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Christian Zippel (Hrsg.): Älter werden - älter sein

Cover Christian Zippel (Hrsg.): Älter werden - älter sein. Ein Ratgeber. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2017. 512 Seiten. ISBN 978-3-86321-345-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Das ganze bunte Leben bekommt im Alter besondere Schattierungen, ohne freilich seine Farbenvielfalt zu verlieren. Sich da zu Recht zu finden, ist nicht einfach. Zumal jüngst neue Töne hinzu kommen: Im Rentenalter noch erwerbstätig bleiben, Alter und Migration, Sexualität im Alter, Technische Hilfen und AusländerInnen als Pflegehilfe-Suchende wie zuwandernde Hilfe-Leistende. Christian Zippel und Andreas Hoff legen für alle sich neu ergebenden Alters-Situationen eine breite, praxisnahe Aufsatzsammlung zur schnellen Übersicht in neue Gegebenheiten in den Altersjahren vor.

Herausgeber

Prof. Dr. med. Christian Zippel ist Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie, leitete Kliniken und lehrte langjährig an der Berliner Humboldt-Universität und an der Alice-Salomon-Hochschule.

Prof. Ph. D. Diplom-Soziologe Andreas Hoff lehrt Gerontologie an der Hochschule Zittau-Görlitz, leitet dort das Forschungsinstitut „Gesundheit, Altern und Technik“ sowie den berufsbegleitenden Master-Studiengang Soziale Gerontologie und arbeitet im Beirat zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf beim Bundesfamilienministerium.

Aufbau und Inhalt

Die 26 Kapitel des Buchs „Älter werden. Älter sein. Ein Ratgeber“ sind in die folgenden drei Abschnitte gegliedert:

  1. Dem Alter positive Seiten abgewinnen;
  2. Herausforderungen bedenken und ihnen begegnen;
  3. Unterstützung bei Krankheit, Behinderung und Pflege.

Unter den positiven Momenten wird nach der möglichen künftigen Altersarmut gefragt. Diese deutet sich nach Heinz Stapf-Finé nach seiner Zusammenschau von Grundsicherung, Sozialhilfe, Rente und Pflegeleistungen bereits heute an. Die komplexe Situation verstärkt sich noch bei Weiterarbeit der Rentenbezieher, wie Wolfgang Büser erläutert. Susanne Tyll beleuchtet unterschiedliche Wohnformen und Wohnhilfe unter der Fragestellung, was für wen infrage kommt. Die Gefährdung des Autofahrens im Alter bei nachlassender Fahrtüchtigkeit nimmt Volker Dittmann zum Anlass eines Appells an die Einsichtsfähigkeit, das Autofahren im Alter zu beschränken. Dem Thema Sexualität widmet sich Christian Zippel mit gebotener Sensibilität, Toleranz und Offenheit für Verhaltens-Varianten.

Im Abschnitt neue Herausforderungen schildert Christian Dornis die Modalitäten der Einrichtung einer Betreuung mit der Maßgabe, die Willensbildung der Betreuten zu ermöglichen und nicht zu übergehen. Ähnliche persönliche Willensfreiheiten sind auch bei Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen von den Bevollmächtigten und den Vertrauenspersonen zu respektieren, wie Alexandra Gerken und Christian Zippel darlegen. Das Kapitel über Suizidalität von Christian Zippel gibt erfreulich direkte (Gesprächs-)Hilfestellungen. Die Kapitel zu Hilfsmitteln, technischer Unterstützung, Sozialrechtsbestimmungen und Rehabilitation zeigen die Komplexität des träger-gegliederten deutschen Sozialrechts auf. Technische Assistenzsysteme erleichtern mittels Erinnerung, Mobilisierung, Kommunikation und Roboting den Alltag behinderter alter Menschen, wobei Beratung möglich ist über Pflegestützpunkte, Wohnraumanpassungsgespräche, Technikinformation und Seniorenbeauftragte. Für Hilfe bei Demenz wird von Christian Zippel und Birgitta Neumann auf eine Vielfalt an Beistands-Agenturen haupt- und ehrenamtlicher Helfer verwiesen.

Im dritten Abschnitt von „Älter werden. Älter sein. Ein Ratgeber“ zur Unterstützung bei Krankheit, Behinderung und Pflege schildern Christian Zippel und Norbert Lübke zunächst das sich in Deutschland derzeit verdichtende Netz an ambulanten, teilstationären und stationären Einrichtungen der Altersgeriatrie und dokumentieren dessen belegte Erfolge, wenn somatische und soziale Faktoren in Wechselwirkung gesehen und berücksichtigt werden. Die 2008 eingeführten Pflegestützpunkte werden von Andrea Diszun und Monika Kunisch an den Beispielen der Länder Berlin und Rheinland-Pfalz geschildert, die bereits zuvor schon sozialarbeitliche Beratungsstellen eingeführt hatten. Die Angehörigenpflege durch ArbeitnehmerInnen erfordert Arrangements zwischen Arbeitsplatz und Pflegehaushalt, die Andreas Hoff und Katja Knauthe erläutern; danach sind möglich Arbeitszeitreduzierung, Heimarbeit, Sonderurlaub und/oder Pflegezeiten. Den Übergang von den seitherigen Pflegestufen zu den Pflegegraden nach dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff im Pflegeversicherungsgesetz berücksichtigt Christine Schmidt-Statzkowski in ihrer Darstellung des Pflegeversicherungsrechts. Thomas Meissner sieht in den ambulanten Pflegediensten und Sozialstationen ein Gewebe aus Beratung, Grund- und Behandlungspflege sowie der Kommunikation darüber zwischen Kranken, Hilfebedürftigen, ihren Angehörigen und Nahestehenden und den Helfenden. Die Heimsituation beleuchtet Christine Schmidt-Statzkowski differenziert, ohne in pauschale Heimkritik zu verfallen, und führt in die Kostenaufbringung ein durch Sozialleistungsträger, Heimbewohner und deren Angehörige. Für den Einsatz ausländischer Betreuungskräfte im Haushalt der Hilfebedürftigen schildert Benedikt Zacher das meist über eine Agentur laufende Entsende- sowie das Selbstständigen-Modell.

Diskussion

Das mit über 500 Seiten umfangreiche, für die Einzelfragen aber kurz und knapp gehaltene Buch zur Alternsberatung stellt mit seinem Glossar und dem Inhaltsverzeichnis ein beachtliches, lexikalisches Nachschlagewerk zur Lösung von Alternsproblemen dar. Es bietet sich als schnelle Anlaufstelle an, Alternsdefiziten fürs erste zu begegnen und Abhilfe-Maßnahmen einzuleiten. Positiv wirkt sich aus, dass überwiegend PraktikerInnen die Autoren sind. Die Einstiegsfälle dienen zumeist eher als Denkanstösse, als dass darauf bezogene Lösungen angeboten werden. Tipps weisen die unsichere Leserschaft immer wieder auf die richtige Fährte. Immer werden die einschlägigen Dienste und Stellen benannt, an die sich Hilfesuchende wenden können, oft mit Anschriften, Internet-Links, erhältlichen Info-Broschüren und Hotline-Nummern.

Bei dieser breiten informatorischen Dichte muss andererseits einiges auf der Strecke bleiben. Tiefer gehende wissenschaftliche Problematisierungen darf man bei Beiträgen von oft nur zehn bis zwanzig Seiten nicht erwarten. So mag man Erörterungen zur Unterfinanzierung der Pflege in Deutschland, zur Komplexität des deutschen Sozialleistungssystems, zur Institutionenkritik an Einrichtungen des Gesundheitswesens und zu Gewalt in der Pflege als entschuldbar vermissen. Hier hätten aber doch weiter führende Hinweise in den Literaturverzeichnissen der Kapitel gegeben werden können. Die Literaturangaben beschränken sich zu oft lediglich auf Internet-Verweise oder Informationsbroschüren. Sehr oft ist auch der von Herausgeber Christian Zippel mit Sibylle Kraus herausgegebene Band „Soziale Arbeit für alte Menschen“ angeführt, an dessen Stelle „Älter werden. Älter sein. Ein Ratgeber“ ja treten möchte. Positiv bezüglich der Literaturangaben fallen die Beiträge der Herausgeber Christian Zippel und Andreas Hoff, von Hans-Wilhelm Nielsen mit Katharina Ratzke, von Volker Dittmann, Hürrem Tezcan-Güntekind und Oliver Razum auf.

Die Gliederung des Kompendiums mit positiven Seiten des Alters, Herausforderungen im Alter und Unterstützung bei Krankheit, Behinderung und Pflege ist sinnvoll, wirft aber doch hie und da die Frage der Willkürlichkeit der Kapitel-Reihung auf. Sozialrechtliche Ansprüche sind in allen Lagen zu verfolgen, die rechtliche Handlungsfähigkeit kann man nicht früh genug bedenken, Suchtprobleme treten bereits in frühen Jahren auf und die Rehabilitation von Einschränkungen kann uns in allen Lebensaltern und in vielen Situationen vor neue Gegebenheiten stellen.

Demenz wird in Abschnitten zwei und drei doppelt behandelt. Das Kapitel über MigrantInnen bleibt eher im Vorfeld der Beratung und sagt zu wenig aus über kultursensible Pflege und Geschlechtsrollen-Fixierung.

Das Behandlungs-, Rehabilitations- und Versorgungs-Recht ist gerade auch durch seine Träger-Vielfalt und seine nicht justiziable Unterfütterung mit Verordnungen, Richtlinien, Formblättern und Grundsätzen derart komplex, dass es für Laien schlicht nicht mehr handhabbar ist. Hier erweist sich das Anliegen der Herausgeber, sich „direkt an ältere und alte Menschen mit ihren Problemen“ zu wenden (Seite 14) und etwas als Hilfe für Endverbraucher vorzulegen, als geradezu unmöglich. Vor allem die Kapitel zu Sozialrecht, Rehabilitation, Hilfsmittel, geriatrische Versorgung und Pflegebedürftigen-Versorgung bleiben bei allen ausführlichen Begriffserläuterungen, methodologischen Schilderungen, Tipps und Beispielen mit ihren vielen Verweisen auf die internen Vorgaben der Sozialleistungsträger auf deren Homepages für die Laien-Leserschaft doch unpraktikabel. Hinzu kommt, dass diese untergesetzlichen Regelungen der Träger und ihrer Arbeitsgemeinschaften stark vom Eigeninteresse der Träger durchdrungen sind. Hier können sich Defizite für die Leistungsempfänger ergeben, auf die das Buch unzulänglich hinweist, was in Kapitel 18 hätte geschehen sollen. Zwar ist auf die Zuständigkeitssuche von Amts wegen nach § 16 SGB I und auf die Vorleistungsverpflichtung nach § 43 SGB I sowie auf die Möglichkeit zu Widerspruch und Klage hingewiesen. Aber die starke Position der Kostenträger, man denke an die Sanktionen bei Mitwirkungsverletzung nach § 60 SGB I, wird nicht problematisiert.

Die Regelungsfülle und -dichte zeigen, dass die Bedürftigen sich am Ende doch am ehesten auf die Auskünfte ihres Hausarztes, des Krankenhaussozialdienstes, der professionellen Mitarbeiter der Gesundheitseinrichtungen oder der Kranken- und Pflegekassen-Angestellten verlassen müssen. Die stehen nicht selten im Konflikt zwischen ihrer Empathie für die zu Fördernden und dem Interesse am Kostensparen ihrer Anstellungsträger.

Die Verfasser des Hilfsmittel-Kapitels 15 sind der Regelungs-Komplexität auf Seite 268 selbst insofern erlegen, als sie die grundlegende Hilfsmittelbestimmung § 31 SGB IX im Rehabilitations- und Teilhabe-Gesetz von SGB IX fälschlich dem Pflegeversicherungsgesetz SGB XI zugeordnet haben. Auch für Pflegehilfsmittel ist auf Seite 279 fälschlich § 40 SGB V anstelle des § 40 SGB XI angeführt.

Die Frage, ob die jüngst überwiegend mit Sozialversicherungs-Angestellten oder Gesundheits- und KrankenpflegerInnen besetzten Pflegestützpunkte ausreichend ganzheitlich sozialarbeitlich ausgerichtet sind und nicht zu sehr die Trägerinteressen der Kranken- und Pflegekassen vertreten, wird in Kapitel 21 nicht diskutiert.

Auch ist beim Hinweis auf die erfreulich breite Entwicklung der geriatrischen Versorgung in Kapitel 19 zu wenig auf die gravierenden Stadt-Land-Unterschiede gerade bei eingeschränkter Mobilität der Alters-PatientInnen eingegangen bis auf die Feststellung im Folgekapitel, dass es ländliche Defizite gibt (Seite 384).

Fazit

Der inhaltsreiche Band „Älter werden. Älter sein. Ein Ratgeber“ bietet die schnelle Information für alle möglichen Situationen von Alterserkrankungen und Pflegefällen für die Erkrankten und Hilfebedürftigen selbst sowie für ihre Angehörigen und Nahestehenden. Sie erhalten hilfreiche Fingerzeige bei manifesten Problemen, wenn schnell gehandelt werden muss. Ein Background auf tiefer liegende Problemursachen für unzureichende Versorgung tut sich dabei kaum auf.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 09.11.2017 zu: Christian Zippel (Hrsg.): Älter werden - älter sein. Ein Ratgeber. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2017. ISBN 978-3-86321-345-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23465.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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