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Michael Spieker, Krassimir Stojanov (Hrsg.): Bildungsphilosophie

Cover Michael Spieker, Krassimir Stojanov (Hrsg.): Bildungsphilosophie. Disziplin - Gegenstandsbereich - politische Bedeutung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. 362 Seiten. ISBN 978-3-8487-3169-5. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR.

Tutzinger Studien zur Politik, Band 9.
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Thema

Michael Spieker und Krassimir Stojanov haben als Herausgeber deutsch- und englischsprachige Aufsätze zu Grundbegriffen und Orientierungen von Bildungspolitik und pädagogischem Handeln zusammengetragen. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie ein umfassender, humanistischer Bildungsbegriff und damit der intrinsische Wert von Bildung (neu) konzipiert werden kann.

Herausgeber

Das Werk ist Teil der Reihe Tutzinger Studien zur Politik. Dieser Band 9 wurde herausgegeben von der Akademie für Politische Bildung Tutzing, vertreten durch Prof. Dr. Ursula Münch. Die Schriftenreihe reflektiert den Auftrag der Akademie, den in die demokratische Freiheit hinein gestellten Staatsbürger zu einem mitdenkenden, engagierten und mitgestaltenden Bewahrer der freiheitlich-demokratischen Ordnung und ihrer Prinzipien anzuleiten: Besonderes Augenmerk gilt den vielfältigen Herausforderungen für Politik und politische Bildung in Deutschland, den verschiedenen (europäischen) Staaten aber auch weltpolitischen Regionen in einer zunehmend globalisierten Welt. Die Tutzinger Studien sollen dabei mit wissenschaftlichem Anspruch, zugleich didaktisch fundiert und unter Maßgabe der Allgemeinverständlichkeit, Veränderungen in den politischen und gesellschaftlichen Ordnungen analysieren und hinterfragen sowie für einschlägige Reformideen sensibilisieren. Neben dem politisch wie politikwissenschaftlich interessierten Lesenden richten sich die Studien vor allem an die vielfältigen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der politischen Bildung. Sie sollen Bürgerinnen und Bürgern Einblicke und Wissen vermitteln und sie befähigen, politische Zusammenhänge nicht nur besser zu verstehen, sondern auch aktiv an der Mitgestaltung unserer Gesellschaft und politischer Ordnung teilzuhaben.

Aufbau

Der Band diskutiert Grundbegriffe und normative Orientierungen von Bildungspolitik und pädagogischem Handeln in drei Teilen:

  1. Der erste Teil widmet sich einer eigenen disziplinären Identitätsklärung der Bildungsphilosophie und ihrer Standortbestimmung zwischen allgemeiner Philosophie, diversen anderen philosophischen Teildisziplinen und den Bildungs- und Erziehungswissenschaften.
  2. Teil zwei verdeutlicht, mit welchen Themen und methodischen Zugängen sich bildungsphilosophische Erkundungen befassen. Dabei werden zentrale epistemologische und wissenschaftstheoretische Fragestellungen von Bildungsforschung und praktischer Pädagogik aufgegriffen sowie das bildungsphilosophische Gedankengut klassischer Autoren (Platon, Kant, Fichte, Hegel, Simmel, Schiller, Adorno, Brandom) rekonstruiert und auf gegenwärtige Fragen bezogen.
  3. Im dritten Teil finden sich Aufsätze zu aktuellen Fragestellungen von Bildungspolitik und politischer Bildung aus philosophischen Perspektiven.

Zu Teil 1

Der erste Teil untergliedert in sieben für sich stehende Aufsätze bezieht sich auf die disziplinäre Identität und eine Standortbestimmung von Bildungsphilosophie:

Harvey Siegel (Philosophie of Education and the Tyranny of Practice, S. 21-36) arbeitet in englischer Sprache die Prämissen der Bildungsphilosophie heraus, einerseits eingebettet in die Forschungsthemen und -standards der Mutterdisziplin Philosophie, andererseits sich mit mit konkreten Bildungs- und Erziehungsthematiken befassend. Siegel folgend gehe es bei Bildungsphilosophie weniger um das unmittelbare Lösen von Problemen. Vielmehr sei das Verstehen von Theorien, Politiken und Institutionen der Bildung ihre primäre Aufgabe. Ein zu starker Praxisbezug berge das Risiko, die Anbindung an philosophische Forschungsstandards zu verlieren und damit nutzlos für die Praxis zu werden.

Kai Horsthemke (Peeking through the Legs of Giants? Versuch einer Standortbestimmung der Bildungsphilosophie, S. 37-49) richtet ebenfalls den Blick auf das Verhältnis von (allgemeiner) Philosophie, Bildungsphilosophie und Bildungspraxis. Dabei wandelt er den Aphorismus von den Zwergen, die bei Riesen auf den Schultern stehen dahingehend ab, dass die Zwerge durch die Beine der Riesen blicken und so wichtige Details auf dem Boden der Bildungs- und Erziehungspraxis erkennen, die ansonsten verborgen blieben. So findet der Autor zugleich ein Bild für eine Standortbestimmung der Bildungsphilosophie. Diese sei gefordert, sich mit den komplexen und z.T. nicht kompatiblen Traditionslinien der Mutterdisziplin Philosophie auseinanderzusetzen und sich zugleich auf die praktischen Ebenen der Pädagogik und der Bildungspolitik zuzuwenden.

Krassimir Stojanov (Was kann Bildungsphilosophie leisten, S. 51-64) widmet sich systematisch der Frage nach der disziplinären Identität und dem Leistungsspektrum der Bildungsphilosophie. Der Autor verortet Bildungsphilosophie dabei als Teildisziplin der Philosophie und grenzt sie gegenüber der im deutschsprachigen Raum dominierenden Zuordnung zu den Erziehungswissenschaften bzw. der Allgemeinen Pädagogik ab. Die Verbindung zur Philosophie ermögliche eine angemessene Bearbeitung aktueller Themenbereiche, wie die Analyse der Grundbegriffe von Bildungsforschung und praktischer Pädagogik, Bearbeitung von bildungsbezogenen normativ-ethischen Fragestellungen, Klärung von epistemischen und erkenntnistheoretischen Problematiken der Bildungsforschung und des Unterrichtshandelns, die Darlegung des Bildungswertes von philosophischen Inhalten und Perspektiven selbst.

Ari Kivelä (Between Philosophie and Allgemeiner Pädagogik. Remarks on the Identity of Educational Philosophy. S. 65-78) zeigt in englischer Sprache positiv konnotierte Bezugslinien der Allgemeinen Pädagogik für die Bildungsphilosophie auf. Dabei verdeutlicht er, dass es der Allgemeinen Pädagogik gelänge, eine Sprache mit einer Begriffssystematik zu entwickeln, die konkrete pädagogische Problematiken und Wahlentscheidungen zu erfassen und einzuordnen vermag. Hingegen sei die Sprache der Bildungsphilosophie abstrakt. Jedoch erkennt der Autor an, dass der Gegenstandsbereich der Bildungsphilosophie wesentlich tiefergehend und zugleich breiter sei als das pädagogische Handeln. Dabei bezieht er sich auf Dieter Heinrich und arbeitet Bildung dabei als ständigen Versuch heraus, eine dynamische Balance zwischen Person-Sein in der Welt und vor-weltlicher Subjektivität zu finden.

Stefaan Cuyers (John White´s Radically Practical Conception of Educational Philosophy. On the Power and Limits of Philosophy of Education, S. 79-92) befasst sich in seinem englischsprachigen Aufsatz ebenfalls mit der disziplinären Identität der Bildungsphilosophie. Dabei setzt er sich mit unterschiedlichen pragmatischen Verständnissen von Bildungsphilosophie auseinander und blickt auf foundalistische, ideengeschichtliche, anwendungsphilosophische und begriffsanalytische Aspekte. Der Autor stellt, ausgehend von John Whites radikal-pragmatischem Blickwinkel, seine eigene Konzeption dar. Einerseits gehe es um eine zustimmende Anerkennung des pragmatischen Pluralismus der Bildungsphilosophie. Andererseits solle dem begriffsanalytischen Ansatz die Position eines primus inter pares zuteilwerden. Einschränkend merkt der Autor an, dass eine Begriffsanalyse allerdings nur sinnvoll sei, wenn diese der Klärung von zentralen bildungspolitischen und pädagogisch-praktischen Problematiken dienlich seien.

Fabian Geier (Über Bildungsphilosophie und die Grenzen philosophischer Disziplinen, S. 93-114) widmet sich dem vom ihm konstatierten Desiderat einer Auseinandersetzung mit disziplinären Einteilungen der Philosophie insgesamt und bezogen auf spezielle Fragestellungen. Die Legitimation einer Einteilung der Philosophie in unterschiedliche Disziplinen arbeitet der Autor als ungedeckt heraus, indem er die impliziten Ganzheitsansprüche unterschiedlicher Teildisziplinen analysiert. Das ungelöste Spannungsfeld von Teildisziplinen, die ein Ganzes zu sein beanspruchen, dieses zumindest voraussetzen bzw. die Relation zur Disziplin insgesamt offen lassen, beschreibt Geier als Unendlichkeit von Disziplinen.

Michael Rasche (Paideia und Pädagogik. Antike Perspektiven auf die moderne Pädagogik und ihren Wissenschaftscharakter, S. 115-128) richtet seinen Blick auf den wissenschaftlichen Charakter der Pädagogik. Er stellt dabei die These auf, dass die Rhetorik der Antike als Vorgängerin der modernen Pädagogik angesehen werden solle. Er erörtert seine Annahme, indem er die wissenschaftliche Relevanz der Rhetorik im antiken Kontext erörtert und dann Schlüsse daraus auf die Pädagogik als Wissenschaft zieht.

Zu Teil 2

Den zweiten Teil bilden zwölf eigenständige Aufsätze unter der Überschrift Bezugstraditionen und Gegenstandsbereiche von Bildungsphilosophie:

Michael Spiecker (Platons frühe Bildungsphilosophie, Überlegungen zu Platons Dialog Laches, S. 131-143) setzt sich mit der Philosophie Platons als erste ausgearbeitete Bildungsphilosophie auseinander. Ausgehend vom Dialog Laches zeigt er die Aktualität der sokratisch-platonischen Bildungsanstrengungen, die, abgrenzend von bürgerlich akzeptierten Fragen nach dem Nutzen, die Sache an sich ins Zentrum stellen. Der Philosoph frage zunächst nach Bewertungsmaßstäben, um dann die Seele des Menschen, die es zu bilden gelte, in den Blick zu nehmen.

Sebastian Schwenzfeuer („Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung.“, S. 145-158) stellt in seinem Beitrag Kants Begriff der Erziehung dar. Dabei erörtert er die auf den ersten Blick widersprüchliche Anforderung, Mensch zu werden durch Erziehung und zugleich bereits Mensch zu sein. Erziehung sei ein unabschließbarer Prozess, der nur in einem freiheitlichen Zusammenhang als Erziehungskunst realisiert werden könne.

Ludwig A. Pongratz (Unmögliche Möglichkeiten. Bildungsphilosophische Grenzgänge, S. 159-172) besinnt sich vor dem Hintergrund aktueller Reformdiskurse und damit einhergehender neoliberaler präformierter Umbauten des Bildungssystems auf die Erziehungsaufgabe in Kants Philosophie. Der Autor begründet auch für die Gegenwart die Gültigkeit des klassischen Bildungsverständnisses in dem Selbstbestimmung des Subjekts und die Eröffnung von Möglichkeitsräumen in einem unabschließbaren Prozess von Bildung im Zentrum stehen. Zugleich reflektiert er kritisch eine empirisch dominierte Bildungsforschung, die vorrangig im Dienste der Fiktion einer planmäßig erzeugbaren Bildung stehe und so einen weitreichenden politischen Einfluss ausübe.

Konstantinos Massmanidis (Fichtes Bildungsbegriff in den Reden an die deutsche Nation, S. 173-186) zeichnet die politisch-pädagogische Relevanz des Bildungsbegriffs von Fichte und Fichtes Werben für eine (Um)Gestaltung des Erziehungssystems als eine neue Form der Selbst-Bildung freier Individuen nach. Als Grundlagen dieser Neuformierung arbeitet er Liebe zur Sittlichkeit, geistige Tätigkeit, das Leben in Gemeinschaft, Religion als Erkenntnis sowie das Verhältnis von Bildung und reiner Erkenntnis heraus.

Theodora Penolidis (Hegels Bildungsbegriff, S. 187-202) zeigt in ihrem Aufsatz auf, dass Hegel Pädagogik zwar nicht systematisch darlege, aber seine Philosophie insgesamt bildungstheoretisch ausgerichtet sei. Dies begründet die Autorin dahingehend, dass Sich-Bilden und Selbstentwicklung als Grundprinzip von Hegels philosophischem Arbeiten identifiziert werden könne. Das Grundprinzip und seine pädagogische Relevanz macht sie anhand folgender Aspekte in Hegels Philosophie fest: Geist, Erziehung als Negation des Natürlichen, Sprache, Verhältnis von Zucht und Befreiung, Entfremdung und Entäußerung des Geistes und Arbeit.

Gaja von Sychowski (Performanz als Gegenstandsbereich von Bildungsphilosophie, S. 203-212) grenzt explizit Hegels Dialektik-Verständnis vom Begriff der Performanz, u.a. bei Butler und Hönigswald, ab. Die Autorin legt dar, dass so traditionelle pädagogische Antinomien, wie bspw. Freiheit und Zwang, neu gefasst werden können.

Annika Schlitte (Bildung und Kultur bei Georg Simmel, S. 213-227) nimmt eine Einordnung der schulpädagogischen Konzepte Simmels in den Gesamtzusammenhang seiner Kulturtheorie bzw. -philosophie vor. Die Autorin plädiert dafür, Simmel als einen Bildungsphilosophen und dessen Kulturverständnis als einen Bildungsprozess anzusehen. Sie hebt die Relevanz von Simmels Ausführungen zur Pluralität kultureller Deutungssysteme auch für aktuelle Bildungsprozesse und Bildungskontexte hervor.

Gerhard Stamer (Schillers „ästhetische Erziehung“. Gedanken zum Realitätsgehalt der Ästhetik, S. 229-241) fragt nach dem Stellenwert von Ästhetik indem er, ausgehend von der Position Adornos, vertiefend Schillers Gedanken zur Ästhetik reflektiert. Er führt den Antagonismus von Machtverhältnissen – sowie der damit einhergehenden Durchsetzung von abstraktem Vernunftsanspruch – und spielerischen Ausdrucksformen als Ausdruck lebendiger Vernunft aus und bezieht diese auf die Gegenwart.

Claudia Schumann (Was heißt Denken in der Pädagogik? S. 243-256) führt aus, dass nur eine Pluralität des Denkens in und über Pädagogik der Multidimensionalität von Bildungsprozessen gerecht würde. Die Autorin plädiert dafür, den Blick in der Pädagogik über ökonomische, psychologische und quantitativ-empirische Fragestellungen hinaus, gleichermaßen auch auf kognitive, moralische, soziale, politische und historische Aspekte zu richten. Der Autorin zufolge bedürfe ein enges Objektivitäts- und Rationalitätsverständnis in der Wissenschaft einer konstanten kritischen Hinterfragung.

Jan Derry (Can Inferentialism Contribute to Social Epistemology? S. 257-274) befasst sich in englischer Sprache damit, welchen Beitrag der Ansatz des Inferentialismus, wie insbesondere bei Brandom, zur Sozialen Epistemologie leisten kann. Dabei arbeitet er heraus, dass diese noch recht junge erkenntnistheoretische Richtung bisher nur unzureichend die sozialen Voraussetzungen und Mechanismen von Wissensproduktion und -erwerb abbilden würden.

Dennis C. Philips (Entering the Chambers of Horrors. Uses and Misuses of Epistemology in Education Discourses, S. 275-285) richtet seinen Aufsatz in englischer Sprache auf Beispiele eines Missbrauchs des Begriffs Epistemologie. Als Gemeinsamkeit der Negativbeispiele arbeitet der Autor heraus, dass die Differenzierung von Glauben und Wissen zu wenig Beachtung fände. Ungeprüfte und unbegründete kulturspezifische oder subjektiv-intuitive Glaubensüberzeugungen würden als Wissen tituliert werden und der Wissensbegriff an sich würde radikal-relativistisch verstanden werden. So kommt er zur These, dass den Vertreterinnen und Vertretern der Bildungsphilosophie eine pädagogische Aufgabe innerhalb der Bildungsforschung zukäme, um so Argumentationsdefizite aufzuzeigen und zu beheben.

René Torkler (Philosophiedidaktik und Bildungsphilosophie. Ein Vorschlag zur Verhältnisbestimmung, S. 287-301) richtet in seinem Beitrag den Blick auf das Verhältnis von Philosophiedidaktik und Bildungsphilosophie. Dabei geht der Autor davon aus, dass im Unterschied zu anderen Fachdidaktiken, die Philosophiedidaktik eine philosophische Reflexion von Unterricht und Bildungsprozessen mitumfasst. So fungiere sie zugleich auch als Bildungsphilosophie. Die bildungsphilosophische Reflexion äußere sich in der didaktischen Transformation somit der Nutzung der Bildungspotenziale zentraler philosophischer Methoden, wie u.a. Phänomenologie, Dialektik, Hermeneutik, Begriffsanalytik, Spekulation. Der Autor plädiert für eine Neuauslegung der aktuell dominierenden hermeneutischen Methode der Philosophiedidaktik als Dialog mit Traditionszusammenhängen.

Zu Teil 3

Der dritte Teil macht in fünf Aufsätzen philosophische Erkundung von Bildungspolitik und Politischer Bildung zum Thema:

Johannes Giesinger (Erziehung zum Menschen? Demokratische Legitimation und Bildungspolitik, S. 305-314) skizziert in seinem Aufsatz eine analytisch orientierte Strategie für die demokratische Legitimation von Bildungspolitik. Sein Fokus liegt darauf, dass als leitende Norm der Bildungspolitik weniger die Erziehung zum Menschen als vielmehr die Erziehung zu Staatsbürgerinnen und Staatbürgern gelten müsse. Wesentliches Merkmal eines neuhumanistischen, nicht-perfektionistischen Bildungsideals sei dabei die Befähigung zur politischen Partizipation und insbesondere die Befähigung zur Autonomie.

Kirsten Meyer (Neue bildungspolitische Debatten und alte philosophische Fragen. Der Beitrag der Bildungsphilosophie zu Bildungspolitik, S. 315-326) arbeitet heraus, welchen Beitrag Bildungsphilosophie zu aktuellen bildungspolitischen Debatten bezogen auf den Wert und gerechte Verteilung von Bildung leisten kann. Die Autorin reflektiert dafür die oftmals unscharf verwendeten Begriffe der Begabung, der Inklusion und der Chancengleichheit. Sie greift dabei auf empirische Befunde zurück und hinterfragt die aktuelle Bildungspolitik hinsichtlich ihrer normativen Relevanz.

Wolfgang Sander (Das Politische (in) der Bildung. Herausforderungen für Bildungstheorie und Fachdidaktik, S. 327-339) macht den Zusammenhang von Bildung und bildungstheoretischer Reflexion mit dem Politischen zum Thema. Er bezieht sich dabei auf Wilhelm von Humboldt, der das Ziel der Bildung – verstanden als Ausdruck des Begriffs von Menschheit in unserer Person – darin sieht, zu einer umfassenden Freisetzung der Potenziale aller Bürgerinnen und Bürger zu führen. Entsprechend seien Staats- und Erziehungskunst nur gemeinsam zu verfolgen. Der Autor identifiziert zudem zwei Grundmuster im Verhältnis von Bildungstheorie und Politik, die insbesondere für die Identifikation eines schulischen Kerncurriculums und für die allgemeine berufliche Bildung relevant seien: die Auflösung von Politik durch Bildung im eschatologischen Bildungsverständnis und die politikferne Bildungstheorie.

Christo Todorov (Wozu ist Civic Education gut? Zur Legitimation von Civic Education, S. 341-350) legt drei Legitimationsmodelle von Civic Education, verstanden als politische Bildung an öffentlichen Schulen in freiheitlich-demokratischen geordneten Staaten, dar: das Modell der Erziehung loyaler Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, den partizipatorischen Republikanismus nach William Galston und das Autonomiemodell nach Amy Gutmann in der Tradition der Kantschen Moralphilosophie. Dabei fokussiert der Autor die Fähigkeit zu kritischer Urteilskraft und die Befähigung, bestehende Vorstellungen von gutem Leben und guter Gesellschaftsordnung für dich selbst normativ zu klären.

Randall Curren (Global Civic Education, S. 351-360) setzt sich mit der Relevanz von Global Civic Education im Hinblick auf wechselseitige globale Abhängigkeitsverhältnisse und Herausforderungen, wie etwa dem Klimawandel, auseinander. Global Civic Education verankert, universitäre Curricula befähige Studierende, langfristige internationale Kooperationsbeziehungen eingehen zu können. Zudem könne sie für internationales politisches Handeln als Legitimationsgrundlage dienen. In Zukunft könnten so verantwortungsbewusste und idealerweise durch Global Civic Friendship verbundene Akteurinnen und Akteure innerhalb bestehender politischer Institutionen und vorrangig auch institutionsübergreifend den globalen Herausforderungen nachhaltig gemeinsam begegnen.

Diskussion

Das Buch bietet vielfältige Einblicke in die aktuellen Debatten und Diskurse der Bildungsphilosophie. Ein großer Vorzug zeigt sich darin, dass die Aufsätze ein breites Spektrum der aktuellen Diskurse und Kontroversen der Bildungsphilosophie abbilden und in der Auseinandersetzung von großer Tiefe sind.

Zugleich zeigt sich so auch insbesondere im ersten Teil des Bandes ein Dilemma der Bildungsphilosophie als Disziplin: Sie umfasst viele Zugänge. Die Aufsätze stehen inhaltlich einzeln für sich. Die Frage, nach einem gemeinsamen Nenner, auch bezogen auf eine Verortung in den Disziplinen Philosophie und den Erziehungswissenschaften bzw. Allgemeiner Pädagogik, bleibt offen und wird in Darstellungen des Neben- und Miteinanders beantwortet.

Das Buch bietet im zweiten Teil bezogen auf klassische philosophische Arbeiten zu Bildung und Erziehung einen guten Überblick über die aktuellen fachlichen Debatten und lässt sich als einen wichtigen Beitrag zur fachlichen Selbstvergewisserung der Bildungsphilosophie deuten.

Der quantitative Schwerpunkt der Beiträge liegt auf der disziplinären Standortbestimmung sowie auf Bezugstraditionen und Gegenstandsbereichen der Bildungsphilosophie. Die Kontroversen und fachlich relevanten Suchbewegungen der Bildungsphilosophie werden so plastisch und nachvollziehbar.

Das dritte Kapitel zeigt politische Dimensionen der Bildungsphilosophie auf. Hier wird die konkrete Relevanz des bildungsphilosophischen Diskurses besonders deutlich. Wenngleich fünf Aufsätze eine angemessene Gewichtung des Themenkomplexes sind, wecken diese Darstellungen durchaus das Interesse für mehr konkrete bildungspolitische Ansatzpunkte bzw. Perspektiven der politischen Bildung bildungsphilosophischer Fragen.

Fazit

Der vorliegende Band in Herausgeberschaft von Michael Spieker und Krassimir Stojanov zeigt sich als anspruchsvolles Buch, das der vollen Aufmerksamkeit der Lesenden bedarf. Dies ist einerseits dem hohen Anspruch der thematischen Verbindung zwischen der Mutterdisziplin Philosophie und den konkreten Bildungs- und Erziehungsthematiken geschuldet. Andererseits setzt sich das Buch aus sprachlich sehr differenzierten deutsch- und englischsprachigen Texten zusammen. Die fachliche Tiefe lässt die Maßgabe der Tutzinger Studien einer Allgemeinverständlichkeit etwas in den Hintergrund treten. Bspw. ist das Verständnis der stilistisch in vielen Beiträgen vorkommenden langen, komplexen Sätze z.T. durchaus anspruchsvoll. So wirft sich ein wenig die Frage auf, an wen das Buch über die mit Bildungsphilosophie befassten Kreise hinaus adressiert ist. Zugegebenermaßen ist es eine wirklich große Herausforderung, relevante fachliche Auseinandersetzungen allgemeinverständlich aufzubereiten.

Abschließend lässt sich das Buch als einen gelungenen Einblick in die aktuellen Diskurse und auch Kontroversen der Bildungsphilosophie und somit als sehr lesenswert bewerten.


Rezensentin
Dr. Nicole Ermel
Autorin und freie Fach- und Organisationsberaterin im Bildungsbereich und in der Sozialen Arbeit
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Zitiervorschlag
Nicole Ermel. Rezension vom 17.01.2018 zu: Michael Spieker, Krassimir Stojanov (Hrsg.): Bildungsphilosophie. Disziplin - Gegenstandsbereich - politische Bedeutung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. ISBN 978-3-8487-3169-5. Tutzinger Studien zur Politik, Band 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23461.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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