche und theoretische Grundlagen und empirisches Material vereinigen.

Im ersten Kapitel gibt die Autorin zunächst einen kurzen Abriss zur Historie der Sozialisationsforschung und stellt wichtige Meilensteine ihrer Entwicklung sowie aktuelle Debatten dar. Damit legt sie auch gleichzeitig wichtige begriffliche Grundlagen und Bezüge ihrer Arbeit offen, so vor allem hinsichtlich der Einelternfamilie, und leitet die Fragestellung der Studie ab (Wernberger S. 15). Auch der Aufbau der Arbeit wird hier vorgestellt.

In Kapitel zwei entwirft Angela Wernberger die thematische Basis ihrer Studie. Hierfür führt sie zuerst in wichtige statistische Grunddaten zur Lebenssituation von Einelternfamilien in Deutschland ein, wobei entsprechend ihrer Fragestellung auch regionale Aspekte berücksichtigt werden. Im zweiten Teil des Kapitels erörtert die Autorin den theoretischen Stand der familiensoziologischen Diskussion zu dieser Lebensform.

Das dritte Kapitel beinhaltet die zentralen Grundlagen der Arbeit. Ausführlich wird hier das der Studie zu Grunde liegende theoretische Modell der Sozialisation in seinem anthropologischen (3.1), handlungs- wie praxistheoretischen (3.2) Fundament entworfen. Als theoretische Heuristik ihrer Arbeit rückt die Autorin die allgemeine Theorie der Sozialisation (3.3) sodann in den Fokus. Diese theoretischen Erläuterungen zusammenfassend werden durch den abschließenden Unterpunkt 3.4, der als forschungsleitende Heuristik konzipiert ist, schließlich die empirischen Bezüge hinsichtlich der sozialen Praxis von Einelternfamilien hergestellt.

Kapitel vier beinhaltet die methodologischen und methodischen Aspekte der Studie sowie das Studiendesign. Im ersten Teil diskutiert Angela Wernberger zwei Analyseeinstellungen rekonstruktiver Sozialforschung mit dem Ergebnis, dass die differenzierte Erfassung der sozialen Praxis von Einelternfamilien „beider analytisch-methodischer Zugänge rekonstruktiver Sozialforschung [bedarf], sprich dem verstehenden Nachvollzug sowohl subjektiver als auch ‚konjunktiver‘ Relevanzstrukturen“ (Wernberger S. 90). Anschließend begründet die Autorin das sekundäranalytische Vorgehen der Studie (4.2) und stellt die Untersuchung mit ihrem Design, dem Erhebungsinstrument und den beiden Auswertungsperspektiven vor (4.3).

Im fünften Kapitel werden die empirischen Ergebnisse der Studie umfassend dargestellt, dabei liefert die Autorin detaillierte Einsichten in die Entstehungszusammenhänge von Einelternfamilien (5.1) und die strukturellen Rahmenbedingungen, unter denen die soziale Praxis dieser Familien stattfindet (5.2). Danach geht es in der Ergebnisdarstellung um die spezifischen Erfahrungen Alleinerziehender mit dem bzw. im ländlichen Raum (5.3). Die anschließenden Punkte geben Einblicke in die familialen Beziehungen der Einelternfamilien, ihre soziale Einbindung und ihre Handlungsorientierungen, ihre gesundheitliche Situation, ihre Lebensbewertung und Zukunftsvorstellungen. Alle diese Aspekte werden aus der Perspektive der Befragten vorgestellt und in einer abschließenden Zusammenschau in Punkt 5.7 unter sozialisationstheoretischen Gesichtspunkten zur Verdeutlichung nochmals zusammenfassend und aufeinander bezogen diskutiert. Dabei wird deutlich, dass die strukturellen Bedingungen des ländlichen Raumes eine zusätzliche Belastung darstellen, die Einelternfamilien in ihrem Alltag als eine „Verknüpfung zu Handlungsketten“ bewältigen (ebd. S. 248). Als Überleitung zum nachfolgenden Kapitel diskutiert die Autorin hier die Frage, welche Auswirkungen die gelebte Familienrealität von Einelternfamilien auf gesellschaftlicher Ebene hat: „Es geht also um nichts weniger als die Frage, inwieweit verändert bzw. beeinflusst die soziale Praxis familialer Lebensführung alleinerziehender Eltern die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und das gemeinschaftliche Zusammenleben in Gemeinden, Dörfern und Städten“ (ebd. S. 258).

Im sechsten Kapitel reflektiert Angela Wernberger schließlich die theoretischen Überlegungen und empirischen Ergebnisse dahingehend, sozialisationstheoretische, methodologische und familiensoziologische Impulse zu geben.

Diskussion

Mit ihrer Studie legt Angela Wernberger ein solides Fundament für weiterführende Diskussionen um die Lebensform der Einelternfamilien vor. Die Autorin wählt eine transparente Darstellung, sodass ihre Überlegungen, Implikationen und Argumente im Detail sehr gut nachvollzogen werden können. Das trifft vor allem für den theoretischen Teil der Arbeit zu, in dem sie sehr genau die gewählte Rahmung begründet, aber auch für den empirischen Teil, der das Vorgehen und die Resultate ihrer Untersuchung systematisch reflektiert und methodisch und methodologisch diskutiert.

Damit ist die Studie ein guter Ausgangspunkt vor allem für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studierende und Promovierende der Sozialwissenschaften, die sich mit Forschungsprozessen, der Darstellung und Einordnung von Forschungsergebnissen, mit Methoden der Datenanalyse und mit sozialisationstheoretischen und familiensoziologischen Fragestellungen auseinandersetzen.

Fazit

Die Ergebnisse der Untersuchung von Angela Wernberger tragen zum Verständnis und zur Akzeptanz der aktuellen Situation von Einelternfamilien in Deutschland bei und zeigen, dass die gelebte Familienrealität auch Auswirkungen auf gesellschaftlicher Ebene hat – nicht zuletzt, wie dargestellt, in den Interaktionskontexten kollektiven Zusammenlebens auf Gemeindeebene. Die Studie kann in ihrer Gesamtheit als Beweis dafür gelten, dass die zu Grunde gelegten sozialisationstheoretischen Überlegungen eine sinnvolle Verknüpfung von Mikro-, Meso- und Makroperspektiven erlauben und mit Sicherheit einen wichtigen Impuls für weitere familiensoziologische Forschung liefern.


Rezensentin
Dr. Dagmar Brand
Bildungsforschung, Frauen- und Geschlechterforschung, Familienforschung, soziale Ungleichheit
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Zitiervorschlag
Dagmar Brand. Rezension vom 11.07.2019 zu: Angela Wernberger: Einelternfamilien im ländlichen Raum. Eine sozialisationstheoretische Perspektive auf die Praxis einer Lebensform. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3647-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23451.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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