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Ines Seiter: Holocausterinnerung im Museum

Cover Ines Seiter: Holocausterinnerung im Museum. Zur Vermittlung zivilreligiöser Werte in nationalen Erinnerungskulturen im Vergleich. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. 409 Seiten. ISBN 978-3-8487-4428-2. D: 79,00 EUR, A: 81,30 EUR.
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Thema

Der gesellschaftliche Umgang mit dem Holocaust hat sich im Zuge der Globalisierung in den letzten 20 Jahren von einem stark national gerahmten Gegenstand zu einem transnationalen Topos entwickelt. Der Holocaust gilt mittlerweile als globaler Referenzpunkt, an dem alle anderen vergangenen und zukünftigen Völkermorde gemessen werden. Der Anspruch in diesem Zusammenhang, universell geltende zivilreligiöse Werte wie z.B. die Menschenrechte als Vermittlungsgegenstand in Dauerausstellungen zum Holocaust zu integrieren, ist für die meisten Museen und Gedenkstätten eine enorme Herausforderung. Dabei stellt sich oft die Frage, wie stark die postulierten transnationalen Botschaften der Menschenrechte, Toleranz und Demokratie von nationalstaatlichen Interessen und erinnerungskulturellen Deutungen beeinflusst sind.

Das Werk von Ines Seiter stellt die sehr interessante Frage nach den Vermittlungsstrategien in der Gestaltung unterschiedlicher nationalstaatlicher Museen zur Holocausterinnerung. Hierzu analysiert sie fünf Dauerausstellungen von herausragenden Museen (United States Holocaust Memorial Museum, Yad Vashem, Topographie des Terrors, Anne-Frank-Haus, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau) in fünf Ländern (USA, Israel, Deutschland, Niederlande, Polen) unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung der Erinnerungskulturen dort.

Autorin

Ines Seiter wurde mit dem vorliegenden Band an der LMU München im Fachbereich Religionswissenschaften promoviert. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen die Geschichte und religiöse Tradition des Judentums, Erinnerungskultur und interkulturelle Kommunikation.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen Teil und fünf „empirischen“ Teilen, in denen die ausgewählten nationalen Erinnerungskulturen beschrieben und erläutert werden. Es folgt dann ein Vergleich der nationalen Erinnerungskulturen. Die Arbeit endet mit der Schlussbetrachtung.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zum theoretischen Teil

Im ersten Kapitel beschreibt die Autorin den wissenschaftlichen Rahmen ihrer Analyse. Seiter möchte ihre Studie als eine Arbeit aus einer religionswissenschaftlichen Perspektive mit einem kulturwissenschaftlichen Zugang verstanden wissen (S. 14). Insofern bilden kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorien einen wesentlichen theoretischen Strang ihrer Perspektive. Erinnerungskulturen sind demnach sozial konstruiert und dienen dem Zusammenhalt von Erinnerungsgemeinschaften, die sich über geteilte Erfahrungsräume sowie gemeinsame Wertvorstellungen definieren und legitimieren.

Im weiteren Verlauf des Theorieteils erläutert Seiter ihre religionswissenschaftliche Perspektive. So lassen sich die geteilten Wertvorstellungen einer Gesellschaft unter den Begriff der Zivilreligion fassen. Zivilreligion versteht die Autorin als ein konfessionsfreies Kommunikations-, Deutungs- und Symbolsystem. Das System der Zivilreligion beinhaltet Wertvorstellungen, die aus juristischen Fakten generiert werden und es dient vor allem zur Legitimierung von Staaten und Gesellschaften. Neben den Menschenrechten lassen sich Toleranz, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, Solidarität, Verantwortung, Freiheit und Demokratie unter den Begriff der Zivilreligion subsumieren.

Ein weiterer Strang, den Ines Seiter ausarbeitet, ist der raumtheoretische Bezug ihrer Arbeit. Dabei rekurriert sie auf Raumtheorien von Lefebvre, Harvey, Nora und Foucault. Museen sind infolgedessen nicht nur als physisch erfassbare, sondern auch als relationale, symbolisch aufgeladene Räume zu verstehen. Demnach sind die für ihre Analyse ausgewählten Museen und die damit verbundenen Ausstellungen nicht angemessen zu beurteilen, ohne ihren historischen Entstehungskontext zu betrachten. Der historische Kontext, in dem die Museen entstanden sind, die Auswahl des Ortes im Stadtbild und auch die Verortung der analysierten Dauerausstellungen geben Aufschluss darüber, welche zentralen Narrative, historischen Deutungen und zivilreligiösen Werte in die Vermittlung der Holocausterinnerung einfließen bzw. sich im Museum als Erinnerungsort manifestieren.

Abschließend beschreibt die Autorin in einem weiteren Schritt die museumswissenschaftlichen Bezüge ihrer Studie. Museen stellen institutionelle Formen des kulturellen Gedächtnisses einer Gesellschaft dar. Im musealen Kontext werden in der Verbindung mit raumtheoretischen Ansätzen bei der Wahl des Bauplatzes, der Architektur, der „Führung“ der BesucherInnen durch die Ausstellung wie auch durch die Auswahl der Exponate und Inhalte sowohl geschichtliche Fakten vermittelt als auch eine affektive Annährung zur Holocausterinnerung versucht. Damit erfolgt auch die zivilreligiöse Interpretation und Bewertung der historischen Ereignisse, nämlich den Holocaust als Zivilisationsbruch sich nicht wiederholen zu lassen (S. 61).

Zu den empirischen Kapiteln

Die folgenden fünf „empirischen“ Kapitel folgen einer sehr klaren und verständlichen Logik: Sie gliedern sich jeweils in einen Teil A, der sich der historischen Entwicklung der Erinnerungskulturen der jeweiligen analysierten Länder von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart widmet. Darauf folgt jeweils ein Teil B, der sich mit der musealen Repräsentation der ausgewählten nationalstaatlichen Museen beschäftigt. Dieser Teil gliedert sich wiederum in weitere thematische Aspekte auf:

  1. die Geschichte und relative Lage
  2. Allgemeine Daten
  3. Wertevermittlung
    1. Architektur
    2. Authentizität und Raumrepräsentationen
    3. Zeitzeugen
    4. Zivilreligiöse Werte.

Im zweiten Kapitel zur Holocausterinnerung in den USA zeigt Seiter auf, dass insbesondere in den Nachkriegsjahren die Erinnerung an den Holocaust für die amerikanische nicht-jüdische Bevölkerung kaum eine Rolle spielte. Die Holocausterinnerung wurde von der Erinnerung an die Atombombenabwürfe auf Nagasaki und Hiroshima überlagert. Für die amerikanischen Juden blieb bis in die 1960er Jahre hinein die Erfahrung mit der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden ein unausgesprochenes Trauma. Erst mit der medialen Bearbeitung des Themas, Seiter nennt hier z.B. die Fernsehübertragung des Eichmann-Prozesses, das Theaterstück zum Tagebuch der Anne Frank und die TV-Serie Holocaust, findet der Holocaust Eingang in die Erinnerungskultur der USA. Die Amerikanisierung des Holocaust nimmt so in den 1960er und 1970er Jahren ihren Anfang und findet ihren Höhepunkt spätestens mit dem Kinofilm Schindlers Liste in den 1990er Jahren. In diesem Zeitraum entwickelt sich der Holocaust zu einem Referenzpunkt für das universelle Böse. Der zivilreligiöse Wert, der diesem Bösen entgegensteht sind die Menschenrechte und das politische System der Demokratie. Dies hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Das United States Memorial Museum nimmt in seiner Form als institutioneller Träger der Holocausterinnerung seine erinnerungspolitische Aufgabe war, insbesondere universelle Wertebotschaften aus den Ereignissen des Holocaust zu vermitteln. Dies macht es mit einer intendierten Narration, die die universelle Bedeutung des Holocaust herausstellt und in den amerikanischen Wertekanon integriert.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Holocausterinnerung in Israel. Der Holocaust spielt und spielte in der israelischen Erinnerungskultur eine gewichtige Rolle für die Identität der Menschen in Israel. Allerdings wurde bis in die 1960er Jahre hinein die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden kaum thematisiert. Dies änderte sich ähnlich wie in den USA mit dem Eichmann-Prozess. Seit dem Sechs-Tage-Krieg (1967) und spätestens im Zuge des ersten Libanonkrieges (1982) lässt sich eine zunehmende politische Instrumentalisierung der Holocausterinnerung beobachten. In der Gegenwart wird mittlerweile diese Instrumentalisierung von großen Teilen der Bevölkerung kritisiert und damit verbundene rituelle Gedenkformen in Frage gestellt.

Die Gedenkstätte Yad Vashem fokussiert in ihrer Ausstellungskonzeption den Kampf gegen den Antisemitismus und verknüpft diese Thematik mit Wertvorstellungen, die stärker zur Legitimation des israelischen Staates und die Verteidigung des Existenzrechtes Israels gegenüber den arabischen Staaten beitragen. Bei der Wertevermittlung begegnet den BesucherInnen ein historisch korrektes Narrativ, das sich aus vielen individuellen Biografien von jüdischen Opfern und Überlebenden zusammensetzt. Werte wie Heldentum, Tapferkeit und der Treue zum jüdischen Glauben und zur jüdischen Tradition werden aus einer eindeutig jüdischen Perspektive vermittelt. Diese doch vereinfachende Erzählung der Geschichte des Holocaust geht auf Kosten eines doch recht komplexen historischen Kontextes, der in dieser Repräsentation nur wenig Platz hat. Eine Darstellung der Täterperspektive findet hier nicht statt.

Dies stellt sich im vierten Kapitel, das sich mit der Holocausterinnerung in Deutschland beschäftigt, ganz anders dar. Die Dauerausstellung im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin fokussiert fast ausschließlich die Täterperspektive im Kontext des Holocaust. Hier sind es vor allem die institutionellen und gesellschaftlichen Strukturen des Nationalsozialismus, durch die die BesucherInnen geleitet werden. Über die Arbeit mit TäterInnen-Biografien soll der Einblick in die Motivation und die gesellschaftlichen Bedingungen gelingen, die den Holocaust erst möglich gemacht haben. Über eine eher distanzierte, kritische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocaust und der damit verbundenen Schuld der deutschen Gesellschaft wird ein Raum eröffnet, Lehren aus der Geschichte für das eigene moralische Verhalten zu ziehen. Das museale Narrativ gibt keine Lehren vor und setzt nicht auf eine emotionale Darstellung. Dies gibt allerdings, wie die Autorin darlegt, wenig Raum für transnationale Anknüpfungspunkte.

Im fünften Kapitel zur Holocausterinnerung in den Niederlanden zeigt Ines Seiter sehr eindringlich, wie sehr doch die Erinnerungskultur in den Niederlanden geprägt war von der Auseinandersetzung mit der deutschen Besatzungszeit. Das niederländische Selbstverständnis ist getragen von einem ambivalenten Spannungsverhältnis zwischen der Vorstellung, ein traditionelles Zufluchtsland zu sein sowie eben nicht mit den deutschen Besatzern kollaboriert zu haben und der Tatsache, dass trotzdem der größte Teil der jüdischen Bevölkerung aus den Niederlanden von den Nationalsozialisten deportiert werden konnte. Diese Dichotomie zwischen Zuflucht gewähren und Verrat zeigt sich gerade in der Geschichte um Anne Frank und ihren Tagebuchaufzeichnungen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass nicht nur die Geschichte der Anne Frank vielleicht der Kulminationspunkt im Kulturellen Gedächtnis der Niederlande geworden ist, sondern dass auch das Anne-Frank-Haus in Amsterdam einen zentralen Erinnerungsort zum Holocaust in den Niederlanden darstellt. Die Vermittlung zivilreligiöser Werte erfolgt eher in indirekter Weise über die Authentizität des Ortes und zahlreiche medial aufbereitete Tagebuchzitate, die viel Raum lassen für die Interpretationen und Deutungen der meist internationalen BesucherInnen. Das Narrativ dieses Museums am authentischen Ort arbeitet mit den vielen Bildern im Kopf, die die BesucherInnen aus der Beschäftigung mit dem Tagebuch der Anne Frank oder aus Verfilmungen des Lebens der Anne Frank in das Museum mitbringen. Die Ausstellung bearbeitet nicht den Tod, sondern das Leben der Anne Frank.

Die Holocausterinnerung in Polen, mit der sich die Autorin im sechsten Kapitel auseinandersetzt, ist geprägt von drei Einflussfaktoren. Erstens ist die Erinnerung an die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges beeinflusst von der jahrzehntelangen sowjetischen Deutung der Kriegserlebnisse. Zweitens war Polen Ort zentraler Vernichtungslager und die polnische Bevölkerung Zeuge des Holocaust, was ein kollektives Trauma auslöste. Drittens waren die Polen Opfer deutscher Besatzungspolitik. Diese Gemengelage führte dazu, dass der Holocaust und der Zweite Weltkrieg insbesondere von politischer Seite immer wieder als Ausgangs- und Anknüpfungspunkt für die Rekonstruktion polnischer Identität funktionalisiert wurde. Mit der Existenz des globalen Symbols für den Holocaust, dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, ist und bleibt das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau die zentrale Institution des Holocaustgedenkens in Polen. Zivilreligiöse Werte werden nicht direkt über die Ausstellungkonzeption vermittelt. Sie lassen sich praktisch indirekt über die Gestaltung des Raumes und über die spürbar greifbare Authentizität des Ortes erfahren. Die Aura des Leidens der Opfer weht die BesucherInnen regelrecht an. Seiters arbeitet sehr klar heraus, dass aufgrund der sehr komplexen Erinnerungskultur in Polen die BesucherInnen in Auschwitz letztlich mit zwei konkurrierenden und aufeinander bezogenen Erinnerungsnarrativen konfrontiert werden. Auf der einen Seite mit dem polnischen Opfergedächtnis, im Rahmen dessen der Holocaust einen Teil der polnischen Martyrien bildet. Auf der anderen Seite stellt Auschwitz für das jüdische Opfergedächtnis praktisch eine negative Apotheose jüdischer Geschichte dar. Beides führt zu einer starken Fokussierung auf die Opferperspektive, sodass die TäterInnen, also die verantwortlichen Nationalsozialisten, fast völlig ausgeblendet werden.

Im siebten Kapitel stellt Seiters einen Vergleich der nationalen Erinnerungskulturen an. Hierbei kommt sie zu dem Schluss, dass die Holocaustdiskurse, wie es Levy und Sznaider in ihrer Studie „Erinnerung im globalen Zeitalter“ (2001) [1] schon formuliert hatten, in unterschiedliche Phasen einteilen lassen:

  1. Die Nachkriegsjahre, die in allen fünf untersuchen Staaten geprägt waren von dem Versuch des Neuanfangs und dem Gedenken an die Widerstandshandlungen der eigenen Bevölkerung. Das Gedenken an die jüdischen Opfer des Holocaust hatte in diesem Kontext nur wenig Platz.
  2. Dies änderte sich in den 1960er und 1970er Jahren als es in diesem Zeitraum zum ersten Mal dazu kam, dass die jüngere Generation, die den Zweiten Weltkrieg selbst nicht mehr miterlebt hatte, danach fragte, wie es trotz des angeblich massiven Widerstands es zu einem solchen Menschheitsverbrechen kommen konnte.
  3. Im Zuge der 1980er Jahre setzte ein Prozess der Universalisierung der Holocausterinnerung ein, die vor allem durch international verbreitete mediale Auseinandersetzungen (Dokumentation Shoah, Schindlers Liste) mit dem Holocaust befördert wurde.

Letztlich stellt die Autorin fest, dass trotz aller Universalisierungsprozesse und Bemühungen, eine globale Zusammenarbeit für eine gemeinsame Holocausterinnerung zu gestalten, lokale wie auch nationale Erinnerungskulturen aufgrund ihrer identitätsstiftenden Funktion sich nie ganz transnationalisieren werden lassen (S. 367).

In der Schlussbetrachtung fokussiert Ines Seiter stärker die musealen Repräsentationen des Holocaust in den analysierten fünf Ländern. Grundsätzlich kommt die Autorin zu dem Schluss, dass alle analysierten Museen als Träger und Verwalter externer Fixierungen von kommunikativem und kulturellem Gedächtnis sowohl zu einer fortwährenden, wissenschaftlich fundierten Weitergabe der geschichtlichen Fakten als auch zu emotionalen Erzählungen des Holocaust beitragen (S. 375). Dabei sind es vor allem das Anne-Frank-Haus, das United States Holocaust Memorial Museum und Yad Vashem mit ihrer stärker emotionalen Vermittlung, die viele transnationale Anknüpfungspunkte für ihre BesucherInnen bieten. Zudem sind alle Museen mittlerweile keine ausschließlichen Orte der Trauer mehr, sondern stellen für die vielen internationalen BesucherInnen eine Art Touristenattraktion dar. Wie sehr hierbei zivilreligiöse Werte tatsächlich nachhaltig weitergegeben werden, ist für die Autorin daher schwer einzuschätzen. Letztlich gilt für alle untersuchten Dauerausstellungen, dass zivilreligiöse Werte selten direkt angesprochen werden, sondern diese so etwas wie intendierte Botschaften darstellen, die sich über die Exponate und Erzählungen herauslesen lassen. Was aber als zivilreligiöser Wert tatsächlich in welcher Form oder Interpretation bei den RezipientInnen ankommt, bleibt offen.

Diskussion und Fazit

Die Studie von Ines Seiter leistet einen wichtigen Beitrag zur Frage der Manifestation kosmopolitischer Erinnerungskulturen in nationalstaatlichen Museen zur Holocausterinnerung. Sie gibt einen sehr guten Einblick darin, wie sehr doch die Erinnerungsnarrative zum Holocaust und ihre Darstellung im musealen Kontext beeinflusst sind von den erinnerungskulturellen Debatten in den jeweiligen Ländern ihrer Entstehung. Die Narrative zum Holocaust haben sich gewandelt. Dieser Wandel ist zugleich Ausdruck für die Dynamik des kulturellen Gedächtnisses einer Gesellschaft im Kontext der Holocausterinnerung.

Der vorliegende Band reiht sich in die noch wenig vorhandenen international vergleichenden Studien zur Holocausterinnerung im Museum ein. Solche Forschungsdesigns sind doch immer wieder sehr komplex und reiseintensiv und daher eher selten von einzelnen ForscherInnen umzusetzen. Die Darstellung und der Vergleich nationaler Erinnerungskulturen in den ausgewählten Ländern (hier vor allem USA, Israel, Deutschland) ist im Prinzip allerdings nicht so neu und innovativ. [2] Gerade in Bezug auf die These der Universalisierung der Holocausterinnerung und der daraus sich weltweit verbreitenden kosmopolitischen Erinnerungskulturen wäre es vielleicht fruchtbarer gewesen, auch Museen in den Blick zu nehmen, die sich eben nicht in Ländern befinden, die zu der direkten Opfergruppe des Holocaust gehören. Zu nennen wären hier z.B. das Durban Holocaust Centre und das Cape Town Holocaust Centre in Südafrika, das Holocaust Bildungszentrum Fukuyama in Japan oder auch das Holocaust Museum Buenos Aires in Argentinien.

Die vergleichende Analyse der Dauerausstelllungen und ihre Repräsentation zivilreligiöser Werte stellt allerdings schon einen neuen Zugang zur Holocausterinnerung und den damit verbundenen intendierten Werten dar, die über Ausstellungen in Museen vermittelt werden sollen. Herausragend sind dabei die detaillierten Beschreibungen der Raumpräsentationen, die ein tiefen und sehr interessanten Einblick geben in das strategische Arrangement von Erinnerungsräumen der ausgewählten Museen.

Der Raumtheoretische Bezug kommt in der Arbeit leider noch etwas zu kurz. Dies betrifft weniger den physisch-architektonischen Raum, sondern eher den sozialen-relationalen Raum. In diesem Zusammenhang wäre die spannende Frage nach der Wahrnehmung der den Ausstellungen und Exponaten intendierten zivilreligiösen Werten durch die RezipientInnen zu formulieren. So bleibt leider die Rekonstruktion der Transformation zivilreligiöser Werte über die museale Vermittlung in gesellschaftliches Handeln weiterhin ein Forschungsdesiderat.

Nichts desto trotz regt die Arbeit von Seiter an, genau diese Frage zu verfolgen.


[1] Levy, Daniel/Sznaider, Natan (2001): Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[2] Zu nennen wären hier z.B. Matthias Hass (2002): Gestaltetes Gedenken. Yad Vashem, das U.S. Holocaust Memorial Museum und die Stiftung Topographie des Terrors. Frankfurt – New York und Katja Köhr (2012): Die vielen Gesichter des Holocaust. Museale Repräsentationen zwischen Individualisierung, Universalisierung und Nationalisierung. Göttingen.


Rezensent
Dr. Bünyamin Werker
Erziehungswissenschaftler, Studienleiter an der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW, Lehrbeauftragter für Themen der Historischen Bildungsforschung, Erinnerungskultur und Ästhetischen Bildung an der TU Dortmund
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Zitiervorschlag
Bünyamin Werker. Rezension vom 03.07.2018 zu: Ines Seiter: Holocausterinnerung im Museum. Zur Vermittlung zivilreligiöser Werte in nationalen Erinnerungskulturen im Vergleich. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. ISBN 978-3-8487-4428-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23462.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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ISSN 2190-9245

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