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Didier Fassin: Das Leben. Eine kritische Gebrauchsanweisung

Cover Didier Fassin: Das Leben. Eine kritische Gebrauchsanweisung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. 150 Seiten. ISBN 978-3-518-58710-2. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

„Das Leben. Eine kritische Gebrauchsanweisung“ beruht auf Didier Fassins 2016 gehaltenen Adorno-Vorlesungen. In drei Vorlesungen widmet sich Fassin der Ungleichheit und Ungleichwertigkeit von Leben, wobei er untersucht, was eine Lebensform kennzeichnet, inwiefern von einer Ethik des Lebens gesprochen werden kann und wie Politik sich auf Leben auswirkt.

Autor

Didier Fassin ist Arzt, Soziologe und Anthropologe. Er ist Professor of Social Science am Institute for Advanced Study in Princeton und Studiendirektor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Fassin war Vizepräsident von Ärzte ohne Grenzen und ist gegenwärtig Präsident des französischen Comité Médical pour les Exilés (COMEDE). Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, zuletzt 2016 die Goldmedaille der Schwedischen Gesellschaft für Anthropologie und Geografie. Weitere Werke: „Prison Worlds. An Ethnography of the Carceral Condition (2016)“ und als Herausgeber „If Truth Be Told. The Politics of Public Ethnography (2017)“ sowie „Writing the World of Policing. The Difference Ethnography Makes (2017)“.

Aufbau und Inhalt

„Das Leben. Eine kritische Gebrauchsanweisung“ beginnt mit dem Dank des Autors für die Möglichkeit in drei Vorlesungen seine Gedanken zum Thema Leben entwickeln zu können. Fassin umreißt in diesem Dank und der Vorrede „Minima Theoria“ bereits die Themen der folgenden Kapitel und lokalisiert sein Denken als angeknüpft an die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Die drei Hauptkapitel des Buches werden vorgestellt, welche sich mit Lebensformen, der Ethik des Lebens und der Politik des Lebens befassen. Fassins Blick auf diese Themen ist dabei nicht neutral, sondern ganz deutlich von der Frage nach der Ungleichheit der Leben geprägt.

Alle drei Kapitel folgen einem stringenten Aufbau, wobei zunächst eine Diskussion theoretischer Positionen erfolgt, bevor dann empirische Erkenntnisse aus Fassins jahrelanger Forschungsarbeit präsentiert werden und schließlich Theorie und Empirie zusammengebracht werden. Fassins übergeordnetes Ziel ist es dabei Philosophie und Anthropologie in einen fruchtbaren Dialog zu verwickeln.

Kapitel I: Formen des Lebens beleuchtet die Verwendung des Begriffs Lebensform bei Ludwig Wittgenstein, Georg Canguilhem und Georgio Agamben. Dabei favorisiert Fassin nicht einen dieser Ansätze oder versucht diese drei Positionen miteinander zu versöhnen, sondern er arbeitet anhand dieser Diskussion drei Spannungsverhältnisse heraus (Allgemeines – Besonderes, Biologisches – Soziales, Gesetz – Gesetzespraxis), mithilfe derer sich Lebensformen beschreiben ließen.

Fassin hat im „Dschungel von Calais“, einer Einöde bevölkert von Flüchtlingen und Migranten, die dort ausharren und versuchen nach England auszuwandern, und in den „Dark Buildings“, den aufgegebenen und nun meist von Illegalen bewohnten Wohnquartieren in Johannesburg geforscht, d.h. Interviews mit dort lebenden Personen geführt und teilnehmend beobachtet.

Bei den Untersuchten handelt es sich s. E. um die gleiche Lebensform: das prekäre Nomadentum von Migranten und Flüchtlingen. Personen, die als prekäre Nomaden leben, sind vergleichbar in Bezug auf ihren unklaren Status und ihre Verletzlichkeit (allgemein), erleben diesen Zustand jedoch aufgrund kultureller und individueller Eigenheiten unterschiedlich (besonders). Ihr Überleben ist vornehmlich eine physische Frage (biologisch), aber gleichzeitig ohne Interaktion mit anderen Menschen unmöglich (sozial). Sie sind von Rechtsprechung betroffen (Gesetz), deren behördliche Umsetzung, taktische Ausnutzung und Umgehung jedoch unterschiedliche Spielräume ermöglicht (Gesetzespraxis).

Fassin stützt seine theoretischen Überlegungen mithilfe ethnographischer Forschung und etabliert damit die genannten Spannungsverhältnisse als Grundlage der Beschreibung einer Form des Lebens.

Kapitel II: Ethik des Lebens trägt den Dialog zwischen Philosophie und Anthropologie in den Bereich der Moral. Dabei zeigt Fassin zunächst zwei verbreitete Sichtweisen auf, nämlich einerseits die Sichtweise, wonach gesellschaftliche Moralvorstellungen die Subjekte leiten, andererseits die Sichtweise, wonach die Subjekte selbst bestimmen würden, was für sie ein moralisch gutes Leben sei. Die Zusammenführung dieser Gedanken findet Fassin bei Axel Honneths Überlegungen zu einer Theorie der Anerkennung. Diese würde eine Zwischenposition ermöglichen, die durch die Bezugnahme auf interaktive Aushandlung von Anerkennung sowohl gesellschaftliche als auch subjektive Moralvorstellungen zusammenbringe und gleichzeitig den konflikthaften Charakter dieser Aushandlungen – den Kampf um Anerkennung bestimmter sozialer Gruppen – mit aufnehme. Alle diese Überlegungen würden sich darum drehen, was ein gutes Leben ausmacht, wohingegen Fassin davon ausgeht, dass es zunächst wichtig ist zu untersuchen, wie in ethischen Fragen auf das Leben Bezug genommen wird.

Am Beispiel französischer Einwanderungspolitik zeigt Fassin, dass sich der Bezug auf das biologische Überleben gegenüber dem sozialen Leben durchsetzt. Flüchtlinge, die eine Aids-Erkrankung nachweisen können, erhielten in Frankreich eher Asyl als politisch Verfolgte.

Er spricht in diesem Fall von Biolegitimität: Die Rettung von Menschenleben setze sich als Rechtfertigungsstrategie gegenüber sozialer Gerechtigkeit durch. Das Leben wird somit selbst zu seinem größten Wert, es wird sich selbst zum ethischen Bezugspunkt, hinter dem die Frage des ethischen Lebens zurückbleibt.

Dieser Bezug auf das rein physische Leben sei vielfach in der Philosophie als minderwertig zum politisch sozialen Leben gedeutet worden (Arendt, Benjamin). Fassin enthält sich einer solchen normativen Deutung, fügt aber hinzu, dass der Akt des schieren Überlebens, wie die Aussagen von Überlebenden der Shoah zeigen, ebenfalls eine Form des Widerstands oder gar der Rache sein können.

Kapitel III: Politik des Lebens beginnt damit, dass Fassin, ausgehend von einer Kritik am foucaultschen Begriff der Biopolitik, die Frage aufwirft, inwiefern es eine Politik des Lebens gibt. Wo Biopolitik sich mit den Techniken der Bevölkerungskontrolle auseinandersetzt, untersucht Fassin, wie die Politik auf die Bewertung des Lebens als höchstes Gut reagiert. Dabei stellt er eine Ungleichwertigkeit der Leben fest. Diese zeige sich z.B. an Entschädigungssummen für Todesfälle in Kriegen oder bei Terrorangriffen. So werde das Leben eines im Irak-Krieg gefallenen US-amerikanischen Soldaten mit bis zu 800000 $ bewertet und diese Summe an die Hinterbliebenen ausgezahlt, wohingegen ein getöteter irakischer Zivilist nur mit 4000 $ zu Buche schlägt.

In der „Black Lives Matter“-Bewegung sieht Fassin eine Bestätigung für die These der ungleichen Bewertung von Leben. Eine Missachtung „schwarzer Leben“ zeige sich daran, dass es lange Zeit nicht einmal eine Statistik über die Tötung Afro-amerikanischer Jugendlicher gegeben hat. Auch scheinen die Leben weißer Polizisten wertvoller zu sein, die regelmäßig Freisprüche für das Töten im Dienst erhalten.

Schluss: Ungleiche Leben. Die Hierarchisierung der Leben und die Unterschiedlichkeit, mit der Menschen den Widerfahrnissen des Lebens ausgesetzt sind, steht für Fassin im Mittelpunkt seiner Untersuchung. Sie hat zum Ziel „zu zeigen und zu erklären, was die ungleiche Behandlung von Menschenleben bedeutet“. Hierin sieht er die Aufgabe der Kritik.

Diskussion

C. Wright Mills (www.socialnet.de/rezensionen/21768.php) schrieb der Soziologie ins Auftragsbuch die Zusammenhänge von Biographie, Geschichte und Sozialstruktur zu untersuchen, was Fassin mithilfe seines ethnographischen Ansatzes durchaus gelingt. Mit der Verknüpfung aus Feldforschung und kritischer Theorie erfüllt Fassin ebenfalls einen alten Wunsch der Frankfurter Schule. Zwar war diese durchaus auf die Verknüpfung von Theorie und Empirie ausgerichtet, doch war z.B. Adorno wenig mit empirischem Eifer gesegnet, in einer Abwandlung eines Satzes von Max Weber könnte man ihn fast als empirisch unmusikalisch bezeichnen.

Fassin plädiert für eine Kritik, die sich sowohl auf gesellschaftliche Verhältnisse als auch auf vorherrschende Perspektiven und gewohnheitsmäßige Vorstellungen bezieht. Damit führt er zwei Arten von Kritik zusammen, die oft einander gegenübergestellt werden. Auf der einen Seite steht eine Kritik der sozialen Verhältnisse, die sich Ausbeutung, Ausgrenzung und Entfremdung zum Untersuchungsgegenstand macht. Auf der anderen Seite eine Erkenntniskritik, die oft unhinterfragte Werte, Normen und Vorstellungen untersucht und auf ihre konkreten Auswirkungen hin befragt.

Diese Zusammenführung von Gesellschafts- und Erkenntniskritik macht Fassins Überlegungen anschlussfähig an andere „Kritik-Projekte“. Mit der kritischen Soziologie eines Luc Boltanski teilt Fassin die Ablehnung der Idee, dass Akteure zur Gesellschaftsanalyse aufgrund ihrer Verstricktheit gar nicht fähig wären. Vielmehr unterstellt er ihnen eine scharfsinnige soziale Intelligenz, die sehr wohl die Verhältnisse nicht nur zu erleiden, sondern auch zu bezeichnen erlaubt. Für Axel Honneths Theorie der Anerkennung, sowie Rainer Forsts Untersuchungen von Rechtfertigungsordnungen liegen mögliche Bezugspunkte insbesondere in Fassins Begriff der Biolegitimität und seiner damit einhergehenden Analyse eines neuen, statt auf Rechte eher auf die (physiologischen) Bedürfnisse von Menschen abzielenden Humanismus.

Für Fassin erschöpft sich seine Rolle jedoch nicht im kritischen Theoretisieren und empirischen Fundieren. Deutlich sieht er die öffentliche Aufgabe von Sozialwissenschaftlern nicht nur darin Ungleichheiten zu benennen, sondern auch an ihrer Veränderung zu arbeiten.

Fazit

Fassin zeigt deutlich, warum kritische Theorie eine Grundlage in empirischer Analyse benötigt. Insbesondere die Feldforschung ermöglicht dabei unter Berücksichtigung konkreter Fälle eine Nähe zu den Untersuchten herzustellen, die statistisches Material zumeist nicht zulässt. Der Fokus auf Leben ermöglicht es, verschiedene Dimensionen von Ungleichheit zu adressieren und ihre Zusammenhänge herauszuarbeiten. Fassins Buch ist dahingehend weniger eine kritische Gebrauchsanweisung als eine gelungene Gebrauchsanweisung zur Kritik.


Rezensent
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 08.02.2018 zu: Didier Fassin: Das Leben. Eine kritische Gebrauchsanweisung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-518-58710-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23480.php, Datum des Zugriffs 22.02.2018.


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