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Wolfgang Schroeder: Interessen­vertretung in der Altenpflege

Cover Wolfgang Schroeder: Interessenvertretung in der Altenpflege. Zwischen Staatszentrierung und Selbstorganisation. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 248 Seiten. ISBN 978-3-658-19406-2. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 46,50 sFr.
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Thema

Berufspolitische Interessenvertretung und Selbstorganisation sind im Berufsfeld Altenpflege keine Selbstverständlichkeit. Schroeder zeigt in diesem Buch die Einflussfaktoren dafür auf und zeichnet den Wandel in der Altenpflege nach.

Autoren

Prof. Dr. Wolfgang Schroeder hat eine Professur für Politikwissenschaft an der Universität Kassel inne. Zudem forscht er am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung zu Themen der Demokratie und Demokratisierung.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Dozierende und Studierende in Politik-, Pflege- und Gesundheitswissenschaften, der Soziologie und Sozialen Arbeit sowie Mitgliedern und Funktionären von Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften und Berufsverbänden.

Aufbau

264 Seiten sind auf sechs Kapitel verteilt:

  1. Einleitung
  2. Teilbranche Altenpflege
  3. Kollektive Akteure in der Altenpflege
  4. Bedingungen kollektiven Handelns – die individuelle Ebene
  5. Arbeitnehmerinteressen und kollektives Handeln
  6. Resümee

Das vollständige Inhaltsverzeichnis lässt sich bei der Deutschen Nationalbibliothek einsehen.

Inhalt

Ziel der Studie war es, die Voraussetzungen im Bereich der Altenpflege für kollektives Handeln zu untersuchen. Schroeder hat dazu die individuelle Ebene der Beschäftigten und die Handlungsoptionen der kollektiven Akteure in den Blick genommen. Grundlage dafür waren Befragungen und Interviews mit Altenpflegenden und Interessenvertretern.

In der Einleitung zeigt Schroeder zunächst die Studienlage auf. Wenige Arbeiten widmeten sich bisher den überbetrieblichen Arbeitsbeziehungen, vereinzelt werden betriebliche Interessenvertretungen betrachtet. Den theoretischen Rahmen steckt er mit dem Konzept intermediärer Organisationen der Verbändeforschung, der Theorie des kollektiven Handelns und der Ressourcenmobilisierungstheorie. Zudem zeigt er die Gefühls- und Interaktionsarbeit im Berufsfeld Pflege, den flexibilisierten Arbeitsmarkt und den hohen Frauenanteil als Besonderheiten im Berufsfeld auf.

Danach diskutiert Schroeder, was den Wirtschaftsbereich als Branche ausmacht. Altenpflege ist aufgrund mangelnder Konsumentensouveränität und durch die Pflegeversicherung festgelegte Preise ein sogenannter „Quasi-Markt“. Blickt man auf kollektive Zusammenschlüsse, so konstatiert Schroeder, das ver.di vom Status einer starken Gewerkschaft in der Altenpflege „nach wie vor weit entfernt“ sei. Diese Gewerkschaft wird neben dem DBfK und dem DBVA in Historie, inhaltlicher Ausrichtung und Struktur im Kapitel „Kollektive Akteure in der Altenpflege – verbandliche Ebene“ ausführlich vorgestellt.

Neben der betrieblichen und überbetrieblichen Ebene interessiert auch die individuelle Ebene der Beschäftigten: die Motivation für die Berufsausübung, die Anerkennung in der Gesellschaft sowie die erlebten Belastungen und Ressourcen. Wo sehen Pflegekräfte den größten Handlungsbedarf? Welche Akteure sind aus ihrer Sicht in der Verantwortung, die bestehende Situation zu verbessern? Wie stehen sie zu kollektiven Akteuren wie Berufsverbänden und Gewerkschaften?

Die Motivation für die Berufswahl zeigt die Tätigkeit am und mit Menschen, das Helfen und als Voraussetzung, die Tätigkeit „mit Herz“ zu machen als wesentlich. Insgesamt zeigen sich eine heterogene soziale und berufliche Lage und Differenzen zwischen Fachkräften und Helfern. Wertschätzung ist ein wichtiges Thema: sie wird in der direkten Interaktion mit Bewohner und Kollegen als hoch, seitens der Gesellschaft aber als niedrig empfunden. Eine intrinsische Motivation zur Berufswahl scheint mit einer besseren Kompensation der Unzufriedenheit mit Arbeitsbedingungen einherzugehen. Die Pflegekräfte sehen die größten Handlungsbedarfe im Arbeitsumfeld bei Entlohnung und Personalausstattung, gefolgt von besserer Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, Dienstplangestaltung und Personalführung. In Bezug auf die eigene Arbeit wird weniger Zeitdruck mit weitem Abstand vor mehr Gehalt und den Arbeitszeiten genannt. Als verantwortlich, diese Aspekte anzugehen, sehen die meisten Befragten „den Staat!“. Diese staatsbezogene Orientierung bewertet Schroeder als unzureichend bis kontraproduktiv.

Eigene Handlungsspielräume auf betrieblicher Ebene, Veränderungen herbeizuführen, sehen die Pflegekräfte wenig und am ehesten, wenn sie selbst Leitungsverantwortung innehaben. Leitungskräfte werden auch eher um Unterstützung bei Problemen im Arbeitszusammenhang gebeten als Gewerkschaften oder Berufsverbände. Als Gründe, warum die Befragten nicht aktiv(er) werden, werden die Arbeitszeiten, berufliche Verpflichtungen, Erschöpfung, das geringe Selbstinteresse und auch private Verpflichtungen angeführt – und auch das in öffentlichen Diskussionen häufig benannte Argument, mit einem Streik als Druckmittel die Patienten im Stich zu lassen. Für eine umfassende Organisation in Berufsverbänden und Gewerkschaften fehlt es an Routine und Kultur kollektiver Interessenvertretung.

Diskussion

Schroeder zeigt mit diesem Buch die Interessenvertretung im Berufsfeld Altenpflege differenziert auf. Der methodische Ansatz, die Zahlen aus der Befragung mit den subjektiven Wirklichkeiten aus den Interviews zu ergänzen, erscheint mir für ein vielseitiges Bild zur Fragestellung angemessen. Die Befunde auf der individuellen Ebene zu Motivation, Wertschätzung und der Wahrnehmung eigener Handlungsspielräume überrascht mich nach fast 20 Jahren eigener Berufserfahrung im Gesundheitswesen nicht. Die empirischen Ergebnisse sind spannend. Wünschenswert fände ich eine verständliche Zusammenfassung für praxisnahe Zeitschriften – so kann die beschriebene Lücke in Bezug auf Kenntnisse der Akteure in der Interessenvertretung kleiner und das Interesse für Berufspolitik, Organisationen und kollektives Handeln größer werden.

Fazit

Schroeder liefert in diesem Buch wichtige Erkenntnisse und Hintergründe für alle, die sich mit Berufspolitik in der Altenpflege befassen. Die Zersplitterung der tarifpolitischen und Verbändelandschaft wird sehr deutlich. Die strukturelle Minderheitsposition der Altenpflegenden ist für die Zukunft des Berufsfeldes aufgrund der demografischen und epidemiologischen Veränderungen kaum mehr tragbar. Der Handlungsbedarf, gegenüber der Politik geschlossen aufzutreten, wird mit den Argumenten des Buches umso deutlicher.


Rezensentin
Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
M.A. Public Health und Pflegewissenschaft
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 23.03.2018 zu: Wolfgang Schroeder: Interessenvertretung in der Altenpflege. Zwischen Staatszentrierung und Selbstorganisation. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-19406-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23475.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


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