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Tristan Garcia: Das intensive Leben

Cover Tristan Garcia: Das intensive Leben. Eine moderne Obsession. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. 214 Seiten. ISBN 978-3-518-58700-3. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.
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Thema

Intensiv leben – wer träumt nicht davon? Aber woher kommt diese Idee? Was ist ihr Urgrund? Und was, wenn sie nicht mehr für Ausbruch, Rebellion, Revolte, Freiheit, Ekstase steht, sondern domestiziert und schließlich pervertiert wurde zu einem Zwang, zu einem Drang nach immer stärkeren Surrogaten der Intensität? Und wie können wir damit umgehen?

Autor

Tristan Garcia ist Philosoph und Schriftsteller. Er veröffentlichte bereits mehrere Romane, darunter „Faber“ (2017) und „Der beste Teil der Menschen“ (2010). Darüber hinaus veröffentlichte er verschiedene philosophische Schriften (u.a. zu Jeremy Bentham). Er lehrt als Maître de conférences im Fach Philosophie an der Universität Lyon.

Aufbau und Inhalt

Einleitung. Garcia nähert sich hier seinem Gegenstand, der Intensität, an. Er umkreist und beschreibt sie immer wieder aufs Neue: „mehr von der selben Sache wollen“, „Lebe soviel du kannst“, „Intensität als Norm eines Vergleichs jedes Dings nicht im Verhältnis zu etwas anderem, sondern im Verhältnis zu sich selbst“. Auch stellt er bereits ihre Gegenseite dar: „Morast der Routine“, Verlust der „existenziellen Spannung“, „all seine Wünsche befriedigt und all seine Ziele erreicht“. Die Intensität sei ein ethisches Programm, welches mit einem Versprechen angetreten ist: „mehr vom Gleichen“, „mehr Leben“. Und die einzige Sünde, die bleibt, ist, dass etwas nicht intensiv genug getan wurde.

(1) Ein Bild: Wie sich die Elektrizität auf das Denken ausgewirkt hat. Im ersten Kapitel fragt Garcia nach der Herkunft der Intensität und findet sie in der Geschichte der Elektrizität und der ersten öffentlichen Experimente. Die Elektrizität impfte den Menschen die Idee einer intensiven Natur ein – auf einmal gab es da die Vorstellung geladen zu sein. Sprache zeugt bis heute von diesen Anfängen, da ist jemand energisch, von etwas elektrisiert, es knistert zwischen zwei Personen oder jemand fühlt sich wie vom Schlag getroffen.

(2) Eine Idee: Um etwas mit sich selbst zu vergleichen. In den Naturwissenschaften erforscht, allgemein als an- und abebbender Energiefluss im Menschen imaginiert, wurde in der Philosophie die Intensität als das Andere der Rationalität definiert. Bei Kant finden sich laut Garcia Überlegungen zum Intensitätsgrad des Realen. Mit Hegel und Bergson lässt sich das quantitative Mehr im Sinne von Ausdehnung und das qualitative Mehr im Sinne von Intensität unterscheiden. Nietzsche und die Nietzscheaner des 20. Jahrhunderts werden schließlich dazu kommen, alles Seiende als unterschiedlich intensiv zu interpretieren. Sie erschaffen eine Art intensivistische Ontologie, d.h. alles Seiende ist von Beginn der Zeit bereits da gewesen, es ist historisch nur unterschiedlich stark ausgeprägt.

(3) Ein Konzept: „Man müsse alles mit Intensitäten interpretieren“. Dieser Gedanke führt zu einer Verflüssigung von Identitäten; sie werden Intensitäten, die sich wieder wie bei der Elektrizität als Ströme begreifen lassen. Sie fließen mit mehr oder weniger Kraft. Daher wird die Welt so begriffen, als wenn alles immer schon da gewesen wäre, nur eben in verschieden starker Ausprägung. Es offenbart sich das Prinzip des qualitativen Vergleichens: etwas ist mehr oder weniger es selbst. Wenn Identifikation und Intensität sich aber gegenüberstehen, dann bedeutet jede Feststellung von Intensität auch schon ihre Bedrohung, eben genau ein Fest-Stellen, ein Identifizieren. Intensität ist also schon immer dadurch bedroht, dass sie realisiert werden kann und dann durch Vertrautheit, Gewohnheit, Routine zum Fossil wird. Gegen ein solches Erstarren hilft dann nur das Neue und Unerwartete.

(4) Ein moralisches Ideal: Der intensive Mensch. Der intensive Mensch ist ein neuer moralischer Typus, der sich, so Garcia, im 18. Jahrhundert im Libertin, im 19. Jahrhundert im Romantiker und im 20. Jahrhundert im Jugendlichen und im Rocker manifestiert. Der Libertin möchte Erregung, Wollust, immer neues Knistern. Der Romantiker will Gefühl, Tiefe, maximale Empfindung und zwar schlagartig. Der Rocker nutzt schließlich elektrische Instrumente, allen voran die Gitarre und elektrisiert die Jugend. Hier wird für Garcia noch einmal besonders deutlich, wie Elektrizität und Intensität – metaphorisch und faktisch – zusammenspielen.

(5) Ein ethisches Ideal: Intensiv leben. Künstlerische und soziale Avantgarden rebellierten im Namen verschiedener Ideologien jedoch zumeist gegen traditionelle, spießige als durchschnittlich, lau und flach wahrgenommene Lebensentwürfe. Das intensive Leben wurde zum Ideal des Aufbruchs, der Veränderung. Nur was tun gegen die Lauheit, das Ankommen, das Festgelegtsein? Da helfen nur Variation, Beschleunigung und „Primaverismus“ (immer neue Dinge zum ersten Mal tun), die allerdings eine Art Hamsterrad der Intensität in Gang setzen können, das letztlich ein Heer von Ausgebrannten produziert.

(6) Ein entgegengesetztes Konzept: Der Routineeffekt. Die Jagd nach der Intensität gebiert allerdings ein Paradox: Mehr und Weniger hängen untrennbar zusammen. Da Intensität sich im Gefühl offenbart, nimmt die gefühlte Intensität ab, je öfter sie gefühlt wird. Gegen diese Regelmäßigkeit hilft auf Dauer keine Variation, Beschleunigung oder Suche nach immer neuen ersten Malen, denn gerade Letztere werden ja ebenfalls mit immer neuen Erlebnissen immer seltener. Die Intensität arbeitet also gegen sich selbst.

(7) Eine entgegengesetzte Idee: In der ethischen Zwickmühle. Wenn man sich nun nicht dem Intensivismus aussetzen möchte, was bleiben für Optionen? Garcia sieht das Denken als Zuflucht, welches entweder die Suche nach Weisheit oder die Suche nach Heil bedeute. Das Denken führe automatisch zum Identifizieren, also zum Fest-Stellen zurück, arbeite also gleichsam gegen die Fluidität des rein intensiven Lebens. In allen Weisheits- und Heilslehren stecke ein Versprechen auf einen gleichmäßigen Existenzzustand. Damit landen die Menschen aber direkt in einer Zwickmühle zwischen Affirmation oder Verweigerung von Intensität.

(8) Ein entgegengesetztes Bild: Etwas widersetzt sich. Die Lösung scheint für den Autor im Dazwischen zu liegen, also in einer mittleren Position zwischen identifizerendem Denken und intensivem Leben. Garcias Antwort auf die Frage „Wie sollen wir leben?“ lautet schließlich: „So, dass wir nicht das Gefühl verlieren ein lebender Organismus zu sein“. Um diese Mitte zu halten bedienen sich Menschen m.E. verstärkt verschiedener Techniken zur methodischen Unterbrechung des dahinströmenden Lebens, um innezuhalten und zu reflektieren, sei es Tagebuchschreiben, Meditieren, Achtsamkeitstraining, Yoga.

Diskussion

Der Hype, der in Frankreich gerade um Garcia entstanden ist, lässt sich wohl am besten nachvollziehen, wenn man ihn als typischen Vertreter einer ganz spezifischen französischen Intellektuellenart ansieht: dem akademisch gebildeten und lehrenden Philosophen und Schriftsteller – auch wenn er selbst diese Rolle ablehnt.

Dass sein Essay „Das intensive Leben“ als intellektuelles Ereignis gefeiert wird, ist hingegen weniger verständlich. Und das aus mehreren Gründen: Vornehmlich ist das Buch ein wenig schwach, wenn es um die Integration der Positionen anderer Denker zum Thema Intensität bzw. „modernes“ Leben geht. Sicherlich mag ein eher knapper und kursorischer Literaturbezug ein Kennzeichen des Essays sein, doch schlägt er in diesem Fall eher negativ zu Buche. Clemens Pornschlegel hat dies in seiner Rezension in der FAZ bereits sehr klar benannt. Garcia ignoriere die Positionen eines Lacan, Deleuze, Guattari zu Intensität, allesamt Positionen, die man durchaus als Kapitalismuskritik ansehen kann, welche Pornschlegel zufolge in Garcias Buch nicht zu finden sei.

Neben dieser Anknüpfung an Debatten postmoderner DenkerInnen muss auch beanstandet werden, das Garcia Diskussionen innerhalb der Soziologie nicht zur Kenntnis nimmt, die er, durchaus gewinnbringend, einbeziehen könnte.

Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft (1992), Peter Gross: Die Multioptionsgesellschaft (1994), Hartmut Rosa: Beschleunigung (2005) und Resonanz (2016) wären soziologische/sozialphilosophische Werke, die Garcia eigentlich zur Kenntnis nehmen müsste.

Schulze und Gross unterstreichen die Orientierung hin zu „mehr Leben erleben“, abwechslungsreicher und somit intensiver leben. Und Rosa bescheinigt dieser Einstellung, im Verbund mit moderner Digitaltechnik die Grundlage für eine umfassende Beschleunigung vieler Lebensbereiche zu sein.

Als Kontrapunkt zur Entfremdung durch Beschleunigung hat Hartmut Rosa die Resonanz (bzw. resonante Weltbeziehungen) ins Spiel gebracht. Tristan Garcia hätte ihm entgegenhalten können, dass gerade der Wunsch nach dem Erleben von Resonanz, dem Herstellen von Resonanzbeziehungen wiederum das Streben nach dem intensiven Leben befeuert und damit auch ein Grund für beschleunigte Lebensverhältnisse sein kann und nicht die Lösung. In einer solchen Einbettung in soziologische Analysen ist dann auch der Mehrwert der Aussagen Tristan Garcias zu sehen, die er selbst leider nicht liefert.

Insgesamt fehlt also eine explizit kritische Seite in Garcias Essay. Gerade die Frage, was mit dem rebellischen Aspekt der Intensität passiert ist, wird eher gestreift. Und das, obwohl gerade das Verlangen nach einem intensiven Leben häufig in Film, Musik, Literatur thematisiert und diese existenzielle Suchbewegung gefeiert wird. Hier hätte mit Bezug auf den Begriff der Künstlerkritik (Boltanski/Chiapello 2003) über die Zähmung der Intensität nachgedacht oder „der Kapitalismus als Lebensform“ (Jaeggi 2005) auf seine Inkorporierung und Pervertierung der Intensität befragt werden können. Den bestehenden sozialen Verhältnissen und der (möglicherweise) durch den Intensivismus hervorgerufenen Entfremdung weht aus Garcias Essay eher ein laues Lüftchen entgegen statt intensiver Gegenwind. Meinte Sartre einst, Intellektuelle seien Monster, da sie ihre Finger in Wunden legten und immer wieder nachbohrten, so verweigert Garcia diese Rolle.

Fazit

Nichts sollte so heiß gegessen werden, wie es gekocht wird. Und „Das intensive Leben“ wird gerade so hochgekocht, dass seine Genießbarkeit und sein Nährwert erst erkannt werden können, wenn es abgekühlt ist. Sehr wahrscheinlich werden dann auch andere feststellen, dass es als Hauptgericht nicht sättigt und es als Beilage zu allerlei Ähnlichem am besten mundet. So verstanden ist das Buch mit Gewinn zu lesen – allein fehlt ihm der Biss.

Kurzum: Tristan Garcias Essay wird sehr davon profitieren, wenn man es in Beziehung setzt zu anderen Werken, die sich mit dem gelingenden Leben auseinandersetzen.


Rezensent
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 19.01.2018 zu: Tristan Garcia: Das intensive Leben. Eine moderne Obsession. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-518-58700-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23481.php, Datum des Zugriffs 15.08.2018.


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