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Ingeborg Goebel-Ahnert: Pathologische Trauer und ­chronische Depression

Cover Ingeborg Goebel-Ahnert: Pathologische Trauer und ­chronische Depression. Studie zur Wirksamkeit der ­psychoanalytischen Behandlung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. 192 Seiten. ISBN 978-3-95558-206-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Wer sich heutzutage einer Behandlung einer depressiven Störung unterziehen muss, muss nicht nur entscheiden, welchen therapierenden Personen er sein Vertrauen schenken wird, sondern auch welchen Behandlungsverfahren. Wie werden Depressionen und andere „affektive psychische Störungen“ adäquat verstanden und behandelt? Leitlinien wie die S3-Leitlinie Unipolare Depression geben umfassend sowie auch für Patienten aufbereitet Auskunft.

Gleichwohl werden insbesondere Behandlungsstrategien, seltenere Krankheitsbilder der Störungen im Gefühlshaushalt in den Medien und der Publizistik, in den Fachöffentlichkeiten und unter den (ehemaligen) Patienten dauerhaft und bleibend kontrovers diskutiert.

Die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber initiierte das multizentrische Forschungsprojekt Langzeittherapie bei chronischer Depression (LAC). Im Rahmen dieses Projektes werden die verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren erfolgskontrolliert und evaluiert. Sofern das im Jahre 2007 gestartete und mithin seit mittlerweile elf Jahren anhängige Projekt erfolgreich zu Ende gebracht werden kann.

Interessenskonflikt?

Der Rezensent ist ehemaliger Depressionspatient und wurde angefragt, das Sachbuch zu rezensieren. Er war und ist nicht in einem Tätigkeitsfeld beruflich tätig, welches mit der Therapie psychischer Störungen in Zusammenhang steht.

Der Rezensent hat sich von 2002 bis 2009 einer psychoanalytischen Therapie unterzogen, in deren Rahmen er eine numerische Vielzahl von Lebenszeitdiagnosen und Lebenszeit-Arbeitsdiagnosen erhielt, welche am Ende eines Evaluationsvorganges im Jahre 2011 fachärztlich für im Nachhinein unzutreffend erklärt und zurückgenommen wurden. Der Rezensent ist der Überzeugung, dass die Diagnose einer chronischen Depression auch in anderen als seinem eigenen Fall und nur selten bei objektiver Betrachtung zutreffend und sicherbar sein dürfte. Und auch in den übrigen Fällen dürfte sie schwerlich einen Beitrag dazu leisten, dem Therapiezweck der Verbesserung der Lebensqualität der behandelten Person zu dienen, und erst recht nicht dem Zweck der Heilung, also der Normalisierung der Lebensqualität.

Dieser persönliche HIntzergrund kann Auswirkungen auf die Bewertung des rezensierten Buches haben.

Autorin

Dipl.-Psych. Ingeborg Goebel-Ahnert ist Psychoanalytikern (DPV/IPA) und Supervisorin in freier Praxis, Dozentin am Frankfurter Psychoanalytischen Institut sowie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Depressionsprojekt Langzeitstudie chronischer Depression (LAC) am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt a.M. Sie hat Fachbeiträge und Fachzeitschriften und Büchern publiziert. Sie befindet sich in einem Promotionsverfahren des Fachbereiches Humanwissenschaften der Universität Kassel, in dessen Rahmen die dem Buch zu Grunde liegende Dissertation entstanden ist. Die Disputation fand im Juli 2017 statt; gleichwohl scheint die Autorin am 6. Juni 2018, dem Zeitpunkt dieser Rezension, noch nicht promoviert zu sein.

Entstehungshintergrund

Weithin unbestritten haben die Behandlungen depressiver und anderer psychischer Störungen in den letzten Jahrzehnten deutlich an Zahl gewonnen. Hintergrund dafür ist der Siegeszug des Klassifikationssystems ICD, welches sich mit seiner symptomatologisch orientierten Krankheitsphilosophie als Mittel der Erfassung und Diagnostik von gesundheitlichen Störungen insbesondere auch im Bereich psychischer und Verhaltensstörungen gegenüber ursachebezogenen Erklärungs- und Behandlungsmustern durchgesetzt hat.

Das Buch ist Folge der Kooptation der Autorin und niedergelassenen Psychoanalytikerin zur wissenschaftlichen Mitarbeit im LAC-Studienprojekt als Studiendiagnostikerin, Studienpatin und Studientherapeutin. Aus ihrer klinisch-psychologischen und LAC-Studien-Erfahrung heraus entwickelte sie das Dissertationsthema und Buch-Thema. Zum Beispiel ist die Bindungsforschungs-Studie von John Bowldy Verlust. Trauer und Depression aus dem Jahre 1975 eine wichtige Grundlagenarbeit für ihre Studie.

Aufbau

Das Buch hat vierzehn Kapitel (Seite 11 bis 188), welche von einem Vorwort, dem Dank und einer Übersicht und Vorstellung des Aufbaus der Arbeit, von einer Zusammenfassung (Kapitel 15; Seite 189-195), sowie den Literatur-, Abbildungs- und Tabellenverzeichnissen gerahmt werden.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Im Vorwort gibt die Autorin wichtige Hinweise für den Entstehungshintergrund, zu welchen der hohe Anteil spätadoleszent auftretender, konsolidierter und im jungen Erwachsenenalter chronifizierter Depressionen im klinischen Alltag gehört. Dies ist der Sitz-im-Leben dieser umfassend in die klinische und nichtklinische Forschung eingebetteten Einzelfall-Studie, in deren Zentrum die Behandlung einer Patientin steht, für welche die Klärung der Identitätsbildung in der Adoleszenz wichtig war.

Die Übersicht (Seite 16 bis 18) bietet eine dichte Wiedergabe des Inhalts der Studie, auf welche an dieser Stelle hingewiesen wird.

Der Sache nach hat das Buch drei Teile,

  • einen Hinführungsteil (Kapitel 1 bis 7; Seite 19 bis 116),
  • einen Durchführungsteil (Kapitel 9 bis 14, Seite 123 bis 195) und
  • das Scharnier- und Schlüsselkapitel zwischen den beiden Teilen.

Im Kapitel 8 (Seite 117 bis 122) entwickelt die Autorin „die Fragestellung und Ziele der Einzelfallstudie“: „Hauptziel der Fallstudie ist es, eine Strategie aufzuzeigen, mit der in der Kombination von klinischer und extraklinische Forschung die Wirksamkeit einer psychoanalytischen Behandlung untersucht und wissenschaftlich nachgewiesen werden kann.“ (S. 117) Und weiter: „Dabei wird der Frage nachgegangen, ob ein systematisiertes klinisches Forschungsinstrument wie die Expertenvalidierung nach dem Three-Level Model of Clinical Observation zu gleichen oder divergierenden Ergebnissen führt wie die extraklinische Untersuchungsmethode der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik.“ Ferner sollen die fallbezogenen psychoanalytischen Erkenntnisse reflektiert werden, um den psychoanalytischen Umgang mit chronisch-depressiven Patienten weiterzuentwickeln. (Ebenda)

Die Zusammenfassung ihrer Studie (Kapitel 15, S. 197-199) lässt die Autorin mit den folgenden Feststellungen enden: „Es konnte anhand einer Einzelfallstudie dargelegt werden, dass die klinisch-psychoanalytische und die extraklinische Untersuchung hinsichtlich der erreichten Transformationen in der Persönlichkeit einer Patientin führte. Die Resultate der Studie ergaben ein kohärentes Bild. In der für die Psychoanalyse typischen Verknüpfung von Praxis und Forschung veranschaulicht die Fallstudie exemplarisch, dass eine Psychoanalyse neben den Veränderungen der manifesten Symptomatik zu nachhaltigen Veränderungen der inneren, unbewussten Objektwelt einer Patientin führen kann.“ (Seite 199)

Diskussion

Es gibt keine risikolosen Behandlungen von gesundheitlichen Störungen; das schließt auch psychoanalytische Therapien von Depressionen ein. Sie sind immer auch ein Ritt auf der Rasierklinge; dies ist einer der Gründe, welche den therapeutischen Berufen immer wieder neu diejenige Reputation verschaffen, durch welche sie getragen werden. Depressionspatienten leiden nicht nur unter den Symptomen ihrer Erkrankung, sondern auch unter der Angst vor dem Scheitern ihrer Therapie. Depression for ever? Ist das lebbar?

Und wie ist es mit der Angst der Therapierenden?

Dieses Buch lässt wenig von der Risikokonstellation in der Behandlung psychischer Störungen spüren, versetzt den Rezensenten vielmehr atmosphärisch in Zeiten zurück, als der Begriff der Risikogesellschaft noch weit davon entfernt war, erfunden zu werden. Dementsprechend aktiviert es Bilder aus der Welt der Werbung der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik. Soziale Gefährdungslagen, Menschenrechts(verletzungs)fragen spielen in diesem Buch jenseits einer pflichtschuldigen Referierung (Kapitel 1.1; Seite 19 bis 21) keine Rolle.

Hier wurde eine makellose Studie vorgelegt, welche klar und stringent, methodisch und systematisch darstellt, warum die psychoanalytische Behandlung dieser Behandlung zum Erfolg geführt werden konnte; vielmehr selbstverständlich, da methodenkontrolliert zum Erfolg geführt werden musste. Und deren über zehn Jahre hinweg erfolglos medikamentös behandelte major depression keine größeren sozialen Konsequenzen nach sich zog, sondern ein im Wesentlichen rein intrapsychisches Geschehen gewesen ist. Der Rezensent hat den Eindruck, eine makellose Studie über eine makellose Therapie einer makellosen psychoanalytischen Patientin zu lesen. Noch Fragen? Nicht wirklich; vielleicht hätte die Therapie noch etwas länger fortgeführt werden sollen, um „die Trauer bzw. die Bedeutung des Todes für die Patienten noch tiefer zu bearbeiten“ (Seite 161). Auf diese Weise bleibt es am Ende offen, ob der Depressionsindikator dauerhaft negativ anschlägt, wie er es an dem von der Patientin verlangten Behandlungsende tat.

Der Rezensent ist beklommen, von einer Patientin zu lesen, welche in der Schlussphase der Behandlung von negativen Gedanken geplagt wird, „dass die Depression vielleicht nie ganz weg sein wird“ (Seite 152), und sich nicht traut, ihrem Partner zu sagen, dass „ich Depressionen habe und dass ich in Analyse bin. (…) Ich komme ja jetzt von ihm. Ich habe ihm gesagt, dass ich einen Termin beim Gynäkologen haben. Ich finde es schlimm, ihn angelogen zu haben.“ (Seite 155) Ich lege das Buch mit dem Eindruck beiseite, dass hier ein Mensch möglicherweise als geheilt entlassen worden ist, obwohl er in Wirklichkeit weiterhin in großer Not war. Weil alle es so haben wollten.

Fazit

Lässt man aber das Unbehagen des Rezensenten beiseite, so legte Ingeborg Goebel-Ahnert eine solide gearbeitete Einzelfall-Studie zur psychoanalytischen Behandlung junger Erwachsener, die eine gestörte Adoleszenz und eine depressive Störung haben, vor.

Das Buch kann der Fachöffentlichkeit zum Kauf empfohlen werden. Auch wissenschaftlich interessierte Depressionspatienten mit ähnlicher Problematik und Interesse am psychoanalytischen Behandlungsverfahren können von diesem Buch profitieren.

Als Hauptlektüre zu diesem Buch empfiehlt der Rezensent Erkrankten (und deren Angehörigen sowie beruflich mit dem Thema Affektive psychische Störungen befassten Personen) die fachgesellschaftlichen Leitlinien zur Unipolaren Depression und zu anderen affektiven Störungen, Sorgfalt in der Wahl des Arztes und der Therapeutin, und eine konsumentenbewusste Grundhaltung bei der Auswahl aus den Therapieangeboten. Eine Psychoanalyse kann, muss aber nicht die richtige Behandlung sein. Auch Depressionspatienten sollten keine Diagnose und keine Behandlung akzeptieren, welche nicht einleuchtet, oder dazu geeignet ist, die eigene Lebensqualität zusätzlich zu beschädigen.


Rezensent
Heribert Süttmann
Diplom-Politikwissenschaftler, Evangelisch-reformierter Pfarrer im Ruhestand
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Zitiervorschlag
Heribert Süttmann. Rezension vom 11.07.2018 zu: Ingeborg Goebel-Ahnert: Pathologische Trauer und ­chronische Depression. Studie zur Wirksamkeit der ­psychoanalytischen Behandlung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-95558-206-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23478.php, Datum des Zugriffs 26.09.2018.


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