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Helma Lutz, Martina Schiebel u.a. (Hrsg.): Handbuch Biographieforschung

Cover Helma Lutz, Martina Schiebel, Elisabeth Tuider (Hrsg.): Handbuch Biographieforschung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 797 Seiten. ISBN 978-3-658-18170-3. D: 79,99 EUR, A: 82,23 EUR, CH: 82,50 sFr.
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Thema

Die Darstellung oder Erzählung der Lebensgeschichte wird zumeist als Biographie bezeichnet. In einer Narration über sich selbst soll Identität erzeugt und kommuniziert werden. Dabei wird jedoch keine rein individuelle Perspektive eingenommen, die keinerlei generalisierbare Aussagen zulässt. Biographien sind vielmehr eng mit gesellschaftlichen Strukturen, Diskursen und Prozessen verknüpft. Biographieforschung will nachzeichnen, wie die Biograph_innen gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Diskurse ver- und bearbeiten, sie unterlaufen oder abändern. Sie will einen Zugang zu sozialen Verhältnissen eröffnen, indem sie die interpretativ erzeugten Sinn- und Deutungshorizonte nachzuvollziehen versucht.
Mit den in diesem Handbuch gesammelten Beiträge wollen die Herausgeberinnen ein Bild der interdisziplinären Breite der Biographieforschung und einen Überblick über die unterschiedlichen Annäherungsweisen an die Biographieforschung vermitteln. Das umfassende Werk beschränkt sich dabei nicht auf Biographieforschung in der Bundesrepublik, sondern bezieht weitere Nationalstaaten und Regionen ein.

Herausgeberinnen

  • Dr. Helma Lutz ist Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe Universität Frankfurt am Main.
  • Dr. Martina Schiebel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Fakultät Bildungs- und Sozialwissenschaften, Institut für Pädagogik, Fachgruppe Forschungsmethoden.
  • Dr. Elisabeth Tuider ist Professorin für Soziologie der Diversität am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel.

Autorinnen und Autoren

Die über 60 Einzelbeiträge des Handbuchs wurden von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Universitäten und Hochschulen im In- und Ausland verfasst.

Aufbau und Einleitung

Das Handbuch umfasst insgesamt 65 Beiträge von vielen Autor_innen und ist in vier Kapitel untergliedert, die von den methodologischen und theoretischen Grundlagen über die Forschungsfelder der Biographieforschung zu den methodischen Herausforderungen biographischen Forschens führen. Im letzten Kapitel wird auf die internationale Diversifizierung der Biographieforschung eingegangen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In der Einleitung blicken die drei Herausgeberinnen Helma Lutz, Martina Schiebel und Elisabeth Tuider zu den Anfängen der Biographieforschung zurück, gehen auf grundlegende Ausgangspunkte ein und stellen den Aufbau des insgesamt 797 Seiten und vier Kapitel umfassenden Handbuchs vor. In den einzelnen Kapiteln werden Themenschwerpunkte gebildet, alle Beiträge haben in etwa den gleichen Seitenumfang und kein Einzelaspekt wird zulasten der anderen hervorgehoben.

Da an dieser Stelle nicht auf jeden einzelnen Beitrag eingegangen werden kann, werden im Folgenden einige Beiträge herausgegriffen und vorgestellt.

Zu Teil I

Teil I („Methodologie: Theoretische Stränge der Biographieforschung“) beinhaltet 17 Beiträge, die sich mit methodologischen und theoretischen Grundlagen der Biographieforschung auseinandersetzen, indem die Autor_innen auf Interaktions-, Modernisierungs-, System- und Figurationstheorien bis hin zum Poststrukturalismus und zur Diskurstheorie eingehen und die Biographieforschung in verschiedenen Bezugstheorien und Bezugsdisziplinen verorten. Die einzelnen Beiträge greifen zentrale Ansätze der Theorien und Methoden auf, verknüpfen sie mit Biographieforschung und arbeiten Produktivitäten als auch Herausforderungen dieser Verknüpfungen heraus.

Anja Wildhagen und Carsten Detka stellen in ihrem Beitrag zu sozialen Welten Arrangements der kreativen Wissensproduktion und der praktischen Anwendung von Wissen vor. Sozialwelten verbinden das Leben des einzelnen Menschen und die gesellschaftliche Situation miteinander und können das kreative Potenzial der Akteur_innen freisetzen, indem sie biographische Handlungsschemata und biographische Arbeit anregen, was Anja Wildhagen und Carsten Detka anhand des Beispiels ehemaliger politischer Inhaftierter der DDR veranschaulichen. Im Mittelpunkt künftiger Untersuchungen rücken die Autorin und der Autor Sozialwelten in der globalisierten Welt, vor allem in transkulturellen und transnationalen Zusammenhängen.

Zu Teil II

Das zweite Kapitel („Forschungsfelder der Biographieforschung“) umfasst 25 Beiträge und widmet sich den Forschungsfeldern der Biographieforschung. Dabei wird auf Kindheits- und Jugendforschung, Geschlechter- und Sozialisationsforschung, Gewaltforschung und Rechtsextremismus, Sozialer Arbeit und Professionsonsforschung eingegangen, ebenso werden die Felder Behinderung, Migration, Religion, Familie, Zeit und Soziale Bewegungen dargestellt.

In ihrem Beitrag mit dem Titel „Biographie und Gewalt“ veranschaulicht Mechthild Bereswill biographische Forschungsperspektiven auf Gewalt, indem sie verschiedene Forschungsansätze zur biographischen Bedeutung von Jugendgewalt vorstellt. Die verschiedenen Studien zu Sozialisationsansätzen, zu biographischen Narrationen, biographischen Wendepunkten und Konflikten sowie zu Gewalt und Geschlecht im biographischen Kontext werden u.a. befragt nach ihrer Konzeption von Biographie und den untersuchten Formen der Gewalt.

Mechthild Bereswill weist darauf hin, dass narrationstheoretisch fundierte Konzeptionen von Biographie ein Schattendasein fristen, während andere Ansätze in den Vordergrund treten, um den interviewten Jugendlichen mehr Orientierung zu bieten. In vielen Studien wird davon ausgegangen, dass Jugendliche nicht ohne Weiteres über Gewalt erzählen, sondern dass es entsprechender Nachfragen bedarf und nicht-narrative Erhebungs- und Auswertungsmethoden eingesetzt werden. Über die vorgestellten Forschungsansätze hinweg wird eine Notwendigkeit deutlich, situativ-kontextspezifische und biographische Dimensionen von Gewalt zueinander in Beziehung zu setzen. Mechthild Bereswill regt daher eine methodologische Debatte zur wechselseitigen Öffnung von Biographieforschung und thematisch und interaktiv fokussierte Ansätzen an.

Zu Teil III

Der dritte Teil („Methodische Herausforderungen“) enthält 14 Beiträge und widmet sich der Darstellung und Bearbeitung methodischer Herausforderungen beim biographieanalytischen Forschen. Die Autorinnen und Autoren gehen auf methodische Verbindungen, z.B. mit der Ethnographie und der Interaktionsanalyse oder hinsichtlich triangulierenden Vorgehens, auf Abgrenzungen (etwa gegenüber der Oral History, der quantitativen Forschung und der Lebenslaufforschung), sowie auf die spezifischen Herausforderungen sprachlicher Vielfalt und Übersetzung und auf ethische Aspekte des Forschens ein.

In ihrem Beitrag zu Biographie und Interaktionsanalyse verdeutlicht Martina Köttig die untrennbare Wechselbeziehung der beiden Perspektiven: „Biographie wird interaktiv hergestellt, Interaktionen konstitutieren Biographien“ (S. 533). In ihrem Beitrag geht sie zunächst auf die methodische Verknüpfung von Biographie- und Interaktionsanalyse ein. Dieses Verknüpfen kann durch Einbeziehen von weiterem, nicht-auobiographischem Datenmaterial geschehen. Dazu zählen unter anderem Memos, die vor, während und nach autobiographisch-narrativen Interviews verfasst werden können, Daten zu der gesamten Interaktion zwischen Interviewer_in und Interviewpartner_in enthalten können und bedeutsam für Analyse wie Sampling sind. Ein Verbinden von Biographie und Interaktion kann auch durch das Einbeziehen zusätzlicher Forschungsmethoden geschehen. So kann die biographische Rekonstruktion mit Gruppendiskussionen verbunden werden.

Martina Köttig zeichnet historische Traditionslinien der Kombination von Biographie- und Interaktionsanalysen nach, indem sie unter anderem auf für die Biographieforschung zentrale Studien der Chicago School eingeht. Hinsichtlich der Verknüpfung von Interaktion und Biographie plädiert die Autorin dafür, beide Perspektiven in die Fallrekonstruktion einzubeziehen, um genaue, reichhaltige und komplexe Ergebnisse zu erzielen. Resümierend regt Martina Köttig dazu an, Erfahrungen aus der Forschungstätigkeit in hohem Maße in die methodologische Auseinandersetzung einzubringen.

Zu Teil IV

Das vierte und letzte Kapitel („Diversifikationen: Biographieforschung international“) des Buches enthält neun Beiträge und geht der internationalen Diversifizierung der Biographieforschung nach.

In der Einleitung würdigen die Herausgeberinnen die besonderen Leistung, die im Kontext internationaler Zusammenarbeit durch die Beteiligten erbracht werden (S. 6). Internationale Vergleiche führen oftmals dazu, dass die Reichhaltigkeit eines Gegenstandes innerhalb eines Nationalstaates nicht mehr registriert wird. Um der regionalen und nationalen Biographieforschung gerecht zu werden haben die Herausgeberinnen Beiträge aus Skandinavien, England, Frankreich, Ungarn, Italien, Griechenland, Österreich und aus Brasilien in das Handbuch aufgenommen.

Im Folgenden wird der Beitrag von Maria Pohl-Lauggas und Marita Haas vorgestellt, die sich mit dem Thema „Rekonstruktive Biographieforschung in Österreich“ auseinandersetzen. In einer ersten Bestandsaufnahme rekonstruktiver biographischer Forschung in Österreich verweisen die Autorinnen auf die Vielfalt theoretischer und methodischer Ansätze in der österreichischen Biographieforschung. In ihrem Beitrag beziehen sich Maria Pohl-Lauggas und Marita Haas auf Biographie als soziales Konstrukt, entsprechende Ansätze finden sich insbesondere in der Soziologie und den Bildungswissenschaften. Im Anschluss daran zeichnet der Beitrag den historischen Verlauf der institutionellen Entwicklungen nach und stellt die wesentlichen Züge aktueller Forschungs- und Themenfelder dar, für die die Mobilität von Forscher_innen von Deutschland eine besondere Rolle spielt, da sie die Biographieforschung in Österreich gestärkt hat. Daran anschließend stellen die Autorinnen die Vielfalt der thematischen Forschungsfelder vor, die von Themen wie „Gedächtnis, Geschichte, Nationalsozialismus“ und „Migration“ über „Bildung im Lebenslauf, ‚lifelong learning‘ und Pädagogische Bildungsarbeit“ bis hin zu „Biographie und Profession“ reicht. Im Hinblick auf künftige Weiterentwicklungen stellen Maria Pohl-Lauggas und Marita Haas fest, dass es der rekonstruktiven biographischen Forschung in Österreich an einer institutionalisierten Struktur mangelt. Dem stehen Forschungen in allen genannten Themenfeldern gegenüber, die sich mit Geschlechterverhältnissen aus biographischer Perspektive und mit Methoden- und Theoriekombination, etwa durch Verknüpfung von Diskurs und Biographie in Forschungsdesigns, auseinandersetzen und die biographische Perspektive weiterentwickeln.

Zielgruppen

Dieses Handbuch gibt Lehrenden und Studierenden eine Übersicht über die deutschsprachige und internationale Biographieforschung und bildet eine Grundlage für alle mit Biographieforschung befassten Wissenschaftler_innen. Das Werk vermittelt einen umfassenden Überblick über biographietheoretischen und biographieanalytischen Herangehensweisen und erleichtert die Orientierung in einem komplexen Themenfeld.

Diskussion

Der umfangreiche Band überzeugt durch seine thematische Breite und den differenzierten Blick auf Biographie aus der Perspektive unterschiedlicher methodologischer und theroretischer Grundlagen der Biographieforschung, verschiedener Forschungsfelder als auch nationaler sowie regionaler Diversifizierung. Die vielfältigen Perspektiven des Bandes ermöglichen es, einen Einblick in Biographieforschung im Zusammenhang mit verschiedenen Forschungsfeldern und theoretischen Strängen zu erhalten. Jeder Beitrag schließt mit Literaturempfehlungen zum Weiterlesen, sodass interessierte Leser_innen diese Einblicke weiter vertiefen können. Ebenso vermitteln viele Beiträge einen Überblick über Forschungsbefunde und bieten so eine Grundlage für eine weitere Auseinandersetzung mit der jeweiligen Thematik an.

Studierende können dann von der Lektüre dieses Handbuchs profitieren, wenn sie einen umfassenden Einblick in die Biographieforschung suchen und sich bereits mit den Grundlagen der biographietheoretischen und biographieanalytischen Herangehensweisen auseinandergesetzt haben.

Angesichts der Tiefe und Breite der Forschungsrichtung kann dieses Handbuch nicht alle Bereiche abdecken, die mit Methoden der Biographieforschung beforscht werden, sodass einige Bereiche fehlen. Einen eigenen Beitrag zu Biographien psychisch erkrankter Menschen sucht man in diesem Handbuch vergebens. Das Thema Biographie und psychische Störungen wird in wenigen Beiträgen lediglich berührt. Auch das Forschungsfeld Biographie und Sucht wird nicht berücksichtigt. Diese Themen könnten in einem Handbuch zur Biographieforschung aufgenommen oder breiter dargestellt werden. Das Handbuch ist aber auch nicht als Bestandsaufnahme konzipiert worden, das alle Bereiche der Biographieforschung abdeckt, was sicherlich nur schwer möglich wäre. Vielmehr geben die Herausgeberinnen den Leser_innen ein umfassendes Kompendium an die Hand.

Fazit

Bei diesem Handbuch handelt es sich um eine wichtige Veröffentlichung, die Biographieforschung im Überblick erschließt und wichtige Impulse für die weitere Forschung setzt. Hervorzuheben ist vor allem die große Bandbreite der Beiträge zu Methodologie und zu Forschungsfeldern. Es eignet sich für alle, die sich mit Biographieforschung befassen, für Forschende und ebenso für Studierende, die einen umfassenden Einblick in die Biographieforschung suchen und sich bereits mit den Grundlagen der biographietheoretischen und biographieanalytischen Herangehensweisen auseinandergesetzt haben.


Rezensentin
Christin Schörmann
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (M.A.)
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Zitiervorschlag
Christin Schörmann. Rezension vom 17.05.2018 zu: Helma Lutz, Martina Schiebel, Elisabeth Tuider (Hrsg.): Handbuch Biographieforschung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-18170-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23469.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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