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Leonhard Emmerling, Ines Kleesattel (Hrsg.): Politik der Kunst

Cover Leonhard Emmerling, Ines Kleesattel (Hrsg.): Politik der Kunst. über Möglichkeiten, das Ästhetische politisch zu denken. transcript (Bielefeld) 2017. 214 Seiten. ISBN 978-3-8376-3452-5. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der Sammelband besteht zu einem Großteil aus Beiträgen, die auf dem Symposium „Politik der Kunst. Über die Möglichkeiten, das Ästhetische politisch zu denken“ vorgestellt und diskutiert wurden. Dabei wird der Vielzahl der Begriffe nachgegangen, die nur zu oft ohne bestimmte Definition im Kontext der Kunsttheorien der Gegenwart gebraucht werden. Darunter fallen unter anderen Autonomie, Emanzipation, Instrumentalisierung, Kritik, Politik oder Schönheit.

Der Buchtitel fokussiert jedoch die politische Querschnittsdimension, da der ästhetische Raum mit den gesellschaftlichen Strukturen eng verknüpft und deshalb immer auch mit dem politischen Raum verbunden ist.

Aufbau und Inhalt

Zu Beginn seines Beitrags „Kunst, Politik und Peinlichkeit“ verweist Jörg Heiser darauf, dass Politik innerhalb von Kunst, seit der Aufklärung nicht ohne den Gegenpol Autonomie zu denken ist. Dabei betont er, dass die Dualität nur theoretisch aufrechterhalten werden kann, während konkrete Kunstprojekte immer beide Seiten in unterschiedlichen Abstufungen erkennen lassen. Das politische Potenzial von Kunst ist zwischen Zwang und Freiheit an Hand von Handlungsmacht zu erkennen. Davon sind weder KünstlerInnen noch das Publikum befreit. So endet Heiser mit einem Verweis auf die Kunstaktion „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ von Christoph Schlingensief, bei der er selbst eine peinliche Figur darstellt, die sich angreifbar macht. Und zwar deshalb, weil Schlingensief Rassismus, Hass und Gewalt thematisiert, jedoch aufgrund des Containers und den damit getätigten Praktiken selbst kein moralisch sauberer Held ist bzw. sein kann.

Alexander García Düttmann beschreibt in seinem Text „Die teilnahmslose Kunst“, wie sich künstlerische Projekte, die auf Partizipation und Selbstermächtigung pochen, die Reflexion der Teilnahme entpolitisiert. Die Besucherinnen und Besucher bringen das ihnen verfügbare Wissen mit, jedoch wird weder dieses in Frage gestellt noch ein Neues kreiert. In der Gegenwartskunst sei man bei Fragen zu Partizipation und Politik antwortfaul – dies macht er an einem Beispiel von Rimini Protokoll fest. „Dieser Taschenspielertrick besteht darin, dass man in dem Augenblick, in dem man nach der Kunst fragt, auf die Politik verwiesen, und in dem Augenblick, in dem man nach der Politik fragt, wiederum auf die Kunst verwiesen wird“ (40). Es reiche eben nicht in Kunstproduktionen auf die selbstermächtigende oder reflexive Dimensionen zu verweisen, da diese ins Leere führen. Das Verhältnis von Kunst und Politik müsse anders oder besser neu gedacht werden.

In „Dissensuelle Partizipation. Die Kunst des Scheiterns und die Stärke der Konfliktivität“ fokussiert die Autorin Sofia Bempeza Kunstproduktionen, die Streit und Dissens fördern. Im Sinne von Chantal Mouffe und Jacques Rancière versteht sie Dissens als demokratische Politik. An Hand des Beispiels „Ficus Golden Jubilee“ auf der vierten Athener Biennale zeigt Bempeza wie in den vielen verschiedenen Mini-Performances und -Formaten kritisch auf eine „relationale Ästhetik“ eingegangen wurde. Die partizipativen Projekte erzeugten viele Irritationen und werden von der Autorin als „Kunst des wirksamen Streitens und Scheiterns gegen einen generalisierenden Abgesang auf künstlerische Partizipationsansätze“ (63) verteidigt. Zuletzt fordert sie, Kunst stärker mit einem dissensuellen Denken zu begegnen.

Im Aufsatz „Autonomie auf Probe“ stellt sich Sabeth Buchmann die Frage, ob Improvisations- und Probetechniken als ein Ausdruck öffentlicher Neuverhandlungen von Autonomie und Partizipation verstanden werden könne. Trotz der schweren Zugänglichkeit zu Proben, findet Buchmann eine Reihe von Beispielen in der Malerei, aber auch im Film. Ausgehend von Marcel Duchamps Bild „Il faut qu´une porte soit à la fois ouverte et fermée“ thematisiert sie eine dramatisierte Rezeptionsästhetik. Durch die BürgerInnenauflehnung um 1760-70 entstand eine Infragestellung der Gattungshierarchie, die zu einer Verschmelzung von Autonomie und Partizipation führte. Bürgerliche Themen lassen sich mehr und mehr in der Kunst finden. Ebenso zeigt sich dies unter anderem auch in Rashid Masharawis Film Waiting aus dem Jahr 2002. Aus einer Castingshow wird ein inszeniertes Warten, das die SchauspielerInnen bis zum freiwilligen Verzicht auf ein mögliches Vorsprechen improvisieren lässt. Was ist nun das Schauspiel, warten zu spielen oder zu einfach warten?

Mit dem Begriff der Schönheit beschäftigt sich Christoph Menke in „Das Paradox der Fähigkeit und der Wert des Schönen“. In der Bestimmung des Schönen verortet er einen Kampfplatz, auf dem ästhetische Fragen Machtverhältnisse darlegen. Wie weit sind wir fähig, Schönheit zu bestimmen? Die Auseinandersetzung um die Bestimmung ist politisch. „Die Kunst ist also nicht politisch indem sie politische Inhalte oder politische Absichten hat. Sie ist politisch, indem sie – immer schon – Partei ergreift in dem Kampf um die Schönheit. Die Kunst ist politisch, indem sie ästhetisch ist.“ (100) Durch die gesellschaftliche Bestimmung des Schönen wird Kunst immer wieder gefordert sein, eben diese herauszufordern, zu verschieben und neu zu bestimmen.

Leonard Emmerling geht in seinem Beitrag „Zur Ohnmacht der Kunst“ der Schwäche von Kunst nach, die er gerne neu bewertet sehen würde. Menkes Thematisierung des Kant´schen Schönheitsbegriffs wird hier weitergeführt und das Nicht-Schöne diskutiert. Für eine politische Dimension der Kunst ist das Schöne ungenügend. Mit der Erkenntnis, dass das Gute, die Moral oder die Kunst selbst auch im Nicht-Schönen zu finden ist, wurde der Kunstbegriff erweitert, jedoch entstand dadurch keine entfesselnde Kunst, sondern die Vorstellung von sowohl ethischer als auch moralischer Wirkung von Kunst. Hier wird eine Parallele zu Düttmanns Taschenspielertrick erkennbar, wenn Emmerling schreibt: „Als Modellfall zeigt Kunst […] der Gesellschaft, wie sie sich ihrer selbst entzieht, indem sie dort, wo sie sich ganz ihrer selbst sicher sein will, sich selbst fiktionalisiert.“ (119) In den Vordergrund muss der stetige Zweifel rücken, der Gewissheiten in Frage stellt oder sogar auflöst.

Theodor W. Adorno und seine „Ästhetische Theorie“ steht im Zentrum des Beitrags „Adorno über das Glück an den Kunstwerken“ von Gabriele Geml. Darin streicht sie bei Adornos Schriften eine Apologie des sinnlichen Glücks heraus. Kunsterfahrungen seien nach ihm von sinnlichen Momenten geprägt. Das Glück taucht dann auf, wenn eine Erfahrung der Erhobenheit oder auch Erhabenheit gemacht wird. Die sich nicht vereinnahmende Kunst, wird im Moment des Glücks besonders deutlich, da sie nichts zu einem Erkenntnisgewinn oder einer Wissensproduktion beiträgt. Die Autorin verweist zudem noch auf die Einzigartigkeit der Kunsterfahrung, die durch keine Analyse ersetzt werden kann. Denn eine nachträgliche Betrachtung oder Analyse eines Augenblicks kann nicht den Moment der Glückserfahrung erzeugen.

Mit einem Verweis auf Hans-Georg Gadamers Text „Aktualität des Schönen“ findet Christoph Bartman in „Zur Politik des Schönen, heute“, anders als in den Beiträgen zuvor der Verweis auf Kant, zum Begriff des Schönen. Das Schöne begegne uns nach Gadamer im Spiel, Symbol und Fest. Allesamt Eigenschaften und Formen einer Kunst, die Bartman in Thomas Hirschhorns „Gramsci Monument“ vereint sieht. Im Jahr 2013 errichtete Hirschhorn mit vielen BewohnerInnen der Bronx, ebendort besagtes Monument; eine Kleinstadt in der alle BesucherInnen eingeladen sind mitzuwirken. Dem Künstler gehe es dabei nicht um politische Botschaften, sondern um eine Feier, zu der alle eingeladen sind. Für Hirschhorn sei das Kunstwerk „Gramsci Monument“ „reine Kunst“ und feiere nur die Form. Für Bartman findet man genau hier zum geforderten Schönen. Innerhalb der Feierlichkeiten, die sich über die Länge des Sommers hinzogen, nahmen Menschen teil, spielten und begegneten vielen Namen wie Gramsci, Alexander Kluge, Gilles Deleuze oder Heiner Müller. Das Kunstprojekt war „sicher eines der unzynischsten und hochgestimmtesten Ereignisse der neueren Gegenwartskunst, und zugleich eines der formvollendetsten.“ (156)

Kunst und Politik sollte man (auch) mit Richard Rorty, zumindest mit seinem Buch „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ denken. Dafür möchte zumindest Alexander Koch in „Solidarische Mobilmachung“ eine Lanze brechen. Über Kunst zu sprechen bedeutet in diesem Zusammenhang immer auch über Solidarität zu sprechen. Dafür sei ein leidenschaftliches Streiten notwendig, dass sich von Gewissheiten entsagt und als vorderstes Ziel die Verbreitung von solidarischen Fantasien im Auge hat. „Rorty fand, dass wir dabei weiterkommen, wenn wir eine gerechtere Welt in Worten und Bildern beschreiben, die für möglichst viele Menschen so ergreifend, anziehend und plausibel sind, dass diese sich eine weniger gerechte Welt nicht mehr vorstellen mögen und vielleicht nicht mehr vorstellen können, und entsprechend denken, handeln und sich organisieren.“ (165) So würden nach Koch neue Zwecke und Ziele gefunden und verfolgt werden können.

Zu Beginn des dritten Abschnitts „Kunsttheorie, Kunstgeschichte und Kunstkritik“ diskutiert Ines Kleesattel in „Kunst und Kritik“ Jacques Ranciéres Kunsttheorie. Dabei verweist sie darauf, dass Ästhetik und Politik gar nicht voneinander getrennt gesehen werden müssen, da „aisthesis“ Wahrnehmung bedeutet und nach Ranciére eine Neuaufteilung des Sinnlichen, also eine Veränderung der gegebenen genormten Wahrnehmungen, immer politisch ist. In diesem Zusammenhang egalisiert er auch einen hierarchischen Unterschied zwischen KünstlerInnen und Publikum. Kleesattel erinnert daran, dass während bei Ranciére die Möglichkeiten der Interpretation noch unbestimmt sind, Adorno schreibt, dass sich die konkreten Momente der Bedeutung in den Kunstwerken liegen und vom Publikum entdeckt werden können. „Konkret sind das Material und die geformte Gestalt des Kunstwerks; konkretisierbar ist außerdem die Stellung, die das Werk in der Welt und gegenüber der Welt einnimmt.“ (186f) Hier finde sich nach Adorno die Autonomie in der Heteronomie und eine notwendige Aktualisierung Ranciéres Überlegungen.

In seinem Beitrag „Zwischen Diffusionspathos und Quintessentialismus“ konstatiert Christian Janecke ein entfesseltes Uneins, wenn es um die Politik in Kunst geht. Theorien, die generell Kunst loben, da diese offen, diffus und verunsichernd zu sein scheint, können über die Kunstwerke nicht mehr aussagen als dass sie Kunst seien. Was in der Diskussion fehlt ist ein genaues Hinsehen auf das Kunstwerk selbst. „Wer von der letztgültigen Gestalt des Werkes absehend zurück in dessen verheißungsvolles Werden und zugleich voraus in das blicken will, was es mit uns anrichtet (oder wir mit ihm), der hat die Kunst aus dem Blick verloren, und mit ihr das Politische der Kunst.“ (198)

Holger Kube Ventura schreibt in „Gegen Kunsttheorie“, dass die Frage nach dem Politischen in der Kunst eine ständig wiederholte Frage der Moderne sei. In einer teilweise zusammenfassenden Diskussion des Symposiums „Politik der Kunst“ blickt er bis in die 1990er Jahre zurück und zeigt Parallelen und Differenzen zu heute auf. Besonders kritisch sieht er Besprechungen von Kunstwerken, die ihren Kontext nicht entsprechend würdigen: „Da sowohl Kunst als auch Politik stets kontextabhängig sind, kann das Politische von Kunst auf allgemeiner oder philosophischer Ebene nur behauptet werden.“ (205)

Diskussion und Fazit

Die zwölf Beiträge zu Politik der Kunst besprechen aktuelle Diskussionen über Kunstwerke und ihr Verhältnis zur Politik. Damit einher geht auch die Diskussion über Partizipation und Autonomie sowie Schönheit und Reflexion. Wann kommt durch wem welche Bedeutung zu Tage? Deutlich wird, wie im abschließenden Beitrag von Holger Kube Ventura, dass die Diskussion von Dichotomien unbefriedigend ist, da dadurch der spezielle Kontext eines Kunstwerkes oder Kunstfeldes zu wenig berücksichtigt wird. Zudem wird ins Feld geführt, dass die Diskussionen in diesem Band einem sowohl eurozentristischen als auch elitären Blick unterliegen und somit die Aufsätze nur ein Blickfeld oder eine Diskussion von vielen sein kann. Der hiermit diskutierte Diskurs muss sich vorerst also damit zufriedenstellen einen Überblick und eine Vertiefung von deutschsprachigen Kunstprojekten (mit ein paar aus dem europäischen Raum) zu geben. Der Kunsthistoriker und Programmbeauftragte der Akademie der Künste in Berlin Johannes Odenthal schreibt in seinem Vorwort, dass nun ein zweiter Schritt wünschenswert wäre. Nämlich „diese hier bewusst gewählte Engführung […] durch eine interkulturelle Perspektive aus Asien, Afrika, der Arabischen Welt und Lateinamerika zu öffnen.“ (9) Auch wenn diese Diskussion zum Teil in anderen Publikationen geführt wird, soll damit hier nicht die Qualität der Beiträge geschmälert werden. Man darf auf eine Folgetagung, einen -band hoffen.

Die Aufsätze leisten eine konzise Begriffsarbeit und tragen zu einer aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzung einiges an nachvollziehbarer Kritik bei. „Politik der Kunst“ vereint Positionen, die Kunsttheorien aber auch Kunstwerke in ihrer politischen Dimension prüfen und den imaginären Grenzen der Politik der Kunst nachgehen.


Rezensent
Andreas Hudelist
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Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 07.11.2017 zu: Leonhard Emmerling, Ines Kleesattel (Hrsg.): Politik der Kunst. über Möglichkeiten, das Ästhetische politisch zu denken. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3452-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23453.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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