socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Robert M. Sapolsky: Gewalt und Mitgefühl

Cover Robert M. Sapolsky: Gewalt und Mitgefühl. Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Hanser Verlag (München) 2017. 1021 Seiten. ISBN 978-3-446-25672-9. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Da legt uns Sapolsky ein Buch auf den Tisch, das allein des Umfangs wegen beeindruckt, darüber hinaus aber fesselt und Bewunderung hervorruft, wenn wir dem Autor auf dem Weg folgen, ein gegenwärtiges Verhalten mit all seinen Einflussgrößen zu untersuchen, beginnend in eben dieser Sekunde, da es stattfindet, bis weit zurück in die Vergangenheit über Jahrhunderte, Jahrtausende bis hin zum keimhaften Ursprung dieses Verhaltens in evolutionärer Urzeit.

Dass ein solches Vorhaben nicht in Kürze abgehandelt werden kann, leuchtet ein. Dass es aber möglich ist, das Interesse des Lesers über mehr als 1000 Seiten zu fesseln, gelingt wohl nur einem besonders brillanten Forscher und Autor. Der Rezensent zögert keinen Augenblick, Sapolsky diesen Rang zuzuerkennen und das Buch ein epochales Werk zu nennen. Kurz gesagt handelt es von den Fragen:

  • Was ist der Mensch in seiner Biologie?
  • Ist er bereit zu Gewalt, Aggression und Konkurrenz?
  • Oder nicht umgekehrt: fähig zu Kooperation, Zugehörigkeit, Versöhnung, Empathie und Altruismus?

Schon der Titel des Buches legt nahe, dass es nicht um ein Entweder-Oder, sondern vielmehr um ein Sowohl-Als-Auch geht. Das wird noch deutlicher im englischen Original: „Behave. The Biology of Humans at Our Best and Worst“.

Autor

Robert Maurice Sapolsky, *1957, ist zurzeit an der Stanford University Professor der Biologie, der Neurowissenschaft und der Neurochirurgie. Zusätzlich ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an den National Museums of Kenya. Zwischen 1978 und 1990 verbrachte er jährlich drei Monate in einem Einmannzelt unter einer Horde von Pavianen. Wenn Sie einem außerordentlichem Wissenschaftler als Forscher und Autor begegnen wollen, hier haben Sie ihn gefunden. Oliver Sacks nennt ihn „one of the best scientist-writers of our time“. Großzügig stellt Sapolsky seine Vorlesungen im Netz zur Verfügung, sodass wir ihn auch als souveränen Lehrer kennenlernen können. [1]

Aufbau

Da die Kapitelüberschriften sehr anschaulich zeigen, was die Leser erwartet, seien sie hier aufgeführt:

  • Einleitung
  • 01 Das Verhalten
  • 02 Eine Sekunde zuvor
  • 03 Sekunden bis Minuten zuvor
  • 04 Stunden bis Tage zuvor
  • 05 Tage bis Monate zuvor
  • 06 Adoleszenz oder He, Mann, wo ist mein Frontallappen
  • 07 Zurück in die Wiege, zurück in den Schoß
  • 08 Zurück zu der Zeit, als Sie noch eine befruchtete Eizelle waren
  • 09 Jahrhunderte bis Jahrtausende zuvor
  • 10 Die Evolution des Verhaltens
  • 11 Wir gegen sie
  • 12 Hierarchie, Gehorsam und Widerstand
  • 13 Moral und das Rechte tun, sobald Sie herausgefunden haben, was das ist
  • 14 Den Schmerz eines anderen fühlen, den Schmerz eines anderen verstehen, den Schmerz eines anderen lindern
  • 15 Metaphern, mit denen wir töten
  • 16 Biologie, Strafjustizsystem und – ja, warum nicht? – der freie Wille
  • 17 Krieg und Frieden
  • Epilog
  • Anhang 1: Basiswissen Neurowissenschaft
  • Anhang 2: Grundlagen der Endokrinologie
  • Anhang 3: Proteine
  • Anmerkungen
  • Bildnachweis
  • Register

Zur Einleitung

Als Thema des Buches wird in der Einleitung zunächst „die Biologie von Gewalt, Aggression und Konkurrenz“ vorgestellt. Sapolsky führt uns vor Augen, dass wir keinen Hass auf Gewalt an sich haben, sondern nur die falsche Art verabscheuen, nämlich Gewalt im falschen Kontext. Wenn es sich um die „richtige Art von Gewalt handelt, sind wir von ihr begeistert“ (S. 11). Aber es geht auch um die Frage, warum Menschen sich genau umgekehrt verhalten, was uns die Biologie über „Kooperation, Zugehörigkeit, Versöhnung, Empathie und Altruismus.“ lehrt. (S. 12)

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis informiert vorzüglich über die weitere Vorgehensweise des Autors:

Zu den Kapiteln 1 bis 5

Eine Handlung hat stattgefunden, z.B. der gezielte Schuss aus einer Waffe (Kapitel 1). Nun kann man fragen: Was geschah eine Sekunde vorher (Kapitel 2), was in den Sekunden bis Minuten davor (Kapitel 3), was in den zurückliegenden Stunden bis Tagen, schließlich in den Tagen bis Monaten vor dem Ereignis (Kapitel 5)? Hier wird uns verdeutlicht, dass gegenwärtiges Verhalten eine äußerst komplexe Verursachungskette in der überschaubar zurückliegenden Zeit hat. (Später wird der Autor noch weiter ausgreifen und bis zur Evolution des Verhaltens zurückgehen.)

Zu Kapitel 6

Das Kapitel 6 „Adoleszenz oder He, Mann, wo ist mein Frontallappen“ unterbricht die Reise in die nahe Vorgeschichte der Handlung und behandelt stattdessen die ausgedehnte Entwicklungsphase der Adoleszenz. Das ist erforderlich, weil die bisher dargestellten biologischen Prozesse bei Jugendlichen anders wirken als bei Erwachsenen und daher unterschiedliche Verhaltensweisen hervorrufen.

Der Grund liegt in der langen Entwicklungsdauer des frontalen Kortex, der erst um Mitte zwanzig vollständig ausgereift ist. Daraus folgen zwei wichtige Konsequenzen:

  1. Kein Teil des erwachsenen Gehirns wird stärker von der Adoleszenz geprägt als der frontale Kortex und
  2. Kein Aspekt der Adoleszenz lässt sich ohne den Kontext der verzögerten Reifung des frontalen Kortex verstehen.

Lesen wir dazu Sapolskys eigene Worte: „Wenn wir sagen, dass zum Zeitpunkt der Adoleszenz das limbische, das autonome und das endokrine System bereits auf Hochtouren arbeiten, während sich der frontale Kortex noch immer mit der Montageanleitung herumschlägt, dann erklären wir damit, warum Jugendliche so frustrierend, großartig, töricht, impulsiv, mitreißend, destruktiv, selbstzerstörerisch, selbstlos, selbstsüchtig, unmöglich und weltverändernd sind“ (S. 206).

Es ist die Phase in unserem Leben, in der wir wie in keiner anderen risikobereit sind, neue Herausforderungen suchen und uns Altersgenossen anschließen. Und das alles, weil unser frontaler Kortex noch nicht ausgereift ist. Die späte Reifung bedeutet, dass diese Hirnregion am wenigsten durch Gene und am meisten durch Erfahrung geprägt ist. Vielleicht ein genialer Schachzug der evolutionären Entwicklung, die Ausprägung des frontalen Kortex stark durch die Erfahrung steuern zu lassen.

Zu Kapitel 7

Kapitel 7 führt „Zurück in die Wiege, Zurück in den Schoß“, und es wird gefragt, welche Ereignisse in der Kindheit zum gegenwärtigen Verhalten beigetragen haben, vor allem das Verhalten der Mutter. Die Bilanz lautet: Wer das Pech hat, in einer armen Familie zur Welt zu kommen, hat wenig Aussichten, Selbstkontrolle, Frustrationstoleranz und Ausdauer zu lernen. Das nüchterne Fazit lautet: „Ganz schlicht gesagt, je mehr Belastungskategorien ein Kind bewältigen muss, desto schlechter sind seine Aussichten auf ein glückliches, erfülltes Erwachsenendasein“ (S. 256).

Zu Kapitel 8

Das 8. Kapitel „Zurück zu der Zeit, als Sie noch eine befruchtete Eizelle“ waren, führt einen weiteren Schritt zurück in die Zeit unserer Entwicklung und erörtert genetische Einflüsse auf das spätere Verhalten. Gene sind zwar für alles, was im Buch beschrieben wird, verantwortlich, aber in geringerem Maße als häufig angenommen. Nur im Kontext der Umwelt ergeben sie einen Sinn und bedeuten keineswegs Unvermeidlichkeit. Sie bezeichnen „kontextabhängige Tendenzen, Neigungen, Möglichkeiten und Auffälligkeiten“ und sind „in ein Geflecht anderer – biologischer und nichtbiologischer – Faktoren eingebettet“ (S. 348).

Zu Kapitel 9

Im 9. Kapitel richtet sich der Blick zurück über Jahrhunderte bis Jahrtausende vor unserer Zeit, und es wird untersucht, wieweit Muster kultureller Variation „unsere besten und schlimmsten Verhaltensweisen betreffen“. Gefragt wird, wie sich Kultur und Biologie koevolutionär entwickeln, soll heißen wie „unterschiedliche Arten von Gehirnen unterschiedliche Kulturen hervorbringen und unterschiedliche Arten von Kulturen unterschiedliche Gehirne erzeugen“ (S. 352).

Als Beispiel vergleicht Sapolsky kollektivistische und individualistische Kulturen. Richtschnur des Verhaltens in kollektivistischen Kulturen seien definitionsgemäß „Harmonie, Wechselbeziehungen, Konformität und Bedürfnisse der Gruppe“. In individualistischen Kulturen dagegen stünden im Mittelpunkt des Interesses „Autonomie, persönliche Leistung, Besonderheit und die Bedürfnisse und Rechte des Individuums“ (S. 358).

Zu Kapitel 10

Kapitel 10 bietet einen Grundkurs zur Evolution des Verhaltens und räumt dabei mit einigen verbreiteten Missverständnissen auf. Zum Beispiel, dass die Evolution das Überleben des Fittesten fördere. Dem sei nicht so, sondern es gehe dabei allein um die Weitergabe von Genkopien. Denn ein Organismus, „der viele Hundert Jahre lebt, sich aber nicht fortpflanzt, ist evolutionär unsichtbar“ (S. 426). Kurz gesagt, es geht nicht ums Überleben des Individuums, sondern um die Produktion möglichst vieler Nachkommen. Ebenso sei es ein Missverständnis, dass Evolution Merkmale begünstige, die sich erst in der Zukunft als nützlich erweisen würden. Selektion betrifft immer Merkmale, die sich auf die Gegenwart beziehen.

Eine weitere widerlegte Annahme ist: Lebende Arten seien besser angepasst als ausgestorbene. Die ausgestorbenen waren zu ihrer Zeit ebenso gut angepasst wie die derzeit lebenden, bis sich ihre Umweltbedingungen derart veränderten, dass sie „dran glauben mussten“. Das gleiche Schicksal erwarte übrigens auch uns. Am Ende des elaborierten Kapitels findet sich der Satz: „Um etwas zu verstehen, müssen wir Neuronen und Hormone und frühere Entwicklung und Gene und tausend andere Dinge berücksichtigen“ (S. 499).

Zu Kapitel 11

Kapitel 11 behandelt unter der Dichotomie „Wir gegen sie“ die Eigenart des Gehirns, aufgrund weniger Sinnesreize blitzschnell Gruppenunterschiede zu verarbeiten. Dies geschieht automatisch und unbewusst und findet sich in gleicher Weise bei anderen Primaten und kleinen Kindern. Dabei werden Gruppen nach willkürlichen Unterschieden gebildet, denen sodann enorme Bedeutung zugemessen wird. Wir neigen dazu, uns als Gruppe „nobler, loyaler und unverwechselbarer“ Individuen zu sehen. Die anderen dagegen, die „Sie“, scheinen uns „abstoßend, lächerlich, simpel gestrickt, homogen, ununterscheidbar und austauschbar zu sein“ (S. 524).

Erstaunlich ist, wie schnell sich in zufällig gebildeten Gruppen die Teilnehmer in „wir“ und „sie“ aufteilen. Dazu ein anschauliches Beispiel: Am Set zum Film „Planet der Affen“ saßen die Darsteller der Schimpansen und der Gorillas mittags in getrennten Gruppen zum Essen. Niemand hatte ihnen das so aufgetragen. Allein das Rollenspiel hatte dazu geführt, sich als zusammengehörige Gruppe, eben als „Wir“, zu fühlen und sich von jenen „Sie“ abzugrenzen. Was vielleicht als lustige Anekdote erscheint, verweist auf eine Reaktion, die sich im Laufe der Evolution im Genom verankert hat: Wo immer ein „Wir“ einem „Sie“ begegnet, folgt unabwendbar eine Reaktion: mal einfühlsam über die Großhirnrinde, mal aggressiv über die Amygdala (Mandelkern), je nach dem Verhalten des Gegenübers.

Zu Kapitel 12

Kapitel 12 handelt von Hierarchie, Gehorsam und Widerstand. Es wird darin gezeigt, wie sich Hierarchien zwischen Gruppen bilden – bei Tieren wie Menschen – und wie wir automatisch dazu tendieren, Eigengruppen gegenüber Fremdgruppen zu bevorzugen: Menschen mit gleichem oder ähnlichem Rang wie wir sind uns lieber als solche, die im Rang weit unter uns liegen.

Andere Beispiele demonstrieren, wie tief Konformität und Gehorsam im Menschen verwurzelt sind. Dazu gehören vor allem die sozialpsychologischen Experimente von Asch, Milgram und Zimbardo. Asch konnte zeigen, dass sich durchschnittliche Menschen aus Konformitätsgründen absurd falschen Behauptungen anschließen. Dank Milgram wissen wir, dass Gehorsam gegenüber Autoritäten Menschen dazu bringen kann, anderen schmerzliche bis tödliche Elektroschocks beizubringen (wenn auch nur scheinbar, was die Versuchspersonen aber nicht wussten). Zimbardos Gefängnisexperiment verwandelte ganz normale Studenten im Rollenspiel in sadistische Aufseher, sodass der Versuch vorzeitig abgebrochen werden musste.

Dennoch unterliegen nicht alle dem Druck von Gehorsam und Konformität. Widerstand und Heldentum kommen häufiger vor als angenommen. Einige Persönlichkeitsmerkmale halten dem Konformitätsdruck stand, so zum Beispiel:

  • Jemand legt keinen Wert darauf, pflichtbewusst und liebenswürdig zu erscheinen;
  • er hat einen niedrigen Wert auf der Neurotizismus-Skala;
  • er erzielt geringe Werte in Tests zum rechten Autoritarismus;
  • er verfügt über hohe soziale Intelligenz.

Wie Milgram in breit angelegten interkulturellen Erhebungen zeigen konnte, ist das „Konformitätsverhalten bei Menschen aus kollektivistischen Kulturen größer als bei Personen aus individualistischen Kulturen“ (S. 613).

Zu Kapitel 13

Im Kapitel 13 ist das Thema: „Moral und das Rechte tun, sobald Sie herausgefunden haben, was das ist“. Aus dem umfangreichen Kapitel seien exemplarisch Studien zum Schummeln zitiert.

In einem einschlägigen Experiment erwies sich ein Drittel der Teilnehmer als große Schummler, ein Sechstel bewegte sich an der Grenze, und der Rest schummelte nie. Bei ihnen gab es keinen Kampf zwischen „soll ich?“ oder „soll ich nicht?“, keinen Konflikt und kein Ringen darum, das Richtige zu tun. Es war für sie einfach klar: Man schummelt nicht. Fazit des Autors: Bei ihnen war es im Grunde „zu einem spinalen Reflex geworden, das Richtige zu tun“ (S. 670).

Zu Kapitel 14

Den Schmerz eines anderen fühlen, den Schmerz eines anderen verstehen, den Schmerz eines anderen lindern“ – so die lange Überschrift zu Kapitel 14.

Es geht um die Frage, wann uns Empathie veranlasst, Hilfe zu leisten wenn jemand Schmerzen hat, Angst empfindet oder von Traurigkeit erdrückt wird sowie um die Frage, zu wessen Vorteil wir das tun.

  • Vielleicht aus Mitleid? Oder doch aus Eigennutz?
  • Warum leisten Tiere einander Beistand (Mäuse, Ratten, Schimpansen, Bonobos, Wölfe, Hunde, Elefanten, Raben)? „Kratz an einer altruistischen Ratte und du siehst eine Heuchlerin bluten“ (S. 680).
  • Nervt einfach das Gekreische der Leidenden?
  • Was bewegt kleine Kinder anderen zu helfen?
  • Geht es darum, die Not des Leidenden oder die eigene Not zu beenden?

Sipolsky stellt die neurobiologischen Prozesse dar, die zu empathischem Verhalten führen und betont, dass sowohl kognitive wie affektive Komponenten zu „gesunden empathischen Zuständen“ beitragen. „Wenn es um Empathie geht, führen alle neurobiologischen Wege durch den anterioren cingulären Kortex (ACC)“ (S. 682). Dennoch sei weder ein frontaler Kortex, der auf rationalem Weg zum Handeln führt noch ein „gutes (limbisches) Herz“ entscheidend für das Handeln, sondern „Dinge, die wir schon seit langem ganz selbstverständlich und automatisch tun – dass wir gelernt haben, auf die Toilette zu gehen, Fahrrad zu fahren, die Wahrheit zu sagen und jemandem in Not zu helfen“ (S. 712).

Zu Kapitel 15

Das Kapitel 15 - „Metaphern, mit denen wir töten“ – ist der Frage gewidmet, wieso Menschen bereit sind, „für eine Karikatur, eine Flagge, ein Kleidungsstück oder einen Song zu töten oder zu sterben“ (S. 716). Beispiele sind bekannt:

  • Die Mohammed-Karikaturen im Satiremagazin Charlie Hebdo veranlassten im Jahr 2015 zwei algerische Männer, zwölf Mitarbeiter des Magazins zu töten. Außerdem wurden westliche Botschaften und Konsulate niedergebrannt, mehrfach Demonstranten getötet – und das alles aus Rache für die Karikaturen.
  • In der Schlacht von Gettysburg 1863 wurden nacheinander drei Männer getötet, weil sie die Fahne ihres Regiments trugen; der erste war der eigentliche Fahnenträger, die beiden anderen waren jeweils eingesprungen, als der Kamerad gefallen war.
  • In Los Angeles wurde 2015 ein geistig behinderter Neunzehnjähriger von Gangmitgliedern umgebracht, weil er rote Schuhe trug, das Markenzeichen einer rivalisierenden Gang.
  • Auf den Philippinen kam es 2010 wiederholt in Karaoke-Clubs zu Schlägereien und Morden, wenn Sinatras Song „I did it my way“ gespielt wurde. Grund war angeblich der Macho-Text von Stolz und Überheblichkeit. Das Stück wurde deshalb überall aus dem Playback-Programm gestrichen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, auf eine Eigenart unseres Gehirns zu achten: Es ist die Tatsache, dass es Metaphorisches mit dem Buchstäblichen verwechseln kann. „Heilige Werte“ spielen häufig die entscheidende Rolle bei Konflikten und deren Beilegung. Das Beispiel des Völkermords in Ruanda zeigt die Wirkung der metaphorischen Entmenschlichung: „Zertretet die Kakerlaken (Tutsi-Männer), rettet euch, tötet die Kakerlaken“ (S. 739) lautete die Parole. Man stelle sich vor: Die Folge waren rund zehntausend Tote pro Tag, insgesamt etwa eine Million, bevor das Wüten endete.

Aber andererseits kann sich „die merkwürdig buchstäbliche Metaphernverarbeitung unserer Gehirne … auch als äußerst wirksames Werkzeug für Friedensstifter erweisen“ (S. 740). Als Beispiele gelten der Friedensvertrag zwischen Jordanien und Israel, die Waffenruhe in Nordirland, Mandelas Beitrag zur Gründung eines freien Südafrikas durch die Hochachtung für „geheiligte Werte“ (S. 745).

Zu Kapitel 16

Kapitel 16 hat den Titel: „Biologie, Strafjustizsystem und – ja, warum nicht? – der freie Wille“. Hierin plädiert Sapolsky für die Abschaffung des Strafjustizsystems, weil die Neurowissenschaft es als sinnlos erweise. Folglich fordert er als Referenzdisziplin im Gerichtssaal mehr „Naturwissenschaft und weniger Pseudowissenschaft“ (S. 748).

Aus Sicht der Biologie gäbe es drei Perspektiven unser Verhalten zu deuten:

  1. Wir haben einen vollkommen freien Willen. Das glaube kaum jemand und könne deshalb hier vernachlässigt werden.
  2. Wir haben keinen freien Willen. Das ist die dezidierte Auffassung des Autors. Ausführlich erörtert er geläufige Gegenargumente zu diesem Standpunkt und verwirft sie allesamt. Andererseits kann er sich nicht vorstellen, wie man so leben kann, als gäbe es keinen freien Willen; er sieht es auch als möglich an, dass es uns nie gelingen wird, uns selbst als die Summe unserer Biologie zu sehen.
  3. Wir haben irgendetwas dazwischen, quasi einen eingeschränkten freien Willen. Auf der einen Seite das Gehirn mit Neuronen, Synapsen, Neurotransmittern und allen anderen Strukturen. Und dann „getrennt davon, in einem Betonbunker, verborgen im Gehirn, (wohnt) ein kleiner Mann, ein Homunculus an einem Schaltpult. Der Homunculus sitzt da und kontrolliert das Verhalten. Er ist in Ihrem Gehirn, ohne jedoch ein Teil davon zu sein, und agiert unabhängig von den materiellen Gesetzen des Universums, welche die moderne Naturwissenschaft ausmachen“ (S. 756 f.). Mehr Ironie bei der Kommentierung des dualistischen Ansatzes erscheint kaum möglich.

In ernsthafter Weise setzt sich Sapolsky ausführlich mit den Befürwortern von Bestrafung auseinander. Jemanden zu bestrafen sei nicht als Tugend anzusehen. Und für die ferne Zukunft zieht er einen Vergleich zu vergangenen Irrwegen: So wie man davon abgerückt sei, Epileptikern intime Beziehungen zu Satan vorzuwerfen und sie von Tugendwächtern grausam bestrafen zu lassen, werde man – vielleicht nach vielen Jahrhunderten – die Vorstellung aufgeben, dass Strafe verdient sein kann und daher zugefügt werden muss. Dass gefährliche Personen von allen anderen fernzuhalten sind, sei etwas ganz anderes und selbstverständlich.

Zu Kapitel 17

Kapitel 17, „Krieg und Frieden“, soll zeigen, dass unsere schlimmsten Verhaltensweisen auf dem Rückzug und die besten auf dem Vormarsch sind, auch wenn einige biologische Fakten anscheinend das Gegenteil nahelegen:

  • So rebelliert die Amygdala zuverlässig, wenn wir ein fremdethnisches Gesicht sehen.
  • Begegnen wir Fremden, lässt uns Oxytocin-Ausschüttung unfreundlich sein.
  • Bestimmte Genvarianten machen antisoziale Handlungen wahrscheinlich.

Obwohl diese Fakten Pessimismus fördern könnten, setzt Sapolsky auf eine optimistische Sicht; er nimmt an, dass sich die Dinge bessern, „dass sich unsere schlimmsten Verhaltensweisen auf dem Rückzug und unsere besten auf dem Vormarsch befinden“ (S. 789). Es gehe darum, diese Entwicklung zu fördern und die Erkenntnis zu verbreiten, dass wir auch unter widrigen Umständen unsere besten Verhaltensweisen zeigen können.

In einem historischen Rückblick auf Sklaverei, Kinderarbeit und Tierquälerei zeigt er, dass Veränderung tatsächlich stattgefunden hat und dazu in einem vorher für unmöglich gehaltenen Ausmaß. Weiter nennt er den Rückgang bei den Morden in Europa, bei den Zwangsehen, der Kinderbräute, der Genitalverstümmelung und viele andere mehr.

Auch solle man nicht übersehen, welche humane Regelungen darüber hinaus noch durchgesetzt worden sind: die Ächtung bestimmter Waffenarten, der internationale Gerichtshof, der Straftatbestand des Verbrechens gegen die Menschlichkeit, die Vereinten Nationen, internationale Friedenstruppen.

Sapolsky hegt nicht den naiven Glauben, entsprechende Gesetze würden überall durchgesetzt. Jahrzehntelange Erfahrung in Afrika habe ihm das Gegenteil gezeigt. Trotzdem habe sich in der Welt Vieles zum Besseren gewendet, vor allem in der westlichen Welt.

Sogar Paviane hätten ihm eine erstaunliche soziale Wandlungsfähigkeit gezeigt: Als nach einer Tuberkulose-Epidemie die aggressiven Männchen ausgestorben waren und sich Tiere aus anderen Gruppen zu den Weibchen gesellt hatten, brachten diese den anfangs aggressiven Männchen bei, sich friedlicher zu verhalten. Sapolskys Folgerung: Was schon Paviane können, ist auch den Menschen möglich. Und er verweist darauf, dass sogar einzelne Menschen vieles verändern können: Aung San Suu Kyi, Gandhi, Martin Luther King, Lincoln, Mandela, Rosa Parks – und nicht zu vergessen die couragierten Whistleblower unserer Tage.

Zum Epilog

Hier soll der Autor selbst zu Wort kommen: „Wenn wir dieses Buch in einem einzigen Satz zusammenfassen müssten, würde er wohl lauten: ’Es ist kompliziert’. Nichts scheint irgendetwas zu verursachen; vielmehr übt alles nur einen modulierenden Einfluss auf etwas anderes aus. Ständig sagen die Forscher: ’Eigentlich haben wir X gedacht, aber jetzt stellen wir fest, dass …’. Wenn wir eine Sache klären, bringt das zehn andere durcheinander, weil das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen herrscht“ (S. 865).

Zum Anhang

Neben den selbstverständlichen Seiten mit Anmerkungen, Bildnachweis und Register finden sich drei anspruchsvolle Artikel zu Neurowissenschaft, Endokrinologie und Proteinen. Der Leser kann also jederzeit auf gründliches Basiswissen zugreifen, ohne andere Quellen aufsuchen zu müssen.

Diskussion

Zweifellos fordert die Lektüre ein starkes Durchhaltevermögen. Der Lohn für die Mühe ist jedoch ein Erkenntniszuwachs ungeahnten Umfangs. Allein die Idee, die Einflussgrößen eines gegenwärtigen Verhaltens bis in die evolutionären Wurzeln aufzuspüren, ist faszinierend.

Ein ausführlicher Anhang zu Neurowissenschaft, Endokrinologie und Proteinen mit der Qualität einer erschöpfenden Vorlesung erspart das Nachschlagen von Grundlagenwissen, das dem nicht spezialisierten Leser vielleicht fehlt. Für ein solches Werk könnte man sich ohne weiteres ein Team von Spezialisten für die vielen Einzelfragen vorstellen und jeden um einen Beitrag aus seinem Fachgebiet bitten. Hier jedoch macht das ein einzelner, der aus einem stupenden Wissensschatz wie auch aus den Ergebnissen eigener empirischer Forschung schöpft und außerdem die Gabe besitzt, davon anschaulich zu schreiben. Dabei entstand ein Werk, das als Meisterstück zum Kanon der Wissenschaftsliteratur gezählt werden muss. Als herausragender Autor versteht es Sapolsky, den Leser einzubeziehen, ihn niemals zu langweilen und dabei Humor und Selbstironie mitspielen zu lassen. Die kongeniale Übersetzung von Hainer Kober trägt in hohem Maße dazu bei, das Lesen zum Vergnügen zu machen: keine Anglizismen bei Wortwahl und Grammatik, sondern schwungvolle und anschauliche Wissenschaftsprosa.

Gibt es darüber hinaus etwas zu kritisieren? Vielleicht dies: dem Leser würde der Überblick leichter fallen, wenn es jeweils am Ende der meist langen Kapitel eine deutlich abgesetzte, in der Form gleichbleibende Zusammenfassung gäbe.

Fazit

Wen die Fragen umtreiben,

  • wie es sein kann, dass Menschen einander einerseits Schaden zufügen und andererseits Beistand leisten,
  • wie die biologischen Grundlagen unserer schlimmsten und besten Verhaltensweisen zu verstehen sind und
  • wie es möglich ist, dass wir nicht so rational und autonom entscheiden, wie wir es gerne von uns sähen,

dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.


[1] https://www.youtube.com/watch?v=ORthzIOEf30 (The biology of our best and worst selves)


Rezensent
Prof. Dr. Gisbert Roloff
E-Mail Mailformular


Alle 17 Rezensionen von Gisbert Roloff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gisbert Roloff. Rezension vom 14.06.2018 zu: Robert M. Sapolsky: Gewalt und Mitgefühl. Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Hanser Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-446-25672-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23470.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung