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Hans Lenk: Human-soziale Verantwortung

Cover Hans Lenk: Human-soziale Verantwortung. Zur Sozialphilosophie der Verantwortlichkeiten. Projekt Verlag 2017. 401 Seiten. ISBN 978-3-89733-376-5. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.

Kultur & Philosophie, Bd. 11.
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Der Mensch als deutendes Wesen

Wissen Sie, dass unter uns der erste Philosoph seit der Antike lebt, der Olympiasieger wurde? Und der ein überaus arbeitsamer und produktiver Wissenschaftler ist? Solche Ankündigungen werden im Wissenschaftsdiskurs als eher obsolet, ungewöhnlich, allzu aufdringlich und anbiedernd eingeschätzt. Wenn aber ein Rezensent, der in seinem bisherigen Leben zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten hinter sich gebracht hat (der Internet-Rezensionsdienst www.socialnet.de z.B. zählt mehr als 1.200 Buchbesprechungen), auf einen „Autor mit Vielfalt“ aufmerksam machen will, sei ihm das nachgesehen.

Es ist die Rede von Karlsruher Philosophen Hans Lenk, der in seiner Liste der Buchpublikationen in den Jahren 1964 bis 2014 insgesamt 148 Veröffentlichen ausweist und auf den der Rezensent vor allem durch sein Buch „Transkulturelle Logik“ aufmerksam wurde, das Lenk zusammen mit Gregor Paul vorgelegt hat (Hans Lenk / Gregor Paul, Transkulturelle Logik. Universalität in der Vielfalt, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/22702.php). Die Aufmerksamkeit wird verstärkt durch die Neugier: Wie stellt sich ein „rudernder Philosoph“ und emeritierter Professor, der 1935 geboren und damit knapp ein Jahr jünger als der Rezensent ist, in seinen wissenschaftlichen Arbeiten dar? Welche Themen sind für ihn wichtig? Dabei stößt man nicht nur auf Erinnerungen, die der zweimalige Europameister, viermalige Deutsche Meister, Olympiasieger mit dem Deutschland-Achter 1960 in Rom und als Trainer des Achters bei der Weltmeisterschaft 1966, veröffentlicht hat (Hans Lenk, Ratzeburger Goldwasser – vom Lago Albano bis Lambarene. Ein philosophierender Olympiasieger erinnert sich, Bochum 2013, 343 S.), sondern auch auf Vorlesungen über Verantwortung und Menschlichkeit (Hans Lenk, Konkrete Humanität, Frankfurt/M., 1998, 492 S.), auf wissenschaftliche Begründungen und Theoriebildungen zur „Anthropologie als interdisziplinäre Philosophie und Wissenschaft“ (Hans Lenk, Einführung in moderne philosophische Anthropologie, Berlin 2013, 324 S.); und auf seine neueste Veröffentlichung, in dem es über das Staunen geht (Hans Lenk, Schemas in Aktion. Vom Staunen zum Multitasking, Bochum 2017, 575 S.).

Soweit die äußerlichen Begründungen, weshalb der Rezensent sich auch seine Studie „Human-soziale Verantwortung“ (2015) vorgenommen hat. Ein innerer, empathischer Antrieb lässt sich dazu noch nennen: Während der Rezensent über Jahrzehnte hinweg in seinem pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Denken und Tun die Hoffnung und den Optimismus lebt, dass eine humane, friedliche, gerechte und solidarische Eine Welt in humaner Verantwortung möglich ist, erkennt er eine geistige Verwandtschaft mit dem Autor in dem Wissen, dass „der Mensch ( ) das deutende Wesen, auf Deutungen, auf zu aktivierende Interpretationen im Denken, im Erkennen, im Handeln, im Strukturieren, im Konstituieren und erst recht im Bewerten angewiesen (ist)“. Wenn wir den Begriff „Verantwortung“ philosophisch-ethisch betrachten, wird die Herausforderung deutlich, dass das Individuum die Fähigkeit besitzt, sich „Rechenschaft über das eigene Handeln und seine absehbaren Folgen zu geben“ (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009, S. 737), und im existentiellen Angewiesen auf die Mitmenschen eine globale Verantwortung hat (Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung. Was wir Menschen in extremer Armut schulden, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21228.php). Bei den nicht trenn- und teilbaren theoretischen und praktischen Wertvorstellungen und denkendem und handelndem Tun heißt „Handelns… ziel- oder normenorientiertes Verhalten in sozial eingebetteten Handlungs- und Verhaltensstrukturen, ausgerichtet an Strukturimages, an Erwartungen“.

Aufbau und Inhalt

Hans Lenk argumentiert mit seinem sozialphilosophischem Konzept einer „Human-sozialen Verantwortung“, indem er im ersten Kapitel seiner Studie „Strukturen der Verantwortungskonzepte“ vorstellt, bei denen er Verantwortung als Zuschreibungs- und Interpretationskonstrukt auch erläutert und auf Aspekte von „Systemverantwortung“ rekurriert.

Im zweiten Kapitel diskutiert er mit dem Begriff der „Selbstverantwortlichkeit“ die traditionellen, philosophisch-humanen Ausprägungen und Grundlagen, wie sie sich im „Eigendenken“ äußern und im Spagat der individuellen und sozialen Verantwortung wirksam werden. Es sind der Kantische Kategorische Imperativ und die Jonassche „Ethik der Verantwortung“, die existenz-philosophisches Denken und Handeln prägen.

Im dritten Kapitel weitet der Autor den Blick und richtet ihn auf die „Verantwortung für die Natur“. Das Plädoyer für einen humanen Umgang auch mit nichtmenschlichen Lebewesen, wie auch mit Naturlandschaften fokussiert auf neue Begrifflichkeiten und lokalen und globale Herausforderungen, wie sie sich z.B. im „Sustainable Development“ und „Nachhaltigkeit“ präsentieren.

Im vierten Kapitel führt Lenk „soziale Fallen“ an, wie sie sich bei der Praktizierung von Verantwortung ergeben. Deutlich wird aus den Beispielen, dass zu einer „Erweiterung der individualistischen Verantwortlichkeit ( ) die Entwicklung einer sozial anteilig mitzutragenden Verantwortlichkeit und die Sensibilisierung des moralischen Gewissens entsprechen (müssten)“. Es sind die Werte „Gemeingut“ (Allmende, Elenor Ostrom), und dass Nicht- und Unwissen auch Verantwortung ist (John Rawls).

Im fünften Kapitel geht es um die Risikodebatte beim Verantwortungsdiskurs: „Von sozialen und systemischen Risiken zur Humanitätsförderung“. Die Risikoforschung bringt eine Reihe von Imponderabilien und Unabwägbarkeiten zutage, die sich in der Diskussion über den Umgang mit Risiken, mit Risikovermeidung und -kompetenz äußern (vgl. dazu auch: Ortwin Renn, Das Risikoparadox, 2014, 608 S.; sowie: Gerd Gigerenzer, Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen triff, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15271.php).

Bei den Auseinandersetzungen über die Entwicklung, Bedeutung und Wirkung von neuen Informationstechnologien stellt der Autor im sechsten Kapitel die Frage: „Können Informations- und Robotersysteme verantwortlich sein?“. Er formuliert Thesen zur Ausbildung und Erziehung, in denen die Bedeutung der Verantwortung beim Umgang mit den technischen Medien zum Ausdruck kommt.

Im siebten Kapitel geht es um „Eigenleistung und Kreativität als human-soziales Menschenrecht“. Es ist der Anspruch auf Individualität in gesellschaftlichen Prozessen. Sie sind nur möglich, wenn im individuellen und kollektiven Leben der Menschen die Menschenwürde das Dasein bestimmt und die individuelle Leistung zum Wohle der Gesellschaft ihre Anerkennung und Bestätigung findet. Kreative Innovations- und Motivationskraft sind Mittel dazu.

Im achten Kapitel wird die „Globalisierungsdebatte und die konkrete Humanität“ aufgenommen. Angelpunkte und Fallstricke in einer sich immer interdependenter, entgrenzender globaler entwickelnden (Einen?) Welt sind die dominanten, kapitalistischen Strukturen, die im Zusammenhang einer human-sozialen Verantwortung überdacht werden müssen.

Im neunten Kapitel werden Konzepte einer „Philosophie konkreter Humanität“ vorgestellt, wie z.B. die „Humanitätsbildung nach Albert Schweitzer“, das der Autor in Lambarene kennengelernt hat.

Im zehnten Kapitel geht es um „Gewissen und Humanität“. Der Autor analysiert am Beispiel des Eichmann-Prozessen die „Gewissensfrage“. „Das Gewissen ist … ein normatives Phänomen, das zwar sozial beeinflusst sein kann und als Erfahrung erlebt wird, aber das doch letztlich als verbindlich und als normativ aufgefasst wird“.

Im elften Kapitel wird diskutiert, was viele Menschen in vielen Situationen als Überforderung empfinden: „Übergröße der Verantwortung“. Es stellt sich die Frage: „Gibt es Handlungsbereiche, die grundsätzlich wegen Überkomplexität der Verantwortlichkeit entzogen sind?“. Es sind Überlegungen, die nicht Verantwortung abschieben will, sondern auffordert, „ein erweitertes Konzept der sozialen und moralischen Verantwortlichkeit (zu denken), das über bloße Verschuldungsverantwortung und Sündenbockzuschreibung im Katastrophenfall hinausgeht“. Auch ans Eingemachte geht es, wenn nach den „Verantwortlichkeiten in den Sozial- und Naturwissenschaften“ gefragt wird, und damit insgesamt darum, wie verantwortlich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Forschung und Lehre sind. Dort wo Wissenschaft im Elfenbeinturm und absent von ethischen und moralischen Grundsätzen wirkt, entstehen in Laboren, Feldversuchen, Experimenten, Versuchsanleitungen und Hypothesen Monster Zauberlehrlinge und Flaschengeister, denen der Mensch nicht mehr habhaft wird. „Ich bin Biologe…, kein Ethiker“, diese Auffassung ist der Wissenschaft nicht würdig. Vielmehr kommt es darauf an, sich auch als Wissenschaftler immer wieder die Frage zu stellen: „Darf der Mensch alles machen, was er kann oder zu können glaubt?“. Das Beispiel „Habers Verwicklung in den (gas)chemischen Krieg“, das Lenk zum Schluss seiner Studie als Exkurs anfügt, kann als ein deutlicher Hinweis betrachtet werden, wie Ziel- und Konfliktsituationen auch im wissenschaftlichen Handeln auftreten.

Fazit

Während sich einerseits die lokalen und globalen Bemühungen um eine gerechtere, friedlichere und menschenwürdigere Eine Welt im transnationalen und -kulturellen Kontexten verstärken, irritieren die sowohl lokalen und globalen Kakophonien von Nationalismen, Fundamentalismen, Rassismen, Populismen und Fake News. In dieser unsicheren Gemengelage ist Verantwortung gefragt. Human-soziale Verantwortung umfasst demnach alle Verhaltens- und Ethikkodizes, die Humanität möglich macht. Es gilt, die Bemühungen zu unterstützen, „Fundamental Principles“ und „Fundamental Canons“ im Sinne einer „globalen Ethik“ bewusst zu machen. Eine „Sozialphilosophie der Verantwortlichkeiten“ kann dafür ein wichtiger lokaler und globaler Baustein sein!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.11.2017 zu: Hans Lenk: Human-soziale Verantwortung. Zur Sozialphilosophie der Verantwortlichkeiten. Projekt Verlag 2017. ISBN 978-3-89733-376-5. Kultur & Philosophie, Bd. 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23473.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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